Biographiearbeit

Biografiearbeit ist eine im Bereich der sozialen Gerontologie angewandte Methode, die mit Hilfe biografischer Elemente auf spielerisch-künstlerische Art und Weise Ereignisse, Erfahrungen, Begegnungen, Erfolge, Misserfolge, Trennungen, Krankheiten usw. untersucht und einen darin verborgenen inneren Zusammenhang aller Ereignisse zu finden versucht.

Inhaltsverzeichnis

Zur Entstehung

In der Vergangenheit war die Altenhilfe auf das ausgerichtet, was der „alte Mensch“ nicht mehr kann. Dieser sog. „defizitäre Ansatz“ wurde später von der „aktivierenden Pflege“ abgelöst. Der Fokus wurde vermehrt darauf gerichtet, was der alte Mensch kann, welche Kompetenzen er noch hat. Seit ca. zehn Jahren stellen sich Experten immer häufiger die Frage „Wie wurde der Mensch zu dem was er ist?“ Um dieser Frage nachzugehen, müssen möglichst vielfältige Informationen aus der Biografie eines alten Menschen gesammelt werden. Der jeweilige Lebenslauf sollte ganzheitlich betrachtet werden. Hierbei können verschiedene biografische Stränge herangezogen werden (vgl. Klingenberger, 2001):

  • Soziobiografie: Soziale und materielle Aspekte, z. B. Familienverhältnisse; wichtige Personen; Beziehungen; vermögend; mittellos
  • Kulturbiografie: kulturelle Herkunft; persönliche Traditionen; z. B. Ess-, Wohn-, Freizeitkultur
  • Körper- und Öko-Biografie: der eigene Körper; Wege zur Sexualität; Natur; Umwelt; Stadt/Land; Kindheit
  • Mytho-Biografie: mythologische Elemente; Religion; Spiritualität; Gottesbilder
  • Persönlichkeits-Biografie: Kognition; Emotion; Verhalten; Bewältigung
  • Bildungs- und Lern-Biografie: formal: Schule; Schulpflicht; Studium; funktional: z. B. angeeignetes Wissen; Techniken; Tanzkurse

Methoden der Biografiearbeit

Man unterscheidet zwischen der gesprächsorientierten und der aktivitätsorientierten Biografiearbeit.

Zur gesprächsorientierten Biografiearbeit zählen Einzel- und Gruppengespräche, welche zu vorgegebenen Themen angeboten werden. Es können Themen wie z. B. Feste, Feiertage, Schulzeit, Familienleben behandelt werden.

Die aktivitätsorientierte Biografiearbeit zeichnet sich durch eine aktive Tätigkeit aus. Beispiele hierfür sind: Singen und sprechen über bekannte traditionelle Lieder, Museumsbesuche, handwerkliche Aktivitäten, Basteln. Auch das Ausführen von Alltagshandlungen (z. B. Tisch decken) gehört zu dieser Art der Biografiearbeit.

Bei beiden Formen ist es wünschenswert, Angehörige miteinzubeziehen und u. U. eine dementengerechte Kommunikation anzuwenden (nur ein Sachverhalt, einfache Sprache, vertraute Redewendungen, aktives Zuhören, Gesprächspausen etc.).

Es ist förderlich und wichtig, visuelle Anreize zu schaffen. So können beispielsweise gut sichtbare „Erinnerungsecken“ mit verschiedenen Objekten (z. B. vertrautes Mobiliar, plastische Lebensbilder, Lebensbücher, Lebenskiste o. Ä.) Erinnerungen wachhalten und zurück rufen, aber auch die Verständigung in der Alltagskommunikation mit dem alten Menschen erleichtern.

Bei der Biografiearbeit sind alle drei Zeitdimensionen mit einzubeziehen (vgl. Klingenberger, 2001):

Die Erinnerung an die Vergangenheit – „Lebensbilanz“.

Die Begleitung in der Gegenwart – „Lebensbewältigung“.

Die Perspektive für die Zukunft – „Lebensplanung“.

Dieses Zusammenwirken der Zeitdimensionen ist sehr wichtig, da sich alle drei gegenseitig beeinflussen können, d. h. „was habe ich aus der Vergangenheit gelernt“, „wie gehe ich jetzt damit um“ und „was zeigt mir diese Erkenntnis für die Zukunft …“ Würde man sich ausschließlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, wäre dies nur „Nostalgiearbeit“ und ein „in-der-Asche-wühlen“.

Nur unter Einbeziehung der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ist es möglich vorwärtszugehen und das noch verbleibende Leben positiv zu meistern.

Eine zentrale Methode der Biografiearbeit ist die Methode der biographisch-narrativen Gesprächsführung, die sich aus der qualitativen Forschungsmethode des narrativen Interviews entwickelt hat. Die in der Biografieforschung entdeckten kommunikativen Regeln werden auf diese Weise auf professionelles pädagogisches, beraterisches und soziales Handeln übertragen.

Ziele von Biografiearbeit

Das in Amerika entwickelte Konzept des „life-review“ (= Lebensrückschau) nach Robert N. Butler besagt, dass viele Menschen mit zunehmendem Alter den Wunsch verspüren, dem vergangenen Leben einen Sinn zu geben. Im Allgemeinen verleiht die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit persönliche Sicherheit, stärkt das Selbstvertrauen und hilft dabei sich mit schwierigen Situationen des Älterwerdens auseinanderzusetzen und diese besser zu bewältigen. Es kann eine rückwirkende Aussöhnung mit der Vergangenheit erfolgen: Die Diskrepanz, welche sich aus den Hoffnungen und Träumen der Jugend und dem tatsächlichen Verlauf des Lebens ergibt, wird aufgehoben.

Mit dem Alter, besonders bei Demenz, nimmt das Erinnerungsvermögen ab und oftmals kann somit Biografiearbeit der Schlüssel zu noch vorhandenen Fähigkeiten sein, die es bewusst zu fördern gilt, um sie noch möglichst lange zu erhalten.

Man kann also drei Grobziele der Biografiearbeit zusammenfassen:

  • Die Stärkung autobiografischer Kompetenzen: d. h. fähig zu werden, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen; den Mut zum Erzählen vermitteln – denn besonders in den Geschichten der älteren Generationen liegen verborgene Schätze für die nachfolgenden.
  • Die Rekonstruktion der Lebensgeschichte des Einzelnen: d. h. einzelne Geschichten sollen „wiederbelebt“ werden, um so ein ganzheitliches Verständnis der eigenen Biografie zu bekommen.
  • Die Integration der Lebensgeschichte: durch positive Verarbeitung können Brüche, Widersprüche und Scheitern zu einer versöhnten Lebensgeschichte reifen. Gewonnene Erkenntnisse können so sinnvoll für die Zukunft genutzt werden.

Begriffskritik

Kritik an dem Begriff Biografiearbeit wird aus zwei Richtungen vorgetragen: Berufsfeldbezogen die fehlende Konsequenz der Umsetzung und wissenschaftstheoretisch die mangelnde Fundierung oder scheinbare Therapiebezogenheit.

Zur Umsetzung im Berufsfeld Altenpflege

Eine vom Ansatz her richtigen Einbeziehung der Lebensgeschichte in die Pflege steht nicht in einem „man könnte … man sollte …“ sondern benennt klar, welche Schritte für die Pflegeplanung unumgänglich sind und bei Unterlassung einen Pflegefehler darstellen. Im Berufsalltag fehlt dadurch häufig die Notwendigkeit einer klaren Begründung und damit der Umsetzung. Soll sich das Pflegepersonal mit Aufgaben befassen, die scheinbar zusätzlich als angenehm oder hilfreich angesehen werden, wenn bereits Alltagsbedürfnisse wie regelmäßige Nahrungsaufnahme, Sozialkontakte und Bewegung zu kurz kommen, weil ihre Finanzierung nicht gesichert ist. Dieses Argument fordert also im Kern eine klare Handlungsanweisung bezogen auf einen definierten Nutzen, der im Rahmen der vorgeschriebenen Qualitätssicherung erforderlich ist. Eine Methode zur praktischen Anwendung der Biographiearbeit ist die Erinnerungspflege. Darunter versteht man die "spontane oder angeleitete Verarbeitung von Lebenserinnerung (...)." (pflegewiki.de)

Wissenschaftstheoretisch fehlende Fundierung

Der Begriff Biografiearbeit täuscht einen greifbaren Nutzen einer Beschäftigung mit der Lebensgeschichte vor, welcher weder für pflegerisch/medizinisches Personal noch für die betroffenen Personen nachgewiesen wurde. Die Kritik warnt vor einer Forderung nach „uferlosem“ (Lebens-)Zeitaufwand an einer Stelle, an der bereits relativ wenige, einfach zu sammelnde Informationen für eine beiderseits voll befriedigende Kommunikationsgrundlage sorgen könnten.
Damit akzeptiert diese Kritikform das Prinzip einer aus der Lebensgeschichte her begründeten Sicht auf einen unterschiedlich hohen Pflegeaufwand, der allerdings klarer definiert werden soll.

Weitere Anwendungsbereiche

Nicht nur im Bereich der Gerontologie und Altenhilfe ist Biografiearbeit nützlich. So kann sie auch beispielsweise im Bereich der Arbeit mit psychisch kranken Menschen oder Menschen mit geistiger Behinderung wichtige Akzente zur Spurensuche und Stärkung des Identitäts-Gefühls des Betroffenen setzen. Es gibt auch Ansätze biografischen Arbeitens mit Menschen mit Migrationshintergrund. Auch junge Menschen können bereits Partner biografischen Arbeitens sein.

Ein in der Arbeit mit den hier genannten Zielgruppen Beschäftigter kann sich Methoden biografischen Arbeitens zunutze machen, um der Entstehung seines Helfermotives oder, allgemeiner, der Motivation zur Berufswahl auf die Spur zu kommen. Gerade im Nähe-Distanz-Bereich der professionellen Beziehungsarbeit (Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Pflege) bringt Biografiearbeit oft Erstaunliches ans Licht, was die Sichtweise auf die eigene Tätigkeit positiv verändern kann. Beispielsweise können so teilweise emotionale Blockaden rational erkannt werden („Nun weiß ich, an wen die Klientin/Patientin mich erinnert: Meinen Onkel väterlicherseits, den ich nie so wirklich habe leiden können“).

Weblinks

Literatur

  • H. Gudjons, M. Pieper, B. Wagener: Auf meinen Spuren. Das Entdecken der eigenen Lebensgeschichte. Rowohlt, Hamburg 1986.
  • Hubert Klingenberger: Lebensmutig. Don Bosco, München 2001.
  • Hubert Klingenberger: Lebenslauf. Don Bosco, München 2007.
  • Stefan Rogal: Biographikum. Auer, Donauwörth 2002.
  • Hans Georg Ruhe: Methoden der Biographiearbeit. Lebensspuren entdecken und verstehen. 2. korrigierte Auflage. Beltz, Weinheim 2003.
  • Birgit Lattschar, Irmela Wiemann: Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte: Grundlagen und Praxis der Biografiearbeit. Juventa, Weinheim, Bergstr 2007.
  • Tony Ryan, Rodger Walker: Wo gehöre ich hin: Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen. Juventa-Verlag, Weinheim u. a. 2004.
  • Reinhard Völzke: Erzählen – Brückenschlag zwischen Leben und Lernen. Angeleitete biografisch-narrative Kommunikation in Ausbildung und Praxis der Sozialen Arbeit. In: Sozialextra. Zeitschrift für Soziale Arbeit und Sozialpolitik. 29. Jg., November 2005, S. 12–15.

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