AL 288-1
Lucys Skelett

Lucy oder Dinknesh (amharisch: Du Wunderbare) bezeichnet den Skelettfund eines Australopithecus afarensis, dessen wissenschaftliche Bezeichnung AL 288-1 lautet („AL“ steht für „Afar Locality“). Das Fossil wurde benannt nach dem Beatles-Song Lucy in the sky with diamonds. Lucy hat wahrscheinlich vor 3,2 Millionen Jahren gelebt.

Inhaltsverzeichnis

Fundgeschichte

Lucy wurde am 30. November 1974 in Hadar, Äthiopien von Donald Johanson entdeckt, der an diesem Tag in Begleitung des Postdoc Tom Gray am Fundort 162 unterwegs war. Am Hang einer Senke, die ein zum Awash entwässerndes Wadi freigespült hatte, wurde zunächst „das Fragment eines hominiden Arms“ und kurz darauf „die Rückseite eines kleinen Schädels“ sowie in unmittelbarer Nähe das Bruchstück eines Oberschenkelknochens aufgefunden.[1] Laut Yves Coppens [2] wurde den an diesem Tag gefundenen Knochenstücken zunächst keine besondere Aufmerksamkeit zuteil, da es zuvor bereits Dutzende ähnliche Funde in der Region gegeben hatte. Erst eine erneute, genauere Untersuchung der Fundstelle ergab, dass weitere Knochenfragmente offenbar vom selben und – nach Meinung der meisten Wissenschaftler – weiblichen Individuum stammten, also eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht worden war. Als man am Abend dieses Tages die zusätzlichen Funde im Forschercamp katalogisierte, wurde wiederholt eine Beatles-Tonkassette vom Kassettenrecorder abgespielt, auf der u.a. der bekannte Song Lucy in the Sky with Diamonds enthalten war. Zunächst spaßhaft gemeint, wurde die Bezeichnung Lucy rasch auch außerhalb des Camps zur üblichen Abkürzung für den Sensationsfund.

Von 1975 bis 1980 wurden die Knochen von Lucy in den USA, im Cleveland Museum, von Johanson eingehend analysiert, einige Abgüsse wurden von ihnen erstellt und anschließend wurden sie wieder den äthiopischen Behörden übergeben. Seitdem wurden die Originalknochen in Addis Abeba verwahrt. [3]

Seit August 2007 werden die Originalknochen in den USA ausgestellt. Der neuerliche Transport ins Ausland, dessen Ertrag zur Finanzierung äthiopischer Museen dienen soll, war von vielen Paläoanthropologen heftig kritisiert worden, da sie das Risiko für eine Beschädigung oder gar den Verlust der Knochen als unkalkulierbar einschätzen. Da die Besucherzahlen in den USA weit hinter den Erwartungen zurück blieben, wird Lucy ab März 2009 bis auf weiteres im Houston Museum of Natural Science eingelagert.[4] Für Forschungszwecke wurde in den USA ein hochauflösender Computertomographie-Scan der Knochen angefertigt und dieser zu einer dreidimensionalen Computersimulation verarbeitet, mit deren Hilfe der innere Aufbau des Skeletts analysiert werden kann.

Fundbeschreibung

Nachbildung von Lucys Skelett im Frankfurter Senckenberg-Museum mit rekonstruierter bipeder Fortbewegung

Lucy wird in der Fachliteratur meist als eine erwachsene Frau von etwa 25 Jahren beschrieben; einige Forscher deuten den Fund allerdings als männlich. Ihr Skelett zählt zu den besterhaltenen Skeletten der frühen Vorfahren des Menschen (Hominini). Etwa 20 Prozent des Skeletts wurden gefunden (bleiben Hand- und Fußknochen unberücksichtigt, die etwa die Hälfte der Knochenzahl des Skeletts ausmachen, sind es 40 Prozent), darunter Oberschenkel und Schienbein, Teile des Beckens, der Wirbelsäule, des Schädels und des Armskeletts. Der Skelettbau zeigt eindeutige Anpassungen an den aufrechten Gang. Die aktuelle Artbezeichnung wurde 1978 vergeben.

Gemeinsam mit Yves Coppens und Tim White veröffentlichte Donald Johanson aufgrund des Fundes von Lucy die Erstbeschreibung der neuen Art Australopithecus afarensis.

Der aufrechte Gang ist auch durch Fußspuren belegt, die Mary Leakey in der vulkanischen Asche von Laetoli in Tansania fand. Laut William Sellars von der Universität in Loughbourough belegen die Spuren, dass sich Australopithecus afarensis mit Geschwindigkeiten zwischen 0,6 und 1,3 m/s (2,16 bis 4,68 km/h) in völlig aufrechtem Gang fortbewegte. Die Berechnung wurde anhand der Abmessungen von Lucy und den Spuren mittels Modellsimulation durchgeführt.

Einzelnachweise

  1. * Donald Johanson, Maitland Edey: Lucy. Die Anfänge der Menschheit. Piper, München und Zürich 1982, ISBN 3-492-02738-5; hier zitiert nach der Neuausgabe von 1992, S. 16
  2. öffentlicher Vortrag von Yves Coppens am 15. November 2006 im Senckenberg-Museum, Frankfurt am Main
  3. Science Band 314 vom 27. Oktober 2006, S. 574
  4. Lucy's museum tour threatens to become a spell in storage. Nature 457, 2009, S. 775

Siehe auch

Literatur

  • D. C. Johanson und Y. Coppens: A Preliminary Anatomical Diagnosis of the First Plio-Pleistoice Hominid Discoveries in the Central Afra, Ethiopia. Americal Journal of Physical Anthropology 45, Sept. 1976, S. 217-234
  • D. C. Johanson, T. D. White und Y. Coppens: A New Species of the Genus Australopithecus (Primates: Hominidae) from the Pliocene of Eastern Africa. Kirtlandia Nr. 28 (1978)
  • D. C. Johanson und Maitland Edey: Lucy - Die Anfänge der Menschheit. (Dt. Ausgabe), R.Piper & Co. München 1982, ISBN 3-492-02738-5
  • Yves Coppens: Lucys Knie - Die prähistorische Schöne und die Geschichte der Paläontologie. (Dt. Ausgabe), München 2002.

Weblinks


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