Bileams Esel
Bileam und der Engel, Gemälde von Gustav Jaeger, 1836

Bileam (auch als Balaam bekannt), der Sohn der Beor, ist ein am Euphrat wohnender Prophet. Er will trotz Gottes eindeutigem Missfallen die Israeliten für Geld in Gottes Namen verfluchen, aber gemäß der biblischen Erzählung muss er entgegen seiner zwischenzeitlichen Absicht Israel segnen.

Inhaltsverzeichnis

Biblische Überlieferung

Im 4. Buch Mose (Numeri) 22-24 des Alten Testaments wird berichtet, dass Balak, der König der Moabiter Bileam bittet, den bedrohlichen Vormarsch Israels aus Ägypten durch einen Fluch zu stoppen. Bileam wehrt zunächst ab, reitet dann aber auf seiner Eselin los, die vor einem Engel mit Schwert auf dem Weg zurückscheut. Als sie deswegen geschlagen wird, verleiht ihr Jahwe die Stimme, und sie beschwert sich bei ihrem Herrn. Unter Darbringung von Opfern gerät der erwünschte Fluch zu einem dreimaligen Segen, worauf Bileam die Flucht ergreift, nachdem er seinen Auftraggebern den Untergang prophezeit hat.

Nach jüdischer Sicht ist die Episode mit der sprechenden Eselin weit mehr als ein bloßes Märchen. Zunächst können die Verse 20-35 im Kapitel 22 als Traumgesicht von Bileam verstanden werden. Das sprechende, demütige Lasttier ist eine dramaturgische Antithese zum bisweilen arrogant auftretenden Bileam, dient aber hauptsächlich als Plädoyer gegen Tierquälerei. Dazu ein Kommentar von Maimonides:

Unsere Weisen haben festgestellt, dass es in der Torah ausdrücklich verboten ist, einem Tier Schmerzen zu verursachen, und dass dieses Verbot auf dem Satz beruht: Warum hast du deine Eselin geschlagen?

Nach 4. Mose (Numeri) 31 wird Bileam wegen Wahrsagerei und als Volksverführer getötet.

Archäologisches Indiz

1967 wurden bei Ausgrabungen am Tell Der-Alla (Sukkoth im Jordantal, heute Jordanien) ein außerbiblisches Indiz für die Geschichtlichkeit des Bileam gefunden: Putzfragmente mit einer aramäischen Inschrift, die mit der Radiokarbonmethode auf 816 v.Chr. ± 70 Jahre (uncal.) datiert wurden (Biblical Archaeology Review, September/Oktober 1985).

Inschrift [Bi]leams[, des Sohnes Beor]s, des Mannes, der ein Seher der Götter war. Siehe, die Götter kamen des Nachts zu ihm ... gemäß dem Spruch Els. Und sie sprachen zu [Bilea]m, dem Sohn Beors, so: Ein jeder wir machen ohne... Da stand Bileam am Morgen auf...Er weinte bitterlich und Eliqa (oder: Sein Volk) kam zu ihm [und sprach: Waru]m weinst du? Und er sprach zu ihnen: Nehmt Platz! Ich werde euch verkünden, was Sch[agar...] Und kommt, seht das Werk der Götter...Die Götter versammelten sich, die Schaddaigötter traten zur Versammlung zusammen und sagten zu Scha[gar]: (Es folgt eine Besänftigung der Göttin Schagar durch die anderen Götter)[1]

Deutungen

Eine wichtige Prophezeiung Bileams ist die im 4. Buch Mose (Numeri), Kapitel 24, Vers 17, beschriebene: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen“. Im Judentum meist auf König David bezogen, wird diese Stelle im Christentum als Hinweis auf das Kommen von Jesus Christus gedeutet. Die Weisen aus dem Morgenland könnten diese Prophezeiung gekannt haben, was sie dazu bewog, sich beim Erscheinen des Sternes nach Israel aufzumachen und diesen „König“ zu suchen (vgl. die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland im Evangelium des Matthäus, Kapitel 2).

Siehe auch

Literatur

  • Ludwig Schmidt, Peter Schäfer: Art. Bileam I. Altes Testament II. Judentum. In: Theologische Realenzyklopädie 6 (1980), S. 635-640 (mit weiterer Lit.)
  • Walter Gross: Bileam. Literar- und formkritische Untersuchung der Prosa in Num 22-24. Studien zum Alten und Neuen Testament 38. Kösel, München 1974. ISBN 3-466-25338-1
  • Dieter Vetter: Seherspruch und Segensschilderung. Ausdrucksabsichten und sprachliche Verwirklichungen in den Bileam-Sprüchen von Numeri 23 und 24. Calwer theologische Monographien A/4. Calwer Verlag, Stuttgart 1974.
  • George W. Coats: The Way of Obedience. Traditio-Historical and Hermeneutical Reflections on the Balaam Story. In: Semeia 24 (1982), S. 53-79
  • Hedwige Rouillard: La Péricope de Balaam (Nombres 22 - 24). La prose et les „oracles“. Études bibliques N.S. 4. Gabalda, Paris 1985. (526 S.) ISBN 2-85021-015-3
  • Otto Betz: Die Bileamtradition und die biblische Lehre von der Inspiration. In: Manfred Görg (Hrsg.): Religion im Erbe Ägyptens. FS Alexander Böhlig. Ägypten und Altes Testament 14. Harrassowitz, Wiesbaden 1988, S. 18-53.
  • Michael S. Moore: The Balaam Traditions. Their Character and Development. Dissertation Series 113. Scholars Press, Atlanta GA 1990. ISBN 1-55540-327-1
  • John T. Greene: The Balaam Figure and Type before, during, and after the Period of the Pseudepigrapha. In: JSPE 8 (1991), S. 67-110.
  • John T. Greene: Balaam and his Interpreters. A Hermeneutical History of the Balaam Traditions. Brown Judaic Studies 244. Scholars Press, Atlanta GA 1992. ISBN 1-55540-690-4
  • Louis H. Feldman: Josephus' Portrait of Balaam. In: Studia Philonica Annual 5 (1993), S. 48-83.
  • Meindert Dijkstra: Is Balaam Also Among the Prophets? In: Journal of Biblical Literature 114 (1995), S. 43-64.
  • Meindert Dijkstra: The Geography of the Story of Balaam. Synchronic Reading as a Help to Date a Biblical Text. In: Johannes C. De Moor (Hrsg.): Synchronic or Diachronic? A Debate on Method in Old Testament Exegesis. Oudtestamentische Studiën 34. Brill, Leiden u.a. 1995, S. 72-97.
  • Bruno Landthaler und Hanna Liss: Der Konflikt des Bileam. Irreführungen in der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig. In: Zeitschrift für Germanistik 2/1996. S.384-398
  • Horst Seebass: Zur literarischen Gestalt der Bileam-Perikope. In: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 107 (1995), S. 409-419.
  • Martin Rösel: Wie einer vom Propheten zum Verführer wurde. Tradition und Rezeption der Bileamgestalt. In: Biblica 80 (1999), S. 506-524.
  • Andreas Schüle: Israels Sohn - Jahwes Prophet. Ein Versuch zum Verhältnis von kanonischer Theologie und Religionsgeschichte anhand der Bileam-Perikope (Num 22-24). Altes Testament und Moderne 17. Lit-Verl., Münster/Hamburg u.a. 2001 ISBN 3-8258-5590-2
  • Erasmus Gaß: Ein Stern geht auf aus Jakob. Sprach- und literaturwissenschaftliche Analyse der Bileampoesie. Arbeiten zu Text und Sprache im Alten Testament 69. EOS-Verl., St. Ottilien 2001.
  • Louis H. Feldman: Philo's Version of Balaam. In: Henoch 25 (2003), S. 301-319.
  • Ludwig Schmidt: Bileam. Vom Seher zum Propheten Jahwes. Die literarischen Schichten der Bileam-Perikope (Num 22-24). In: Markus Witte (Hrsg.): Gott und Mensch im Dialog. Festschrift für Otto Kaiser zum 80. Geburtstag. Bd. 1. Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 345. de Gruyter, Berlin 2004, S. 333-351.
  • Rüdiger Bartelmus: Von Eselinnen mit Durchblick und blinden Sehern. Numeri 22,20-35 als Musterbeispiel narrativer Theologie im Alten Testament. In: Theologische Zeitschrift 61 (2005), S. 27-43.


Zur Bileam-Inschrift

  • Helga u. Manfred Weippert: Die „Bileam“-Inschrift von Tell Der `Alla. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 98 (1982), S. 77-103.
  • Hans-Peter Müller: "Die aramäische Inschrift von Deir 'Alla und die älteren Bileamsprüche". In: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 94 (1982), S. 214-244.
  • Jo Ann Hackett: The Balaam Text from Deir 'Alla. Harvard Semitic Monographs 31. Scholars Press, Chico CA 1984.
  • Mathias Delcor: "Le texte de Deir 'Alla et les oracles bibliques le Bala'am" (1981). In: Ders.: Environnement de l'Ancien Testament. Alter Orient und Altes Testament 228. Butzon & Bercker u.a., Kevelaer 1990, S. 46-67.
  • J. Hoftijzer (Hrsg.): The Balaam Text from Deir 'Alla Re-Evaluated. Proceedings of the International Symposium Held at Leiden, 21-24 August 1989. Brill, Leiden u.a. 1991.
  • René Vuilleumier: "Bileam zwischen Bibel und Deir 'Alla". In: Theologische Zeitschrift 52 (1996), S. 150-163.
  • Henk Franken: "Balaam at Deir 'Alla and the Cult of Baal". In: Tomis Kapitan (Hrsg.): Archaeology, History and Culture in Palestine and the Near East. Essays in Memory of Albert E. Glock. ASOR Books 3. Scholars Press, Atlanta GA 1999, S. 183-202.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Text in der Übersetzungen von André Lemaire und Karl Jaroš (Buchstaben in Klammern sind Ergänzungen von fehlenden Teilen)

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