Bis zum Äußersten

The Turn of the Screw (deutsche Titel: Das Durchdrehen der Schraube, Die Drehung der Schraube, Schraubendrehungen, Bis zum Äußersten) ist eine Novelle von Henry James, die erstmals 1898 erschienen ist.

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Der namenlose Erzähler der Geschichte gibt eine Geistererzählung wieder, die ein gewisser Douglas am Kamin eines englischen Landhauses vorliest. Es handelt sich dabei um die Erzählung eines Kindermädchens, das mit der Betreuung zweier Kinder, Miles und Flora, beauftragt ist, die elternlos auf dem Landsitz Bly aufwachsen. Das Kindermädchen ist verliebt in den Auftraggeber, den Onkel und Vormund der Kinder, und widmet sich der Aufgabe mit großer Hingabe. Mit der Zeit beobachtet sie auf dem Landsitz wiederholt mysteriöse Geistererscheinungen, in denen sie schließlich ihre eigene Vorgängerin und einen früheren Diener erkennt, die beide unter nicht näher geklärten Umständen ums Leben kamen. Sie bringt in Erfahrung, dass die beiden offenbar ein Verhältnis miteinander hatten und den Kindern sehr nahe standen. Das Kindermädchen ist überzeugt davon, dass die Kinder diese Erscheinungen ebenfalls sehen, ihr aber nichts davon erzählen. Sie glaubt an einen schlechten Einfluss, den die Geister auf die Kinder ausüben. Aus Sorge steigert sie sich in eine zwanghafte Überwachung hinein, die schließlich in Miles' Tod und einem Nervenfieber bei Flora resultiert.

Entstehungsgeschichte

The Turn of the Screw wurde erstmals von Januar bis April 1898 als Fortsetzungsgeschichte in der Wochenzeitschrift Collier's veröffentlicht. Eine Buchausgabe erschien erstmals 1908. In der Phase, als er die Novelle schrieb, war Henry James wegen einer Handgelenkserkrankung selbst nicht zum Schreiben in der Lage. Mit der damals neuen Erfindung der Schreibmaschine konnte er nicht umgehen, so dass er auf einen Sekretär angewiesen war, dem er die Geschichte diktierte.

Während der Entstehungszeit gab es ein großes öffentliches Interesse an Geistererscheinungen, das sich in vielen journalistischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema niederschlug. In Henry James' eigenen Bekanntenkreis befanden sich Personen, die Berichte von Betroffenen sammelten. Wie genau James selber zu diesem Thema stand, ist nicht bekannt; er brachte aber in jedem Fall ein großes Interesse dafür auf und soll selbst an Tagungen der Society for Psychical Research teilgenommen haben. Einige der Geisterbeschreibungen in The Turn of the Screw weisen starke Ähnlichkeiten zu Augenzeugenberichten seiner Zeit auf.[1]

Rezeption

The Turn of the Screw gilt als eines der am stärksten rezipierten Bücher von Henry James. Literaturwissenschaftler praktisch aller Schulen habe sich mit diesem Werk beschäftigt.

Eine Frage, die in den kritischen Kontroversen besonders häufig auftaucht, ist die nach der Realität der Geistererscheinungen. Durch die unzuverlässige Erzählsituation mit einem Erzähler, dem von einer weiteren Person eine Geschichte vorgelesen wird, die wiederum von der (potentiell psychisch kranken) Hauptperson in der Ich-Form verfasst ist, wird nicht klar, ob die Geistererscheinungen als real angesehen werden müssen oder ob sie von der Hauptperson halluziniert werden. Praktisch seit Erscheinen der Novelle gibt es Kontroversen zwischen Kritikern, die die eine oder andere Lesart eindeutig bevorzugen und ihre Richtigkeit am Text zu belegen versuchen. Erst relativ spät entwickelte sich eine dritte Strömung, die davon ausgeht, dass beide Lesarten gleichermaßen in der Geschichte angelegt sind.[2][3]

Die Annahme, dass die Geister halluziniert werden, führte viele Kritiker dazu, in The Turn of the Screw eine psychologische Studie zu sehen. Ein besonders einflussreicher Aufsatz mit diesem Ansatz wurde 1934 von Edmund Wilson veröffentlicht und analysiert die Novelle aus freudianischer Sicht, wobei er auf bestimmte Motive sehr konkret eingeht. Zahllose spätere Interpreten folgten dieser Lesart.

Kritik an diesem Ansatz kam aus verschiedenen Richtungen. Zum einen wird etwa die Figur des Kindermädchens in der Rahmenhandlung durchweg positiv beschrieben, was sich aus Sicht mancher Interpreten nicht mit der Figur einer Geisteskranken, die eine Gefahr für die Kinder darstellt, vereinbaren lässt. Zum anderen kann unter Heranziehung einer autorzentrierten Lesart davon ausgegangen werden, dass Henry James mit freudscher Symbolik nicht vertraut war. Von James selber ist überliefert, dass er sich für die Gespenster viel stärker interessierte als für die Figur des Kindermädchens.[4]

Erst in den 70er Jahren setzte sich mehr und mehr die These durch, dass beide Interpretationsmöglichkeiten gleichzeitig bewusst in der Novelle angelegt sind. Zu ihren ersten Vertretern gehörten Tzvetan Todorov und Shoshana Felman, die dekonstruktivistische Ansätze verfolgten. Diese Interpretation ist in der Literaturwissenschaft mittlerweile weitgehend akzeptiert.[5]

Weitere Interpretationen ergaben sich Ende der 70er Jahre aus der Perspektive der marxistischen Literaturtheorie und der Gender Studies. So wurde The Turn of the Screw als Auseinandersetzung mit dem moralischen Verfall der Oberschicht gelesen, die durch die Kinder repräsentiert wird. Die Geister werden nach dieser Lesart zu den Unterdrückten der Vergangenheit, die ihre Chance sehen, in das Leben der Oberschicht einzudringen und die Oberhand zu gewinnen. Das Scheitern des Kindermädchens bei der Rettung wird dadurch zu einem Bild der Hoffnungslosigkeit eben dieser Rettung. Vertreter derartiger Interpretationen waren etwa Edwin Fussell und Heath Moon.[6]

Aus Sicht der Gender Studies existieren unterschiedliche Bewertungen. Patricia N. Klingenberg etwa wirft James vor, die weibliche Perspektive aus seinem Roman zu verbannen, indem die Erzählung der Kindermädchens durch zwei männliche Erzähler gebrochen wird.[7] Andere Interpreten betonen hingegen die Tatsache, dass James' Roman ein Bild von Frauen entwirft, die den Männern als Romanautoren ebenbürtig sind oder weisen sogar auf die Tatsache hin, dass das Geschlecht des Erzählers der Rahmenhandlung selbst unklar ist und ebenfalls die Sichtweise einer Frau darstellen könnte.[8]

Bedeutung des Titels

Eine umfassende Interpretation des Titels The Turn of the Screw stammt von Shoshana Felman. Sie stellt eine direkte Verbindung zu einer Szene her, in der das Kindermädchen Flora dabei beobachtet, ein Holzschiff zu bauen, indem sie einen Mast in einen Rumpf hineinzudrehen versucht – wovon das Kindermädchen sie entschlossen abhält. Viele Kritiker haben in dieser Szene eine explizit phallische Konnotation gelesen. Felman stimmt dem zu und weitet diese Interpretation auch auf die Schraube selbst aus. Das Beherrschen des Mastes oder das Drehen der Schraube sind für sie aber nicht nur Phallussymbole, sondern stehen auch für das Beherrschen der Erzählung durch die unzuverlässige Ich-Erzählerin, die alle Bedeutungsebenen ebenso immer stärker zu kontrollieren versucht wie das Leben der Kinder. Das Durchdrehen der Schraube wird zum letzten Akt, der schließlich in die Katastrophe führt, die sich auf der Handlungsebene in Miles' Tod äußert – dem einzigen realen Ereignis, das zweifellos nicht halluziniert ist. Der Handgriff, mit dem das Kindermädchen Miles erstickt, wird so zum fatalen Durchdrehen der Schraube.[9]

Adaptionen

The Turn of the Screw hat eine Reihe von Adaptionen in anderen Kunstrichtungen hervorgerufen. Noch größer ist die Anzahl der Werke, die sich teils explizit darauf beziehen.

Dramatisierung

  • The Innocents von W. Archibald, New York 1950

Opernadaption

Verfilmungen (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. Peter G. Beidler: Introduction: Biographical and Historical Contexts, in Henry James:The Turn of the Screw Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 15 ff.
  2. Peter G. Beidler: A Critical History of "The Turn of the Screw", in Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 127 f.
  3. Walter Jens (Hrsg.): Kindlers neues Literaturlexikon, Kindler: München (1990), Bd. 8, S. 597 f.
  4. Peter G. Beidler: A Critical History of "The Turn of the Screw", in Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 130 ff.
  5. Peter G. Beidler: A Critical History of "The Turn of the Screw", in Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 135 f.
  6. Peter G. Beidler: A Critical History of "The Turn of the Screw", in Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 17 f.
  7. Peter G. Beidler: A Critical History of "The Turn of the Screw", in Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 139
  8. Peter G. Beidler: A Critical History of "The Turn of the Screw", in Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 177
  9. Shoshana Felman: "The grasp with which I recovered him": A Child is Killed in The Turn of the Screw, in Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin's Press (1995), S. 202

Literatur

Ausgaben

  • Henry James: Das Durchdrehen der Schraube (dt. v. Karl Ludwig Nicol), dtv: München (2001) ISBN 3423128984
  • Henry James: The Turn of the Screw, Bedford Books of St. Martin’s Press: Boston, Mass. (1995) ISBN 0-312-08083-2

Sekundärliteratur

  • Peter G. Beidler: Ghosts, Demons, and Henry James: "The Turn of the Screw" at the turn of the century, University of Missouri Press: Columbia (1989) ISBN 0-8262-0684-0
  • Claire E. Bender, Todd K. Bender: A Concordance to Henry James’s The Turn of the Screw, Garland: New York (1988), ISBN 0-8240-4147-X
  • Thomas M. Cranfill: An anatomy of The turn of the screw, University of Texas Press: Austin (1965)
  • Elizabet A. Sheppard: Henry James and the Turn of the Screw, Auckland University Press: Auckland (1974) ISBN 0-19-647810-3

Weblinks


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