Bioregionalismus

Als Bioregionalismus wird ein sozioökonomisches Modell bezeichnet, welches eine Regionalisierung in kleinen natürlich definierten Gebieten, den sogenannten Bioregionen anstrebt. Diese Bioregionen werden durch physische Eigenschaften wie zum Beispiel Wasserscheiden, Gebirge oder Wüsten definiert. Bioregionalismus betont, dass die Abgrenzung einer Bioregion auch durch ein kulturelles Phänomen festgelegt ist.[1]

Inhaltsverzeichnis

Begriffserklärung

Zunächst war Bioregionalismus als Schlagwort für Umwelt- und Friedensaktivisten in Nordamerika von Bedeutung. Später fand der Bioregionalismus Anhänger in Großbritannien (wie etwa den Herausgeber des The Ecologist und Träger des Alternativen Nobelpreises Edward Goldsmith) und ab 1995 im deutschen Sprachraum, unter anderem durch die Österreicher Roman Schweidlenka und Eduard Gugenberger.

Der Begriff entstand in den frühen 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten und hat seinen Ursprung in den Arbeiten von Alan van Newkirk, der den Begriff erstmals 1974 verwendete,[2] sowie von Peter Berg und Raymond Dasmann.[3] Er war ursprünglich stark von der anarchistischen Tradition San Franciscos beeinflusst.

Alan van Newkirk verstand unter einer Bioregion einen ökologischen Lebensraum, in dem „alles Leben, also Menschen Pflanzen und Tiere eine das Überleben sichernde Gemeinschaft bilden“ [4]. Bioregionen sind geographische Gebiete, die in Bezug auf natürliche und anthropogener Merkmale eine gewisse Einheit beziehungsweise Untereinheit bilden. An natürlichen Merkmalen sind insbesondere Landschaftsform, Boden, Klima, Pflanzen- und Tierwelt, hydrologischen Eigenschaften wie Wassereinzugsgebiete zu nennen. Aufgrund fließender Übergänge und der Vielzahl natürlicher Parameter werden weitere Merkmale wie soziale Systeme, Religionen, Traditionen, lokale Kulturen oder die Existenz indigener Völker hinzugezogen. [4]

Einordnung

Als Vorreiter des Bioregionalismus werden zum Teil die Diggers angesehen werden, die zur Zeit Cromwells Mitte des 17. Jahrhundert in England versuchten, die bestehende gesellschaftliche Ordnung zu reformieren und die Besitzstände einzuebnen. Sie strebten eine agrarische Lebensweise an, die mit der der Gründung kleiner, ländlicher Gemeinschaften einherging.[5]

Daniel Karsch ordnet Bioregionalismus als Deglobalisierungbewegung ein.[4] Die Menschen innerhalb einer Bioregion sollen nachhaltig und bevorzugt mit heimischen, insbesondere nachwachsenden Rohstoffen arbeiten und wirtschaften.

Von besonderer Bedeutung sind dabei lokale Handels- und Vertriebsstrukturen sowie politisch dezentrale Strukturen,[4] ebenso die ökologische Landwirtschaft und die saisongerechte Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse in lokalen Geschäften.

Bis heute werden teilweise soziale Bewegungen und Konzepte wie Ökofeminismus, soziale Ökologie, Permakultur und selbst Zen-Buddhismus als Teil der bioregionalen Bewegung betrachtet.[4]

Politische Aspekte

Seit Mitte der 1990er Jahre greifen Publikationen, die der Neuen Rechten angehören, das Thema Bioregionalismus verstärkt in Verbindung mit geopolitischen Ansätzen mit Europa im Zentrum auf.[6] Danach seien Völker und Stämme als „biologische Gegebenheiten“ wichtiger als politische Größen wie Nation und Staat. In Deutschland haben diesen Ansatz vor allem die „Unabhängigen Ökologen Deutschlands (UÖD)“ weiterentwickelt. Statt der Nation stellen die UÖD die Stämme in den Mittelpunkt, die in ihrer Vielfalt wiederum das Volk bilden.[7]

Am 15. März 1997 organisierte Leif-Thorsten Kramps einen sog. „Bioregionalistischen Arbeitskreis Südwestfalen – Plattform für Natur, Kultur und Heimat“ (AK Bioregionalismus), der aufgrund von Proteste von Gegnern abgebrochen werden musste. Vorläufer des AK war der von Kramps 1991/92 gegründete „Junge-Freiheit-Leserkreis“, der sich Mitte 1992 zum „Ökologisch-Konservativen Arbeitskreis Südwestfalen / Bergisch Land“ umformierte.[8]

Henning Eichberg, der den Begriff „Ethnopluralismus“ prägte, forderte eine „Balkanisierung“ Europas[9] und sprach sich für eine Rückkehr zu kleinen gesellschaftlichen Einheiten aus. Fernziel sei die Rückgewinnung der nationalen Identitäten der Völker.[10]

Bernd Hamm und Barbara Rasche von der Universität Trier unterscheiden 2002 drei Strömungen des Bioregionalismus: „rechts“ stehen die „Ökofaschisten“, „links“ die „Ökoanarchisten“ und unpolitisch geben sich die Öko-Esoteriker“, wobei sie die „polemischen Kampfbegriffe“ Ökofaschisten und Ökoanarchisten wegen ihrer häufigen Verwendung in der Literatur verwenden. Gemeinsam sei allen drei Richtungen die „Ablehnung der gegenwärtigen Modernisierung, der Globalisierung, des Staates und der Konsumorientierung“.[11]

„Ökoanarchisten“ verweisen auf die ökologische Aspekte wonach kleinräumige Zusammenhänge, denen sich die Menschen anpassen sollen, zu bevorzugen seien. Großräumige Strukturen wie Staaten sowie die kapitalistischen Wirtschaft stünden im Gegensatz zu emanzipierten, selbstständigen und selbstbestimmten regionalen Gemeinschaften, die mir anderen ebensolchen Gemeinschaften in Austausch stehen. [12]

„Öko-Esoteriker“ unterstellen nach Hamm/Rasche „der Ökologie eine Art göttlicher oder mythischer Kraft, in die sie sich meditierend versenken, um sich selbst, die Schöpfung und die Wahrheit im Einklang zu erleben“.

„Ökofaschisten“ tendierten dazu, „einem vulgären Evolutionismus zu huldigen und die eigene Gruppe als genetisch besser zu betrachten als andere. Sie schließen sich in ihrer Region nach innen zusammen und andere aus. Sie wollen in den Bioregionen vor allem selbst überleben, während die Erde zugrunde geht“. Grundpfeiler sei der Biologismus, der soziale Unterschiede als „durch die Natur(gesetze) bedingt“ erkläre.[13]

Für den Soziologen Ralf Dahrendorf tendiert der Bioregionalismus zum Rückfall in den Patriotismus.[14]

Literatur

  • Eduard Gugenberger und Roman Schweidlenka: Bioregionalismus – Bewegung für das 21. Jahrhundert, Packpapier-Verlag 1996, ISBN 3-931504-07-7
  • Bernd Hamm, Barbara Rasche: Bioregionalismus: Ein Überblick. Schriftenreihe des Zentrums für europäische Studien der Universität Trier, 2002 (Download als PDF)

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Bioregionalism: The Need For a Firmer Theoretical Foundation“, Don Alexander, Trumpeter v13.3, 1996.
  2. Michael Vincent McGinnis: Bioregionalism. Routledge, 1999, ISBN 9780415154451, S. 22 (online)
  3. Berg, Peter and Raymond Dasmann, „Reinhabiting California,“ The Ecologist 7, no. 10 (1977)
  4. a b c d e Karsch, Daniel, Alternativen zur neoliberalen Globalisierung, Verlag Univerlagtuberlin, ISBN 3798321019, 9783798321014, S. 35 (online)
  5. Bernd Hamm und Barbara Rasche: Bioregionalismus. Ein Überblick (2002), S. 18
  6. „In Deutschland zeigt sich seit Mitte der 1990er Jahre ein intensiver Gebrauch bioregionalistischer Argumente bei den ‚Ökofaschisten’“, so Bernd Hamm und Barbara Rasche: Bioregionalismus. Ein Überblick (2002), S. 25
  7. Im Februar 1997 führten die UÖD ihr Bundestreffen unter dem Motto „Das zarte Grün der Heimat. Gedanken zum Bioregionalismus“ auf der Jugendburg Ludwigstein durch. Quelle: Blick nach rechts 14/1997
  8. Bernd Hamm, Barbara Rasche: Bioregionalismus: Ein Überblick. Schriftenreihe des Zentrums für europäische Studien der Universität Trier, 2002, S. 26..
  9. Siehe: Henning Eichberg, Balkanisierung für Jedermann? Nationale Frage, Identität und Entfremdung in der Industriegesellschaft, in: Wir selbst – Zeitschrift für nationale Identität, Koblenz, o.J.
  10. Peter Dudek: Nationalromantischer Populismus als Zivilisationskritik, aus: Neue soziale Bewegungen
  11. Bernd Hamm und Barbara Rasche: Bioregionalismus. Ein Überblick (2002), S. 24 (online)
  12. Bernd Hamm und Barbara Rasche: Bioregionalismus. Ein Überblick (2002), S. 25 (online)
  13. Bernd Hamm, Barbara Rasche: Bioregionalismus: Ein Überblick. Schriftenreihe des Zentrums für europäische Studien der Universität Trier, 2002, S. 24f.
  14. Olaf Kühne: Landschaft in der Postmoderne, Wiesbaden, Deutscher Universitäts-Verlag, 2006, S. 115.

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