Blatt (Druckschrift)
Flugblätter anlässlich der Reichstagswahl 1924

Als Blatt, Flugblatt, Flugi oder Flugzettel (österreichisch) bezeichnet man ein ein- oder zweiseitig bedrucktes Papier, heute oft fotokopiert, mit einer Gelegenheitsdruckschrift, die teilweise mit Illustrationen versehen sein kann, das eine Mitteilung transportiert und verbreitet. Der Name Flugblatt bezieht sich wohl auf ihre schnelle Verbreitung. Sie erscheinen nicht periodisch, oftmals sogar nur einmalig, zählen aber dennoch zu den Printmedien.

Das Flugblatt ist heute ein typisches Protestmedium; Flugblätter werden ähnlich wie die kleineren Flyer meist zu aktuellen Anlässen, für Ankündigungen oder zur Werbung herausgegeben und kostenlos verteilt oder liegen zur Mitnahme aus. Beispiele sind lokale oder regionale Nachrichten, kleine Preislisten oder Veranstaltungslisten und -hinweise. Oft als Extrablatt von Zeitungen in der Frühphase der Presse beigelegt.

Gelegentlich wird zwischen Blättern und den etwas umfangreicheren Flugschriften unterschieden.

Inhaltsverzeichnis

Merkmale

Der Engelsturtz, Einblattdruck aus Bayern (wohl 1848)

Typische Merkmale von Blättern sind:

  • Einfachheit der Herstellung (z. B. mittels Fotokopierer) und Verbreitung,
  • niedrige Herstellungskosten,
  • schwere Kontrollierbarkeit,
  • große Illustrationen und Bilder
  • potenziell unbegrenzte Auflage, Distribution und Rezeption,
  • Einmaligkeit
  • Syntax: Aufforderungssätze! Direkte Ansprachen des Lesers! Ausrufe! Fragen an den Leser!
  • sprachliche Mittel, welche die Aussage unterstreichen, z. B. die Anapher in Kombination mit der Frage:

Wollt ihr auch ein Ende der Sparmaßnahmen an Schulen? Wollt ihr auch, dass Schüler bessere Bücher bekommen?

  • Unterstützung der inhaltlichen Aussage durch entsprechende graphische Gestaltung!
  • auffällige Wörter
  • es sollen viele Adressaten erreicht werden
  • These (Forderung, Aussage, Werturteil) mit unterstützenden Argumenten!

Geschichte und Entwicklung

Flugblätter vom Spätmittelalter bis zur Reformation

Das Medium „Flugblatt“ ist seit 1488 nachweisbar. Während man allerdings heute beim Begriff „Flugblatt“ immer an politische Flugblätter denkt, meint man, wenn man von Flugblättern im ausgehenden 15. Jahrhundert spricht, etwas völlig anderes, nämlich kommerzielle Einblattdrucke. Diese kommerziellen Flugblätter waren die „Bild-Zeitung“ des Spätmittelalters: eine Handelsware, hergestellt zum Geldverdienen, angeboten von Marktschreiern und fahrenden Händlern auf Jahrmärkten und vor Kirchentüren, aber auch im traditionellen Buchhandel, im Großhandel und auf Messen wurden sie vertrieben. Kostenlos waren sie jedoch nicht – ein krasser Gegensatz zum heute bekannten Protest-Flugblatt. Vielmehr schätzt man heute, dass das Einzelblatt mindestens soviel kostete, wie ein gelernter Handwerker in der Stadt in der Stunde verdiente. Einzelne Schätzungen gehen sogar von vier bis fünf Stunden aus. Damit waren Flugblätter für die einfache Landbevölkerung nahezu unerschwinglich. Die Autoren blieben zumeist anonym. Das Flugblatt war das erste Massenkommunikationsmittel.

Der Begriff des Flugblattes wurde aber erst im 18. Jahrhundert verwendet. Zunächst bezeichnete man diese Form der Publikation als „fliegende Schrift“ oder „fliegendes Blatt“.

Große Illustrationen nahmen häufig ein Drittel der Blattgröße ein, produziert mit Hilfe der Holzschnitt-Technik. Wer Flugblätter besaß, hängte sie stolz zuhause an Wänden, Kisten und Schränken auf. Die Illustrationen waren zur Übermittlung der Botschaft des Flugblattes in dieser Zeit sehr wichtig, da nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung alphabetisiert war. Außerdem sollten sie zum Kauf anreizen. Sehr beliebt waren Abbildungen von fremden, wilden Tieren; unbekannten Gegenständen, Ländern oder Kreaturen und Monstrositäten. Das älteste illustrierte Flugblatt „Donnerstein von Ensishein“ (1492), das bislang bekannt ist, stammt von Sebastian Brant. Es stellt den Einschlag eines Meteoriten dar, da damals der Aberglaube sehr verbreitet war, galt dieser Meteoriteneinschlag als Vorbote von weiterem Unglück und als Warnung an die Herrscher.

Drei Themenbereiche dominierten bei den Flugblättern: Sensationen und Wunder; katechistische Unterweisungen und Läuterungen, Seelentrost und Erbauung und schließlich politische und militärische Nachrichten und Informationen. Außerdem diente es oft zum Aufruf, zu einer Stellungnahme oder zu Warnungen.

Die frühen illustrierten Einblattdrucke waren also boulevardeske Informationsmedien, produziert zum Zwecke des Geldverdienens. Mit politischer Agitation hatten sie selten etwas zu tun. Dies änderte sich erst ab der Reformationszeit, circa 1517 (siehe unten).

Abgrenzung: Flugschriften vom Spätmittelalter bis zur Reformationszeit

Flugschriften grenzen sich formal von den Flugblättern dadurch ab, dass sie mehr als eine Seite haben - sie sind also, technisch gesehen, Vorläufer der Tageszeitung, des modernen Romanhefts oder der Gebrauchsanweisung.

Flugschriften dienten der Publikation von Nachrichten und richteten sich damit an Menschen, die eher an „wirklichen“ Informationen interessiert waren als an der Sensationspresse. Wenn man sagt, das Flugblatt sei vor der Reformation so etwas wie die „Bild-Zeitung“ mit nur einem Artikel gewesen, dann war die Flugschrift in etwa die „Frankfurter Rundschau“ des späten Mittelalters.

Flugblätter ab der Reformationszeit

Ab der Reformationszeit wurde das Flugblatt politischer. Es diente als Mittel der Auseinandersetzung im Glaubenskrieg, wie auch im Bauernkrieg. Das traditionelle, primär sensationsheischende Flugblatt („Mann mit vier Köpfen gesehen!“) gab es parallel weiter, es verlor aber stetig an Bedeutung.

Auch die politischen Flugblätter der Reformationszeit waren nicht kostenlos, denn dafür waren Papier und Druck allein schon zu teuer.

Im 17. Jahrhundert wurden die Flugschriften und Blätter immer politischer, was vor allem an der Situation im Land und dem Dreißjährigen Krieg lag. Die Bevölkerung wollte vermehrt und genauer über die politische Situation im Land informiert sein und werden. Nachgewiesen wurden für das 17. Jahrhundert mehr als 7.000 deutschsprachige politische Flugschriften und Flugblätter.

Das politische Flugblatt in der Moderne

Widerstandsmedium in der NS-Zeit

Besondere Bedeutung als Mittel des politischen Widerstandes erlangten die Flugblätter im Deutschland der vierziger Jahre durch die Geschwister Scholl und die Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Vom Sommer 1942 bis zu ihrer Verhaftung durch das deutsche Nazi-Regime im Frühjahr 1943 erstellten und verbreiteten sie 6 Flugblätter, in denen sie zum Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror aufriefen.

Propagandamittel

Vorbereitung zum Abwurf von Flugblättern über der Westfront per Ballon

In der Kriegspropaganda des 20. Jahrhunderts bildeten Flugblätter in Gestalt von Flugblattbomben einen wichtigen Teil der psychologischen Kriegführung.

Flugblatt heute

Heute wird das Flugblatt zumeist nicht an eine bestimmte Gruppe, Zielgruppe, verteilt, sondern an „alle“. Meistens wird es zu Werbezwecken verteilt („Flyer“). Aber es wird auch von politischen Gruppen, Behörden oder Vereinen verbreitet. Es übermittelt Mitteilungen und Informationen.

Sammlungen

Wichtige Flugblatt-Sammlungen besitzen unter anderem folgende Einrichtungen:

Literatur

  • E. K. Blümml: Lieder und Reime in fliegenden Blättern des 16. und 17. Jahrhunderts, 1911
  • J. C. W. Field: Aerial Propaganda Leaflets. Sutton Coldfield 1954
  • Hermann Wäscher: Das deutsche illustrierte Flugblatt, 2 Bde. 1955-56
  • Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. UVK Verlagsgesellschaft. Konstanz 2005. ISBN 3825227162
  • Ruth Kastner: Geistlicher Rauffhandel. Form und Funktion der illudtrierten Flugblätter zum Reformationsjubiläum 1617 in ihrem historischen und publizistischen Kontext. Frankfurt a.M. 1982
  • Daniel Bellingradt: Die vergessenen Quellen des Alten Reiches. Ein Forschungsüberblick zu frühneuzeitlicher Flugpublizistik im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, in: Astrid Blome / Holger Böning: Presse und Geschichte. Leistungen und Perspektiven der historischen Presseforschung, Bremen 2008, 77-95. ISBN 9783934686588

Siehe auch

Weblinks


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