Biblische Theologie

Der Begriff Biblische Theologie beschreibt die folgenden Aufgabenfelder der theologischen Wissenschaft:

  • Die philologische bzw. historisch-kritische Auslegung der biblischen Schriften des Alten und Neuen Testaments.
  • Die Theologie, die in den biblischen Texten enthalten ist. Also die Theologie der jeweiligen Verfasser der biblischen Schriften.
  • Die Auslegung der biblischen Texte im Gesamtzusammenhang des biblischen Kanons (canonical approach, Biblische Dogmatik).

Inhaltsverzeichnis

Philologische und historisch-kritische Auslegung der Bibel

Erstmalig begegnet eine selbständige Biblische Theologie (theologia biblica), die sich gezielt von der dogmatischen (theologia dogmatica) bzw. scholastischen Theologie abgrenzt, Mitte des 17. Jahrhunderts bei dem lutherischen Theologen Georg Calixt. Die Biblische Theologie als philologische Auslegung der biblischen Texte bildet bei ihm ein Gegengewicht zur dogmatischen Theologie. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts etablierte sich die biblische Theologie in diesem Sinne als Gegengewicht zu einer vermeintlichen Hellenisierung und Scholastisierung der Theologie im Laufe der Kirchengeschichte. Zu nennen ist besonders die Altdorfer Antrittsvorlesung von Johann Philipp Gabler im Jahr 1787. Daher findet sich hier nun auch der Anspruch einer reinen Biblischen Theologie. Es kommt zu einer Weiterentwicklung der philologischen Methoden hin zur historisch-kritischen Erforschung der biblischen Texte. Die Theologie des 19. Jahrhunderts, insbesondere die liberale Theologie legt den Akzent dann ganz auf die historisch-kritische Rekonstruktion des historischen Gehalts der biblischen Schriften.

Zur Praxis philologischer und historischer Auslegung der biblischen Texte siehe auch: Biblische Exegese

Der theologische Gehalt der biblischen Texte

Die historisch-kritische Erforschung der biblischen Texte bildet die Voraussetzung für die Rekonstruktion der Theologie der einzelnen biblischen Bücher bzw. ihrer Verfasser. So rekonstruiert man z.B. eine Theologie des Paulus oder eine Theologie der Pastoralbriefe. Der Begriff Biblische Theologie kann auch als Summe für die unterschiedlichen, divergierenden Theologien der biblischen Bücher bzw. Verfasser stehen.

Letztendlich lassen sich die biblischen Texte nicht bis ins Detail erforschen. Die Verfasser der Bibel geben als Quelle göttliche Offenbarungen an, die sich wissenschaftlichen Untersuchungen entziehen. Ein nachprüfbareres Forschungsfeld ist es, die Erforschung auf die Zusammenhänge zwischen Bibelstellen, Büchern innerhalb der Bibel oder dem Alten und Neuen Testament zu erstrecken.

Canonical approach und Biblische Dogmatik

Ursprüngliche Intention der Biblischen Theologie war es, die besondere Stellung der Bibel als Heiliger Schrift in Theologie und Glauben gegenüber einer dogmatisch und philosophisch überfremdeten Theologie wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Durch die Weiterentwicklung der philologischen Methoden hin zur historisch-kritischen Erforschung der biblischen Texte kann die Biblische Theologie diese Aufgabe aber nicht mehr erfüllen. Unter dem Auge des historischen Forschers zerfällt die Einheit der biblischen Texte in eine Vielzahl theologische Positionen. Dies bereitet insbesondere der evangelischen Theologie, in deren Kontext der Begriff seinen Ursprung hat, Probleme, da das Schriftprinzip einen inneren Zusammenhang der biblischen Texte voraussetzt. Vor diesem Hintergrund entstehen im 20. Jahrhundert neue Ansätze biblischer Theologie, die betont von der inhaltlichen Einheit des biblischen Kanons ausgehen.

Als Exeget hat sich diesem Problem der US-amerikanische Theologe Brevard S. Childs angenährt, der als Begründer des canonical approach gelten kann. Er unternimmt in seiner Biblical Theology of the Old and New Testament den Versuch, die biblischen Texte in ihrem kanonischen Zusammenhang auszulegen. Dabei geht Childs von der historisch-kritischen Erforschung der Texte aus, sieht aber die kanonische Endfassung der Texte als die theologisch verbindliche Fassung des biblischen Textes an. Daher führt seine Auslegung durch die gesamte Redaktionsgeschichte des Textes von seiner Entstehung an bis hin zu seiner Rezeption und Platzierung im biblischen Kanon.

Im Kontext der deutschsprachigen Theologie hat vor allem die sogenannte Tübinger Schule (Peter Stuhlmacher, Hartmut Gese u.a.) den Versuch unternommen, die biblischen Texte im gesamtbiblischen Zusammenhang zu lesen. Anders als Childs gehen Stuhlmacher und Gese aber vom religionsgeschichtlichen Entwicklungszusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament aus. Daher gewinnt die Erforschung der Zeit zwischen den Testamenten, also die Entstehung und Entwicklung des Judentums nach dem Exil eine besonders große Bedeutung.

Gegenüber diesen weitestgehend im Exegetischen verbleibenden Ansätzen hat Friedrich Mildenberger hervorgehoben, dass die Einheit des biblischen Kanons unter den Bedingungen historisch-kritischer Exegese nicht mehr einfach vorausgesetzt werden kann, sondern einer theologischen Begründung bedarf. Mildenberger greift in diesem Zusammenhang zurück auf Ansätze der lutherischen Orthodoxie, die die Einheit und die Autorität der Heiligen Schrift aus ihrer Heilswirksamkeit begründeten. Die biblischen Texte werden nur dann als Einheit wahrgenommen, wenn sie Glauben hervorbringen. Daher setzt Biblische Theologie ein glaubendes Verstehen der biblischen Texte in der alltäglichen Glaubenspraxis (Mildenberger spricht von der einfachen Gottesrede der Glaubenden) voraus und reflektiert dieses Verstehen auf seine theologische Struktur hin. Biblische Theologie ist so gesehen nur als Biblische Dogmatik möglich.

Eine theologische Begründung der Einheit des biblischen Kanons unternimmt auch der Alttestamentler Meik Gerhards. Dabei wird unter Rückgriff auf die "Religionsphilosophie" (1922) von Heinrich Scholz aus religiöser Erfahrung begründet, dass die Bibel Heilige Schrift im Sinne eines Offenbarungsmediums (Medium der Selbsterschließung Gottes) ist. In religiöser Bibelerfahrung erschließt sich auch die Einheit der Heiligen Schrift, wobei sich der in Christus offenbare schenkende Gott als, in Anschluss an Ludger Schwienhorst-Schönberger formuliert, "auktoriale Mitte" der Schrift erweist. Zu dieser Mitte, die im Anschluss an Walther Zimmerli als "perspektivischer Fluchtpunkt" bezeichnet werden kann, können von den historisch-kritisch erforschten Texten aus Fluchtlinien gezogen werden, um die theologische Relevanz der Texte deutlich werden zu lassen. Darüber hinaus kann die theologische Relevanz biblischer Texte deutlich werden, indem die Texte unter aktuellen Fragestellungen in den Blick genommen werden. Die gegenwärtigen Anliegen bestimmen dann auch die historisch-kritischen Fragen mit, die an den Text gerichtet werden. Auch das entspricht insofern der Erfahrungsbegründung des Offenbarungscharakters der Bibel, als die bedeutenden Bibelerfahrungen der Kirchengeschichte, die mit Namen wie Augustinus, Martin Luther, Johann Georg Hamann oder Karl Barth verbunden sind, aus einem von existentiellen Fragen bestimmten Umgang mit der Bibel hervorgegangen sind. Gerhards möchte "Biblische Theologie" als "Brückendisziplin" zwischen Exegese und Dogmatik bzw. Praktischer Theologie betreiben; darin soll der auf religiöse Erfahrung gegründete theologische Zugang zur Heiligen Schrift mit dem - ebenso unverzichtbaren - historisch-kritischen Zugang verbunden werden. Ein Entwurf liegt bisher nicht vor; als Modellfall wurde die Schöpfungstheologie anhand biblisch-theologischer Arbeit zu Genesis 1 vorgestellt.

Voraussetzung aller dieser Ansätze bleibt das Faktum der historisch-kritischen Auslegung. Anders als diese versuchen sie aber neben der Vielfalt der biblischen Theologie auch die Einheit in den Biblischen Texten herauszuarbeiten. So geht es wesentlich darum die "Einheit und Vielfalt biblischer Theologie" (Ingo Baldermann) darzustellen.

Literatur

Einführungen

  • Christoph Dohmen, Thomas Söding (Hgg.): Eine Bibel - zwei Testamente. Positionen biblischer Theologie. UTB 1893. Schöningh, Paderborn 1995 ISBN 3-8252-1893-7 (wichtiges Nachschlagewerk, in dem die Hauptvertreter Biblischer Theologie ihre jeweilige Position kurz skizzieren)
  • Hans Hübner, Bernd Jaspert (Hrsg.): Biblische Theologie. Entwürfe der Gegenwart. Biblisch-theologische Studien 38. Neukirchener Verl., Neukirchen-Vluyn 1999 ISBN 3-7887-1753-X
  • Henning Graf Reventlow: Hauptprobleme der Biblischen Theologie im 20. Jahrhundert. Erträge der Forschung 203. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983 (Forschungsbericht)
  • Manfred Oeming: 'Das Alte Testament als Teil des christlichen Kanons? Gesamtbiblische Theologien der Gegenwart, Zürich, 3. Aufl. 2001, (Überblick über die Forschung seit Gerhard von Rad)

Aktuelle Entwürfe und Ansätze (Auswahl)

  • Brevard S. Childs: Biblical Theology of the Old and New Testaments. 2 Bde. London 1992. (dt.: Die Theologie der Einen Bibel. 2 Bde. Freiburg 1994/95)
  • Hartmut Gese: Vom Sinai zum Zion. Alttestamentliche Beiträge zur biblischen Theologie (Beiträge zur evangelischen Theologie; 64), München 1974 ISBN 3-459-00866-0
  • Hartmut Gese: Zur biblischen Theologie. Alttestamentliche Vorträge (Beiträge zur evangelischen Theologie; 78), München 1977 ISBN 3-459-01098-3
  • Hartmut Gese: Tradition und biblische Theologie, in: Zu Tradition und Theologie im Alten Testament (Biblisch-theologische Studien; 2), Hrsg. Odil Hannes Steck, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 87-111 ISBN 3-7887-0553-1
  • Hartmut Gese, Die Weisheit, der Menschensohn und die Ursprünge der Christologie als konsequente Entfaltung der biblischen Theologie, in: Hartmut Gese, Alttestamentliche Studien, Tübingen 1991, S. 218-248
  • Otto Betz: Jesus, der Messias Israels. Aufsätze zur biblischen Theologie (WUNT 42), Tübingen 1987 ISBN 3-16-145163-5
  • Otto Betz: Jesus, der Herr der Kirche. Aufsätze zur biblischen Theologie II (WUNT 52), Tübingen 1990 ISBN 3-16-145505-3
  • Peter Stuhlmacher: Schriftauslegung auf dem Wege zur biblischen Theologie. 1975
  • Peter Stuhlmacher: Biblische Theologie des Neuen Testaments. 2 Bde. Göttingen 1992/1993.
  • Peter Stuhlmacher: Wie treibt man Biblische Theologie?. 1995
  • Hans Hübner: Biblische Theologie des Neuen Testaments. 3 Bände, Göttingen 1990-1995.
  • Antonius H.J. Gunneweg: Biblische Theologie des Alten Testaments. Eine Religionsgeschichte Israels in biblisch-theologischer Sicht. 1993
  • Friedrich Mildenberger: Biblische Dogmatik. Eine Biblische Theologie in dogmatischer Perspektive. Bd. 1: Prolegomena. Verstehen und Geltung der Bibel. 1991.
  • Meik Gerhards: Heilige Schrift und Schöpfungsglaube. Überlegungen zur Grundlegung und einem Modellfall Biblischer Theologie (Rostocker Theologische Studien 23), Münster 2010, ISBN 978-3-643-10767-1
  • Meik Gerhards: Die Windeln und die Krippen, darinnen Christus liegt. Evangelische Perspektiven alttestamentlicher Texte, in: Meik Gerhards, Der undefinierbare Gott. Theologische Annäherungen an alttestamentliche und altorientalische Texte (Rostocker Theologische Studien 24), Münster 2011, S. 11-92, ISBN 978-3-643-11326-9

Geschichte der Biblischen Theologie

  • Otto Merk: Biblische Theologie des Neuen Testaments in ihrer Anfangszeit. Ihre methodischen Probleme bei Johann Philipp Gabler und Georg Lorenz Bauer und deren Nachwirkungen. Marburger Theologische Studien 9. Elwert, Marburg 1972
  • Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. 3. erw. Aufl. Neukirchener Verl., Neukirchen-Vluyn 1982. (S. 553-578)

Älteste Quellen zur Geschichte der Biblischen Theologie

  • Christoph Haymann: Versuch einer biblischen Theologie in Tabellen in sich enthaltend das Vorbild der heilsamen Worte von der geoffenbarten Erkenntniß Gottes und Jesu Christi; nebst einem Vorbericht von der göttlichen Offenbarung, wie auch einer Anzeige der besten deutschen Schriften, von allen theologischen Hauptpunkten. 1745
  • Christian A. Doederlein: Feyerliche Rede von den hohen Vorzügen der biblischen Theologie vor der scholastischen. 1758/1760
  • Gotthilf Traugott Zachariae: Philosophisch-theologische Abhandlungen als Beilagen zur biblischen Theologie zu gebrauchen. 1776
  • Johann Philipp Gabler: Von der richtigen Unterscheidung der biblischen und der dogmatischen Theologie und der rechten Bestimmung ihrer beider Ziele (De iusto discrimine theologiae biblicae et dogmaticae regundisque recte utriusque finibus). In: Georg Strecker (Hg.): Das Problem der Theologie des Neuen Testaments. Wege der Forschung 367. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1975, 32-44 (dt. Übersetzung des lateinischen Originals)
  • Christoph Friedrich von Ammon: Entwurf einer reinen biblischen Theologie. 1792

Kritik an der Biblischen Theologie

  • William Wrede: Über Aufgabe und Methode der sogenannten Neutestamentlichen Theologie. Göttingen 1897. (biblische Exegese soll nicht als Theologie, sondern als Religionsgeschichte betrieben werden)
  • Erich Gräßer: Offene Fragen im Umkreis einer Biblischen Theologie, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 77 (1980), 200-221 (Anfragen an das Konzept von Peter Stuhlmacher)
  • Georg Strecker: "Biblische Theologie"? Kritische Bemerkungen zu den Entwürfen von Hartmut Gese und Peter Stuhlmacher. In: Dieter Lührmann / Georg Strecker (Hgg.): Kirche. Festschrift für Gerhard Ebeling zum 70. Geburtstag. Mohr (Siebeck), Tübingen 1980, 425-445.
  • Heikki Räisänen: Beyond New Testament Theology. A Story and a Programme. London 1990. (dt.: Neutestamentliche Theologie? Eine religionswissenschaftliche Alternative. Stuttgarter Bibelstudien 186. Stuttgart 2000) (Räisänen erneuert das Programm von Wrede)
  • Gerd Theißen: Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums. Gütersloh 2000 (arbeitet religionswissenschaftlich, verneint aber nicht die Möglichkeit einer theologischen Fragestellung an das Neue Testament)

Siehe auch

Weblinks


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