Bitterkeit (Emotion)

Eine „Posttraumatische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Em­bitter­ment Disorder, PTED)“ kann in der Folge außer­ge­wöhn­licher, jedoch lebensüblicher Belastungen entstehen (Kündigung, Partnerschaftsprobleme, zwischenmenschliche Konflikte, Verlusterlebnisse), die als ungerecht, kränkend oder herabwürdigend erlebt werden. Sie ist durch Verbitterung, Entwicklung einer ausgeprägten psychischen Begleitsymptomatik, Chronizität und sozialmedizinisch erheb­lichen Negativfolgen zu charakterisieren.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Psychische Reaktionen, die in der Folge negativer Lebensereignisse entstehen werden in den psychiatrischen Klassifikationssystemen (ICD-10) der Gruppe der Anpassungsstörungen zugeordnet. Dies ist ätiologisch wie klinisch eine sehr heterogene Störungsgruppe, zu der beispielsweise auch die „Posttraumatische Stresserkrankung, PTSD“ gehört.

Eine Form der Anpassungsstörungen ist durch den Leitaffekt der Verbitterung im Zusammenhang mit einer Verletzung zentraler Grundannahmen durch ein traumatisches Lebensereignis charakterisiert. Die „Posttrau­ma­tische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder, PTED)“ ist häufig, führt zu erheblichem Leiden bei den Betroffenen und ihrer Umwelt, hat eine Tendenz zur Chronifizierung, ist schwer zu behandeln und stellt ein Sonderproblem insbesondere bei sozialmedizinischen Begutachtungen dar.

Symptomatik

Im Vordergrund des Beschwerdebildes steht ein andauernder Verbitterungsaffekt, verbunden mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Vorwürf­lich­keit gegen sich und andere, aggressiven Phantasien gegen sich selbst und andere bis hin zu Gedanken an Suizid und auch erweiterten Suizid. Hinzu kommen typischerweise Antriebsblockade und innere Unruhe, somatoforme Störungen, Schlafstörungen, sozialer Rückzug. Plätze und Personen, die mit dem traumatischen Ereignis assoziiert sind, wer­­den vermieden, was vordergründig wie eine Phobie erscheinen kann. Die Grundstimmung ist dysphorisch gedrückt. Diese Störungen können auf den ersten Blick wie eine endomorphe Depression wirken. Aller­dings ist im Gegensatz zur Depression die affektive Modulation ungestört.

Ursache und Auslöser

Verbitterung ist ein Gefühl, das jedem Menschen bekannt ist. Bei Umfragen geben etwa die Hälfte der Menschen an, dass sie in den letzten Jahren Erlebnisse hatten, deren Erinnerung ein Gefühl der Verbitterung hochkommen lässt. Ähnlich wie Angst kann eine verstärkte Verbitterung zu einem krankheitswertigen Zustand führen, der die Betroffen schwer beeinträchtigt und der behandelt werden muss.

Zu schweren Verbitterungsreaktionen kommt es dann, wenn durch ein Ereignis oder andere Personen wichtige „Grundannahmen“ grob verletzt werden. Grundannahmen (im Englischen: basic beliefs) sind psychologische Einstellungen und Wertorientierungen, die dazu dienen, sich über die Lebensspanne hin kohärent verhalten zu können (z.B. „Die Familie ist das Wichtigste im Leben!“ „Der Beruf ist das wichtigste im Leben!“ „Materielle Sicherheit oder Reichtum ist das Wichtigste im Leben!“ „Verlässlichkeit und Ehrlichkeit ist das Wichtigste im Leben!“ usw.). In den Bereichen, in denen Menschen besonders leistungsstark sind, sind sie verletzlich (Nur wem der Beruf sehr wichtig ist, der kann tief getroffen werden, wenn die eigene Beförderung auf unfaire Art hintertrieben wird). Kränkungen und Ungerechtigkeit sind psychologisch als Aggression zu verstehen. Wenn darauf nicht mit wirksamer Verteidigung reagiert werden kann, dann setzt Hilflosigkeit, Resignation und Verbitterung ein. Verbitterung hat dabei auch den Charakter einer Bestrafung des Aggressors durch Selbstzerstörung, was die z. T. ausgeprägten aggressiven Phantasien und Handlungen sowie erweiterte Suizide erklärt.

Ein Faktor, der Verbitterungsreaktionen vorbeugen und auch therapeutisch genutzt werden kann, ist Weisheit. Die moderne Weisheitspsychologie hat Weisheit definiert als Expertise im Umgang mit schwierigen und unauflösbaren Lebensfragen.

Psychotherapie

Die Behandlung der Posttraumatischen Verbitterungsstörung ist erschwert durch die regelhaft anzutreffende resignativ-aggressiv-abwehrende Grundhaltung der Patienten, die sich auch gegen therapeutische Hilfsangebote richtet.

Einen Behandlungsansatz bietet die „Weisheitstherapie“, eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie, durch die der Patient in die Lage versetzt werden soll, das kritische Lebensereignis und insbesondere damit verbundene Kränkungen und Herabwürdigungen durchzuarbeiten, sich davon zu distanzieren und neue Lebensperspektiven aufzubauen. Hierzu werden zum einen übliche kognitive Strategien der Einstellungsänderung und Problemlösung eingesetzt wie verhaltenstherapeutische Verfahren der Verhaltensanalyse und des kognitiven Rehearsals, der Analyse automatischer Gedanken und Schemata, des Reframings oder kognitiven Neubenennens, Expositionsverfahren, Aktivitätsaufbau, Wiederaufbau von Sozialkontakten und Förderung von Selbstwirksamkeitserfahrungen.

Als spezielles Therapiemodul wird ein gezieltes Training von Weisheitskompetenzen eingesetzt. Dazu gehört die Förderung der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zu einer Nachhaltigkeitsorientierung, Affektakzeptanz und –toleranz, Serenität, Wertrelativismus, Selbstdistanz u. a. Methodisch wird das Verfahren der „unlösbaren Probleme“ eingesetzt, in dem fiktive schwerwiegende und nicht lösbare Konfliktsituationen vorgegeben werden, anhand derer die Patienten die vorgenannten Fähigkeiten einüben können, um sie anschließend auf ihre eigene Situation zu übertragen.

Literatur

  • Michael Linden: Posttraumatic Embitterment Disorder. In: Psychotherapy and Psychosomatics. Band 72, 2003, S. 195–202.
  • Michael Linden, Barbara Schippan, Kai Baumann und Rüdiger Spielberg: Die posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED). Abgrenzung einer spezifischen Form der Anpassungsstörungen. In: Der Nervenarzt. Band 75, 2004, S. 51–57.
  • Barbara Schippan, Kai Baumann und Michael Linden: Weisheitstherapie. Kognitive Therapie der Posttraumatischen Verbitterungsstörung. In: Verhaltenstherapie. Band 14, 2004, S. 284–293.
  • Michael Linden, Kai Baumann, Max Rotter und Barbara Schippan: The Psychopathology of Posttraumatic Embitterment Disorders (PTED). In: Psychopathology. Band 40, 2007, S. 159–165.
  • Michael Linden, Max Rotter, Kai Baumann und Barbara Lieberei: The Post-Traumatic Embitterment (PTED). Hogrefe & Huber, Bern 2007.
  • Michael Linden, Kai Baumann, Max Rotter und Barbara Lieberei: Posttraumatic Embitterment Disorder in comparison to other mental disorders. In: Psychotherapy and Psychosomatics. Band 77, 2008, S. 50–56.
  • Kai Baumann und Michael Linden: Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie. Pabst Verlag, Lengerich, 2008.

Weblinks


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