Bilanzsuizid

Als Bilanzsuizid bezeichnet man einen Suizid, der auf einer rationalen Abwägung der Lebensumstände beruht.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft des Begriffs

Der Begriff wurde 1918 durch Alfred Hoche geprägt, der damit eine überlegte Suizidhandlung gesunder Menschen als Akt freier Willenshandlung charakterisieren wollte. Dabei wird die eigene Lebensbilanz als negativ gewertet und als Resümee der selbstgewählte Tod gesucht. Häufig anzutreffen ist der Begriff im Zusammenhang mit Selbsttötungen denen ein philosophischer Charakter zugeschrieben wird sowie mit Tötungen von alten Leuten (Alterssuizid) und unheilbar Kranken. Ein bedeutender Verfechter der Position des Suizids als Ausfluss einer freien Entscheidung war der Philosoph Jean Amery.

Gert Scobel umschreibt den Bilanzsuizid als einen Suizid von Leuten „deren Lebensbedingungen so aussichtslos und unwürdig geworden sind, dass sie deshalb mit dem Leben Schluss machen. Der Suizid oder Suizidversuch kann dann zum letzten Ausdruck persönlicher Freiheit werden, ohne dass eine psychosoziale Fehlentwicklung oder eine körperliche Erkrankung vorgelegen hat."[1]

Kontroverse um den Begriff

In der Forschung ist der Begriff des Bilanzsuizides bis heute umstritten. Stein fasst die Forschungsdebatte mit dem Hinweis zusammen, dass es nicht zu beantworten sei, „ob es einen Bilanzsuizid in gleichsam reiner Form gibt“[2] Im Zentrum der Kontroverse um den Begriff steht die Feststellung, dass der Suizid meist die Konsequenz eines Leidens ist, woran sich die Frage anknüpft, „ob ein Mensch, der - in welcher Form auch immer - leidet, in seinem Willen vollkommen frei sein kann“.

Viktor Frankl spricht sich daher beispielsweise dafür aus, die Bezeichnung Bilanzsuizid ausschließlich für die Sicht des Betroffenen zu verwenden.[3]Klaus Dörner behauptet, ihm sei noch kein einziger Fall einer Selbsttötung bekannt geworden, der als Bilanzsuizid hätte bezeichnet werden können, und schloss daraus, dass es einen kalkulierten Suizid nicht gebe. Bilanzsuizide existiert nach seiner Auffassung daher nur im individuellen Empfinden der Suizidenten. [4] Albin Eser nennt den Bilanzsuizid „eine (subjektiv als negativ) empfundene Lebensbilanz“.[5] Der Theologe Klaus-Peter Jörns sieht dagegen im Bilanzsuizid eine Kreation der Umwelt des Suizidenten, die alle Verantwortung abschütteln will. Ursache aller Suizide seien zerbrochene Lebensbeziehungen, deren Scheitern in keinem Fall der freien Entscheidung unterliege.[6]

Stein schlägt vor, das Element der Bilanz zumindest als ausschlaggebendes Moment im Zusammenhang eines breiteren Ursachengeflechts zu sehen. Daher sei nicht nur eine grundsätzliche Ablehnung der Anerkennung von selbsterklärten Bilanzsuiziden als freie Handlung falsch, es müsse sogar davon ausgegangen werden, dass selbst vielen Suiziden die aus erkennbar pathologischen Beweggründen begangen wurden ein bilanzierendes Moment zugrunde liegt: „In letzte Konsequenz finden wir aber auch bei vielen Suiziden im Rahmen von Krisen oder eindeutig diagnostizierten psychischen Erkrankungen mehr oder weniger stark ausgeprägte bilanzierende Elemente wenn eben die zunehmende Einschränkung der Lebensperspektive durch die Krankheit oder im Rahmen des Krisengeschehens antizipiert wird.“[7]

Literatur

  • Klaus Dörner: Suizid – Schnittpunkt des Rechts zu leben und des Rechts zu sterben. In: Eckhard Frick, Thomas Giernalczyk: Suizidalität. Deutungsmuster und Praxisansätze. Regensburg 1993, S. 1–10.
  • Albin Eser: Erscheinungsformen von Suizid und Euthanasie – Ein Typisierungsversuch. In: Albin Eser (Hrsg.): Suizid und Euthanasie als human- und sozialwissenschaftliches Problem. Stuttgart 1976, S. 4–11.
  • Thomas Klie, Johann-Christoph Student: Sterben in Würde. Auswege aus dem Dilemma der Sterbehilfe. Herder, Freiburg i. Br. 2007.
  • Viktor Emil Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. 10. Auflage. Wien 1982.

Einzelnachweise

  1. Scobel: Suizid. Freiheit oder Krankheit? In: Henseler (Hrsg.): Selbstmordgefährdung. Zur Psychodynamik und Psychotherapie. 1981.
  2. Stein: Spannungsfeld der Krisenintervention. 2009, S. 106.
  3. Viktor Emil Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. 10. Auflage. Wien 1982, S. 66.
  4. Suizid – Schnittpunkt des Rechts zu leben und des Rechts zu sterben. In: Eckhard Frick, Thomas Giernalczyk: Suizidalität. Deutungsmuster und Praxisansätze. Regensburg 1993, S. 1–10.
  5. Erscheinungsformen von Suizid und Euthanasie – Ein Typisierungsversuch. In: Albin Eser (Hrsg.): Suizid und Euthanasie als human- und sozialwissenschaftliches Problem. Stuttgart 1976, S. 6.
  6. Jörns, Klaus-Peter: Nicht leben und nicht sterben können. Suizidgefährdung – Suche nach dem Leben. 2. Auflage. Göttingen 1986, S. 38 f.
  7. Stein: Spannungsfeld der Krisenintervention. 2009, S. 106.

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