Biblischer Kanon
Die neutestamentliche Bibelhandschrift Codex Vaticanus Graecus 1209 (um 350) – hier der Text 2 Thess 3,11 EU und Heb 1,1–2,2EU

Ein Bibelkanon ist eine Reihe von Büchern, die im Judentum und im Christentum als Bestandteile ihrer Bibel festgelegt - kanonisiert - wurden und damit Maßstab (Kanon) ihrer Religionsausübung sind.

Im Judentum wurde zuerst die Tora zur normativen Heiligen Schrift (ca. 800-250 v. Chr.), der weitere prophetische und weisheitliche Schriften zur Seite gestellt wurden. Etwa 100 n. Chr. wurde endgültig festgelegt, welche hebräischen Schriften zum dreiteiligen Tanach gehören. Da das Judentum keine oberste Lehrautorität kennt, blieben andere, griechisch übersetzte Bibelversionen neben dem Tanach bestehen.

Das Christentum übernahm alle Schriften des Tanach und einige weitere aus der griechischen Septuaginta. Bis etwa 350 kanonisierte die Alte Kirche sie als Altes Testament (AT), bis etwa 400 auch das Neue Testament (NT). Mit der Vorordnung des AT vor das NT bewahrte sie den sachlichen Vorrang und die bleibende Geltung der jüdischen Bibel für den christlichen Glauben. Theologische Konflikte führten jedoch zu konfessionell verschiedenen Umfängen des AT: Während die Lutherbibel es auf die Bücher des Tanach beschränkt, behielten die römisch-katholische und orthodoxe Kirche auch verschiedene Bücher der Septuaginta als kanonisch.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Das griechische Lehnwort kanon bezeichnet ursprünglich ein Holz- oder Bambusrohr, das im Bauhandwerk als Messlatte, Lineal, Richtscheid oder Waagebalken verwendet wurde. Es benannte im Hellenismus auch einen ethischen Maßstab, eine Richtschnur, Regel oder Vorschrift für eine Erkenntnis, ein Urteil oder Verhalten.

In diesem Sinn einer handlungsleitenden Norm erscheint es viermal im NT (2Kor 10,13.15.16; Gal 6,16). Schriften christlicher Theologen verbinden es seit etwa 150 mit Begriffen wie Wahrheit, Glauben und Kirche (lateinisch: regula veritatis/fidei/ekklesiae) und beziehen es zur Abgrenzung von Häresien auf Teile oder die Gesamtheit der in der Kirche anerkannten Glaubens- und Lehrtradition.

Dabei bezeichnete der Ausdruck sowohl einen inhaltlichen Wahrheitsanspruch als Norm dieser Tradition als auch ihren äußeren Umfang als Katalog oder Liste maßgebender Dokumente:[1]

„Der Kanon ist die Norm, nach der alles in der Kirche sich richtet; kanonisieren heißt: als Bestandteil dieser Norm anerkennen.“

Erst seit etwa 350 bezogen christliche Theologen den Kanonbegriff auf alle in der Kirche anerkannten heiligen Schriften, also auf ihre Bibel. Bis dahin hießen die im Judentum und Christentum als normativ anerkannten Glaubensdokumente übereinstimmend Schrift, Schriften, Weisung (hebr. tora) bzw. Gesetz (griech. nomos).[2]

Tanach

Die jüdische, überwiegend auf Hebräisch abgefasste Bibel entstand seit etwa 1000 v. Chr. als fortlaufende Sammlung zuerst mündlicher Überlieferungen, die dann verschriftet, in größere Komplexe eingebaut, vielfach überarbeitet, als Wort Gottes und Zeugnis davon weitergegeben und weiter gedeutet wurden. Besonders in den als Gottes Offenbarung geltenden Rechtstraditionen lag der Anstoß sowohl zu einer ständigen Auslegung und Überarbeitung für die eigene Zeit als auch zur verbindlichen Verschriftung, wortgetreuen Abschrift und abschließenden Festlegung.

Das Deuteronomium zitiert, ergänzt und aktualisiert ältere Gesetzeskorpora, autorisiert sie als große Moserede und gab ihnen damit als Tora für alle Israeliten kanonischen Rang. Eine Vorform des Deuteronomiums legitimierte Josias Kultzentralisation (um 622 v. Chr.). Die feierliche Verlesung der Tora nach dem Wiederaufbau des Tempels (ab 539 v. Chr.; Neh 8,1) setzt ihre kanonische Geltung für das Judentum voraus. Abgeschlossen war sie spätestens mit dem Beginn ihrer griechischen Übersetzung (um 250 v. Chr.). Sie wurde auch von den Samaritanern übernommen, obwohl diese sich damals vom Jerusalemer Tempelkult trennten. Für sie blieb die Tora die alleingültige Heilige Schrift.

Um 200 v. Chr. war auch die Sammlung der Prophetenbücher abgeschlossen, die der Tora als zweiter Hauptteil der jüdischen Bibel nachgeordnet wurden. Sie sind in den Schriftrollen vom Toten Meer (entstanden ca. 200-100 v. Chr.) als bekannt vorausgesetzt und großenteils in Handschriften überliefert und kommentiert.

Das Buch Jesus Sirach (um 190 v. Chr. entstanden) setzt eine dreiteilige, aus Tora (den fünf Büchern des Mose), Geschichts- (Jos, Ri, Sam, Kön) und Prophetenbüchern (Jes, Jer, Ez und Zwölfprophetenbuch) bestehende Bibel voraus. Der um 117 v. Chr. entstandene griechische Prolog dazu nennt eine unbestimmte Zahl weiterer, poetisch-weisheitlicher „Schriften“. Um 96 nannte Josephus Flavius 22 Bücher der heutigen jüdischen Bibel, wobei er vier davon - vermutlich die Psalmen, Sprüche Salomos, Prediger (Kohelet) und Hoheslied - den nichtprophetischen Schriften zugeordnete. Etwa gleichzeitig nannte das 4. Buch Esra (14,18-48) 24 von Esra diktierte, verbalinspirierte heilige Schriften.

Der Umfang des dritten Teils blieb im Judentum umstritten; bei einer Zusammenkunft seiner wichtigsten Vertreter in Javne (um 100) soll er festgelegt worden sein. Dabei wurden die Megillot (Hohes Lied, Ruth, Klagelieder, Prediger, Ester) sowie das lange umstrittene Buch Daniel, Esra, Nehemia und die beiden Chronikbücher in ihn aufgenommen, nicht aber eine Reihe griechischer Schriften, die Eingang in die Septuaginta fanden: darunter Jesus Sirach und die Makabbäerbücher. Diskussionen der Rabbiner über die Zugehörigkeit des Predigerbuchs und des Hohen Liedes dauerten laut der Mischna (mJad 3,5) auch nach 100 an.[3]

In der jüdischen Diaspora wurden oft auch bei der Kanonisierung des Tanach ausgeschlossene Schriften aus der Septuaginta verlesen. Diese wurde ab etwa 400 der christlichen Aneignung überlassen. Neue Übersetzungen des Tanachs ins Griechische von Aquila, Symmachus den Ebioniten oder Theodotion konnten sich im rabbinischen Judentum nicht durchsetzen.

Altes Testament

Für Jesus und die Urchristen war der noch nicht endgültig festgelegte, aber schon dreiteilige Tanach die einzige maßgebende Heilige Schrift. Darauf bezogen sie ihre gesamte eigene Botschaft und legitimierten sie als deren Auslegung. Trotz inhaltlicher Differenzen etwa zur Rolle der Tora im Galaterbrief (vgl. Mt 5,17ff) blieben die jüdischen heiligen Schriften für sie verbindliche Offenbarungszeugnisse JHWHs, dessen Willen Jesus Christus endgültig erfüllt und in seiner Auslegung bekräftigt habe.

Marcion wollte die jüdische Bibel um 150 aus der christlichen Bibel ausschließen und nur ein vom Judentum „gereinigtes“, reduziertes NT anerkennen. Demgegenüber behielten die Kirchenväter die jüdischen heiligen Schriften als gültigen ersten Teil des christlichen Bibelkanons. Eine frühere Lehrmeinung, dass sie dabei auf die abgeschlossene Septuaginta zurückgriffen, wird heute nicht mehr vertreten: Denn die ältesten christlichen Kanonlisten entsprachen dem Umfang des hebräischen Tanach, und christliche Theologen zitierten vor Ambrosius von Alexandrien (um 250) nie aus zusätzlichen (später deuterokanonisch genannten) Schriften der Septuaginta.[4]

Melito von Sardes übersetzte den griechischen Ausdruck palaia diathaekae - „Alter Bund“ (2Kor 3,14) um 170 auf Lateinisch erstmals mit vetus testamentum („Altes Testament“) und bezog ihn auf sämtliche ihm bekannten heiligen jüdischen Schriften. Seine Liste davon umfasste alle Schriften des Tanach außer dem Buch Ester. Er stellte diese Liste laut Eusebius von Cäsarea nach einer eigens dazu unternommenen Forschungsreise nach Palästina auf. Auch Origines kannte den Kanon des Tanach, bezeichnete die Makkabäerbücher und das Henochbuch als nicht dazugehörig und die nicht öffentlich gebrauchten Zusatzschriften als apokryph („verborgen“). Für Hieronymus war der Tanach 393 vom Heiligen Geist inspirierte hebraica veritas („hebräische Wahrheit“).

Die Bischofssynoden von Rom (382), Hippo (393) und Karthago (397, 419) schlossen jedoch auch die Bücher Judit, Tobit, Weisheit Salomos, 1./2. Makkabäer, Jesus Sirach, Baruch mit dem Brief des Jeremia und griechische Zusätze zu Ester und Daniel in den Kanon des AT ein. Sie folgten damit den mehrheitlich aus Heidenchristen bestehenden Gemeinden des Mittelmeerraums außerhalb Palästinas, in deren Gottesdiensten griechische Septuagintatexte verlesen wurden.

Tanach

Synode von Javne (ca. 100)
24 Bücher

Septuaginta bzw. Altes Testament

Alte Kirche (ca. 400)
54 Bücher

AT evangelisch

Lutherbibel (1534)
39 Bücher

AT römisch-katholisch

Konzil von Trient (1546)
46 Bücher

AT orthodox

(1672)
 

Tora

Bereschit
Schemot
Wajikra
Bemidbar
Devarim

Pentateuch

Genesis
Exodus
Leviticus
Numeri
Deuteronomium

Fünf Bücher Moses

1. Buch Mose
2. Buch Mose
3. Buch Mose
4. Buch Mose
5. Buch Mose

Pentateuch

Gen
Ex
Lev
Num
Dtn

Pentateuch

Gen
Ex
Lev
Num
Dtn

Vordere Propheten

Buch Josua
Buch Richter
Samuelbuch (=1Sam+2Sam)
Königsbuch (=1Kön+2Kön)

Geschichtsbücher

Josua
Richter
Rut
1., 2., 3., 4. Buch der Königreiche (=Sam+Kön)
1., 2. Buch der ausgelassenen Dinge (=Chr)
1. Buch Esdras (=3. Esr)
2. Buch Esdras (=Esr+Neh)
Ester (mit Zusätzen)
Judit
Tobit
1. Buch der Makkabäer
2. Buch der Makkabäer
3. Buch der Makkabäer
4. Buch der Makkabäer

Geschichtsbücher

Jos
Ri
Rut
1 Sam
2 Sam
1 Kön
2 Kön
1 Chr
2 Chr
Esra
Neh
Est

Geschichtsbücher

Jos
Ri
Rut
1 Sam
2 Sam
1 Kön
2 Kön
1 Chr
2 Chr
Esra
Neh
Tob
Jdt
Est (mit Zusätzen)
1 Makk
2 Makk

Geschichtsbücher

Jos
Ri
Rut
1 Sam
2 Sam
1 Kön
2 Kön
1 Chr
2 Chr
Esra
Neh
Est (mit Zusätzen)
Tob
Jdt

Hintere Propheten

Jesaja
Jeremia
Ezechiel
Zwölfprophetenbuch

Bücher der Weisheit

Ijob
Psalmen
Oden
(mit Gebet des Manasse)
Sprüche Salomos (Proverbien)
Ecclesiastes (Kohelet)
Hohes Lied
Weisheit Salomos
Psalmen Salomos
Jesus Sirach

Dichtung bzw. Lehrbücher

Ijob
Ps
Spr
Koh (Prediger)
Hld

Bücher der Weisheit

Ijob
Ps
Spr
Koh
Hld
Weish
JSir

Bücher der Weisheit

Ijob
Ps
Spr
Koh
Hld
Weish
JSir

Schriften

Psalmen
Buch Hiob
Buch der Sprichwörter

Fünf Megillot (Festrollen)
Buch Rut
Hohes Lied
Kohelet
Klagelieder Jeremias
Buch Ester

Buch Daniel
Buch Esra+Nehemia
Chronik (= 1Chr+2Chr)

Kleine Propheten

Hosea
Amos
Micha
Joel
Obadja
Jona
Nahum
Habakuk
Zefanja
Haggai
Sacharja
Maleachi

Große Propheten Jesaja
Jeremia
(mit Baruch,
Klagelieder Jeremias,
Brief des Jeremia)
Ezechiel
Daniel
(mit Susanna im Bade, Bel und der Drache)

Große Propheten

Jes
Jer + KlgJer
Ez
Dan

Kleine Propheten Hos
Joel
Am
Obd
Jona
Mi
Nah
Hab
Zef
Hag
Sach
Mal

Große Propheten

Jes
Jer + KlgJer
Ez
Dan

Kleine Propheten Hos
Joel
Am
Obd
Jona
Mi
Nah
Hab
Zef
Hag
Sach
Mal

Große Propheten

Jes
Jer + KlgJer
Ez
Dan

Kleine Propheten Hos
Joel
Am
Obd
Jona
Mi
Nah
Hab
Zef
Hag
Sach
Mal

Neues Testament

Umfang

Die 27 in griechischer Sprache verfassten Schriften des NT wurden spätestens mit dem 39. Osterfestbrief des Athanasius (367) von fast allen damaligen Christen als gültiger Teil des Bibelkanons anerkannt. Sie gehören in fast allen christlichen Konfessionen bis heute unumstritten dazu; nur ihre Reihenfolge variiert etwas.

Unumstritten waren immer die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe, die Pastoralbriefe und der 1. Brief des Johannes. Teilweise angezweifelt, aber schließlich anerkannt wurden die folgenden acht Bücher:

Teilweise anerkannt, aber schließlich nicht ins Neue Testament aufgenommen wurden

Paulusbriefe

Zuerst wurden die Paulusbriefe gesammelt; 2Petr 3,15f setzt bereits eine feststehende Sammlung voraus, die laut einigen NT-Historikern (Trobisch, Robinson) schon um 70 im Umlauf war. Sie wurden in den christlichen Gemeinden als über den aktuellen Anlass hinaus gültiges Evangelium verlesen (1Thess 5,27; Röm 16,16). Der Autor Paulus von Tarsus wünschte ihre Weitergabe auch an Gemeinden, die er nicht selbst gegründet hatte (Gal 1,2; 2Kor 1,1); sie wurden nach Kol 4,16 ausgetauscht, wobei auch Fälschungen zirkulierten (2Thess 2,2; 3,17). Damit erkannten auch seine Gegner die Autorität des Paulus an (2Kor 10,10f). Die Träger der Paulusschule sorgten nach seinem Tod mit weiteren, ihm zugeschriebenen Briefen für die bleibende Geltung und Aktualität seiner Theologie. Auch die Pastoralbriefe bezogen sich auf das Corpus Paulinum, indem sie 1. und 2. Kor, Röm, Phil, Kol und Phlm direkt zitieren oder darauf anspielen. In 2Tim 3,16 werden sie als inspirierte Schriften bezeichnet und so von nicht inspiriert geltenden Schriften abgegrenzt. Umfang und Reihenfolge der Paulusbriefsammlung blieb jedoch bis etwa 200 uneinheitlich.

Zweites Jahrhundert

Die Kirchenväter stellten Listen von kanonischen Büchern seit dem 2. Jahrhundert aus verschiedenen Gründen zusammen. Das wichtigste Kriterium für die Aufnahme in den Kanon war für sie die direkte Verfasserschaft eines von Jesus selbst berufenen Apostels oder eine von einem Apostel autorisierte und veranlasste Abfassung. Darum galten etwa das Matthäus- und Johannesevangelium als apostolisch, das Markusevangelium als von Simon Petrus, das Lukasevangelium von Paulus in Auftrag gegeben.

Um 150 existierte eine Sammlung der vier Evangelien, die für das Diatessaron von Tatian verwendet wurden. Mindestens Teile des Johannesevangeliums waren ca. 125 in Ägypten in Gebrauch. Solche von den Kirchenvätern oft zitierten Schriften des NT oder schriftliche Vorformen davon wurden schon früh mit den Schriften des Alten Testaments gleichgestellt. Hier einige Beispiele (wobei 1. Tim. und 2. Petrus nach einigen konservativen Autoren ebenfalls ins erste Jahrhundert gehören würden):

  • Im 2. Petrusbrief 3,15f steht „Und achtet die Langmut unseres Herrn für Errettung, wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet. In diesen Briefen ist einiges schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ In Vers 16 werden die Paulusbriefe mit „den übrigen Schriften“ gleichgesetzt - mit τη γραφη (tê graphê, die Schrift) ist im Neuen Testament normalerweise das Alte Testament oder ein Teil davon gemeint.
  • 1. Tim. 5,18: „Denn die Schrift sagt: Du sollst dem Ochsen zum Dreschen keinen Maulkorb anlegen, und: Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn.“ Das erste Zitat ist 5. Mose 24,5, das zweite findet sich nicht im Alten Testament, jedoch wörtlich in Lukas 10,7.
  • Der zweite Clemensbrief zitiert Jesaja 54,1 als Gottes Wort „Denn die Einsame hat jetzt viel mehr Söhne als die Vermählte, spricht der Herr.“ und sagt im übernächsten Satz „Und wieder eine andere Schrift sagt Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten (ein Zitat von Matthäus 9,13). Er (Gott) meint das wirklich…“

Die älteste erhaltene Liste der kanonischen Bücher enthält der so genannte Muratorische Kanon, datiert auf 170-200. Die nur als Fragment erhaltene Liste umfasst die heute fast vergessene Offenbarung des Petrus, fünf der heute als kanonisch geltenden Briefe (1. und 2. Petrus, Hebräer, Jakobus und 3. Johannes) sind hingegen nicht erwähnt.

Irenäus von Lyon stellte am Ende des 2. Jahrhunderts seine kanonische Liste inspirierter Schriften zusammen, in der sechs der heute akzeptierten Briefe (Philemon, 2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Hebräer und Judas) fehlen, aber zusätzlich der Hirt des Hermas aufgeführt ist.

Drittes Jahrhundert

Origenes bespricht ca. 230 in seinen Kommentaren alle heute enthaltenen Werke ausführlich, bezeichnet allerdings neben vier nicht in das NT aufgenommenen Werken (Barnabasbrief, Hirt des Hermas, Didache, Hebräerevangelium) auch sechs kanonische Briefe (Hebräer, 2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Jakobus, Judas) als umstritten.

Auch die aus dieser Zeit erhaltenen Handschriften (z.B. Codex Sinaiticus, Codes Alexandrinus) spiegeln diese Meinungsvielfalt in den in ihnen enthaltenen Werken wieder, indem ersterer den 'Hirten des Hermas' und den Barnabasbrief, letzterer die beiden Clemensbriefe enthält.

Viertes Jahrhundert

Eusebius von Caesarea, ca. 260-340, stellte in seiner Kirchengeschichte alle Pros und Contras für die einzelnen Bücher zusammen.

Cyril von Jerusalem führt um die Mitte des 4. Jahrhunderts in Jerusalem in seinen katechetischen Vorträgen einen Kanon auf, der bis auf die Offenbarung des Johannes alle Bücher des Neuen Testaments enthält. Athanasius von Alexandria führt 367 im 39. Osterfestbrief alle Bücher des heutigen Neuen Testaments auf, weicht im Alten Testament aber noch etwas von der heute üblichen Liste ab. Gregor von Nazianz listet in einem Gedicht alle Bücher des heutigen Neuen Testaments bis auf die Offenbarung des Johannes auf.

Die dritte Synode von Karthago, eine lokale Synode, die nur für den Bereich Nordafrika sprach, erkannte 397 den Kanon an (39 Schriften aus dem Alten, 27 aus den Neuen Testament) und verbot, andere Schriften im Gottesdienst als göttliche Schriften zu verlesen.

Reformation

Im Christentum fand die formale Kanonisierung erst im 4. Jahrhundert statt. Letztlich jedoch war die christliche Kanonisierung ein wandlungsvoller Prozess. Grundlage war zu jener Zeit die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Tanach und einiger weiterer Schriften. Für die katholische Kirche entfaltete allerdings die lateinische Neuübersetzung durch Hieronymus, die Vulgata, wesentlich größere Bedeutung. Im lateinischen Westen des Reiches war man zunehmend nicht mehr in der Lage, mit der griechischen Septuaginta zu arbeiten.

Das änderte sich erst mit der Renaissance, in der humanistische Gelehrte ein neues Interesse für die Antike zu wecken verstanden. (als Hebraist Johannes Reuchlin, als Gräzist Erasmus von Rotterdam) Mit dem Ruf ad fontes! sollte historisch – und auch bald theologisch – nach den originalen Quellen gefragt werden. Bahnbrechend waren die nun mit Hilfe der neu erfundenen Drucktechnik auch in entsprechenden Größenordnungen verlegten ersten Textausgaben in der Ursprache. Für das hebräische Alte Testament war das die Ausgabe von Jakob ben Chaim, 1524/1525 in Venedig bei Daniel Bomberg publiziert („Bombergiana“). (Vgl. 1516 die Ausgabe des griechischen NT durch Erasmus.)

Insofern griffen die Reformatoren auf den hebräischen Kanon des Tanach zurück, während die Katholische Kirche am Umfang der lateinischen Vulgata und die Orthodoxe Kirche an der Septuaginta festhielt. Die über den hebräischen Bestand hinaus in der Septuaginta vermittelten Schriften hielt Martin Luther dennoch für Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind; ähnlich sieht es auch die Anglikanische Kirche. Die eher calvinistisch geprägten Traditionen innerhalb des Protestantismus verwerfen diese Bücher jedoch meist vollständig.

Insofern besteht heute zwischen orthodoxen, römisch-katholischen und protestantischen Kirchen Uneinigkeit bezüglich der nicht im Tanach enthaltenen Schriften, die je nach Standpunkt als (alttestamentliche) Apokryphen oder Deuterokanonische Schriften bezeichnet werden. Für evangelisch-katholische Gemeinschaftsprojekte hat sich darüber hinaus der Begriff „Spätschriften des alten Testaments“ eingebürgert.

Im Zuge der Reformation wurde der bisher übliche Umfang des Kanons des Alten Testaments, der sich an der Septuaginta orientierte, in Frage gestellt. Martin Luther orientierte sich bei seiner Übersetzung des Alten Testaments am jüdischen, hebräischen Kanon, der – um 100 n. Chr. in seinem heutigen Umfang festgelegt – weniger Schriften umfasste als die um 200 v. Chr. entstandene Septuaginta (d.h. ohne die Bücher Judith, Tobit, teilweise Daniel und Ester, Makkabäer, Sirach, Weisheit und Baruch). Die katholische Kirche legte sich daraufhin im Zuge der Gegenreformation und lehramtlich verbindlich im Konzil von Trient auf den Umfang der Septuaginta für das Alte Testament fest. Die lutherischen Kirchen haben den Umfang des Kanons weder für das Alte noch für das Neue Testament jemals in einem offiziellen Bekenntnistext festgelegt, haben sich aber faktisch an die Entscheidung Luthers gehalten. Die Offenheit des Kanonumfangs konnte aber auch theologisch-programmatisch begründet werden. Die reformierten Kirchen haben in ihren Bekenntnistexten den Umfang des biblischen Kanons durch Kanonlisten klar definiert. In der Ostkirche ist der Umfang des Alten Testaments ebenfalls nie eindeutig definiert worden.

Verhältnis AT-NT

Wesenshaft für alle großen christlichen Religionsgemeinschaften ist die Anerkennung beider Teile des Biblischen Kanons – Altes und Neues Testament – als autoritative Schriften. Die Verhältnisbestimmung der beiden Kanonteile ist ein wesentliches Problem der Auslegung der biblischen Schriften und wird heute vor allem in der sogenannten Biblischen Theologie (Brevard S. Childs, Peter Stuhlmacher, Hartmut Gese, Friedrich Mildenberger, Gisela Kittel u. a.) diskutiert. Für die Auslegung der Bibel bedeutet die Existenz eines gesamtbiblischen Kanons, dass das Neue Testament nicht ohne das Alte gelesen und interpretiert werden kann – und umgekehrt.

Die völlige oder weitgehende Ablehnung des Alten Testamentes wurde vor allem von religiösen Gruppen vorgenommen, deren Lehren von der allgemeinen Kirche verworfen wurden, etwa gewissen antiken Gnostikern, mittelalterlichen Katharern und im 20. Jahrhundert den „Deutschen Christen“.

Siehe auch

Literatur

Bibel insgesamt
  • Egbert Ballhorn, Georg Steins (Hrsg.): Der Bibelkanon in der Bibelauslegung: Beispielexegesen und Methodenreflexionen, Kohlhammer, 2007, ISBN 3170191098
  • Jean-Marie Auwers, Henk Jan De Jonge (Hrsg.): The Biblical Canons (Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium), University Press - Peeters, 2003, ISBN 9042911549
  • Lee Martin McDonald und James A. Sanders (Hrsg.): The Canon Debate, Hendrickson, 2002, ISBN 1-56563-517-5
  • Wolfhart Pannenberg, Theodor Schneider: Verbindliches Zeugnis, Band 1: Kanon, Schrift, Tradition, Herder, Freiburg 1992, ISBN 3451228688
  • Frederick Fyvie Bruce: The Canon of Scripture, InterVarsity, 1989, 083081258X
Altes Testament
  • William J. Abraham: Canon and Criterion in Christian Theology: From the Fathers to Feminism, Oxford University Press, 2002, ISBN 0-19-925003-0
  • Lee Martin McDonald: The Formation of Christian Biblical Canon: Revised and Expanded Edition, Hendrickson, 1995, ISBN 1-56563-052-1
  • H.P. Rüger: Der Umfang des alttestamentlichen Kanons in den verschiedenen kirchlichen Traditionen, in: Siegfried Meurer (Hrsg.): Bibel im Gespräch 03. Die Apokryphenfrage im ökumenischen Horizont, Deutsche Bibelgesellschaft, 2. Auflage 1993, ISBN 3438062224
  • Michael Schmaus, Alois Grillmeier, Leo Scheffczyk, Alexander Sand: Die Anfänge eines christlichen Kanons (I/3a Teil 1) Herder, Freiburg 1974, ISBN 3451007258
  • Hans von Campenhausen: Die Entstehung der christlichen Bibel, Mohr Siebeck (1. Auflage 1968), unveränderter Nachdruck 2003, ISBN 3161482271
Neues Testament
  • Bruce Metzger: Der Kanon des Neuen Testaments: Entstehung, Entwicklung, Bedeutung, 1993, ISBN 3-491-71104-5
  • Geoffrey Mark Hahneman: The Muratorian Fragment and the Development of the Canon (Oxford Theological Monographs), Oxford University Press, ISBN 0-19-826341-4
  • David Trobisch: The First Edition of the New Testament (Novum testamentum et orbis antiquus), Oxford University Press, 2000, ISBN 0-19-511240-7

Weblinks

Einzelbelege

  1. Adolf Jülicher: Einleitung in das Neue Testament, 7. Auflage, Tübingen 1931, S. 555
  2. Wilhelm Schneemelcher: Bibel III: Die Entstehung des Kanons des Neuen Testaments und der christlichen Bibel, in: Theologische Realenzyklopädie Band 1, S. 25ff
  3. Hans Jürgen Becker: Bibel, II. Altes Testament, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), 4. Auflage, Tübingen 1998, S. 1410
  4. Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament, Kohlhammer, 6. Auflage, Stuttgart 1995, S. 26f

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