Bierdorf (Studentenverbindung)
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Als Kneipe bezeichnen Studentenverbindungen einerseits eine traditionelle Art von studentischer Feier, die meisten Verbindungen andererseits auch den Kneipsaal selbst, d. h. einen dafür vorgesehenen Raum in einem Korporationshaus.

Auf Kneipveranstaltungen werden nach bestimmten Regeln (Kneip-Comment) und in bestimmten Formen Reden gehalten und Studentenlieder gesungen. Dazu wird meist Bier getrunken. Die Mitglieder farbentragender Studentenverbindungen tragen dazu ihr Couleur. Bei offiziellen Kneipen sind in der Regel neben den Aktiven auch Mitglieder befreundeter und anderer Verbindungen, so genannte Alte Herren (ehemalige Studenten der Verbindungen) und ggf. nicht korporierte Gäste anwesend, um gemeinsam zu feiern.

Studentische Kneipen sind aus heutiger Sicht im Vergleich zu später entstandenen Formen studentischer Veranstaltungen ungewöhnlich formell, was sich im Ablauf, in der Gestaltung des Ambientes und in der Kleidung der Teilnehmer äußert.

Viele Korporationshäuser haben für die Durchführung dieser Art von Veranstaltungen sogar mehrere, verschieden große Räumlichkeiten, die mit „großer Kneipe“ und „kleiner Kneipe“ oder "großer Kneipsaal" und "kleiner Kneipsaal" bezeichnet werden und je nach der Teilnehmerzahl der Veranstaltung genutzt werden. Als besonders gemütlich gelten „Kellerkneipen“, kleine Räume im Untergeschoss mit Sitzecken und Bierzapfanlage.

Der studentische Ausdruck „Kneipe“ ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts in die deutsche Allgemeinsprache als Ausdruck für eine Gaststätte übernommen worden, in der hauptsächlich alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Siehe dazu: Kneipe.

Kneipe des Corps Moenania Würzburg, Stammbuchblatt 18. Juli 1815
Kneipe des Gießener Wingolf um 1900

Inhaltsverzeichnis

„Kneipe“ als Veranstaltung

Kneipe einer Berliner Studentenverbindung
Georg Mühlberg - „Cantus“ (um 1900): Verbindungsstudenten beim Singen auf einer Kneipe

Heute ist praktisch jede offiziell veranstaltete Kneipe einer Studentenverbindung eine vergleichsweise förmliche Abendveranstaltung, die meistens in einem Korporationshaus in einem dafür vorgesehenen Raum oder Saal abgehalten wird. Wenn die Teilnehmer keine speziell studentische Traditionskleidung („Vollwichs“, „Kneipjacke“, „Pekesche“, „Bergkittel“ etc.) tragen, wird ein dunkler Anzug mit Krawatte als dem Anlass angemessen betrachtet. Die Teilnehmer sitzen an zusammengestellten Tischen und trinken Bier - meistens bei Kerzenlicht. Bei Männerbünden findet die Kneipe meist als reine Herrenveranstaltung statt, bei Damenverbindungen meist als reine Damenveranstaltung und schließlich bei gemischten Studentenverbindungen im Beisein von Damen und Herren statt, wobei dies aber nicht automatisch Lebens- bzw. Ehepartner einschließt.

Bei den Katholisch-Österreichischen Studentenverbindungen sind bei Kneipen Damen und Gäste in der Regel willkommen, ausgenommen interne Veranstaltungen wie Trauerkneipe oder Landesvater.

Bei den meisten Verbindungen wird - oft mit viel Aufwand - ein Gästebuch geführt, in das sich alle Teilnehmer der Veranstaltungen eintragen.

Kneipen werden „geleitet“, das heißt, es gibt ein Präsidium, das in der Regel aus den drei Chargierten der veranstaltenden Verbindung besteht. Die eigentliche Leitungsfunktion wird aber nur vom ersten Chargierten ausgeübt. Er steht von Zeit zu Zeit auf und gebietet „Silentium“ (lat. „Ruhe“), was als Aufforderung an alle Beteiligten verstanden wird, ihr Gespräch („Colloquium“) zu unterbrechen. Diese Gesprächspause nutzt der Leitende, um Studentenlieder singen und Reden halten zu lassen sowie Gäste zu begrüßen etc.

Übliche Sitzordnung auf einer kleineren Kneipe
Übliche Sitzordnung auf einer größeren Kneipe
Übliche Sitzordnung auf einem Festkommers

Um die Leitungsfunktion des Präsidiums zu unterstützen, ist in der Regel ein Grundmuster einer Sitzordnung vorgegeben. Beliebte Tischanordnungen sind die T-Form und die U-Form - je nach Teilnehmerzahl. Am Kopf der Tafel an einem quergestellten - meist besonders alten, aufwändig verzierten - Tisch sitzt das Präsidium - oft auf besonderen Stühlen. Dieser Teil der Tafel wird Präsid genannt. An den längeren Tischreihen, Zapfen genannt, sitzen die sonstigen Teilnehmer. An der gegenüberliegenden Seite der Tafel sitzt der Fuchsmajor, der für die Nachwuchsmitglieder, die „Füchse“ verantwortlich ist. Die Füchse sitzen dabei an seiner Seite. Der Fuchsmajor unterstützt den Präsid bei der Leitung der Kneipe, indem er beim Silentium mit aufsteht und das Einhalten der Gesprächspause durchzusetzen hilft. Das ist besonders bei größeren Veranstaltungen sinnvoll. Bei einigen Verbindungen heißt diese Funktion auch „Contrapräsid“ oder „Contrarium“.

Das Singen der Lieder wird durch Klavierbegleitung unterstützt, sofern ein Instrument vorhanden und ein fähiger Spieler anwesend ist. Bei manchen Verbindungstypen heißt das Klavier deshalb auch scherzhaft Bierorgel. Wichtige Ausrüstungsgegenstände auf Kneipen sind die Kommersbücher, in denen die Liedtexte verzeichnet sind.

Die detaillierte Umsetzung der Kneipdurchführung variiert zwischen den Verbindungstypen. So unterscheiden sich die Kösener Corps als ältester Verbindungstyp von den anderen schlagenden Verbindungen wesentlich, während sich die nichtschlagenden/katholischen durch weitere Besonderheiten auszeichnen. Man kann vereinfachend sagen, dass die Kneipsitten umso komplizierter und aufwändiger sind, je jünger der Verbindungstyp ist.

Bei schlagenden Verbindungen

Bei schlagenden Verbindungen gibt es in der Regel einen offiziellen und einen inoffiziellen Teil der Kneipe. Im offiziellen Teil, der in der Regel rund zwei Stunden dauert, werden die Gäste begrüßt, Reden gehalten und die etwas feierlicheren Lieder gesungen. Dabei ist es verpönt, aufzustehen, herumzugehen, die Plätze zu wechseln oder den Raum zu verlassen. Oft wird für den offiziellen Teil auch ein Rauchverbot ausgesprochen. Der offizielle Teil wird meist mit einem bestimmten Lied beendet, das für die jeweilige Verbindung eine besondere Bedeutung hat („Farbenlied“). Bei Burschenschaften wird dabei oft das Lied der Deutschen gesungen.

Im inoffiziellen Teil werden in der Regel keine Reden mehr gehalten, die Lieder sind lockerer. Es kann auch schon mal der eine oder andere Bierjunge getrunken werden. Die Sitzordnung löst sich auf, neue Gesprächskreise bilden sich.

Wenn dann am Ende des inoffiziellen Teils das Präsidium seinen Platz verlässt und die Teilnehmer ohne „Leitung“ weitertrinken, wird das bei einigen Verbindungen „Fidulitas“ oder „Bierdorf“ genannt.

Bei nichtschlagenden katholischen Verbindungen

Kneipsaal des Katholischen Studentenvereins Arminia, Arminenhaus, Bonn (1900-heute)

Katholische/christliche Verbindungen zelebrieren typischerweise auch auf der Kneipe Formalismen, die bei anderen Verbindungsarten in Conventen oder im privaten Kreis abgehandelt werden. Die Kneipe gliedert sich dazu zeitlich in ein Hochoffiz, Offiz und (fakultativ) ein Inoffiz. In das am Anfang der Kneipe stehende Hochoffiz fallen die Aufnahme von neuen Mitgliedern, Philistrierungen, die Festrede usw. Im darauffolgenden Offiz kommt meist der Senior zu Wort, werden Gäste begrüßt und Grußworte gehalten. Danach folgt in der Regel ein Colloquium (s. o.). Etwas außerhalb der Kneipe steht das Inoffiz z. B. mit Biermimiken, Brandungen und Zipfeltausch. Im Anschluss daran folgt die Fidulität, Fidulitas oder Bierdorf; das ungezwungene Beisammensein zum Ausklang der Kneipe.

Auch sprachlich leisten sich insbesondere die katholischen Korporationen einige Besonderheiten. So wird viel Latein und insbesondere viel Pseudolatein gesprochen. („Ad hymnam“ als Aufforderung die Hymne zu singen, „Ad stropham“ für die nächste Strophe des Liedes, oder auch „Ein Schmollis omnibus cantoribus musicoque“). Historisch entstand dies als Verballhornung der eigentlich als zu gestelzt wahrgenommenen Sitten der alteingesessenen schlagenden Verbindungen. Mit der Zeit wandelte sich diese Einstellung aber, so dass diese speziellen und typischen Begriffe mit der Zeit ins allgemeine Brauchtum übergingen und heute so das der älteren Verbindungstypen an Aufwändigkeit häufig weit übertrifft.

Bei katholischen Verbindungen in Österreich gibt es keine Unterscheidung in Hochoffiz und Offiz; es wird nur ein Officium abgehalten, dem wahlweise noch ein Inofficium folgen kann. Kneipen (außer Trauerkneipe und Landesvater) werden einheitlich mit dem Lied Gaudeamus igitur („Erstes Allgemeines“) eröffnet und mit Wenn wir durch die Straßen ziehen („Letztes Allgemeines“) geschlossen. In letzterem eingebunden sind die Farbenstrophen der Verbindungen zur selben Melodie, oder zusammenfassend die Hymnen der Dachverbände. Die katholischen Verbindungen Deutschlands haben keine oder andere Konventionen bei der Liedwahl.

Zusammenfassend bleibt noch festzuhalten, dass sich Kneipen von Korporationen in verschiedenen Dachverbänden für den Außenstehenden nicht wesentlich unterscheiden werden, während für die jeweils Beteiligten himmelweite Unterschiede bestehen.

Sonderformen der Kneipe

Eine besonders feierliche Variante der Kneipe ist der Kommers, der gern bei Stiftungsfesten oder anderen wichtigen Ereignissen wie Universitätsjubiläen veranstaltet wird. Kommerse können leicht über 200 Teilnehmer haben. Meistens hält ein prominenter Redner eine Festrede. Einen inoffiziellen Teil gibt es nicht. Es ist durchaus üblich, einen Kommers anlässlich eines großen Stiftungsfestes, das alle fünf Jahre abgehalten wird, mit einem feierlichen Landesvater zu beenden.

Kommerse haben im Gegensatz zu Kneipen oft auch einen demonstrativen Charakter. Sie werden gern zu Ehren von jemandem oder zum Gedenken an etwas gefeiert. So waren in der Kaiserzeit Kommerse zu nationalen Gedenktagen üblich, was das Bekenntnis der Studenten zum Staat sowie seinen Idealen und Zielen ausdrücken sollte. In Zeiten der Bedrängnis oder Unterdrückung werden Kommerse als Bekenntnis zu den studentischen Traditionen veranstaltet, zum Beispiel als Ausdruck des Widerstands gegen totalitäre Ansprüche des jeweiligen Staates. So wurden sowohl im Dritten Reich, als auch zu Zeiten der DDR von inoffiziell existierenden Verbindungen illegal Kommerse abgehalten.

Als Kreuzkneipe (in der Schweiz auch Zweifarbenkneipe oder Zweifärbeler) wird eine Feier zweier freundschaftlich verbundener Studentenverbindungen bezeichnet, wobei sich die beiden Verbindungen im Präsidium abwechseln. Führen mehr als zwei Verbindungen bei einer solchen Kneipe das Präsidium, so wird diese Ringkneipe (Schweiz: Mehrfarbenkneipe oder Mehrfärbeler) genannt. Kneipen, bei denen Wein gereicht wird, bezeichnet man als Weinkneipen. Manche Männerbünde veranstalten Damenkneipen, bei denen weibliche Gäste eingeladen werden, denen zu gegebener Zeit auch die Leitung der Veranstaltung angetragen wird.

Eine besonders alte und schlichte, aber dabei auch ganz spezielle Form der Kneipe haben sich die deutschbaltischen Verbindungen bis 1939 an den Universitäten in Dorpat, Riga, Sankt Petersburg und Moskau erhalten. Diese Tradition wird heute noch von drei Verbindungen in Deutschland gepflegt. Diese Verbindungen haben zu Anfang des 19. Jahrhundert die damals von den Corps gepflegten Sitten übernommen und als eine Art Traditionsinsel im Baltikum auf dem alten Stand bewahrt. Dabei sind jedoch noch einige landestypische Besonderheiten eingeflossen. So wird bei baltischen Kneipen ein Samowar mit Tee aufgestellt, Wodka getrunken und dazu Häppchen gereicht (Siehe dazu auch: Wodka#Konsum). Eine feste Sitzordnung ist dabei unbekannt. Der Leitende sitzt mitten unter den Teilnehmern. Diese Kneipen werden z.B. bei der "BC Fraternitas Dorpatensis" (München) im Semesterprogramm auch unter der Bezeichnung "Herrenabend" ausgewiesen.

Eine andere Form des inoffiziellen Teil einer Kneipe kann eine Hochkneipe sein. Hierzu werden Tische zusammengerückt und auf diesen Tischen wiederum eine Tischreihe und Stühle ähnlich der Form einer kleinen Kneipe (siehe Abbildung oben) gestellt. Zumeist gibt es dann nur einen Studenten im Präsidium. Diese Hochkneipe wird dann in der "1.Etage" durchgeführt.

Vorgeschichte: Geleitete Trinkveranstaltungen

Altertum

Griechisches Symposion ca. 500 vor Christus

Geleitete, ritualisierte Trinkveranstaltungen mit alkoholischen Getränken sind offensichtlich eine speziell europäische Erfindung. In das Licht der Geschichte treten sie zum ersten Mal im antiken Griechenland in Gestalt des so genannten Symposions, eines ursprünglich religiös motivierten Gastmahls. Aus dem alten Ägypten oder dem Vorderen Orient sind derartige Veranstaltungen nicht bekannt.

In Griechenland wird im Laufe der Zeit aus einem frommen Gastmahl eine beliebte Unterhaltungsveranstaltung gehobener Kreise. Typisch für das Symposion ist der Leiter, der Symposiarch genannt wird, und gewisse Rituale und Regularien, die eingehalten werden müssen. Neben künstlerischen Darbietungen spielen geistreiche Gespräche bis hin zur Erörterung philosophischer Fragen eine bedeutende Rolle. In Platons Werk „Symposion“ tritt Sokrates als Symposiarch auf, der erst das Mischungsverhältnis von Wein und Wasser festlegt und dann seine Mittrinker mit philosophischen Fragen konfrontiert.

Auch von Xenophon ist ein Werk namens „Symposion“ überliefert, in dem ebenfalls die Trinkveranstaltung einer Herrenrunde beschrieben wird.

In seinem letzten Werk Nomoi (deutsch: „Gesetze“) führte Platon detailliert aus, dass streng geleitete Trinkgelage nach dem Muster des in Athen geübten Symposion die Selbstbeherrschung der Menschen übten und damit für die Entwicklung eines von ihm ausgearbeiteten Idealstaates förderlicher seien als die vollkommene Alkohol-Abstinenz und Nüchternheit, wie sie in Sparta zur Aufrechterhaltung der militärischen Kampfkraft geübt wurde. Die Enthaltsamkeit erhalte zwar die Körperkraft, aber durch das Training der Selbstbeherrschung werde der Geist gestärkt, was insgesamt dem Staat nützlicher sei.

Im antiken Rom wurde diese Sitte übernommen. Hier fand die so genannte comissatio, das Trinkgelage, nach dem convivium, dem eigentlichen Gastmahl statt. Leiter war hier der arbiter bibendi („Trinkschiedsrichter“), der magister bibendi („Trinkmeister“) oder einfach der rex („König“), der für die Einhaltung der strengen Trinkregeln zu sorgen hatte. Hierbei orientierte man sich offensichtlich noch nach den in Griechenland entwickelten Prinzipien, man trank nach dem mos graecus, der griechischen Sitte.

Kernpunkt war auch hier, dass sich derjenige, der sich zu der Gemeinschaft der Trinker gesellen wollte, auch den Regeln zu unterwerfen hatte, damit das sozialverstärkende Element dieser Rituale auch funktionierte. Cicero brachte es mit einem Satz auf den Punkt: Aut bibat aut abeat (deutsch: „Er möge trinken oder weggehen.“) [1].

Martial und Horaz erwähnten diese Trinkregeln in ihren Dichtungen, Horaz allerdings eher ablehnend. Die Entartung in der späteren Kaiserzeit zeigte Petronius in seinem Werk Cena Trimalchionis („Das Gastmahl des Trimalchio“), in dem sich der neureiche Freigelassene Trimalchio wahllos Schnorrer von der Straße einlädt, um sich vor ihnen mit einem verschwenderischen Gastmahl seines Reichtums zu brüsten.

Der Altertumswissenschaftler Karl Joachim Marquardt beschrieb diese römischen Trinkregeln im Band 7 (Das Privatleben der Römer) des epochalen Werkes Handbuch der römischen Altertümer 1886 unter Verwendung der Begriffe des studentischen Biercomments seiner Zeit:

Das eigentliche Trinken begann erst nach dem Essen, und zwar entweder beim Nachtisch oder erst später abends. Man trank dabei More Graeco, das heißt nach einem bestimmten Comment; es wurden Kränze und Salben verabreicht und ein Praeses, magister bibendi, arbiter bibendi, rex, erwähnt.
Es wurde der Reihe nach herumgetrunken, so dass man von oben oder auch von einer beliebigen Person anfängt; der Magister, welcher durch Würfel bestimmt wurde, schrieb die Mischung des Weins und das Maß, welches getrunken werden sollte, vor. Da es auf starkes Trinken abgesehen war, so mischte man ... den Wein mit Wasser ...
Das Charakteristische des Trinkgelages ist nun, dass man eine bestimmte Anzahl von Krügen auf einmal austrinkt, und hierfür ist der technische Ausdruck . . . ad numerum bibere ... Man trinkt mit den Gemäßen entweder einem anderen zu, dem man den Becher hinreicht, worauf jener ihn dann ganz leeren muss, oder man bringt einen Trinkspruch oder eine Gesundheit aus, bei welcher soviele Gemäße erfordert werden, als der Name der gefeierten Person Buchstaben enthält; hauptsächlich kommt es immer darauf an, in einem Zuge und ohne abzusetzen den Becher so zu leeren, daß kein Tropfen zurückbleibt. [2]


Unter Beziehung auf die antiken Traditionen hat sich das Corps Symposion in Wien (ursprünglich Akademischer Geselligkeitsverein Symposion) im Jahre 1886 nach dem griechischen Trinkgelage benannt.

Christentum und Frühe Neuzeit

Blasius Mulitbibus, Jus Potandi, 1616

Das sich im Römerreich ausbreitende Christentum zeigte in seinem Abendmahl auch den Ansatz zu einer religiös motivierten, von einem Meister geleiteten Ess- und Trinkveranstaltung. So wurde das Abendmahl von der Jerusalemer Urchristengemeinde noch als tägliches gemeinsames Sättigungsmahl eingenommen. Der Apostel Paulus hörte jedoch bald von Entartungen der Gemeinde in Korinth, wo offensichtlich jeder seine eigenen Speisen und Getränke mitbrachte und sie für sich verzehrte, anstatt mit den Bedürftigen zu teilen und gemeinsam zu verzehren:

Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. [3]

Paulus wies die Gemeinde an, das Sättigungsmahl in Zukunft Familie für Familie allein zu Hause einzunehmen. Das Abendmahl wurde zum Ritual innerhalb des Gottesdienstes und nahm eine gänzlich andere Entwicklung als das antike Symposion.

Als durch Renaissance und Reformation knapp anderthalb Jahrtausende später der Einfluss der katholischen Kirche in weiten Teilen Europas zurückgedrängt wurde und das Interesse an der Antike wiedererwachte, zeigten sich auch wieder erste Ansätze von geleiteten Trinkveranstaltungen. So stammen erste Berichte von „Trinkerreichen“ aus dem 16. Jahrhundert.

Im Jahre 1616 erscheint in Leipzig die deutsche Bearbeitung des ursprünglich in London verlegten Buches Jus Potandi („Zechrecht“ oder „Trinkrecht“). Der Autor Richard Brathwaite (1588-1673) tritt dabei unter dem Pseudonym Blasius Multibibus („Vielsauf“) in Erscheinung.

Die deutsche Ausgabe Jus Potandi Oder ZechRecht hatte den Untertitel Darinnen von Ursprung, Gebräuchen, und Solenniteten, so wol auch von der Antiquitet, Effect und Wirckung des Zeichens und Zutrinckens, Auch was darinnen etwain sonsten vor Streitigkeiten verlauffen, so noch zur Zeit nicht decidirt, gar artig, und jetzige Welt Lauff nach, sehr lustig discurrirt wird.

Hospitium in Jena, Stammbuchmalerei um 1750: Der Gastgeber (links im Hausmantel mit Hausschlüssel) lässt seine Gäste trinken, „biß ihr unter dem tisch liegt“.

Der erste Bericht eines „Papstspiels“ stammt von 1644, das ritualisierte Trinkspiel „Fürst von Thoren“ ist 1697 zum ersten Mal belegt. Siehe auch: Bierstaat.

Die geleitete Privateinladung (Hospitium, Schmaus)

In Mitteleuropa war es besonders im 18. Jahrhundert üblich, dass ein Student seine ihm besonders lieben Kommilitonen zu sich nach Hause eingeladen hat, wo alle von den Wirtsleuten, bei denen der Student wohnte, möglichst aufwändig bewirtet wurden. Dabei wurde gegessen, getrunken und geraucht, manchmal sogar getanzt, oft fanden dann Fechtübungen der Teilnehmer statt. Diese Veranstaltungen nannte man „Hospitium“ (deutsch: „Gastfreundschaft“), „Gasterei“, „Schmaus“ oder „Commers“. In ihnen lag der Ursprung der Kneipe als geleitete Veranstaltung, da der Gastgeber (hospes) durch sein Hausrecht dabei eine besondere Rolle spielte. So konnte er seine Gäste, die von ihm freigehalten wurden, beliebig viel auf Kommando trinken lassen, was diese offensichtlich gern mit sich machen ließen. Als Abzeichen seiner Hausherrenwürde trug er - so zumindest auf Darstellungen des 18. Jahrhunderts zu sehen - einen Hausschlüssel und einen Morgenrock oder Hausmantel im Gegensatz zur Straßenkleidung seiner Gäste.

Auch zu den Regeln des Hospitiums gibt es schriftliche Veröffentlichungen. So erschien anonym im Jahre 1747 das Werk Das Hospitium oder Richtiger Beweis aller bey dem Hospitio üblichen Rechte und Gewohnheiten. Ein gewisser Martialis Schluck Raufenfelsensis recte C. Gleiß, Mitglied des Amicistenordens, publizierte im Jahre 1778 die Schrift Dissertatio de norma actionum studiosorum seu von dem Burschen-Comment, die auch einige Regeln zum Trinken enthielt.

Der Nürnberger Kupferstecher Johann Georg Puschner brachte im Jahre 1725 mehrere Kupferstiche über das Leben der Studenten in der Universität Altdorf heraus, in denen er typische Verhaltensweisen aufzeigte und teilweise moralisch kritisierte. Ein Blatt widmete er auch dem „Schmauß“, also der studentischen Privateinladung zu Speise und Trank. Zu jedem Blatt gab es passende Verse zur Erläuterung oder Ermahnung:

„Dendrono“ (Johann Georg Puschner), „Der sauffende Student“, Kupferstich von 1725
Der sauffende Student
Wann sich ein Musen-Sohn ermüdet im Studiren,
so darf er schon zur Lust, bisweilen ausspazieren.
Er zieht die Kleider an und gehet aus dem Hauß
besuchet einen Freund und sezet sich zum Schmauß.
Doch trinkt er mit Vernunfft und pfleget so zu leben
daß ers nicht wie ein Hund muß wieder von sich geben
Dann Säuffer ohne Maas, sind ärger als das Vieh
und machen sich verhast bey jeder Compagnie.

Die Veranstaltungen in den Privatunterkünften der Studenten bildeten auch den Ursprung des Wortes. Denn noch in den 1820er Jahren hieß die Wohnunterkunft des Studenten in seiner Universitätsstadt „Kneipe“.

Diese unkontrollierbaren Privateinladungen waren natürlich bei den Universitätsbehörden und bei den benachbarten Bürgern der jeweiligen Städte nicht gern gesehen. Viele Universitätsstatute des 18. Jahrhunderts verboten gar diese Form der Veranstaltung oder machten sie vom Rektor genehmigungspflichtig. Teilweise wurden alle Bürger - vor allem die an Studenten vermietenden - angehalten, um neun Uhr abends ihre Türen zuzusperren und auf gar keinen Fall zu öffnen, was Unruhe und Lärm erzeugende Abendveranstaltungen verhindern sollte. Das Wohnen in den noch von den mittelalterlichen Mauern umgebenen Städten war eng und Lärmisolierung unbekannt. Diese Privateinladungen fanden deshalb üblicherweise nachmittags statt.

„Dendrono“ (Johann Georg Puschner, Nürnberg) - „Der rauffende Student“, der Kupferstich von 1725 zeigt einen außer Kontrolle geratenen „Schmauss“ von Studenten der Universität Altdorf, der in einer wilden Rauferei endet.

Auch endeten diese Veranstaltungen nicht immer friedlich. Oft kam es zu ungezügelten Gelagen, die leicht in Streitereien und Auseinandersetzungen mit der blanken Waffe endeten. Die Universitätsgerichtsbarkeit beschäftigte sich häufig mit derartigen Fällen.

Eine solche Begebenheit schildert Puschner in seinem Kupferstich „Der rauffende Student“ von 1725, unter Bezugnahme auf das Studentenleben an der Universität Altdorf.

Der rauffende Student
Das weibliche Geschlecht, der Schmauss und tolles Sauffen,
bringt offt die Musen-Söhn zum Zanken u. zum Rauffen,
Ein bloßes Wörtlein richt so grossen Jammer an,
der sonst nicht, als durch Blut, gestillet werden kan.
Jedoch wie leicht geschichts, daß die entblösten Klingen
den einen Gegenpart, um Leib und Leben bringen?
Entflieht der Thäter dann, dem Weltlichen Gericht,
verläst denselben doch, das böß Gewissen nicht.

Die Strafe für die Exzesse folgte meist auf dem Fuße. In der Regel erschien der Pedell, ein Universitätsbediensteter, und schrieb die Vorladung zum Rektor an die Haustür des Betroffenen, etwa mit den Worten Dominus ad rectorem citatur (deutsch: „Der Herr wird zum Rektor zitiert.“). Oft drohte dabei die Relegation, also die Zwangsexmatrikulation.

Die Stimmung auf einem „Schmaus“ oder „Hospitium“ bringt ein aus dem 18. Jahrhundert überliefertes Studentenlied zum Ausdruck, das auch heute noch gern auf Kneipen gesungen wird. Es ist vermutlich aus einem Rundgesang entstanden, dessen Strophen ursprünglich improvisiert wurden:

Einige ausgewählte Strophen:

Ça, ça geschmauset
Ça, ça geschmauset, lasst uns nicht rappelköpfisch sein!
Wer nicht mithauset, der bleibt daheim.
Refrain: Edite, bibite collegiales, post multa saecula pocula nulla.
(frei übersetzt: „Esst und trinkt, Kommilitonen, in ferner Zukunft wird es keine Gelage mehr geben!“)
Der Herr Professor liest heute kein Kollegium,
Drum ist es besser, man trinkt eins rum.
Refrain
Trinkt nach Gefallen, bis ihr die Finger danach leckt.
Dann hat´s uns allen recht wohl geschmeckt.
Refrain
Auf, auf ihr Brüder! Erhebt den Bacchus auf den Thron
Und setzt euch nieder, wir trinken schon.
Refrain
(Text und Melodie unbekannter Herkunft)

Später wurden die beliebtesten Strophen standardisiert und in den Liederbüchern, den so genannten Kommersbüchern abgedruckt.

Entstehung und Entwicklung der studentischen Kneipe im 19. Jahrhundert

Kneipe als Gemeinschaftsveranstaltung

Kneipe des Corps Suevia Tübingen um 1815

Um die Wende zum 19. Jahrhundert suchten sich die neu entstandenen Verbindungen Gaststätten, wo sie unter sich, also quasi zu Hause, in ihrer „Kneipe“, waren, und legten Wert auf gemeinsame abendliche Veranstaltungen, an denen alle Mitglieder ohne besondere Einladung teilnahmen. Dabei leitete dann der Senior als Hausherr die Veranstaltung.

So bestimmten die Statuten des Corps Suevia Tübingen in der Fassung aus dem Jahre 1819:

Ein jedes Mitglied sey beflissen, in den Erholungsstunden soviel als Möglich zu gegenseitigen Erheiterungen beyzutragen, daher ermahnt wird, die Corpskneipe zur gewöhnlichen Stunde zu besuchen und nicht zerstreut in anderen hiesigen Kneipen sich aufzuhalten. Dabey wird noch jedem ernstlich aufgegeben, nie große Pumpen aufzuschlagen. Sie sollen eine vom Convent festgesetzte Summe nicht übersteigen. Durch das Ehrenwort ist jeder verpflichtet, Schulden an den Corpskneipier zu bezahlen. [4]

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich also eine verbindlichere Form der selbstverwalteten studentischen Zusammenschlüsse gebildet, die auf gemeinsame Freizeitgestaltung - zumindest in den Abendstunden - Wert legte und die durch basisdemokratische Conventsbeschlüsse positiven Einfluss auf das Verhalten der Studenten am Universitätsort zu nehmen versuchte. Die Entstehung dieser frühen Corps markiert die Entstehung des Verbindungsstudententums im heutigen Sinne. Die Kneipe als in der Gruppe organisierte studentische Veranstaltung spielte dabei eine große Rolle.

Die Kneipe als formelle Repräsentationsveranstaltung

Studentische Kneipszene um 1810
Göttinger Kneiperei 1816
Kneiptafel Marburger Burschenschafter 1828

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts bildeten sich auf dem Gebiet des Deutschen Bundes weitere Regularien bei der Durchführung abendlicher Trinkveranstaltungen. Der Formalismus wurde zunehmend komplexer. Es entwickelte sich eine spezielle Kultur, wobei sich einzelne Verbindungen, aber auch die sich im Laufe des Jahrhunderts unterschiedlich entwickelnden Verbindungstypen eigene Besonderheiten hervorbrachten.

Nur im Baltikum (Dorpat, Riga, aber teilweise auch in Moskau und Sankt Petersburg) wurde bis 1939 die alte, ungezwungenere Form vom Anfang des 19. Jahrhunderts beibehalten, was vereinzelt noch bis heute von baltischen Verbindungen in Deutschland gepflegt wird.

In der Habsburger Monarchie wurde durch das Metternich'sche Unterdrückungssystem die Entwicklung einer studentischen Verbindungskultur stark behindert, so dass hier erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wesentliche Elemente aus anderen deutschen Staaten übernommen wurden. Das betraf vor allem die Universitäten Wien, Graz, Innsbruck, Prag und Brünn, ab 1875 auch Czernowitz.

Die Kneipe als abendliche Trinkveranstaltung wurde die wesentliche, zentrale Veranstaltung des Verbindungslebens. Noch heute äußert sich die Persönlichkeit einer Verbindung vor allem in der Ausstrahlung, die eine von ihr veranstaltete Kneipe auf Verbindungsmitglieder und Gäste hat.

Georg Mühlberg: „Ein Prosit“ (um 1900), ein Verbindungsstudent beim Zuprosten auf einer Kneipe

Das war auch eine der Triebfedern im frühen 19. Jahrhundert: Die Kneipe als Repräsentationsveranstaltung der Verbindung. Zunehmend kam es in Gebrauch, dass Vertreter befreundeter Verbindungen aus anderen Universitätsstädten zu Gast waren. Auch kamen immer öfter ehemalige Studenten an den Studienort zurück, um mit ihrer alten Studentenverbindung gemeinsam zu feiern, die später so genannten „Alten Herren“. Das erforderte jetzt formelle Begrüßungen auf der Kneipe, die oft mit Zutrünken verbunden waren. Als besonders feierliche Form des Zutrinkens entwickelte sich der Schoppensalamander.

Diese Besuche stellten wiederum besondere Ereignisse dar, die in Kneipreden gewürdigt werden mussten. So ist bis heute die Rede eines Alten Herren (oft des Vorsitzenden des Altherrenvereins) Standardelement einer Kneipe. Neben den Begrüßungs- und Bedankungsformeln kam es zunehmend auf gesellschaftspolitischen und/oder wissenschaftlichen Inhalt der Reden an. Wobei im zeitlichen Verlauf der Kneipe zu vorgerückter Stunde eher die unterhaltenden Elemente in den Vordergrund traten.

Bei einigen jüngeren Verbindungen entstanden aus witzigen Redebeiträgen die so genannten „Biermimiken“ oder der „Fuchsen-Ulk“. Dabei können - oft von jüngeren Mitgliedern - humorvolle Gedichte oder Parodien vorgetragen werden, bis hin zu szenischen Vorführungen, quasi als „gespielter Witz“. (Siehe dazu auch: Bierstaat)

Ebenfalls im 19. Jahrhundert entwickelte sich die besonders förmliche und feierliche Veranstaltungsform des Kommerses. Ein Kommers wird nur zu seltenen Festlichkeiten veranstaltet und hat in der Regel deutlich mehr Teilnehmer als eine Kneipe. Er hat auch keinen inoffiziellen Teil. Hierzu wird in der Regel eine prominente Persönlichkeit als Festredner eingeladen, die an einem eigenen Rednerpult und nicht einfach am Biertisch steht.

Kneipdisziplin: Kneipe als Erziehungsmittel

C.W. Allers, Das deutsche Corpsleben, Beim Gesang, 1902

Während es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch vor allem darauf ankam, im Gegensatz zu den ausgelassenen Veranstaltungen des 18. Jahrhunderts der Veranstaltung Würde und Ernsthaftigkeit zu verleihen, stand im weiteren Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein weiterer Aspekt im Vordergrund. Durch die Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse 1848 waren die Verbindungen keine verbotenen Geheimgesellschaften wilder Jugendlicher mehr, sondern entwickelten sich zu etablierten Einrichtungen der außerfachlichen Erziehung des akademischen Nachwuchses. Besonders in der Kaiserzeit verließ sich die Gesellschaft darauf, dass die Verbindungen dafür sorgten, dass die jungen Studenten die Grundbegriffe des gesellschaftlichen Umgangs, der Etikette und der Selbstbeherrschung verinnerlichten.

Die Kneipe spielte dabei eine besondere Rolle. Hier kam es darauf an, die Formen einzuhalten und - besonders unter Alkoholeinfluss - niemals aus der Rolle zu fallen. Die ständige Herausforderung, die eigene Verbindung zu repräsentieren und öfter auch mal unvorbereitet als Gast eine Rede halten zu müssen, förderte die rhetorische Übung und die geistige Regsamkeit der Nachwuchsakademiker. Die Erziehungsfunktion der Kneipe wurde in den verbindungsstudentischen Veröffentlichungen gerade in der Kaiserzeit regelmäßig explizit hervorgehoben.

Für diese Auffassung gab es bereits antike Vorbilder. So führte Platon in seinem letzten Werk Nomoi (deutsch: „Gesetze“) aus, dass streng geleitete Trinkgelage die Selbstbeherrschung der Menschen übten und damit für die Entwicklung eines von ihm ausgearbeiteten Idealstaates förderlich seien. Diese Konzeption war den humanistisch gebildeten Studenten des 19. Jahrhunderts ausreichend bekannt.

Biercomment: Trinken als sozialverstärkendes Ritual

„Bierduell“ von Georg Mühlberg (1863-1925): Trinkspiele wie Bierjungen sind traditionell eher etwas für den inoffiziellen Teil einer Kneipe

Als sich um das Jahr 1800 die ersten Corps gründeten, die ältesten Verbindungen im heutigen Sinne, versuchten sie das Leben der Studenten intern durch ihre Constitutionen und verbindungsübergreifend für die gesamte Universität durch SC-Comments zu regeln. Die Gesamtheit der Corps an einem Ort, vereinigt im so genannten Senioren-Convent (SC), erließ also Bestimmungen, wie sich die Studenten sozialverträglich zu verhalten hatten, wobei die Regelungen zur Austragung von Duellen eine große Rolle spielten.

Diese Comments prägten das Leben an den deutschen Universitäten in den folgenden Jahren. Schon bald entstanden aber auch Parodien am Biertisch. Der Bier-Comment verulkte den SC-Comment. Aus der Strafe des SC-Verrufs wurde der Bierverschiss, aus dem Ehrengericht wurde das Biergericht, aus dem Ehrenwort das Bierwort. Die formalisierte Standardbeleidigung „dummer Junge“ wurde zum Bierjungen.

Auch Biercomments wurden bald schriftlich festgelegt. Der älteste erhaltene Biercomment stammt aus Tübingen und datiert in das Jahr 1815. Biercomments regelten weniger die Organisation einer Kneipe als Ganzes, sondern das Verhalten der einzelnen Trinker untereinander. Bei der Abfassung der Biercomments ging man davon aus, dass das „commentgemäße Getränk“ (in der Regel Bier, in der Frühzeit noch oft Wein) nie alleine getrunken wird, sondern nur gemeinsam. Wenn jemand auf das Wohl eines anderen trinkt, ist darauf zu achten, dass aus Gründen der Höflichkeit dieser Zutrunk auf jeden Fall erwidert werden muss. Aus diesen Grundregeln entwickelten sich schnell eine Reihe von Spielchen, die zum „feucht-fröhlichen Verlauf“ einer Kneipe beitrugen.

Auf diesen erwähnten Grundregeln fußt auch der bis heute bestehende Eindruck Außenstehender, dass es auf Kneipen einen Trinkzwang gebe. Dies stimmt dahingehend, dass einem Teilnehmer nach dem Biercomment schon vorgeschrieben wurde, wann er wieviel aus welchem Grund zu trinken hatte. Es gab aber auch andererseits Gründe, die davon befreiten. So konnte sich jeder, der sich zum Trinken nicht in der Lage sah, „bierkrank“ melden. Das war bereits in Jena 1815 verbrieft. Hier konnte man auch „wegen Kanone“, also aufgrund von erreichter Trunkenheit, vom Trinken Abstand nehmen.

„Pflanzschule der Büreaukratie“, ungeregelte Trinkexzesse deutscher Studenten in einer Karikatur von 1851

Da die Fröhlichkeit natürlich auch öfter exzessive Ausmaße angenommen hatte, gab es bald die ersten Gegenbewegungen. Die entstehenden christlichen Studentenverbindungen bekannten sich nun häufig zum so genannten Mäßigkeitsprinzip, welches einen übermäßigen Alkoholkonsum aber auch andere Ausschweifungen der damaligen Studenten ablehnte.

Was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Spaß begonnen hatte, wurde in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts immer ernster. In der Kaiserzeit wurde der Biercomment fester Bestandteil des offiziellen Comments einer Verbindung. Ein konsequentes Verstoßen gegen den Biercomment konnte die Entlassung aus der Verbindung zur Folge haben, da von einem Betroffenen angenommen werden musste, dass er nicht die von der damaligen Gesellschaft geforderte Integrationsfähigkeit in ein streng reglementiertes Gesellschaftssystem aufwies.

Im Jahre 1899 erschien Reclams allgemeiner deutscher Biercomment, der erstmals versuchte, die damals in jeder Universitätsstadt unterschiedlichen Biercomments zusammenzufassen und zu vereinheitlichen.

Aber spätestens seit dem Aufkommen der Jugendbewegung 1896 begann der gesellschaftliche Konsens hinsichtlich des Alkoholkonsums junger Männer zu bröckeln. „Gesundes Leben“ und „Zurück zur Natur“ waren die Stichworte der neuen Bewegung. Alkoholkonsum wurde nicht mehr von allen gesellschaftlichen Gruppen als natürlich und unverzichtbar betrachtet. Zum gleichen Zeitpunkt entstanden auch erste Zusammenschlüsse von Studenten (Freistudentenbewegung), die sich nicht an die alten Traditionen der Verbindungen anlehnten und eine Vertretung der Studenten unabhängig von Korporationen forderte. Seit dieser Zeit gab es Alternativen zum bisher als „typisch“ erachteten Studentenleben.

„Kneipe“ als Räumlichkeit

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam mit der zunehmenden Etablierung der Verbindungen und der Einbindung der Alten Herren in das Verbindungsleben der Wunsch nach einer eigenen Räumlichkeit auf, in der die jeweilige Verbindung unter sich war und sich nicht mit fremden Gastwirten auseinandersetzen musste. Die ältesten Quellen sprechen von einem „Heim“, was man sich bauen wolle, oder von einer eigenen „Kneipe“.

Ab den 1880er Jahren entstanden bis etwa 1912 die meisten Verbindungshäuser Deutschlands, in denen die Räumlichkeiten für Feiern und andere Veranstaltungen die Architektur dominierten. In dieser Zeit spezialisierten sich manche Architekturbüros geradezu auf den Bau von Verbindungshäusern, was dazu führte, dass sich manche ortstypischen Stile entwickelten, die die Handschrift des örtlichen Architekten trugen. Natürlich stellten Verbindungen damals andere Anforderungen an die Struktur eines Gebäudes als eine gutbürgerliche Familie.

Aktie der „Bonner Preußenkneipe“ über „Drei Hundert Mark“, gezeichnet von Kaiser Wilhelm II.

So ist in manchen Verbindungshäusern, die zu diesem Zweck gebaut wurden, heute die „große Kneipe“ der mit Abstand größte Raum, der auch schon mal über mehrere Stockwerke hoch sein kann. Ein Corpshaus in Erlangen hat in seiner großen Kneipe eine Deckenhöhe von neun Metern.

Ein solcher Kneipraum ist in der Regel mit Erinnerungsstücken der jeweiligen Verbindung dekoriert. Holzelemente sind mit Schnitzereien verziert, alte Bilder schmücken die Wände, manche Verbindungen sammeln die Bilder aller ihrer Mitglieder, die in zeitlicher Reihenfolge an die Wände gehängt werden.

Da nach dem Bau eigener Häuser auch die gastronomischen Dienstleister nicht mehr zur Verfügung standen, mussten sich die Verbindungen jetzt eigene Angestellte halten, die so genannten Faxe, auch Couleur- oder Corpsdiener.

20. Jahrhundert: Gesellschaftliche Polarisierung

Weimarer Republik

Nach dem Ersten Weltkrieg war in der Weimarer Republik das alte Weltbild des Kaiserreichs zusammengestürzt. Neue Ideen, die teilweise schon im Kaiserreich ihren Anfang genommen hatten, begannen sich durchzusetzen. Die Gesellschaft polarisierte sich. So erhielten zum Beispiel auch gesunde Ernährung und Sportlichkeit einen erhöhten Stellenwert. Der gesellschaftliche Wert exzessiven Trinkens wurde auch in den Kreisen der Studentenverbindungen zunehmend bezweifelt. Während der 1920er Jahre kam es in mehreren studentischen Verbänden zu offiziellen Feststellungen, dass es in den betreffenden Verbindungen keinen Trinkzwang gebe, ja nie gegeben habe. Dies wurde in der Öffentlichkeit mit ungläubigem Staunen aufgenommen und sorgte auf der einen Seite für Zustimmung, auf der anderen Seite aber auch für beißenden Spott. Während im 19. Jahrhundert der "trinkfeste Student" zu einem festen Topos in Literatur und Satire geworden war, gab es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zunehmend Karikaturen über studentische Alkoholabstinenz.

Als der Kösener Senioren-Convents-Verband in den 1920er Jahren erklärte, es gebe bei ihm keinen „Trinkzwang“, erschien in der Zeitschrift Simplicissimus vom 18. Juni 1928 eine Karikatur von Karl Arnold: Dort sitzt eine Gruppe von Corpsstudenten in einem Gartenlokal mit Saftgläsern und Obstschalen statt mit Bierkrügen. Dazu der Text (auszugsweises Zitat):

Walter Caspari: „Ein Unikum“, Karikatur von 1906: „Du, Vater, da ist ein Student, der ein Glas Milch verlangt!“ – „Wo ist er? Den muß ich mir anschau’n!“ (Spott über gesundheitsbewusste Studenten im 20. Jahrhundert)
Es steht ein Wirtshaus an der Lahn,
da hält kein Bierfuhrwerk mehr an-:
im Kösener S.C. ward
der Trinkzwang völlig abgeschafft---'
O Wotan, wie mir weh ward!
Vorbei der sel'ge Überschwang:
es herrscht der „Abstinenz-Komment“,
wer konnte sowas ahnen?
„Gestatten einen Yoghurt!“ „Ehrt!
Zieh' nach mit drei Bananen!“
Der Wirtin, zärtlich wie ein Reh.
der tut das leere Herz so weh,
Sie schluchzt: „Verfluchte Schose!
Die Kerle trainieren sich gesund,
und ich krieg die Chlorose!“


In der Münchner Zeitschrift Jugend erschien im Juni 1928 eine Karikatur von Erich Wilke mit dem Titel Trauer-Salamander, auf der Corpsstudenten während einer Kneipe mit ernster Miene vor ihren Bierkrügen stehen, die mit Trauerflor dekoriert sind. Der Senior spricht: Einem hohen Cösener S.C. hat es gefallen, den Trinkzwang abzuschaffen. Ich erwarte, daß trotzdem jedermann seine Pflicht tut.

Es kann davon ausgegangen werden, dass das tatsächliche Trinkverhalten der Studenten von derartigen Beschlüssen kaum beeinflusst worden ist.

Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Zeit für studentische Traditionen besonders auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung immer schlechter. So wurde die Freizeit der Studenten zunehmend mit Wehrsportübungen und nationalsozialistischen Schulungen ausgefüllt, deren Besuch Voraussetzung für das Studium war.

Studentische Formalismen wurden als Relikte einer „feudalen Gesellschaft“ betrachtet, die abgeschafft gehörten. Die vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund gegründeten Kameradschaften hatten andere Veranstaltungsformen, da spezielle studentische Traditionen nicht im Sinne der Machthaber waren. Da Studenten im wesentlichen dem wohlhabenden Bürgertum entstammten, galt die Pflege speziell studentischer Traditionen auch als Versuch, sich vom Rest des Volkes abzugrenzen. Die Nationalsozialisten wollten die Klassengegensätze jedoch zugunsten einer einheitlichen Volksgemeinschaft abschaffen, die sich wiederum aufgrund rassistischer Kriterien definiert. Die nationalsozialistische Propaganda warf deshalb den jüdischen Studentenverbindungen vor, mit Hilfe ihres Couleurs „Rassenmerkmale verdecken“ zu wollen.

Ausgelassene studentische Veranstaltungen, die mit dem Verzehr alkoholischer Getränke einhergingen, waren ein gern genutzter Angriffspunkt nationalsozialistischer Propaganda, wenn es um die Gleichschaltung der Studentenschaft ging. Hier konnte man sich der Zustimmung der „arbeitenden Bevölkerung“ sicher sein (siehe dazu: Göttinger Krawalle, Heidelberger Spargelessen). So sprach der Reichsjugendführer Baldur von Schirach anlässlich der Ereignisse um das „Heidelberger Spargelessen“ 1935 von der „abgrundtiefen Gemeinheit einer kleinen Clique von Korporationsstudenten, die lärmt und säuft, während Deutschland arbeitet“ und befahl allen Mitgliedern der Hitler-Jugend (HJ), die zugleich einer Verbindung angehörten, entweder ihre Korporation oder die HJ zu verlassen.

Der Antialkoholiker und Vegetarier Adolf Hitler selbst sprach sich am 15. Juli 1935 für den „langsamen Tod“ der Verbindungen aus. In rascher Folge kam es daraufhin zu Verboten und Selbstauflösungen von Verbindungen und ihren Dachverbänden.

Den Behörden und Parteigremien kamen jedoch immer wieder Gerüchte zu Ohren, dass in den nationalsozialistischen Kameradschaften alte, unerwünschte Traditionen weiter gepflegt würden, was zu Strafandrohungen führte. Funktionäre sprachen von „Erscheinungen, die sich in Ermangelung besserer Gedanken vielfach an Überlebtes anlehnen“, was eine „geistlose Nachahmung längst überlebter Formen“ darstelle. Dies war besonders in Leipzig, Würzburg, Freiburg im Breisgau, Tübingen und Bonn der Fall.

Die heimlichen verbindungsstudentischen Aktivitäten sollten gar zur Neugründung des offiziell aufgelösten Corps-Dachverbands Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) noch während des Krieges führen. Zu diesem Zweck trafen sich Vertreter der heimlich existierenden Corps aus Leipzig, Jena, Halle, Tübingen, Bonn und Würzburg auf der Rudelsburg, wo entsprechende Vereinbarungen getroffen wurden. Nach Unterzeichnung fand hier am 11. Juni 1944 ein Kommers mit 20 Teilnehmern statt, wie das Gästebuch des Corps Misnia Leipzig unter der Überschrift „Kommers auf der Rudelsburg“ vermerkt.

Einer der Höhepunkte der subversiven Traditionspflege war der gemeinsame Kommers aller heimlich bestehenden schlagenden Würzburger Verbindungen am 17. Juli 1944 auf dem Haus des Corps Rhenania Würzburg. Dies war eine besondere Provokation, denn genau zur gleichen Zeit feierte die Deutsche Studentenschaft in Anwesenheit des Reichsstudentenführers Dr. Gustav Adolf Scheel ihr 25jähriges Bestehen mit einer Großkundgebung - nur zwei Straßenzüge weiter. Zeitzeuge Hans Dörrie, Mitglied des Corps Rhenania, schrieb über den Kommers der Würzburger Verbindungen:

Über hundert Vertreter der einzelnen Verbindungen in Band und Mütze an den langen weißgedeckten Tischen in unserem Saal, das war ein herrliches farbenprächtiges Bild, das aller Herzen höher schlagen ließ. Knaup eröffnete den Kommers mit einer kurzen gelungenen Ansprache und trank das erste Glas Bier auf das Wohl unserer gemeinsamen Sache. ...
Es ist vielleicht absurd, Vergleiche zwischen dem Kommers auf unserem Haus und der Großkundgebung der Reichsstudentenführung zu ziehen. Es gehört eine große Portion Überzeugung vom eigenen Wert dazu, Opposition gegen eine numerisch tausendfache Überlegenheit zu machen. Aber diese Überzeugung vom eigenen Wert haben wir und werden darin immer sicherer, je mehr Kundgebungen und Proklamationen die Reichsstudentenführung veranstaltet. Wir haben die Stirn zu behaupten: auf der einen Seite (der Führung) ist das Wort, die Phrase, auf unserer Seite ist die Tat. [5]

Derartige Aktivitäten konnten nicht geheim bleiben. Die Aktion zur Neugründung des KSCV flog auf und die Gestapo strengte ein Verfahren unter anderem wegen Hochverrats an. Im Chaos der letzten Kriegsmonate kam es aber zu keinerlei Konsequenzen mehr.

Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches am Ende des Zweiten Weltkriegs begann der Aufbau der Universitäten mit erheblichen Schwierigkeiten. Die Ausstattung der universitären Einrichtungen und die wirtschaftliche Situation der Studenten waren desolat. An „fröhliches Studentenleben“ mit ausgelassenen Feiern war kaum zu denken. Trotzdem suchten die Studenten nach Formen des zeitgemäßen studentischen Zusammenlebens und kamen in Kontakt mit den Alten Herren der aufgelösten Studentenverbindungen.

Im Zeitalter des Neubeginns bestand aber nicht unerhebliches Misstrauen weiter Teile der Bevölkerung und der Universitätsleitungen in studentische Traditionen. Noch im Jahre 1949 erklärte die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) in ihrem Tübinger Beschluss: „Im Bilde der kommenden studentischen Gemeinschaft wird kein Platz mehr sein für Veranstaltungen von Mensuren, die Behauptung eines besonderen Ehrbegriffs, die Abhaltung geistloser und lärmender Massengelage, die Ausübung einer unfreiheitlichen Vereinsdisziplin und das öffentliche Tragen von Farben.

Diese Vorstellungen bestimmten das Bild: Kneipen als „geistlose und lärmende Massengelage“ und der Comment/Biercomment als „unfreiheitliche Vereinsdisziplin“. Trotzdem konnte die verbindungsstudentische Kultur an den Universitäten in Deutschland und Österreich wieder Fuß fassen. Noch zu Beginn der 1960er Jahre war rund jeder vierte männliche Student in Deutschland Mitglied in einer Studentenverbindung und feierte somit regelmäßig Kneipen und Kommerse.

Der nächste größere Einschnitt für die Weiterführung studentischer Traditionen war die Studentenbewegung, die ihren Höhepunkt 1968 erreichte. Nach dem Motto Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren wurden alle Traditionen in Frage gestellt. Die traditionsorientierten Verbindungen standen dabei auch im Blickfeld der Revolutionäre. Hinter allen Formalismen wurde reaktionäres Gedankengut vermutet. Ein weiteres Moment war die massive Vergrößerung der Universitäten in den 1960er und 1970er Jahren. Manche Universitäten verzehnfachten ihre Studentenzahlen. Da die Zahl der Verbindungsstudenten in dieser Zeit stagnierte oder sank, wurden die Verbindungsstudenten an den Universitäten zu einer Minderheit im einstelligen Prozentbereich. Die traditionelle studentische Kultur, die noch wenige Jahre zuvor in weiten Teilen auch der nicht-akademischen Bevölkerung präsent war, geriet in Vergessenheit.

Der Corpshistoriker Erich Bauer veröffentlichte 1964 die erste Auflage der internen Publikation Schimmerbuch für junge Corpstudenten, in der die corpsstudentische Tradition für die Nachkriegsgeneration bewahrt werden sollte. Er schrieb zur Kneipe:

Die offizielle Kneipe ist von jeher ein Eckpfeiler des Corpslebens gewesen, nicht wegen des damit verbundenen Bierkonsums, wie unsere Gegner behaupten, sondern als ein wesentliches Mittel der Corpserziehung und der Bindung untereinander. Denn nach alter Erfahrung führt eine richtig geleitete offizielle Kneipe die Aktiven unter sich und diese wieder mit der älteren Generation viel enger zusammen als jede andere gemeinschaftliche Veranstaltung. [6]

In der Weiterführung der Entwicklung aus den 1920er Jahren erhielt jedoch der Biercomment auch keine annähernd so große Bedeutung, wie er es noch im Kaiserreich hatte. Biercomments werden heute nur noch in halboffizieller Form aus Nostalgie und Traditionsbewusstsein sowie aus Übermut und jugendlicher Begeisterung von den jungen Studenten weiterhin praktiziert. An manchen deutschen Universitäten sind sie vollkommen unüblich geworden.

Kneipen und Kommerse in der DDR

Eine spezifische Erfindung der DDR-Studentenverbindungen: Bierkordeln

Nach Ansicht der sowjetischen Besatzungsmacht und der sozialistischen Führung der neu entstandenen DDR waren Studentenverbindungen und ihr Brauchtum ein Auswuchs der bürgerlichen Gesellschaft und ein Ausdruck ihrer Privilegien. Nun konnten die Kinder des Proletariats studieren, für Verbindungen war kein Platz mehr, sie verlegten sich in den Westen. Das Brauchtum wurde aus dem kulturellen Bewusstsein getilgt. Als sich in den 1960er Jahren vereinzelt Studenten für traditionelles akademisches Brauchtum zu interessieren begannen, gab es wenig Quellen zu dem Thema. Zuerst stand das Liedgut im Zentrum des Interesses, später auch die traditionellen Formen des Feierns wie Kneipe und Kommers. Erste Anwendungen der neu entdeckten Traditionen fanden in den katholischen und evangelischen Studentengemeinden statt, in denen besondere Freiräume herrschten, auch was das dort gesungene Liedgut und abgehaltene Feiern anging.

In den frühen 1980er Jahren bildeten sich zaghaft erste Ansätze der später so genannten DDR-Studentenverbindungen, die vorerst noch im Geheimen existieren mussten. Im Jahre 1987 gab es den ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Hierzu wurde die Veranstaltungsform des Kommerses gewählt.

Am 20. Juni 1987 richtete die Verbindung (später K.D.St.V.) Salana Jenensis den ersten „Allianzkommers“ der DDR-Studentenverbindungen auf der Rudelsburg aus. Bei dieser Veranstaltung waren nur 19 Teilnehmer anwesend, die teilweise mit Flößen und in Zinkbadewannen auf der Saale angereist waren. Damit sollte Bezug genommen werden auf die auf alten Darstellungen ersichtliche Tradition der Bootsfahrten auf der Saale. Dieser Kommers war die erste offizielle, bei der Polizei angemeldete traditionelle Studentenveranstaltung in der Geschichte der DDR.

Weitere Kneipen und Kommerse folgten, von der SED-Führung nur zaghaft toleriert. Der „Allianzkommers“ wurde ein Dauererfolg. Noch heute wird diese Veranstaltung jedes Jahr von der Rudelsburger Allianz, dem Zusammenschluss aller in der DDR gegründeten Studentenverbindungen, abgehalten.

Nach der deutschen Wiedervereinigung

Heute werden von den über 1000 Studentenverbindungen in Deutschland weiterhin formelle Kneipen veranstaltet, so wie auch in Österreich und der Schweiz. Im alltäglichen Verbindungsleben hält sich eine inoffizielle, stark vereinfachte Form des Biercomments, der im Wesentlichen gewisse Höflichkeitsformen beim Zutrinken und den weiterhin sehr beliebten Bierjungen umfasst.

Auch heute bekämpfen politisch eher links stehende Gruppierungen die Verbindungen an den Universitäten weiterhin vehement und versuchen mit verschiedenen Publikationen besonders die Studienanfänger vor einem Eintritt in eine Verbindung zu warnen. Die traditionelle Kneipe ist dabei einer der Angriffspunkte.

So schreibt u. a. das antifaschistische pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v. (apabiz) in ihrer Publikation Burschenschaften und Studentenverbindungen – Eine Handreichung zu Struktur, Inhalten, Geschichte und Hintergründen die Studenten zum Thema Kneipe:

Wer in eine Studentenverbindung eintritt, muss zunächst ihre tradierten Verhaltensregeln (Comment) erlernen. Dazu gehören auch Feierriten. So genannte Kneipen, bei denen nach festgelegten Regeln gesungen, gelacht und getrunken wird. Die Kneipe ist Erziehungsmittel und begünstigt den strukturellen Konservatismus der Studentenverbindungen. Das Mitglied lernt, sich in vorgegebenen Strukturen zu bewegen. [7]

Zum selben Thema schreibt die Grüne Hochschulgruppe Göttingen im Internet unter der Überschrift Ehre, Freiheit, Vaterland:

Regelmäßig wird sich zum „Kommers“ getroffen. Dieser ist unter anderem durch scheinintellektuelle Lateinzitat-Gespräche (die praktischerweise auswendig zu lernen sind) und festgelegten Saufritualen (damit mann nicht zuviel beim Bierheben nachdenken muss) geprägt -nicht umsonst,- oder doch?- lässt sich die Göttinger Burschenschaft Holzminda von Einbecker sponsern. Beim Kommers wird immer eine feste Ordnung eingenommen: Als Leihbursche [sic!] und Fux über Activita hat mann sich bis zum alten Herren hochzutrinken, so simulieren Burschenschafter auch gleich ihr angestrebtes berufliches rat-race weit entfernt von Schlagwörtern wie flache Hierachien [sic!], soft skills und team-Fähigkeit [sic!]. [8]

Quellen

  1. Cicero, Tusculanae disputationes 5, 14
  2. Karl Marquardt, Das Privatleben der Römer. Handbuch der römischen Altertümer Band 7, Leipzig 1886, Seite 331ff.
  3. 1. Korintherbrief, Kapitel 11, Vers 21
  4. Rolf-Joachim Baum (Hrsg.), „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute, Siedler-Verlag, Berlin 1998, Seite 154
  5. Rolf-Joachim Baum: Die Würzburger Bayern Teil 2. Corpsgeschichte in Bildern, München:Vögel 1985, Seite 312
  6. Erich Bauer, Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 4. Auflage 1971, Selbstverlag des Verbandes Alter Corpsstudenten (VAC), Seite 56
  7. antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e. v. (apabiz), „Burschenschaften und Studentenverbindungen – Eine Handreichung zu Struktur, Inhalten, Geschichte und Hintergründen“ http://www.apabiz.de/bildung/RefKat/BurschenschaftenStudentenverbindungen.pdf
  8. http://www.ghg-goettingen.de/html/wahlheft/burschi.html

Literatur

  • Rolf-Joachim Baum (Hrsg.), „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute, Siedler-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-88680-653-7
  • Erich Bauer, Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, o.O., 4. Auflage 1971 (nicht im Buchhandel erhältlich)
  • Erich Bauer, Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 7. Auflage 2000, Selbstverlag des Verbandes Alter Corpsstudenten (VAC) (nicht im Buchhandel erhältlich)
  • Harm-Hinrich Brandt und Mathias Stickler: Der Burschen Herrlichkeit - Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens, Historia Academica Bd. 36, Würzburg, 1998, ISBN 3-930877-30-9
  • Michael Doeberl, Otto Scheel, Wilhelm Schlink, Hans Sperl, Eduard Spanger, Hans Bitter, Paul Frank, (Hrsg.): Das akademische Deutschland, 4 Bände und ein Registerband, dieser bearbeitet von Alfred Bienengräber, Berlin, 1930–1931.
  • Paulgerhard Gladen: Gaudeamus igitur - Die studentischen Verbindungen einst und jetzt, München, Callwey, 1988, ISBN 3-7667-0912-7
  • Friedhelm Golücke et al. i. A. der Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte e.V.: Auf Deutschlands hohen Schulen, Fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1900, SH-Verlag, Köln, 1997, ISBN 3-89498-042-7
  • Robert Paschke: Studentenhistorisches Lexikon, GDS-Archiv für Hochschulgeschichte und Studentengeschichte, Beiheft 9, Köln, 1999, ISBN 3-89498-072-9
  • Gerhard Richwien: Student sein, eine kleine Kulturgeschichte, Gemeinschaft für Deutsche Studentengeschichte (GDS), Kleine Schriften der GDS 15, SH-Verlag, Köln, 1998, ISBN 3-89498-049-4
  • Friedrich Schulze/Paul Ssymank: Das deutsche Studententum von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, 4. Auflage 1932, Verlag für Hochschulkunde München
  • Hermann Schauenburg, Moritz Schauenburg (Hrsg.), Allgemeines Deutsches Kommersbuch, Ausgabe D., Morstadt Druck + Verlag, 162. Auflage, Januar 2004 (Erstausgabe 1858), ISBN 3-88571-249-0.

Siehe auch


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