Billiglohnland
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Der Begriff Niedriglohnland bezeichnet ein Land, in dem große Teile des Bruttosozialprodukts durch niedrig entlohnte Arbeitskräfte erbracht werden. Der Begriff ist eine pauschalisierende Wertung und damit zum Teil irreführend. Einerseits gibt es auch in Niedriglohnländern hochbezahlte Fach- und Führungskräfte, andererseits gibt es Niedriglöhne auch in hochentwickelten Industrienationen, darunter in den USA und zunehmend auch in Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Ländervergleich

Als klassische „Niedriglohnländer“ gelten vor allem die aufstrebenden asiatischen Nationen, darunter China, Indien, Thailand, Indonesien usw., aber daneben auch die meisten Länder in Lateinamerika und Afrika und einige Länder in Osteuropa trotz einer geringeren Wirtschaftskraft oder geringerer Bedeutung für den Welthandel. Diese Länder bieten durch extrem niedrige Lohnkosten und auch hoch qualifizierte Spezialisten vermeintlich oder wirklich hohe Ersparnispotentiale für Unternehmen aus „Hochlohnländern“.

So standen im Jahr 2004 dem üblichen Monatsgehalt von mehr als 4.000 Euro eines Software-Entwicklers in Deutschland ein durchschnittliches Monatseinkommen von 850 Euro in Lettland, 450 Euro in Indien, oder gar nur 50 bis 150 Euro in einem der Tigerstaaten oder der Pantherstaaten Südostasiens gegenüber.

Andererseits können Arbeiter aus Niedriglohnländern mit einer Tätigkeit im Ausland ihre Familien unterstützen. Umgekehrt lässt der Kaufkraftunterschied Fachkräfte in den Niedriglohnländern aus Sicht der Hochlohnländer vergleichsweise billig erscheinen.

Seit der tiefgreifenden Arbeitsmarktreformen in Deutschland fällt das Lohnniveau besonders für Hilfs- und Saisonarbeiter. Dies geht einher mit einem Rückgang polnischer Erntehelfer in Deutschland. So seien im Jahr 2005 noch 23.500 polnische Mitarbeiter für Kurzzeiteinsätze an bayerische Landwirte vermittelt worden, im Jahr 2007 waren es nur noch 15.300 polnische Hilfskräfte. Martin Wunderlich, Sozialreferent des Bayerischen Bauernverbandes sieht deutsche Arbeitgeber in Konkurrenz zum englischen, irischen, portugiesischen und spanischen Arbeitsmarkt. In vielen EU-Ländern gäbe es generell keine zeitliche Begrenzung mehr und die 2005 eingeführte Sozialversicherung für Saisonarbeit verteuere die Arbeit bei gleichen Lohnzahlungen zusätzlich.[1] Aber auch um osteuropäische Fachkräfte konkurriert Deutschland mit Schweden, Irland oder die Niederlande die oft gleichwertig oder besser bezahlen.

Infrastrukturelle Faktoren für die Entstehung eines Niedriglohnniveaus

Die meisten Länder mit niedrigen Lohnniveaus haben folgende Faktoren gemeinsam:

  • Überwiegend landwirtschaftliche Prägung
  • Niedriges Bildungsniveau
  • Hohe Arbeitslosigkeit
  • Geringe Organisierung der Arbeitnehmer in Gewerkschaften oder Interessensvertretungen

Chancen und Risiken im globalisierten Wettbewerb

Das Lohngefälle zwischen Industrienationen und Niedriglohnländern bietet Unternehmen in Industrienationen Anreize zum Outsourcing, Offshoring oder Nearshoring, obgleich ihm auch hohe Risiken gegenüberstehen, welche die vermeintlichen Kostensenkungen konterkarieren können.

Chancen der Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer

  • Vorteilhaft ist u.a. die Chance auf Wirtschaftswachstum und Entstehung zahlreicher Arbeitsplätze - auch in wirtschaftlich benachteiligten Regionen;
  • Während in Industrieländern niederwertige Arbeit und teilweise ganze Produktionsprozesse aus Gründen der Kostenersparnis an Outsourcing- und Subunternehmen ausgelagert werden, erlaubt es die Lohnstruktur der meisten Niedriglohnländer, diese Aufgaben im eigenen Unternehmen zu halten.
  • Günstige Preise für Verbraucher.

Risiken der Niedriglohnländer

  • Signifikanter Mehraufwand für Kommunikation, Koordination, technische Infrastruktur.
  • Erhebliche geopolitische Unsicherheiten (regionale Nachbarschaftskonflikte, Rassenunruhen, Terrorgefahren, religiös motivierte Konflikte)
  • Massive Infrastrukturprobleme (Gesundheitsversorgung, hygienische Zustände, Strom- und Wasserversorgung, Verkehrswegeanbindung)
  • Starke Mitarbeiterfluktuation
  • Führungsprobleme (ergänzend auch Weigerung des Managements oder der Familienangehörigen zum Wohnortwechsel)
  • Kulturelle Unterschiede und sprachliche Schwierigkeiten, die oft Missverständnisse auslösen.
  • nachteilig das häufige Fehlen von Arbeitsschutz und Arbeiterrechten, was die soziale Problematik mittelfristig verstärken kann, sowie Probleme mit einseitigen Import-Export-Verhältnissen und im Umweltschutz (Mangel an entsprechenden Regelungen).
  • Ein Sonderfall der Thematik ist die Maquila-Industrie in Lateinamerika. Sie hat beispielsweise den Norden Mexikos zu einer äußerst dynamischen Wirtschaftszone gemacht, hat aber schlechte Arbeitsbedingungen, soziale Spannungen und Umweltverschmutzung im Gefolge.

Bemühungen um eine Verbesserung für Beschäftigte

Viele Transnationale Unternehmen (TNU) sind inzwischen bemüht, bei ihren Lieferanten die Einhaltung von Sozialstandards durchzusetzen. Ein wesentlicher Grund: die öffentliche Kritik an den katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie. Das schädigt den Ruf bei verantwortungsbewussten Käufern aus Hochlohnregionen, die sich nicht auf Kosten schlechtbezahlter Arbeiter bereichern wollen.

Allerdings kontrollieren nicht alle TNU die gesamte Zulieferkette. Gerade erst hat die Clean Clothes Campaign eine Aktion gegen die Verletzung von Sozialstandards in Tchibo-Zulieferbetrieben in Bangladesch gestartet: Die Arbeitszeiten betragen dort bis zu 90 Stunden die Woche. Arbeiterinnen werden entlassen, wenn sie sich gewerkschaftlich organisieren wollen. Viele dieser Aktionen bleiben aber halbherzig, da den schlechten Arbeitsbedingungen in diesen Ländern Wettbewerbsvorteile bei den Kunden gegenüberstehen.

Somit ist das Kaufverhalten in den Hochlohnregionen ein wesentlicher Beitrag zur Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern.

Kritik

Zwar wird ein Teil des Lohnunterschieds durch eine höhere Kaufkraft in diesen Ländern aufgefangen, jedoch bezieht sich dieser überwiegend auf Dienstleistungen und vorwiegend arbeitslohnintensive Produkte, während sich Waren wie Medikamente bei vergleichbarer Qualität nur geringfügig im Preis unterscheiden. Billigeren Wohnungen stehen in diesen Ländern meist schlechte Wohnverhältnisse gegenüber. Zum Erwerb von Investitionsgütern müssen Arbeitnehmer eines Niedriglohnlandes ein Vielfaches an Arbeitszeit aufwenden.

In den meisten Niedriglohnländern sind Frauen von den Niedriglöhnen besonders betroffen. Schätzungsweise 80 bis 85 Prozent der knapp zwei Millionen Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie Bangladeschs sind junge Frauen. Von dem seit 1994 gesetzlich vorgeschriebenen monatlichen Mindestlohn von 930 Taka (umgerechnet nach derzeitigem Kurs etwas mehr als zwölf Euro) kann auch in Bangladesch niemand leben. Schwangerschaft bedeutet meistens Jobverlust. Arbeitszeiten bis zu 18 oder 19 Stunden sind an der Tagesordnung. Überstunden bleiben oft unbezahlt.

Begleiterscheinungen der Niedriglöhne sind in diesen Ländern oft unsichere Arbeitsverhältnisse, mangelnde Hygiene und Arbeitssicherheit, eine fehlende soziale Absicherung und Kinderarbeit, da die Löhne der Eltern zum Unterhalt der Familien oft nicht ausreichend sind. Eine gewerkschaftliche Organisierung ist in vielen dieser Länder mit hohen Risiken für die Arbeitnehmer verbunden, da sie von den Arbeitgebern systematisch behindert wird.

Weblinks

Amnesty International: Bekleidungsindustrie der Billiglohnländer

Quellen

  1. Nürnberger Nachrichten vom 20. August 2007, Metropolregion Nürnberg Seite. 12: Erntehelfer aus Polen bleiben weg — Andere Länder attraktiver

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