Bildungsbürger

Unter dem Begriff Bildungsbürgertum versteht man eine seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa neu entstandene einflussreiche Gesellschaftsschicht, die sich durch humanistische Bildung, Literatur, Wissenschaft und Engagement im Staate auszeichnete.

Im Bildungsbürgertum sind akademische und freie Berufe besonders stark vertreten: Professoren, Pastoren, Lehrer, Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Kaufleute, Musiker, Künstler, Ingenieure, leitende Beamte usw. Diese Berufsgruppen waren durch ein neuartiges Merkmal verbunden: Sie alle waren (zumindest ihrer Rechtfertigungscharismatik nach) in ihre beruflichen (und damit auch gesellschaftlichen) Positionen nicht aufgrund eines geburtsständischen Anrechts, sondern aufgrund eigener Leistung gelangt.

Ursache für die Herausbildung dieser Schicht war der spätabsolutistische Verwaltungsstaat, der für seine Reformtätigkeit eine große Zahl gut ausgebildeter Beamter benötigte, die das alte System nicht hervorzubringen vermochte. Leitgedanke dabei waren die kulturellen Ideen der Weimarer Klassik, wobei insbesondere Johann Wolfgang von Goethe, der von 1779 bis 1786 in Weimar als Minister wirkte, zu nennen ist, sowie Schillers Programm einer ästhetischen Erziehung (Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 1795). Um in Deutschland einen gewaltsamen revolutionären Umsturz mit dessen grausamen Folgen zu vermeiden, war es ihre Idee, durch ausgedehnte kulturelle Bildung einen gemäßigten, langsamen Übergang herbeizuführen, durch den "kultivierte" Mitglieder des Bürgertums in politische Funktionen gelangen konnten.

Im Rahmen dieser Politik richtete der Staat Bildungsanstalten ein, deren Zahl besonders in den größeren deutschen Staaten im Verhältnis zum übrigen Europa beachtlich war. Die jeweiligen Staaten wussten sich die Loyalität dieses entstehenden Bildungsbürgertums dadurch zu sichern, dass die zu besetzenden Verwaltungspositionen zusätzlich durch Steuerprivilegien, Befreiung vom Kriegsdienst und Bevorzugung vor Gericht aufgewertet wurden. Auf diese Weise entstand eine neue außerständisch-bürgerliche Schicht, die sich weder politisch noch wirtschaftlich, sondern administrativ-kulturell definierte und somit entscheidend zur Entwicklung einer gesamtdeutschen Nationalidee auf kultureller Basis beitrug.

Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderters zeichnet sich laut Klaus Vondung durch folgende Charakteristika aus:

  • akademische Ausbildung
  • "In-group-Verhalten", hervorgebracht durch ähnliche Bildungswege; über dieses Verhalten grenzte sich die Schicht von anderen sozialen Teilgruppen ab - von einigen Forschern wird das als Reetablierung neo-aristokratischer Gesinnungsmomente, wie etwa das Denken in Standesgemäßheit und Abstammung, gesehen
  • hohe Selbstrekrutierung
  • gesellschaftliches Prestige ist wichtiger als wirtschaftliche Prosperität
  • überwiegend protestantische Konfession
  • gilt als "kulturelle Elite"
  • besetzt Berufe, die die bürgerlichen Ordnungsentwürfe weitervermitteln und so sozial dominant werden lassen

In Deutschland entwickelte sich zuerst das Bildungsbürgertum, erst mit dem Beginn der Industrialisierung in Deutschland (ab 1850) gewann das Wirtschaftsbürgertum an Einfluss. Damit entwickelte sich das deutsche Bürgertum grundsätzlich anders als in den Nachbarstaaten Frankreich und England - für das Bürgertum dieser Länder war die Teilhabe an wirtschaftlicher Macht der zentrale Punkt. Über diese konnten sie als Vertreter der Allgemeinheit die Teilhabe an politischer Macht fordern. Das deutsche Bildungsbürgertum begann erst im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, politisch aktiv zu werden. Die von ihm initiierte 1848er Revolution scheiterte allerdings, das Bildungsbürgertum trat noch zu uneinig auf. Nach dem Scheitern der Revolution zog es sich aus der Politik zurück (Biedermeier), erst in den 1860er Jahren kehrte diese Schicht in das öffentliche Leben zurück. Der sich daraus ergebene Unterschied in der innenpolitischen Entwicklung Deutschlands und z.B. Frankreichs (und das Verharren Russlands im Absolutismus andererseits) wird oftmals als Ursache für die Logik des Deutschen Sonderwegs gesehen, und damit einen der ideologischen Faktoren für den Ersten Weltkrieg.

Interessant ist die Unterscheidung zwischen den französischen Begriffen Citoyen (etwa: Staatsbürger, Bildungsbürger) und Bourgeois (etwa: Besitzbürger, Herrschaftsbürger). Der gebildete Citoyen denkt im Gegensatz zum typischen Besitzbürger nicht nur an sich selbst und das Geld, wobei ein überdurchschnittliches Einkommen bzw. Vermögen in diesen Kreisen meist vorausgesetzt wird. Als Kapital wird in diesen Kreisen das Vorhandensein von Wissen, Beziehungen und Verbindungen verstanden, was sie als das ursprünglichere und bedeutendere Kapitalvermögen begreifen als das Geldkapital. Kaufleute oder gar Handwerker finden nur schwer Anerkennung in diesen intellektuellen Kreisen.

Insbesondere die gesellschaftliche Relevanz, die dem Bildungsbürgertum als Deutungselite kultureller Erscheinungen zukam, ist sehr hoch zu bewerten. Dies hängt in großem Maße mit der dominierenden Stellung sowohl in Universität und den Schulen, wie auch in der Produktion und Verbreitung einer öffentlichen Meinung zusammen. Durch diese Gatekeeperfunktion baute das Bildungsbürgertum Bildungs- und Sprachbarrieren auf, die es zu einer elitären Schicht werden ließ, zu der Ungebildete nur schwer Zutritt gewannen. Andererseits übernahmen Bildungsbürger oft auch Verantwortung für die Gemeinschaft und die Erziehung.

Als besondere Beispiele für Bildungsbürger des 20. Jahrhunderts werden gelegentlich die Schriftsteller Thomas Mann, Jochen Klepper oder die Familie Weizsäcker genannt.

Zudem ist mittlerweile in der Unterhaltungs- und Trivialkultur ein pauschalisierter Begriff von Bildungsbürgertum und bildungsbürgerlich gebräuchlich, der sich abwertend gegen (nach Ansicht der Sprecher) übertrieben kulturell interessierte und gebildete Menschen richtet.

Auch im Sprachgebrauch mancher Geisteswissenschaftler hat der Begriff einen spöttischen, abwertenden Beiklang. Er steht hier für Halbwissen und philologischen Dilettantismus.

Siehe auch

Literatur

  • Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungmusters . Insel, Frankfurt am Main 1994, Suhrkamp 1996, ISBN 3-518-39070-8
  • Werner Conze, Jürgen Kocka (Hrsg.): Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert. Klett-Cotta, Stuttgart
    • 1. Bildungssystem und Professionalisierung in internationalen Vergleichen. 1985, ISBN 3-608-91254-1.
    • 2. Bildungsgüter und Bildungswissen. 1990
    • 3. Lebensführung und ständische Vergesellschaftung. 1992, ISBN 3-608-91558-3.
    • 4. Politischer Einfluß und gesellschaftliche Formation. 1989
  • Lothar Gall: Bürgertum, liberale Bewegung und Nation. Ausgewählte Aufsätze. Orbis-Verlag, München 2000, ISBN 3-572-01175-2.
  • Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Campus Verlag, Frankfurt/M. 2002, ISBN 3-593-37151-0.
  • Malte Herwig: Eliten in einer egalitären Welt. wjs-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-937989-11-0. (Website zum Buch)
  • Oskar Köhler: Bürger, Bürgertum. In: Staatslexikon. Herder, Freiburg/B.
    • 1. 1985, ISBN 3-451-19301-9 Sp. 1040 ff. (mit weiterführender Literatur)
  • M. Rainer Lepsius: Bürgertum und Bildungsbürgertum. In: Demokratie in Deutschland. Göttingen 1993, ISBN 3-525-35763-X.
  • Pia Schmid: Deutsches Bildungsbürgertum. Bürgerliche Bildung zwischen 1750 und 1830. Diss., Universität Frankfurt/M. 1984.
  • Klaus Vondung (Hrsg.): Das wilhelminische Bildungsbürgertum. Zur Sozialgeschichte seiner Ideen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976, ISBN 3-525-33393-5.

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