Bidermann und die Brandstifter
Erstdruck der Hörspielfassung 1953
Erstausgabe der Bühnenfassung 1958

Biedermann und die Brandstifter ist eine Burleske des schweizerischen Schriftstellers Max Frisch, die zwischen 1948 und 1957 entstand. Das Stück wurde 1953 als Hörspiel gesendet und fünf Jahre später, am 29. März 1958, als Drama am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Der Kleinbürger und Opportunist Gottlieb Biedermann beherbergt den Hausierer Schmitz auf seinem Dachboden. Er erkennt, dass Schmitz und sein Kumpan, der ehemalige Kellner Wilhelm Maria Eisenring, auf dem Dachboden Feuer legen werden. Willensschwach und ängstlich ist Biedermann nicht fähig, den Pyromanen Einhalt zu gebieten. Er und seine Frau kommen in dem Hausbrand um. Das Feuer greift auf die Nachbarhäuser über und die gesamte Stadt brennt ab.

Personen

Gottlieb Biedermann, Chef einer Haarwasserfabrik und Hauseigentümer

Herr Biedermann ist ein ehrgeiziger Geschäftsmann, der nach mehr Ansehen und Beliebtheit strebt, und dabei über Leichen geht. Er denkt bei allen Katastrophen zuerst daran, wie er sich selbst damit einen Vorteil verschaffen könnte, später will er nichts mehr damit zu tun haben. Er ist im Angesicht unliebsamer und schmerzlicher Erkenntnisse ein Meister der Verdrängung und des Vergessens. Im Gegensatz zum Hörspiel wird im Drama eine Eigenschaft Herrn Biedermanns nicht herausgearbeitet: Herr Biedermann überlebt die Katastrophe und profitiert. Nach außen verkörpert er einen korrekten Menschen, der großen Wert darauf legt, von anderen Menschen als mitfühlend und barmherzig angesehen zu werden. Er ändert seine Meinungen je nach Situation und ist somit ein Mitläufer, der nur dort stark ist, wo er weiß, dass seine Anweisungen ohne Widerworte akzeptiert und ausgeführt werden: nämlich dort, wo er es mit Schwächeren zu tun hat. Seine Vorstellung von Menschlichkeit, (denn im Grunde ist Herr Biedermann unmenschlich), gibt er im ganzen Buch nur den Obdachlosen (Josef Schmitz und Willi Eisenring) zu erkennen, dies jedoch durch Angst, dass sie sein Haus niederbrennen könnten. Gerade bei seinem Mitarbeiter Knechtling ist er unmenschlich, unsozial und will ihn loswerden. Schließlich schickt er Knechtling mit der Kündigung eiskalt in den Tod.

Babette, Biedermanns Frau

Babette ist die herzkranke Ehefrau von Herrn Biedermann und eine pflichtbewusste Hausfrau. Gegenüber den Brandstiftern wirkt sie ängstlich und ist diesen – ähnlich wie Gottlieb Biedermann – nicht gewachsen. Sie kündigt ihrem Mann den Rauswurf von Hausierer Schmitz an, doch kann sie ihre Absicht nicht zum Ausdruck bringen, da sie im Gespräch mit Schmitz in Mitleid verfällt. Die Figur Babette Biedermann wirkt jedoch sympathischer als Herr Biedermann, da sie Initiative ergreifen möchte und von den Hausierern keinen vertrauenerweckenden Eindruck hat. Ihr Charakter ist jedoch genauso schwach wie bei Herrn Biedermann selbst. Sie ist nur nicht so verlogen wie Biedermann, sondern gibt ihre Ängste zu erkennen.

Josef Schmitz, der Ringer (Brandstifter)

Josef Schmitz ist ein großer, stämmiger Mann, der arbeitslos sowie obdachlos ist. Er gibt sich Herrn Biedermann gegenüber sentimental, um Mitleid zu erwecken. Er war früher ein Ringer in der Schwergewichtskategorie, was man an seinem Körperbau sehr gut erkennen kann. Immer wieder betont er, dass man sich seinetwegen bloß keine Umstände machen solle, und gibt sich als unschuldigster Mensch auf Erden aus. Trotzdem ziert er sich nicht, verschiedenste Wünsche zu äußern. Sein Benehmen ist schlecht, was er selbst damit rechtfertigt, dass er als Sohn eines Köhlers in Armut aufgewachsen sei. Außerdem bezieht er sich auf seine Jugend im Waisenhaus, in welchem sie ihm keine Manieren beigebracht hätten.

Willi Eisenring, der Kellner (Brandstifter)

Willi Eisenring gibt sich als vornehmer Herr, der einen Frack trägt, gehört aber auch zu den Brandstiftern. Er war früher einmal Kellner, was wohl den Hintergrund seines vornehmen Auftretens erklärt. Wie Herr Schmitz ist jedoch auch er mittlerweile arbeits- und obdachlos. Auch Herr Eisenring war bereits im Gefängnis, wo er Herrn Schmitz, den er schon aus Schulzeiten kennt, wiedergesehen hat. Bei Streitigkeiten zwischen ihm und Herrn Schmitz hört sich es genau so an, als ob der Vater mit seinem Sohn spräche. Herr Eisenring hat ein scheinbar sehr gutes Benehmen, was auf Herrn Biedermann einen beruhigenden Einfluss hat. Aus diesem Grund verdrängt Biedermann auch den Gedanken, dass er und sein Kollege Schmitz gefährliche Brandstifter sein könnten. Herr Eisenring vertritt auch nie die gleiche Meinung wie sein Kollege, Herr Schmitz, er hält sich lieber an Herrn Biedermann, damit der keinen schlechten Eindruck von ihm bekommt. Er redet ihm nach dem Munde und macht Schmitz für schiefgelaufene Sachen verantwortlich. Er unterstützt Schmitz bei der Aktion die Stadt anzuzünden.

Dr. phil., der Akademiker (Brandstifter)

Dr. phil. ist Akademiker aus gutem Haus. Er ist auch ein Brandstifter, jedoch nicht, weil er Spaß am Brandstiften hat wie Schmitz und Eisenring, sondern aus gesellschaftskritischen Gründen, aus ideologischen Motiven. Eisenring nennt ihn einen „Weltverbesserer“.

Anna, das Dienstmädchen

Anna ist das Dienstmädchen bei den Biedermanns. Sie ist eine sehr pflichtbewusste Person. Sie macht, was immer man ihr befiehlt, und hilft, wo sie nur kann. Ansonsten ist sie sehr leblos, scheu und zurückhaltend. Sie ist als das perfekte Dienstmädchen ein Statussymbol der Bürgerlichkeit für die Biedermanns. Doch sie ist auch nicht immer mit den Anweisungen zufrieden, einmal äfft sie Biedermann nach und „verstößt“ damit gegen dieses Statussymbol. Des Weiteren lacht sie sehr selten, mit Ausnahme als die Brandstifter ein Lied anstimmen.

Der Chor, bestehend aus den Mannen der Feuerwehr

Der Chor der Feuerwehr hat in der Art des antiken Chors eine wichtige beschreibende, kommentierende und mahnende Funktion. Er begleitet distanziert, aufmerksam und interessiert den Gang der Ereignisse. Er symbolisiert das Weltwissen und das Weltgewissen, vielleicht auch die bessere Einsicht des Herrn Biedermann. Der Chor wirkt mit seinen Kommentaren verfremdend; er schafft Distanz und gibt damit dem Zuschauer die Möglichkeit, das vergangene, das aktuelle oder das bevorstehende Geschehen zu überdenken. Der Chor besteht, um die Menschen zu schützen und ihnen das Gefühl von Sicherheit zu geben. Der Chor ahnt von Anfang an was mit dem Hause Biedermann geschehen wird und rät sogar Biedermann aufzupassen.

Entstehung

Eine erste Fassung des Stoffes zu Biedermann und die Brandstifter findet sich in Max Frischs Tagebuch aus dem Jahr 1948. Ein Burleske betitelter erzählerischer Text enthält bereits alle wichtigen Motive des späteren Dramas, so etwa die Aufnahme eines Unbekannten aus dem Wunsch heraus, nicht wie ein Unmensch zu wirken, den später dazukommenden zweiten Gast, den Verdacht der geplanten Brandstiftung, das Ignorieren der Fässer voll Benzin auf dem Dachboden, die versuchte Verbrüderung bei einem Abendessen aus Angst vor den Brandstiftern und schließlich den tödlichen Ausgang. Der historische Anlass dieses Entwurfs war der im Februar 1948 vollzogene Umsturz in der Tschechoslowakischen Republik, aus dem die ČSR als kommunistische Volksrepublik hervorging, und der Frisch in den vorigen Tagebucheintragungen beschäftigt hatte.

1952 erhielt Frisch vom Bayerischen Rundfunk den Auftrag für ein Hörspiel. Unter Rückgriff auf den Stoff in seinem Tagebuch verfasste er daraufhin das Hörspiel Herr Biedermann und die Brandstifter, das 1953 gesendet wurde.

Im Schauspielhaus Zürich fand 1958 die Uraufführung statt

Erst 1957 arbeitete Frisch das Hörspiel in ein Drama um und gab ihm den etwas veränderten Titel Biedermann und die Brandstifter. Am 29. März 1958 wurde das Bühnenstück gemeinsam mit dem Einakter Die große Wut des Philipp Hotz am Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Oskar Wälterlin uraufgeführt. Die Hauptrollen waren mit Gustav Knuth, Ernst Schröder und Boy Gobert besetzt.

Die einseitig antikommunistische Aufnahme des Stückes entsprach nicht Frischs Intentionen: „Obschon Gottlieb Biedermann sich in seinen Reden selbst entlarvt, […] fanden die Biedermänner von Zürich es nicht zum Lachen, sondern spendeten ernsten Beifall: So kommt es, ja, so kommt es, wenn man Kommunisten in sein Haus läßt! Um diese bequeme Mißdeutung zu stoppen, schrieb ich für die deutschen Bühnen ein Nachspiel: Herr Biedermann als deutscher Bourgeois, der mit den Nazi fraternisiert.“[1] In zweimonatiger Arbeit, beginnend vom Juni 1958, entstand für die deutsche Erstaufführung von Biedermann und die Brandstifter an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main am 28. September 1958 ein Nachspiel, zum Teil Biedermann in der Hölle betitelt. Es versetzt Biedermann und seine Frau nach ihrem Tod in die Hölle, während sie sich selbst als treue Befolger der Zehn Gebote im Himmel wähnen. Nach und nach findet sich auch das übrige Personal des Stückes in der Hölle ein. Eisenring wird zum „Herren der Hölle“ und der Ringer Schmitz zum Heizer Beelzebub. Später strich Frisch das Nachspiel wieder, „da es die Parabel auf die Vergangenheit bezieht und auf ein bestimmtes Land, also die Parabel als solche aufhebt“.[1]

Am 22. Mai 1958 Zeigte der NDR ein Fernsehspiel unter dem Titel Biedermann und die Brandstifter. Unter der Regie von Fritz Schröder-Jahn spielten unter anderem Willy Maertens (Biedermann), Walter Richter (Schmitz) und Hanns Lothar (Eisenring).[2] Im Jahr 1963 entstand unter der Regie von Hellmuth Matiasek eine TV-Fassung für den ORF unter der Mitwirkung von Fritz Muliar, Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz.[3] 1966 verfasste Max Frisch eine Neufassung des Stückes für eine Fernsehproduktion von Radio Bremen, die im Jahr darauf unter der Regie von Rainer Wolffhardt mit Siegfried Lowitz, Harry Kalenberg und Herbert Bötticher verfilmt wurde.[4]

Interpretation

Biedermann und die Brandstifter ist ein repräsentatives Werk der Nachkriegsliteratur. Der Schweizer Max Frisch ist neben Friedrich Dürrenmatt der wichtigste Vertreter der schweizer deutschsprachigen Literatur dieser Epoche. Die zentralen Themen seines literarischen Gesamtwerks sind vor allem die Selbstentfremdung und das Ringen um die persönliche Identität.

Das Stück Biedermann und die Brandstifter ist eine Mischung aus komischen und makabren Elementen mit düsterem Thema und Ende (eine Burleske). Allerdings ist es kein tragisches Stück, denn der Protagonist Biedermann geht nicht bewusst und zwingend um eines erhabenen Wertes willen in eine Katastrophe, sondern er erleidet aus Feigheit, Dummheit und Verblendung ein vermeidbares Schicksal. Es ist die dichterische Gestaltung eines prototypischen Geschehens mit Personen in ihren unverkennbaren, typischen Rollen. Die Dialoge enthalten eine große Spannung, die vor allem in der Diskrepanz besteht zwischen dem, was man eigentlich erwarten sollte, und dem, was tatsächlich gesagt wird.

Von all den verschiedenen Frisch-Dramen ist Biedermann und die Brandstifter das knappeste und konsequenteste. Das Drama kennt keine Abschweifungen und Exkurse. Die Biedermanns werden während der ganzen Geschichte als feige Mitläufer dargestellt, die weder Phantasie noch Standhaftigkeit besitzen. Erst ihr bourgeoiser Opportunismus macht es überhaupt möglich, dass die Brandstifter ohne große Mühe ihre Arbeit verrichten und ihr Ziel erreichen können.

Da es im Stück keinen konkreten Zeit- und Ortsbezug gibt, kann das Drama vor unterschiedlichem historischem Hintergrund interpretiert werden.

Gottlieb Biedermanns Rolle

Das Drama ist ein Paradebeispiel für die politische Dummheit des Bürgers. Biedermann ist zu bequem und zu ängstlich, um gegen die Mächtigeren anzutreten, weil er große Angst vor den möglichen Konsequenzen hat. Aus diesem Grund hat Max Frisch dem Buch auch den Untertitel Lehrstück ohne Lehre gegeben. Am Anfang will Biedermann dem Hausierer Schmitz kein Asyl gewähren, doch erliegt er einer Kombination aus subtiler Gewaltandrohung und Schmeicheleien, mit denen der arbeitslose Schwergewichtsringer Schmitz Biedermanns Egoismus, sein Misstrauen und sein schlechtes Gewissen gekonnt für sich benutzt. Als dieser dann erst einmal Asyl hat, gibt er auch ganz offen zu, was er vorhat, und er erklärt Biedermann präzise seinen Plan. Doch in scheinbar naivem Idealismus, hinter dem sich Biedermanns Angst verbirgt, deutet er alle Vorbereitungen zur Brandstiftung als Scherze oder Mutproben und duldet sie. Was nicht sein darf, das wird auch nicht sein, denn ihm würde das nie passieren, dass jemand, den er so aufopfernd aufgenommen hat, in seinem Hause Feuer legen wird. Er hat die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen und will das Schreckliche nicht wahrhaben. Max Frisch bringt damit etwas auf die Bühne, das erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts in die öffentliche Diskussion kommt: Die Identifikation der Opfer mit den Tätern, durch die sie für sich Überlebensmöglichkeiten kalkulieren.

Frisch selbst äußerte sich zu seinem Protagonisten: „Wenn sie mich fragen, ich finde diesen Gottlieb keinen Bösewicht, wenn auch als Zeitgenossen gefährlich. Um ein gutes Gewissen zu haben – und das braucht er, um Ruhe zu haben –, belügt er sich halt. […] Gottlieb möchte als guter Mensch erscheinen. Er glaubt sogar, daß er das sei: indem er sich selber nicht auf die Schliche kommt.“[5] Biedermann ist ein durchschnittlicher Bürger, im Stück auch Jedermann genannt, dessen Dilemma es ist, dass er gut sein möchte, ohne dabei irgendetwas zu verändern. Max Frisch nennt sein Drama Ein Lehrstück ohne Lehre. Er deckt in ihm Missstände auf und weist auf die Notwendigkeit einer Änderung hin, zeigt aber nicht selbst eine konkrete Lösung auf. Er überlässt diese den Lesern und fordert sie somit zum Nachdenken auf.

Bezug zum Kommunismus

Von Frisch selbst als Reaktion auf die kommunistische Machtergreifung in Prag im Jahr 1948 geschrieben, wurde Biedermann und die Brandstifter vielfach als eine Warnung vor dem Kommunismus verstanden. So befand Eduard Stäuble: „Der Umsturz vollzog sich in der Tschechoslowakei genau nach diesem Muster: Eine ahnungslose, biedere, vertrauensselige bürgerliche Gesellschaft nahm die bolschewistischen Brandstifter in ihr Haus auf und mußte es sich schließlich machtlos gefallen lassen, daß ihr die Eindringlinge das Staatsgebäude über dem Kopf anzündeten.“[6] Und auch Friedrich Torberg urteilte: „Ob er’s wollte oder nicht: Max Frisch hat hier die klassische Satire gegen den Kommunismus, gegen seine Infiltrationstechnik und seine bürgerlichen Handlanger geschrieben. Er hat sogar […] Selbstkritik geübt: indem er zum Schluß, als es schon brennt, noch rasch einen Intellektuellen auftreten läßt, einen ernüchterten Weltverbesserer, dessen Protestkundgebung bereits im Tosen des Brandes untergeht. Er hat der eigenen Biederkeit – denn was wäre seine bisherige Konzessionsbereitschaft andres gewesen? – Adieu gesagt und ist wütend geworden.“[7]

Bezug zum Nationalsozialismus

Das nachgelegte Nachspiel des Stückes legte hingegen den parabolischen Bezug zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland unter Adolf Hitler nahe. So sah Hellmuth Karasek „eine Parabel, in der die Machtergreifung Hitlers treffend eingefangen ist. Die Erfahrung, daß Hitler aus seinen wahren Absichten in Mein Kampf nie einen Hehl gemacht hat, ist hier szenisch faßbar geworden. Der Terror kann sich unverblümt geben, sobald er den Bürger mitverstrickt hat, ihn zum Mitschuldigen machte. Er kann sich darauf verlassen, daß das Opfer nicht glauben wird, was es ahnt. Die Feigheit verschließt noch vor der Wahrheit Augen und Ohren.“[8]

In diesem Sinn kann in Biedermann ein Beispiel für die Gutgläubigkeit, die Bequemlichkeit, die Feigheit sowie mangelnde Weitsicht vieler Deutscher gesehen werden, die aktiv oder passiv den Nationalsozialismus unterstützten. Ähnlich den Brandstiftern proklamierte auch Hitler früh seine politischen Ziele, unter anderem in seinem Werk Mein Kampf. Obwohl die Radikalität des Nationalsozialismus und die von ihm ausgehende Gefahr vielen Bürgern und Politikern der Weimarer Republik bewusst war, wehrte sich ein großer Teil von ihnen – wie Gottlieb Biedermann im Drama – nicht gegen die drohende Gewalt. Biedermann hilft Eisenring sogar, die Zündschnur zu vermessen, und trägt so aktiv zu seinem eigenen Unglück bei. Er bestätigt somit das Zitat: „Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand.“[9]

Weitere Interpretationen

Andere Stimmen wandten sich gegen zu enge Interpretationen des Stückes als Spiegel von Kommunismus und Nationalsozialismus. Klaus Müller-Salget urteilte: „Beides ist vom Stück her unsinnig. […] Weder den Nationalsozialisten noch den Kommunisten hätte Frisch als Handlungsmotiv ‚pure Lust‘ unterstellt […]. Die Abgrenzung der Brandstifter gegen den Ideologen [Dr. phil.] verbietetet eine Zuordnung der beiden zu einer bestimmten politischen Partei oder Gruppe.“[10] Friedrich Luft sah die Parabel Biedermann und die Brandstifter vielfach anwendbar, gleichermaßen für die Atombombe wie für politischen Extremismus: „Man kann die Moral dieses Lehrstücks ohne Lehre auf die jüngste Vergangenheit anlegen. […] Oder man kann (und soll wohl) an die Brandstifter denken, die mit dem neuen großen Feuer, mit der Teufelsbombe kokeln. Wir dulden es. Wir sehen es mit an und finden viele Gründe, es zu tun. Aber die Lunte ist gelegt. Wehe! Oder man kann an die demokratische Duldsamkeit denken, mit der extreme Brandstifter biedermännisch von uns ausgehalten werden, ganz rechts und ganz links. […] Aus Gründen der öffentlichen Gemütlichkeit schieben wir die Regungen einer besseren Einsicht einfach weg: Ist ja alles nicht so schlimm…“[11]

Max Frisch selbst erklärte 1978, 20 Jahre nach der Uraufführung des Stückes: „Wer denn eigentlich mit den beiden Brandstiftern gemeint sei, die Frage ist mir in zwanzig Jahren mindestens von tausend Schülern gestellt worden. Gottlieb Biedermann ist ein Bourgeois, das ist offenbar. Aber zu welcher Partei gehören die beiden Brandstifter? – kein Satz, den sie sagen, weist darauf hin, dass sie die Gesellschaft verändern wollen. Keine Revolution also, keine Weltverbesserer. Wenn sie Brand stiften, so aus purer Lust. Es gibt Pyromanen. Ihre Tätigkeit ist apolitisch. […] Ich meine, die beiden gehören in die Familie der Dämonen. Sie sind geboren aus Gottlieb Biedermann selbst: aus seiner Angst, die sich ergibt aus seiner Unwahrhaftigkeit.“[5]

Rezeption

Biedermann und die Brandstifter ist nach Angaben Volker Hages „das berühmteste Theaterstück von Frisch und eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bühnenwerke überhaupt“. Auf deutschsprachigen Bühnen wurde es bis 1996 bereits 250 mal inszeniert und wird vielfach als Schulstoff verwendet, wofür auch die Verkaufszahlen der Taschenbuchausgabe sprechen, die bereits 1982 die Million überschritten.[12] Marcel Reich-Ranicki nahm Biedermann und die Brandstifter 2004 als eines von 43 Dramen in seinen Kanon der deutschen Literatur auf.

Friedrich Torberg, der betonte, dass Max Frisch ihm bisher „kein reines Wohlgefallen“ gewesen sei, sah Biedermann und die Brandstifter als „wichtiges Stück eines wichtigen Autors“, das ein „Brillantfeuerwerk“ zünde. Von der Uraufführung sprach er als einer „hinreißenden Aufführung […] eines perfekten Theaterabends […]. Das Publikum jauchzte.“[7] In der Wahrnehmung Siegfried Melchingers „amüsierte sich das Publikum in der Zürcher Inszenierung mehr über den Hotz als über den Biedermann, dem wiederum die Kritik das größere Lob gezollt hatte.“ Für ihn wirkte das Stück „etwas angerümpelt“ und er bemängelte „die schematisierte Dürftigkeit der Figuren“.[13] Hellmuth Karasek wertete diese Eigenschaft genau umgekehrt. Für ihn war Biedermann und die Brandstifter „von allen Frisch-Dramen das geradlinigste, knappste, konsequenteste“. Es sei „von aller privaten Beiläufigkeit, von aller persönlichen Charakterisierung am meisten abstrahiert“. Gerade in dieser „mit mathematischem Kalkül“ und in einer „kompromißlosen Konsequenz“ vollzogenen Unterordnung von Handlung und Personen unter die Parabelform sah er die „stupende Überzeugungskraft“ des Dramas.[14]

Werner Weber nannte das Stück ein „Spiel der Täuschungen“, das „in der unaufhörlichen Preisgabe aller Trickgeheimnisse“ bestehe. Die Geschichte selbst sei in ihrem geradlinigen Verlauf „radikal undramatisch“ Das Drama liege in der Sprache: „in der Maskierung und in der Demaskierung des Wortes.“ In dem Widerspruch von Sein und Schein zeige sich „ein hoher dramatischer Kipp-Effekt“. Das scheinbare „Konversationsstück ist nah um eine Aufhebung der Sprache herumgedacht.“ Max Frisch erweise sich „in einem so unheimlichen Heiterkeitsspiel“ als Dichter.[15] Friedrich Luft bezeichnete das Stück als „Weltanschauungsgroteske mit Ulk, Ironie und tieferer Bedeutung. Ein Stück heimlicher Gegenwart, mit der Schärfe eines bitteren Spaßes sichtbar gemacht.“[16] Heinz Ludwig Arnold sah in Biedermann und die Brandstifter dagegen eines von Frischs schwächsten Dramen, weil es nach seiner Auffassung „zu hypertroph symbolisiert, zu äußerlich ist, weil seine Abläufe zu sichtbar sind, weil es zu wenig ambivalent, zu wenig offen, zu wenig künstlerisch ist; eher zu künstlich, zu konstruiert“.[17]

Auf überwiegend kritische Aufnahme stieß das Nachspiel Biedermann in der Hölle. Hellmuth Karasek urteilte: „Was wie eine verschärfende Bestätigung der Unbelehrbarkeit seines traurigen Helden wirken soll, wird zur verharmlosenden, weil keineswegs zwangsläufigen Fortsetzung.“ Frisch habe im Nachspiel „kein Stück mehr hervorgebracht, sondern einen (gewiß sehr scharfen und witzigen) Kabarett-Kommentar“, der das Drama „zur bloßen Kabarettpointe verengt.“[18] Für Friedrich Torberg war die Konsequenz des Nachspiels, dass Frisch „die Moral seines Stückes nicht nur verwässerte, sondern platterdings halbierte“.[7] Johannes Jacobi vermutete, der Autor habe „den ‚epischen‘ Zeigestock Brechts verschluckt“. Es ließe Frisch „keine Ruhe, ob der Zuschauer deutlich genug hingewiesen werde auf das, was der Autor meint.“ Er zog das Fazit: „Der neue Anhang Frischs ist so amüsant wie brisant. Nur eins wurde er nicht: eine dramatische Bereicherung. Warum hängte Frisch dem ‚Lehrstück ohne Lehre‘ doch noch eine Moral von der Geschicht’ an?“[19]

Max Frisch äußerte sich 1961 in einem Gespräch mit Horst Bienek über den großen Erfolg seines Dramas: „Erschöpft vom Homo faber, der eben fertig war, fühlte ich mich nicht fähig, sogleich an das große Stück vom andorranischen Juden zu gehen. Auch hatte ich lange nicht für die Bühne geschrieben, Fingerübung war vonnöten. So nahm ich das Hörspiel, um zwei Monate lang meine Fingerübung zu machen, die dann über 70 deutsche und viele fremdsprachige Bühnen ging; ich habe nicht damit gerechnet, daß ich von diesem Haarölschwindler leben werde.“[20] In einem 1974 geführten Interview mit Heinz Ludwig Arnold nannte Frisch Biedermann und die Brandstifter unter seinen Stücken „das Bestgelungene im Sinne der Handwerksarbeit. Es ist mir nicht das Liebste.“ Er stimmte Arnold zu, es sei „so erfolgreich in den Schulen, weil sich daran so viel Handwerkliches zeigen läßt, weil sich daran das Technische, das Dramaturgische üben und studieren läßt.“[17]

Literatur

  • Bernd Matzkowski: Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 352). Bange, Hollfeld 2003. ISBN 978-3-8044-1784-7
  • Walter Schmitz: Materialien zu Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-37003-0

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Walter Schmitz: Biedermanns Wandlungen: Von der „Burleske“ zum „Lehrstück ohne Lehre“. In: Walter Schmitz (Hrsg.): Max Frisch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-38559-3, S.245, 250
  2. Biedermann und die Brandstifter (1958) in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
  3. Biedermann und die Brandstifter (1963) in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
  4. Biedermann und die Brandstifter (1967) in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
  5. a b Max Frisch: Wer sind die Brandstifter? In: Luis Bolliger (Hrsg.): jetzt: max frisch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-39734-6, S. 146–147
  6. Zitiert nach Volker Hage: Max Frisch, Rowohlt, Hamburg 1997, ISBN 3-499-50616-5, S. 80
  7. a b c Friedrich Torberg: Biedermann und die Brandstifter, dazu: Die große Wut des Philipp Hotz. In: Albrecht Schau (Hrsg.): Max Frisch – Beiträge zu einer Wirkungsgeschichte. Becksmann, Freiburg 1971, S. 243–244
  8. Hellmuth Karasek: Max Frisch. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters Band 17. Friedrich Verlag, Velber 1974, S. 73
  9. Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-18824-0, S. 54
  10. Klaus Müller-Salget: Max Frisch. Reclam, Stuttgart 1996, ISBN 3-15-015210-0, S. 56–57
  11. Zitiert nach: Karasek: Max Frisch, S. 75
  12. Hage: Max Frisch, S. 78
  13. Siegfried Melchinger: Das waren Etüden im neuen Stil. In: Die Zeit vom 17. April 1958
  14. Karasek: Max Frisch, S. 67
  15. Werner Weber: Zu Frischs „Biedermann und die Brandstifter“. In: Albrecht Schau (Hrsg.): Max Frisch – Beiträge zu einer Wirkungsgeschichte. Becksmann, Freiburg 1971, S. 245–247
  16. Zitiert nach: Karasek: Max Frisch, S. 102
  17. a b Bolliger (Hrsg.): jetzt: max frisch, S. 143
  18. Karasek: Max Frisch, S. 76
  19. Johannes Jacobi: Wie leicht wird das Spiel zur Spielerei. In: Die Zeit vom 10. Oktober 1958
  20. Zitiert nach: Manfred Durzak: Dürrenmatt, Frisch, Weiss. Deutsches Drama der Gegenwart zwischen Kritik und Utopie. Reclam, Stuttgart 1972, ISBN 3-15-0102014, S. 208

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