Biotonne
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Die Biotonne bezeichnet in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen häufig braun oder grün gefärbten Behälter aus Kunststoff mit Deckel, in dem die im Haushalt anfallenden biologisch verwertbaren Abfallstoffe entsorgt werden können. In der Schweiz stehen grüne Behälter im Einsatz.[1] Im Gegensatz zur übrigen Abfallentsorgung ist die dort Grünabfuhr genannte Entsorgung je nach Gemeinde extrem unterschiedlich oder sogar gar nicht organisiert. Zürich z.B wird erst im Jahr 2013 eine Grünabfuhr anbieten.[2]

Inhaltsverzeichnis

Mengenstatistik und Anschlussrate

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2006 in Deutschland 12,4 Mio Tonnen organische Abfälle in 1.742 biologischen Behandlungsanlagen (einschl. Vergärung) behandelt. 7,6 Mio Tonnen wurden kompostiert.[3] Das darüber hinaus erschließbare Potential wird auf 2-4 Mio. Tonnen organischer Abfälle geschätzt.

Mit Stand Dezember 2002 war in etwa 79 % aller abfallwirtschaftlichen Verwaltungseinheiten das System Biotonne eingeführt. Der durchschnittliche Anschlussgrad innerhalb der Verwaltungseinheiten mit Biotonne betrug ca. 56 % der Einwohner. Damit waren ca. 47 % der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland an eine Bioabfallerfassung mit Biotonnen angeschlossen.[4] Rund 15 Mio. Einwohner leben in Gebietskörperschaften, die noch nicht an die Biotonne angeschlossen sind. In Gebieten mit eingeführter Biotonne liegt die mittlere Anschlussquote bei rund 60 %, d. h. in diesen Gebieten nutzen etwa 36 Mio. Einwohner die Biotonne nicht.[5]

Für die Bereitstellung einer Biotonne wird zumeist von den Entsorgungsunternehmen eine gesonderte Gebühr erhoben. Der Anschlusszwang an die Biotonne wird allerdings in den abfallwirtschaftlichen Verwaltungseinheiten sehr unterschiedlich gehandhabt. So bestand 1997 in 59 % der Verwaltungseinheiten mit Bioabfallerfassung ein Anschlusszwang. Jedoch boten mehr als 90 % dieser Verwaltungseinheiten mit Anschlusszwang durch schriftlichen Nachweis der Eigenkompostierung eine Befreiung vom Abschluss an – in 52 % der Einheiten mit Anschlusszwang konnte auch eine gemeinschaftliche Nutzung einer Biotonne mit Nachbargrundstücken erfolgen.[4]

Im Leitsatz zur Berücksichtigung der Bioabfallentsorgung bei der Abfallentsorgungsgebühr (9 LA 87/05 OVG Lüneburg, Beschluss vom 19. Dezember 2005, Vorinstanz 2 A 2341/03 VG Oldenburg vom 15. Februar 2005) erkennt das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht als Recht:

„Der Satzungsgeber muss durch die Gebührenregelung einen Anreiz zur Trennung der Abfallfraktionen geben; die Gebührenregelung soll die Akzeptanz der Bioabfalltonne bewirken; die Eigenkompostierung darf nicht verboten oder unzumutbar erschwert werden; dem Bürger darf nicht über einen "finanziellen Anschlusszwang" eine Biotonne aufgezwungen werden.“

Ähnlich entschied das Verwaltungsgericht (VG) Köln (AZ.: 14 K 5990/00 vom 26. Februar 2002). Hier wurde dem Satzungsgeber die Möglichkeit verschaffen, zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit der Bioabfallerfassung und -verwertung auch diejenigen mit Kosten der Biotonne zu belasten, die diese nicht nutzen. Einen Gebührenabschlag für die praktizierte Eigenkompostierung schließe dies entsprechend dem Regierungsentwurf zum LAbfG NW nicht aus.[6]

Erfassungsmengen

Fricke hat 2003 und in den Jahren davor genaue Untersuchungen hinsichtlich des häuslichen Wegwerfverhaltens unternommen. Im Ergebnis wurde der Anteil pflanzlicher Abfälle im Hausmüll bei 48% Gewichtsprozenten ermittelt.

Verarbeitung und Verbleib

Der biologische Abbau bzw. Umbau organischer Abfälle durch Mikroorganismen unter aeroben Bedingungen (mit Luftsauerstoff) wird als Kompostierung bezeichnet. Für diesen mikrobiologischen Abbauprozess ist eine ausreichende Feuchtigkeit (Versorgung der Mirkoorganismen mit Nährstoffen in wässriger Lösung) und Zufuhr von Luftsauerstoff erforderlich. Bei der Kompostierung wird durch Mischung von feuchtem, z. T. strukturarmen Bioabfall mit zerkleinerten Gartenabfällen eine gut durchlüftungsfähige Materialstruktur eingestellt. Anschließend erfolgt durch das Umsetzen des Haufwerks (Miete) mit beispielsweise Radladern, Umsetzer oder - bei der Eigenkompostierung - von Hand. In Kompostwerken erfolgt häufig zusätzlich eine gezielte Be- oder Entlüftung der Mieten.

Verfahrensschritte im Kompostwerk: Annahme und Sichtung der Bioabfalls - Aussortierung von Störstoffen über beispielsweise Magnetabscheider, Windsichter,etc. - Durchmischung der Bioabfälle (Struktureinstellung) - Aufsetzen der Miete - Umsetzen und Belüftung - Absiebung des Kompostmaterials.[7][8][9]

Vermarktung: Die Auswertung der Absatz- und Vermaktungswege von 3 Mio. Tonnen Kompost zeigen, dass die Landwirtschaft mit mehr als 50% der wichtigste Abnehmer ist. Kompost wird hier als Mehrnährstoff- und Humusdünger eingesetzt. Dieser Bereich hat nicht zuletzt durch die gestiegenen Düngemittelpreise einen deutlichen Zuwachs erfahren. Des Weiteren wird Kompost u. a. auch als Substratkomponente in den Bereichen Hobbygartenbau, Rekultivierung und Landschaftsbau eingesetzt.[10]

Absatzstruktur: Die Absatzstruktur ist im Einzelfall sehr stark durch die regionalen Gegebenheiten bestimmt. In ländlichen Gebieten mit geringen landschaftsbaulichen Aktivitäten nimmt die Landwirtschaft das größte Nachfragepotential ein. Andere Absatzbereiche sind hier weniger gefragt. Anders ist die Absatzlage in vielfältig strukturierten Regionen, wo vermehrt auch Kompost durch den Landschafts-, Hobby- und Erwerbsgartenbaus oder für den Einsatz in Sonderkulturen nachgefragt wird.

Ländliche Kompostierungsanlage für Biomüll und Gartenabfälle
Aus Biomüll aussortierte Störstoffe

Geschichte

Schon 1937 versuchte man in Deutschland, Küchenabfälle sinnvoll zu verwerten. In der DDR wurden Speisereste und Küchenabfälle ab 1953 gesammelt, und regionalen Schweinemastbetrieben als Futterrohstoff zugeführt.[11]

Die Biotonne wurde 1983 im nordhessischen Witzenhausen erfunden. An der Entstehung war unter anderem das Fachgebiet Landschaftsökologie und Naturschutz der Universität Kassel unter der Leitung von Prof. Dr. Schmeisky beteiligt. Der Durchbruch für die Einführung von Bioabfallverwertungen in Deutschland erfolgte Anfang bis Mitte der 1990er Jahre.[4]

Schadstoffe und gesundheitliche Aspekte

Schwermetalle: Im Wesentlichen werden Schwermetallgehalte in Komposten bedingt durch den Schwermetallgehalt des Ausgangsmaterials (Küchen-, Garten- und Landschaftsabfälle). Diese unterliegen z. T. natürlichen (geogenen) und z. T. anthropogenen Einträgen. Schwermetalle werden als chemische Elemente in der Natur nicht abgebaut und können sich in Pflanzen, Tieren und Ökosystemen anreichern. Mit dem Schwermetallprotokoll der Genfer Luftreinhaltekonvention von 2003 soll das Ziel einer europaweiten Verminderung der weiträumigen, grenzüberschreitenden Lufbelastung durch Schwermetallemissionen befördert werden. [12]

Eine weitere, häufig genannte Ursache ist der Schwermetalleintrag durch erhöhte Fehleinwürfe (Störstoffe beispielsweise Glas, Kunststoff, Metall), wie in der Untersuchung von Dr. Rösch (1996). In der seit 1998 gültigen Bioabfallverordnung werden Grenzwertregelungen für den zur Anwendung kommenden Komposte (max. Schwermetall- und Fremdstoffgehalte etc.), für die Anwendung in Land- und Forstwirtschaft, Nachweispflichten… getroffen. Die Beeinflussung der Schwermetallgehalte durch Fremdstoffe bei Komposten, die den Grenzwert für den Fremdstoffanteil < 0,5 Gew.% einhalten, ist eine Beeinflussung weitestgehend auszuschließen.[8]

Eine ausführliche Betrachtung der Schwermetallthematik u. a. auch von Kompost findet sich in dem Artikel zum Stand der fachlichen Weiterentwicklung des BMU/BMELV-Konzeptes "Gute Qualität und sichere Erträge". Hier kommt man zu dem Schluss, dass die getremmte Sammlung von Bioabfällen ein Garant für hochwertige Komposte ist, die als Produkte vermarktet werden.[13]

Gesundheitliche Aspekte: Das Bundesgesundheitsamt in Berlin weist darauf hin, dass es für abwehrgeschwächte Menschen eine gesundheitliche Gefährdung durch die Bioabfalltonne gibt. Als gefährdete Risikogruppen gelten: Leukämiekranke, Patienten, bei denen infolge einer Organtransplantation das Abwehrsystem medikamentös unterdrückt ist, chronisch Lungen-, Leber- und Nierenkranke, Patienten, die unter Kortikosteroidbehandlung stehen. Dass sich besonders gefährdete Personen in allen Lebenslagen vorsichtiger verhalten als ihre Mitmenschen, ist Gegenstand gesundheitlicher Aufklärung und ein wichtiges Ziel des Bundesgesundheitsamtes.

Unter[14] findet sich eine umfangreiche Auflistung möglicher gesundheitlicher Gefahren durch Bioabfall.

"Bei Einhaltung der gängigen Hygienegepflogenheiten besteht für gesunde Bürger, d. h. Personen mit nicht massiv beeinträchtigtem Immunsystem beim Umgang mit der Mülltonne und Kompostierung keine Gefährdung" (Dr. habl. H. Lange-Aschenfeldt)[8]

Allgemeine Hinweise zum Umgang mit der Biotonne:

  • Bioabfälle sind leicht zersetzbar und können unter ungünstigen Bedingungen in Fäulnis übergehen mit der Folge, dass Geruchsemissionen entstehen. Fäulnisprozesse entstehen unter Luftabschluss. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Bioabfälle in der Tonne zu einer „nassen Pampe“ verbacken. Es sollte daher darauf geachtet werden, dass eher nasse und eher trockene Bioabfälle gemischt in die Biotonne kommen.
  • Reste von Fisch und Fleisch werden von Fliegen zur Eiablage besonders bevorzugt. Um sie davon abzuhalten und zu vermeiden, dass Maden die Biotonne bevölkern, können Reste von Fisch und Fleisch in Zeitungspapier eingewickelt und erst dann in die Biotonne gegeben werden. Zeitungspapier ist in der Biotonne unproblematisch. Auch sehr nasse Bioabfälle können so eingeschlagen werden, um die Feuchtigkeit im Sammelgefäß zu regulieren.
  • Die Biotonne sollte schattig stehen. In der prallen Sonne erhöhen sich die Temperaturen in Sammelgefäßen deutlich. Dies gilt auch für die Restmülltonne und anderen Sammelgefäße. In der Biotonne sind erhöhte Temperaturen besonders unerwünscht, weil mit steigenden Temperaturen die Zersetzungsvorgänge der organischen Abfälle und damit potentielle Geruchsbelästigungen zunehmen.

Bei der Eigenkompostierung zu beachten: Eine Abhandlung zum Thema Kompost und dem Umgang mit Biomüll findet sich unter[15]. Dort heißt es: "Essensreste werden von einigen Fachleuten kritisch beurteilt. Der Zuzug von Lästlingen wie Ratten und Mäusen wird befürchtet, vor allem wird aber befürchtet, dass die Temperaturen im Komposthaufen für eine Hygienisierung nicht ausreichen. Gekochte Essensreste, insbesondere Fleisch, werden besonders gerne von solchen Pilzen besiedelt, deren Sporen bei immungeschwächten Menschen toxisch wirken können."

Arbeitsmedizinische Aspekte: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin veranlasste Untersuchungen zur gesundheitlichen Gefährdung von Arbeitnehmern der Abfallwirtschaft in Kompostierungsanlagen. Im Rahmen der Studie wurden 42 Kompostierungsanlagen in den Jahren 1996 und 1997 jeweils von April bis November aufgesucht. In den in mehreren Bundesländern gelegenen Betrieben nahmen fast 200 Kompostwerker an dem Projekt teil. Die Kontrollgruppe bildeten Bedienstete einer oberen Landesbehörde mit Büro- und Laborarbeitsplätzen. "Als Ergebnis ist festzuhalten, daß Erkrankungen der Atemwege und Lunge wie chronische Bronchitis, Asthma bronchiale und exogen allergische Alveolitis bei Kompostwerkern nicht signifikant höher angetroffen wurden als bei der Kontrollgruppe. Dies gilt ebenso für Allergien, Erkrankungen des Bewegungsapparates und der Haut…" Eine relativ niedrige Erkrankungsrate bei den Kompostwerkern ist nach Ansicht der Wissenschaftler zurückzuführen auf die arbeitsschutzorientierte Ausstattung der Sortierarbeitsplätze und Radladerkabinen, nur spitzenförmig auftretende Emissionen bei der Materialaufbereitung sowie auf Verdünnungseffekte bei offenen Kompostierungsanlagen.[16]

Schimmelpilze: Zur Thematik Schimmelpilze und Biotonne äußerte sich das Robert-Koch-Institut (Hrsg. ist das Referat für Öffentlichkeitsarbeit): "Seit einigen Jahren wird darauf hingewiesen, daß die Biotonne als Streuquelle für Schimmelpilzsporen ein Gesundheitsrisiko für schwer immungeschwächte Patienten birgt. In der Tat begünstigt die Wärme, die bei der Verrottung von organischem Material entsteht, das Wachstum menschpathogener Pilze, besonders Aspergillus fumigatus… Aus diesen Gründen befürwortet das Robert-Koch-Institut zumindest für die Sommermonate eine wöchentliche Leerung von Bio- wie auch Restmülltonnen. Es wird allerdings oft übersehen, daß der normale Haushalt noch sehr viel mehr Quellen für Pilze bietet, die zu deutlich höherer Exposition führen können, als sie beim Öffnen der Biotonne zu erwarten ist: verschimmelte Lebensmittel… aber auch Gewürze wie gemahlener Pfeffer… Für Gesunde sind die Schimmelpilze ungefährlich… Des Weiteren sollten Müllbehälter, nicht nur die Bioabfallbehälter, täglich geleert und gereinigt werden. Zu beachten ist darüber hinaus, dass bei manchen Renovierungsarbeiten - beispielsweise wenn fest verlegte Teppiche … entfernt werden, Staub aufgewirbelt wird, der große Mengen an Pilzen enthalten kann… "[8]

Schimmelpilz aspergillus fumigatus im Biomüll

Literatur

  • Kostenbetrachtung für die separate Bioabfallsammlung und -behandlung, Gallenkemper, B.,Oelgemöller, D., Becker, G., Paul, T.INFA, Institut für Abfall, Abwasser und Infrastrukturmanagement GmbH, Ahlen, 2006

Einzelnachweise

  1. einer Bevölkerungsinformation aus der Schweiz
  2. Inexistente Biotonnen in Zürich
  3. Statistisches Bundesamt: Umwelt: Erläuterungen zur Abfallbilanz. Wiesbaden 2010.
  4. a b c Fricke, Goedecke, Einzmann: Die Getrenntsammlung und Verwertung von Bioabfällen – Bestandsaufnahme. 2003 (PDF, 319 KB) In: Die Zukunft der Getrenntsammlung von Bioabfällen. Schriftenreihe des ANS 44, Orbitverlag, Weimar, S. 11–64, Abschnitt 3.1.1.
  5. Ausbau der Bioabfallsammlung möglich. In: Humuswirtschaft & Kompost. 2 (2008), S. 1f.
  6. Biotonne kann durch Restabfallgebühren quersubventioniert werden. In: Humuswirtschaft & Kompost. 3 (2003), S. 195.
  7. Im Kompostwerk. auf: kompost.de
  8. a b c d W. Bidlingmaier: Biologische Abfallverwertung. Ulmer Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-8001-3208-7.
  9. Ulrike Stadtmüller: Grundlagen der Bioabfallwirtschaft, Lehr- und Handbuch. TK Verlag Karl Thome-Kozmiensky, Neuruppin 2004.
  10. Mehr als 6 Millionen Tonnen Bioabfälle. In: Humuswirtschaft & Kompost. 5 (2008), S. 1f.
  11. Bundesarchiv, B 116 Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. – Aktenplanhauptgruppe 2, Band 1 Schweinemast aus Küchenabfällen 1947-1953
  12. Europäisches Schwermetall-Protokoll tritt zum 1.1.2004 in Kraft. auf: kompost.de
  13. C.G. Bannick u.a.: Zum Stand der fachlichen Weiterentwicklung des Konzepts „Gute Qualität und sichere Erträge“. In: Müll und Abfall. 03/2006.
  14. Information zum Bio-Müll. In: A. Buchter (Hrsg.): Diagnostik arbeitsbedingter Erkrankungen. S. 125-127.
  15. Fibel Eigenkompostierung auf: eva-abfallentsorgung.de
  16. Untersuchung der gesundheitlichen Gefährdung von Arbeitnehmern der Abfallwirtschaft in Kompostierungsanlagen.

Weblinks


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