Birgden (Gangelt)
Birgden
Gemeinde Gangelt
Koordinaten: 51° 0′ N, 6° 3′ O51.0080555555566.051666666666773Koordinaten: 51° 0′ 29″ N, 6° 3′ 6″ O
Höhe: 73 m
Fläche: 6,41 km²
Einwohner: 2.940 (31. Dez. 2010)
Eingemeindung: 1. Juli 1969
Postleitzahl: 52538
Vorwahl: 02454

Birgden ist ein Dorf im Kreise Heinsberg in Nordrhein-Westfalen im äußersten Westen Deutschlands. Mit knapp 3.000 Einwohnern[1] ist es das größte Dorf der Gemeinde Gangelt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Es wird vermutet, dass zur Zeit der römischen Besiedelung eine Straße von Schierwaldenrath über Birgden nach Waldenrath führte. Nachgewiesen ist eine römische Siedlung am Hanbusch, am Waldrand zu Gillrath.[2] 1923 wurden in der heutigen Bahnhofstraße Reste eines fränkisch-karolingischen Hauses aus dem 8.-9. Jahrhundert entdeckt, dessen geborgene Funde im Landesmuseum Düsseldorf aufbewahrt werden.[2] Die erste urkundliche Erwähnung Birgdens fand allerdings erst 1458 innerhalb eines Pachtvertrages statt.[3] Zur gleichen Zeit initiierten und finanzierten die Einwohner den Bau einer Kirche mitsamt einem heute noch existierenden Glockenturm. Insbesondere aufgrund der massiven Bauweise des Turms und der damaligen Größe des Dorfes kann man auf eine ältere und intakte Dorfstruktur schließen. 2008 fand eine 550-Jahrfeier statt, die sich allerdings lediglich auf die erste urkundliche Erwähnung bezog. Die 550-Jahrfeier ist umstritten, kann man doch von einer bedeutend älteren Geschichte des Dorfes ausgehen.

Birgdener Textilindustrie

Neben der strukturbestimmenden Landwirtschaft blühte bis ins 19. Jahrhundert die Hausweberei. Diese wurde durch die beginnende Industrielle Revolution verdrängt. 1894/1895 baute die Seidenweberei H. E. Schniewind aus Elberfeld eine Fabrik, die bis 1967 in Birgden produzierte, mit bis zu 600 Personen der größte Arbeitgeber der Umgebung wurde und Stoffe herstellte, die u.a. nach Ghana exportiert wurden. Im Jahr 1900 führten schlechte Einkommensverhältnisse zu einem achtwöchigen Weberstreik. Im gleichen Jahr wurde die Fabrik an das Eisenbahnnetz angeschlossen.[4][5] Außerdem gab es in Birgden zu Beginn des letzten Jahrhunderts bis zu 5 private Siepnaat-pressen.

Zweiter Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg stand in Birgden fast fünf Monate die Front, nachdem der Angriff der Alliierten kurz nach dem Einmarsch in Deutschland zum Stillstand kam. Während der Ortskern schon eingenommen war, lag die Straße Starzend im Niemandsland zu dem von den Deutschen gehaltenen Schierwaldenrath. Durch die ständigen gegenseitigen Angriffe wurde der Kirchturm beschädigt, der als Aussichtspunkt der Alliierten fungierte. In dieser Zeit wurden die Einwohner wie die ganze Bevölkerung des von den Alliierten kontrollierten Selfkants ins KZ Herzogenbusch evakuiert.

Eingemeindung

Am 1. Juli 1969 wurde Birgden nach Gangelt eingemeindet.[6]

Namensherkunft

Die Herkunft des Namens ist umstritten. Die einfachste Erklärung wäre die Abstammung von „Birke“. Da der Ort auf sandigem und damit für diese Bäume günstigem Boden gebaut wurde, ist diese Erklärung die wahrscheinlichste, wenn auch kaum noch Birken stehen.[7] Eine andere, unwahrscheinlichere Theorie leitet den Namen vom keltischen Doppelwort birgo-dunum ab (birgo- Berg, dun- Zaun oder Befestigung). Dies würde auch erklären, warum im dialektalen Sprachgebrauch der Gegend stets von „op dr Berde“, als „auf Birgden“, gesprochen wird und nicht von „in Berde“, denn der Ort liegt auf einer Anhöhe, die das Rodebachtal und das Saeffelbachtal trennt.

Es existieren noch andere Orte mit diesen Namen, u.a. bei Remscheid. Auch einige historische Persönlichkeiten trugen ihn, wie Johann von den Birghden, der jedoch wahrscheinlich keinerlei Verbindung mit diesem Dorf hatte.

Pfarrkirche St. Urbanus

Pfarrkirche St. Urbanus mit dem Turm aus dem 15. Jahrhundert und dem Kirchenschiff von 1867

Vermutlich existierte schon im 12. Jahrhundert an der Stelle der heutigen Kirche eine Kapelle. Mitte des 15. Jahrhunderts gab es dann Bestrebungen, sich von der Mutterpfarre Gangelt zu lösen. In Folge dessen wurde 1483 von 18 Birgdenern ein wuchtiger Turm mit einer verhältnismäßig kleinen Kirchenhalle fertiggestellt. Diese Einwohner bezahlten auch einen eigenen Rektor, also einen Geistlichen für nicht selbstständige Pfarren.[3] Nach einem Bericht des Pfarrers Benedict Pauen soll in der im 19. Jahrhundert abgerissenen Kirchenhalle über einer Türschwelle das Datum 1457 gestanden haben, die vielleicht den Beginn des Kirchbaus markiert. Der Bau musste schon 1522 erweitert werden. Trotz dieser Bestrebungen wurde Birgden jedoch erst um 1681 eine eigenständige Pfarre. Aufgrund des ständigen Wachstums des Dorfes wurde 1867/1868 die Kirchenhalle abgerissen und die heutige im neugotischen Stil erbaut. Der fünfgeschossige Glockenturm aus dem 15. Jahrhundert ist im ursprünglichen Zustand erhalten, lediglich der Dachstuhl wurde nach dessen völliger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg neu gebaut.

Wie man heutzutage noch an den zwei Meter dicken Wänden und den Schießscharten sehen kann, wurde der massive Turm auch als Wehr- und Schutzturm genutzt, da die Bevölkerung ständigen Plünderungen der durchs Land ziehenden Soldatenhorden ausgeliefert war. Überliefert ist ein Angriff lothringischer Soldaten im Jahre 1650 in den Nachwirren des Dreißigjährigen Krieges, bei dem die Bevölkerung im Turm erfolgreich Schutz suchte. Der Grabstein des einzigen Opfers Johann Kreuckels aus Waldenrath ist gegenüber dem Eingang der Kirche in einer Mauer eingelassen.[8]

Von der Kirchenausstattung ist von überregionaler Geltung eine 98,5 cm große spätgotische Maria Immaculata Figur von Heinrich Douvermann aus Kalkar aus der Zeit um 1520. Die Bedeutung dieser Figur wurde lange Zeit unterschätzt, so wurde sie u.a. auf dem Pfarrhausspeicher aufbewahrt. Nach ihrer Wiederentdeckung in der Nachkriegszeit wurde sie zuerst für eine Darstellung der Maria Magdalena gehalten, insbesondere aufgrund ihrer langen und fein gearbeiteten Haarpracht. Nach ihrer Restaurierung, bei der auch das Mieder freigelegt wurde, welches damals als zu anstößig überkittet worden war, wird sie heutzutage als Maria Immaculata interpretiert.[9] Sehenswert im Kircheninneren sind auch die Pieta, eine maasländische Arbeit, die dem Meister von Beek zugeschrieben wird, erstellt um 1510, und eine Urbanusfigur, eine aus dem 18. Jahrhundert stammende sog. Bauernschnitzerei.

Seit 2000 gehört die Pfarre Birgden zur Weggemeinschaft Gangelt.

Das Birgdener Betkreuz

Betkreuz

Am Ortsausgang nach Kreuzrath steht das „Birgdener Betkreuz“, eine Feldkapelle zwischen zwei Linden, in der ein altes Eichenkreuz aufbewahrt wird, welches durch ständiges Beschneiden von Gläubigen im Längsbalken recht schlank wurde. Laut einer Legende erschien hier vor diesem Kreuz am 15. April 1798 sieben betenden Kommunionkindern die Gottesmutter. Aus einem zeitgenössischen Bericht:

„Da sie diese ein wenig betrachtet, nahmen sie wahr, das unzählbare Engel gleich drei Prozessionen auf sie zukamen […] Hernach sahen sie die Mutter Gottes mit ihrem Söhnlein auf dem Arme […] Als sie ein Gesetz zu Ehren des heiligen Josef gebetet, sahen sie bei der Mutter Gottes Schoß einen großen Engel ohne Flügel stehen. Als sie ein Gesetz zu Ehren des hl. Petri gebetet, sahen sie zwischen Maria und dem Englein mit dem Häuptchen allein eine große hochblaugekleidete Positur stehen mit einem Bischofshut.“ [10]

Daraufhin wurde dieses Kreuz zum Wallfahrtsort, auch da ein durch Pocken erblindeter Junge geheilt worden sein soll. Die französischen Besatzer versuchten mit aller Kraft, die Verehrung zu unterdrücken. Doch wurde durch deren Widerstand die Anbetung nur verstärkt, was sicherlich auch Protest gegen die Besatzung und ihre religionskritische und -unterdrückende Politik war. Mittlerweile ist die Verehrung abgeebbt, denn die Kirche hat die Erscheinung nie anerkannt. Jedoch wird das Betkreuz bis heute noch in Notfällen von Gläubigen aufgesucht.

Als die Bevölkerung 1944 von den Alliierten ins Internierungslager Vught evakuiert wurde, gelobten sie bei einer glücklichen Heimkehr, 50 Jahre lang am Sonntag nach dem Fest der Kreuzerhöhung zum Betkreuz zu pilgern. Diese Tradition wird noch heute durchgeführt.

Der Große und Kleine Pley

Großer Pley

Eine Besonderheit des Dorfes ist der Große Pley, eine dreieckige Grünfläche von zwölf Morgen inmitten des Dorfes, der als Ortskern den Mittelpunkt der dörflichen Aktivität darstellt und von dem aus sich strahlenförmig die Hauptstraßen erstrecken. Seine Entstehung hat wohl die profane Erklärung, dass die Senke vor Jahrzehnten noch eine morastige Aue war, auf der nicht gebaut werden konnte. Somit entstand das Dorf um diesen Platz herum, welcher den Bauern als Wasserplatz für die Tiere diente. Jedoch könnte er auch ein Hinweis auf eine frühe Besiedlung sein, da dies der fränkischen Bauweise entspricht, wo um einen gemeinsamen Weideplatz gebaut wurde.[5] Heutzutage ist der Große Pley trockengelegt.

Kleiner Pley

Südlich vom diesem liegt noch der Kleine Pley, der ein Gegenstück zum Großen Pley darstellt, auch da er dessen Dreiecksform aufnimmt, wobei ihre Spitzen gegenüber liegen. An dieser Verbindungsstelle liegt auf einer sanften Erhebung die Kirche. Beide Plätze stellen den ältesten Teil Birgdens dar. Durch straßenbauliche Maßnahmen anfang der 1970er-Jahre wurde der Kleine Pley auf ca. 1/5 der vorherigen Größe reduziert. Auf ihr steht eine Tobias-und-Raphael-Kapelle.

Mittlerweile sind alle Weiher auf dem Kleinen und dem Großen Pley zugeschüttet, zuletzt auch aufgrund eines Unglücks: Am 23. Januar 1950 brach das Eis auf der „Gruete Kuhl“ am nördlichen Ende des Großen Pleys, auf dem zu dieser Zeit viele Kinder schlitterten. Dabei sanken 17 Kinder ein. Nur durch die schnelle Hilfe einiger Personen konnten die meisten Kinder gerettet werden. Besonders Wilhelm Frings ist hier zu nennen, der 9 Kinder aus dem eiskalten Waser zog. Für zwei Mädchen kam jedoch jede Hilfe zu spät. Deren Grabsteine sowie der des Wilhelm Frings sind erhalten geblieben und stehen heute auf dem Friedhof beim Ehrenmal.[11]

Das Wort „Pley“ ist das plattdeutsche Wort für Platz. Es ist im Aachener Raum ein geläufiger Begriff, so existiert auch ein Pley in Oberstolberg, und ein Ortsteil von Würselen trägt diesen Namen.

Infrastruktur

Birgden besitzt eine Grundschule und einen Kindergarten. Ein Seniorenzentrum für betreutes Wohnen ist in einer ehemaligen Mühle untergebracht. Der historische Birgdener Bahnhof ist die mittlere Station der historischen Museumseisenbahn Selfkantbahn. Die Bahnhofsgaststätte wurde allerdings 2004 abgerissen. Ebenfalls existiert ein kleines Feuerwehrmuseum, das neben der Entstehung der Feuerwehr in Birgden auch Exponate des dörflichen Lebens enthält. Bei Birgden entspringt auch der Saeffelbach.

Einzelnachweise

  1. Stand 22. April 2008: 2977 Einwohner
  2. a b Wilhelm Piepers, Archäologie im Kreis Heinsberg I, 1989, S.231f
  3. a b Herausgeber Der Selfkantkreis, Unsere Heimat: Der Selfkantkreis Geilenkirchen-Heinsberg, 2. Auflage 1963, Peter Jansen, „Birgden“, S.243
  4. Paul Vallen: Birgdens industrielle Epoche. Von der ländlichen Hausweberei zur seidenweberei H. E. Schniewind. In: Heimatkelender des kreises Heinsberg 2009. S. 120ff.
  5. a b Festschrift zum Dekanatsschützenfest 1957 in Birgden
  6. Martin Bünermann: Die Gemeinden des ersten Neugliederungsprogramms in Nordrhein-Westfalen. Deutscher Gemeindeverlag, Köln 1970.
  7. Leo Gillessen, Die Ortschaften des Kreises Heinsberg, 1993, S.92
  8. Leo Schreinemacher, Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1980, „Lothringische Truppen in unserer Heimat im Jahre 1650“, S. 28
  9. Paul Vallen, Fiktion und Wirklichkeit
  10. Peter Jansen, Unsere Heimat, Beilage der Aachener VZ, Nr. 1 Januar 1949
  11. Westblick vom 27. Oktober 2000, S. 19, „Die Heldentat von Wilhelm Frings bleibt unvergessen“

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