Bissier

Julius Heinrich Bissier (* 3. Dezember 1893 in Freiburg; † 18. Juni 1965 in Ascona) war ein deutscher Maler. Im Jahr 1939 zog Julius Bissier mit seiner Ehefrau Lisbeth Bissier von Freiburg im Breisgau nach Hagnau am Bodensee. Dort entwickelte er seine einzigartige Bild- und Formsprache. Im Jahr 1961 zog er nach Ascona in die Schweiz, wo er 1965 starb.


Inhaltsverzeichnis

Kindheit und Studium

Bissier wuchs in Freiburg ohne Geschwister auf. Er bewohnte mit seinen Elten eine einfache Dreizimmerwohnung. Sein Vater erlitt 1906 eine psychische Krankheit und starb ein Jahr darauf. Nach einem Studium an der Akademie der Künste in Karlsruhe wurde Bissier zum Kriegsdienst eingezogen und lernte den Maler Hans Adolf Bühler kennen, bei dem er um 1917 studierte.

Freundschaften und daraus resultierende Prägung

1919 befreundet sich Bissier mit dem Sinologen Ernst Grosse, der ein großes Wissen über die ostasiatische Kunst besitzt, als auch eine Sammlung ostasiatischer Kunstgegenstände. Grosse hatte viele Jahre im Osten verbracht und einen Ruf als Professor an der Freiburger Universität inne. Über Grosse schreibt Bissier später "...Und ich sagte schon, dass ein Mann gekommen sei, dem es auferlegt war, mir die Augen zu öffnen, indem er mich lehrte, sie zu schließen...". Grosse vertrat die Ansicht, das die alte Tuschmalerei der künstlerische Ausdruck der ostasiatischen Mystik sei. Bissier lernt von ihm die Versenkung in das Wesen der Dinge über ihre Augenblickserscheinung hinaus.

1920 lernt Bissier Julius König (Achtung, hierbei handelt es sich nicht um den 1913 verstorbenen ungarischen Mathematiker!) kennen, der ihn mit Literatur versorgte, unter anderem mit aktuellen Kunstzeitschriften. Im selben Jahr schloss Bissier auch Bekanntschaft mit dem Arzt und Dichter Hans Prinzhorn, der 1922 ein Buch mit dem Titel "Bildnerei der Geisteskranken" veröffentlichte. In diesem Buch vertritt Prinzhorn die Ansicht, ein gelungenes Werk solle sich vom Zwang der äußeren Erscheinung der Wirklichkeit befreien. Stattdessen solle die Gestaltung zu einem Akt seelischer Offenbarung und der Stil des Künstlers eins mit dessen Persönlichkeit werden.

In seiner Zeit in Hagnau am Bodensee war Julius Bissier mit Karl Raichle befreundet, der im benachbarten Meersburg als Zinnschmied und Metallkünstler beschäftigt war.

Werk

Erste Phase (1915 bis 1929)

Bissier beschäftigt sich mit der altdeutschen Malerei (u.a. Albrecht Altdorfer, Matthias Grünewald, Hans Multscher, Konrad Witz) und Mystik (u.a. Meister Eckhart). Er malt Bilder von kosmischen Urweltlandschaften und Heiligen. Ab 1922 werden seine Werke kühler, er nähert sich dem Stil der Neuen Sachlichkeit, malt hauptsächlich Stillleben, Landschaften und Porträts. Mit der Zeit wird die Imitation der Natur für Bissier zweitrangig, stattdessen stehen Komposition und Form im Vordergrund seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Immer mehr empfindet er die gegenständliche Malerei als leer und seelenlos. Mit dem Gefühl künstlerisch "totgelaufen" zu sein, sich verrannt zu haben und alleine in der Provinz Freiburg diesem Tief nichts entgegen setzen zu können, fährt er auf die Hochzeit seines Jugendfreundes nach Frankfurt am Main.

Zweite Phase (1929 bis 1933)

In Frankfurt lernte Bissier Willi Baumeister kennen, der damals als Professor am Städel in Frankfurt lehrte. Baumeister zeigte Bissier seine Sammlung mit Bildern von Pablo Picasso, Georges Braque, Paul Klee, Fernand Léger und anderen Gründern der abstrakten Malerei sowie seine eigenen Bilder. Er regte Bissier dazu an, den Gegenstand in seiner Malerei aufzugeben und mit einfachen Grundformen Spannung zu erzeugen. Bis 1933 arbeitet Bissier im Sinne Baumeisters.

1930 besucht Bissier zusammen mit seiner Frau den rumänischen Bildhauer Constantin Brâncuşi in Paris. Er ist beeindruckt von dessen Arbeiten, die sich für ihn durch eine perfekte Verbindung/Verschmelzung von Kunstform und Naturform auszeichnen und dadurch zu einem Symbol/Zeichen für das Sujet werden. Brancusis Kunst zeigt Bissier, dass Abstraktion nicht zwingend ein kaltes Formspiel sein muss und wies ihm damit den Weg in eine spirituelle Abstraktion (Vergl. Wassily Kandinsky).

Dritte Phase (1933 bis 1948)

Vom reinen Formspiel unbefriedigt und mit dem Wunsch, die Formensprache Baumeisters, die deutlich in Bissiers Arbeit eingeflossen war, in eine ureigensten Ausdrucksweise zu verwandeln, nimmt er ab 1933 eine strenge Vereinfachung seiner Arbeitsweise vor. Farben und Linien werden zurückgenommen, stattdessen die Konzentration auf die Komposition und die reine Fläche verstärkt. Die nun entstehenden Bilder werden begleitet von einer Reihe von Zeichnungen, die zum Teil Vorstudien sind, zum Teil aber auch völlig selbständige Grafiken darstellen. Bissier arbeit mit Bleistift und fertigt in Anlehnung an die ostasiatischen Schriftzeichen, auch Tusche-Zeichnungen an. "Das Beiwerk der verspannten Farbflächen, Lineamente, fiel - es blieben immer deutlicher Schriftzeichen übrig.." (Bissier). Es sind diese Zeichnungen, die Bissier mit Zufriedenheit erfüllen.

1933 lernt Bissier über Willi Baumeister den Künstler Oskar Schlemmer kennen. Eine tiefe Freundschaft bis zum Tod Schlemmers entsteht.

1934 brannte Bissiers Atelier aus. Dies nahm er zum Anlass, seine schon 1927 aufgeschriebene Theorie über kleine und große Bildformate in der Kunst umzusetzen. Er bezeichnete damals die Monumentalität eines Kunstwerkes als die größte Versucherin, weil sie eine zweifellos nach außen gerichtete, also auf den Betrachter gerichtete, Qualität des Kunstwerkes sei. "Stille, Religion des Vergessens, des Verzichts ist ihr ebenbürtig, ja überlegen" (Bissier). Indem er daraufhin das kleine Format für seine künftigen Arbeiten übernahm, übte er sich im Ideal der Bescheidenheit (im doppelten Sinne, da er auch nie wieder ein großes Atelier anmieten muss). (Zu klären ist noch, ob die Formate vor 1934 nicht auch schon sehr bescheiden waren? cm-Zahlen?)

Die Tuschen In stiller Kontemplation entstanden Bissiers Tuschen. Der Künstler schafft dabei Zeichen für seine Gefühle, seine Umwelt, etc. Dabei muss er den natürlichen, inneren Drang des Menschen nach Geltung ausschalten und sich ganz öffnen für "die Seele der Welt". (Nietzsches Gedanke des Künstlers als Medium?)

Bissier sprach aus diesem Grunde immer wieder von der Wichtigkeit eines bestimmten Zustandes, in dem er sich befinden musste, während er die Tuschen erfand. Dieser Zustand erinnert an die Meditation der buddhistischen Mönche und Bissier selbst bezeichnet die Tuschen als sein "Sakrament". Der Prozess der Arbeit erinnert an Exerzitien. Die Findung einer Form erfolgte in der ständigen Wiederholung und Variation des einen Zeichens, bis es für Bissier die angestrebte Gültigkeit enthielt. Daraufhin vernichtete er alle vorigen Versuche.

Obwohl Bissier betonte, dass man seine Zeichen intuitiv verstehen könne, ist es für uns doch interessant zu erfahren, wo er seine Inspirationen fand. Bissiers Zeichen beziehen sich nur in den seltensten Fällen direkt auf das Zeitgeschehen (also Geschichte). Vielmehr beschäftigte er sich mit dem "überaugenblicklichen, überpersönlichen, ja außermenschlichen Standpunkt." Eines seiner Hauptthemen ist das "polare Gegenspiel der Komposition mit männlichen und weiblichen Formcharakteren". Der Kontrast und das Gegenteil: das Zwillingsmotiv.

Im Besonderen ist der Rechts- und Kulturhistoriker Johann Jakob Bachofen zu nennen, auf dessen Schriften sich Bissiers Zeichen ab 1937/38 häufig beziehen. Es sind überwiegend Zeugungs- und Fruchtbarkeitssymbole, das Ei, etc. die ihren Weg in die Tuschen finden.

Vierte Phase (1948 bis 1965)

Am 23. Januar 1948 notiert Bissier (am Beispiel der Blätter Welk und reif) in sein Tagebuch, dass das Geistige in seiner Kunst abnehme und er sich vermehrt mit Form und Farbe beschäftige.

Die Miniaturen: Die Technik der Eiöltemperamalerei erlaubt Bissier bei den Miniaturen ein langsameres Arbeiten als bei seinen Tuschen. Dadurch ersetzt er den skriptuale Fluss (den geschlossenen Duktus), zu dem ihn die Tusche gezwungen hatte, durch ein additives Gefüge aus Einzelaktionen. Die Miniaturen malt er auf Leinwandstücke, die ihm seine Frau aus ihrer Weberei mit bringt, und die er nicht aufspannt, sondern einfach auf dem Tisch liegend bearbeitet. Die Grundierung der Leinwandstücke ist transparent und entspricht damit den leeren Hintergründen der Tuschezeichnungen. Kein definierter Raum, Lichte Weite.

Neben seiner Arbeit an den farbigen Miniaturen entwickelt Bissier den Stil seiner Tuschen weiter. Die Darstellung von Gegenständen, Symbolen oder Zeichen weicht nach und nach der Beschäftigung mit der Energie des Malaktes, die sich in einer Gestik manifestiert. Der Ausdruck des einzelnen Pinselstriches, der nichts anderes als Pinselstrich sein will. Damit wird Bissier Wegbereiter des Informel.

Im Jahr 1959 ist Julius Bissier Teilnehmer der documenta II und auch auf der nächsten, der documenta III (1964) in Kassel vertreten.

Es folgen etliche Ausstellungen im In- und Ausland - allein im Jahr 1964 sechs Ausstellungen in amerikanischen Museen. Am 31. Juli 1965 eröffnet Edinburgh mit 30 Werken Bissiers eine Bissier-Morandi-Ausstellung, die beide Künstler nicht mehr erleben; Bissier stirbt im Juni 71jährig im schweizerischen Ascona, in das er 1961 von Hagnau aus umgezogen war.

In Ascona wird das Archiv Bissier betreut, das weltweit die Werkbestände erfasst und Ausstellungen durch Fachauskünfte unterstützt.

Zitate von Bissier

  • "Ein Bild soll sein wie ein Zeichen; knapp, einfach, wahr, hart wie die Natur, froh wie die Natur und traurig wie sie."
  • "Der geheime Reiz in der Natur ist wohl der, der von ihrer Unberechenbarkeit, ihrem Wankelmut, ihrer 'formalen' Unfertigkeit ausgeht." (12. Mai 1949)
  • "In drei Strichen, die einer mit dem Pinsel macht, muss eingentlich schon alles drinstecken: er selbst mit Konstitution plus Temperament, etc., seine Zeit und ganz generell: meine Stellungnahme zum Leben. Wenn in den "drei Strichen" nicht alles steckt, so ist es auch in einem ganzen Gemälde - Triptychon - nicht,(...)" (Tagebucheintrag vom 23. Februar 1943)
  • "(...)Hier liegt der eigentliche 'Sinn' meiner Tuschen. Sie wollen als Wesensstenogramme meiner Person rein absolut über die Sinne verstanden sein - in keiner anderen Weise. Der Inhalt (Philosophie und dergleichen) ist zweitrangig (...)" (Tagebucheintrag vom 27. Oktober 1943)

Literatur

  • 1986: Julius Bissier, Werke 1948-1965, Staatsgalerie Stuttgart - Graphische Sammlung und Ernst Klett Verlage, Stuttgart 1986. ISBN 3-608-76224-8
  • 1993: Julius Bissier, mit Widmung Julius Bissier zum hundertsten Geburtstag, Ausstellungskatalog zur Ausstellung vom 3. Dezember 1993 − 6. Februar 1994, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, Verlag Gerd Hatje, Ostfildern-Ruit bei Stuttgart 1993. ISBN 3-926154-19-5 (Museumsausgabe); ISBN 3-7757-0483-3 (Buchhandelsausgabe); 152 S.
  • 1994: Julius Bissier: vom Anfang der Bilder 1915 - 1939. Städtische Museen Freiburg, Museum für Neue Kunst, 26. März - 19. Juni 1994. Waldkirch: Waldkircher Verl., 1994. ISBN 3-87885-277-0.
  • 2008: Julius Bissier − Der Metaphysische Maler|Pittore Del Metafisico, Hg.: Marco Franciolli (Museo Cantonale d'Arte, Lugano), Hans Günter Golinski (Kunstmuseum Bochum), Roland Scotti (Kunstmuseum Liner, Appenzell), Ausstellungskatalog zweisprachig (dt./ital.) anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in Bochum, Appenzell und Lugano, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern 2008, ISBN 978-3-7757-2246-9; 220 S.

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