Blaue Banane
Blaue Banane
Karte der Bevölkerungsdichte in Europa

Die Blaue Banane bezeichnet eine Megalopolis, einen bandförmigen europäischen Großraum zwischen Irischer See und Mittelmeer, der aufgrund seiner Urbanisierung, aufgrund der Verdichtung von Bevölkerung, Wirtschaft, Wissen und Kultur, Kapital, Medien, Verkehr, Siedlung und Infrastruktur sowie aufgrund seiner globalen Verflechtung einen hohen Grad der Zentralität und Dynamik erreicht. Fast alle zentralen Einrichtungen der Europäischen Union befinden sich in diesem Raum. Der Begriff Blaue Banane gründet sich auf ein wirtschaftsgeographisches Modell einer Gruppe um den Franzosen Roger Brunet aus dem Jahre 1989, das eine Erklärung für die unterschiedlichen Besiedlungsdichten in Europa anbietet und den Kontinent hierbei in sogenannte Aktiv- und Passivräume untergliedert.[1] Weiterentwicklungen oder Abwandlungen des Modells stellen die Konzepte der Goldenen Banane oder des Blauen Sterns dar.

Der mit dem Begriff Blaue Banane gekennzeichnete Verdichtungsraum ist kein Ergebnis einer Planung, sondern hat sich im Zuge langfristiger geschichtlicher und marktwirtschaftlicher Prozesse durch Besiedlung entwickelt. Heute steht dieser Verdichtungsraum in enger globaler Konkurrenz und Kooperation zu anderen Verdichtungsräumen in der Welt, etwa zu BosWash, Chipitts oder SanSan in den USA oder zu den großen Ballungsräumen an den Küsten und großen Flüssen Asiens, wie dem japanischen Taiheiyō Belt.

Inhaltsverzeichnis

Geographische Eingrenzung

Die Blaue Banane hat ihr nördliches Ende bei den alten Industriezentren um Liverpool, Manchester und Birmingham, verläuft dann südwärts durch Großbritannien über den Großraum London. Auf dem europäischen Festland schließlich krümmt sie sich, dabei schließt sie Flandern, den nördlichen Raum Belgiens, den südlichen Teil der Niederlande, die Randstad, die Städteregion Aachen, das Ruhrgebiet, die Agglomeration um Düsseldorf und die Region Köln/Bonn ein. Von der Metropolregion Rhein-Ruhr aus verläuft sie weiter entlang des Rheins und schließt dabei Frankfurt am Main und das Rhein-Main-Gebiet ein. Über die Metropolregion Rhein-Neckar führt sie weiter zur Metropolregion Stuttgart, dann über die Ballungsräume der Schweiz und endet schließlich im Norden Italiens bei den oberitalienischen Städten Turin, Mailand, Genua, Verona und Bologna.

Die zentrale Entwicklungsachse der Blauen Banane bildet der Rhein aufgrund seiner historischen Funktion als wichtiger Verkehrs- und Handelsweg Europas.

Das Modell der Blauen Banane kann zum Modell der Goldenen Banane erweitert werden, indem der ebenfalls verdichtete Großraum entlang der Mittelmeerküste (unter anderem mit den Städten Nizza, Marseille, Montpellier und Barcelona) bis Valencia in Spanien in die Betrachtung einbezogen wird.

Das Modell der Blauen Banane besitzt eine Nordsüdausdehnung von etwa 1.300 km (Westostausdehnung: zirka 900 km) und geht dabei durch neun Länder, die alle – bis auf die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein – zur EU gehören und dort den Kern derselben darstellen.

Entstehung des Konzepts und des Begriffs

Der Franzose Roger Brunet, der Europa in Aktiv- und Passivräume untergliedern wollte, entwickelte 1989 mit seiner Gruppe RECLUS den Begriff „Blaue Banane“ (eigentlich Boom Banana, durch eine Fehlübertragung von „boom“ zu „blue“ verändert). Damit meinte er einen europäischen Industrie- und Dienstleistungsgroßraum, der sich vom nördlichen England entlang des Rheins bis nach Oberitalien erstreckt. Brunet sah jedoch seine These als keine wirklich neue Entdeckung an, da sie mit „ein wenig Verstand und räumlichem Einfühlungsvermögen“ vorherzusehen gewesen sei.

Er sah die Blaue Banane als Entwicklung historischer Gegebenheiten, wie z. B. bedeutende Handelswege, oder als Folge der Akkumulation industriellen Kapitals. Frankreich jedoch habe hauptsächlich durch die Verfolgung von Minderheiten, er nennt die Protestanten, und durch die Zentralisierung auf Paris den Anschluss an diesen Großraum verloren. Brunet ließ somit gewollt den französischen Raum weg, der sich insbesondere auf den Großraum Paris konzentriert beziehungsweise beschränkt, um der französischen Regierung die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Integration in diesen gesamteuropäischen Raum zu zeigen.

Die Banane wurde als blau bezeichnet, da es sich um das europäische Kerngebiet handelt und die Flagge Europas überwiegend blau (mit gelben Sternen) ist, es wurde somit die Fahnenfarbe übernommen. Andere Quellen hingegen nennen die Arbeitskleidung – im Englischen existiert nach wie vor der Begriff des blue-collar-worker, der vor allem für Fabrikarbeiter steht – der größtenteils industriellen Arbeitskräfte als Begründung für den Zusatz. Gründe für die Form der Blauen Banane sind zum einen die Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, was zu einem Ausbau der Nord-Süd-Achse führte, dies kann man z. B. an dem gut ausgebauten und infrastrukturell genutzten Rheintal sehen, während die Ost-West-Verbindungen fast ganz verkümmerten. Andererseits bestanden schon weit vorher große Zentren, wie z. B. Randstad, das Ruhrgebiet oder der Großraum um Manchester, die zu der Zeit der Industrialisierung an Bedeutung gewannen, so dass es entlang der Verbindungen zwischen den einzelnen Zentren zu weiterer Ansiedlung durch Industrie und Bevölkerung kam.

Bedeutung

Bevölkerungsdichte – Stand 1994 - die Blaue Banane als größtes Städteband vor dem Taiheiyo-Belt und BosWash
Weltweite Verteilung sowie Konzentration der Global and World Cities in der Blauen Banane als dem Zentrum Europas

Die Blaue Banane erhält nicht nur durch die Bevölkerungsverdichtung, die sich in einem fast durchgehenden Städteband über lange Strecken ausdrückt, eine besondere Bedeutung. Auch die Infrastruktur – sowohl verkehrstechnischer als auch informationstechnischer Natur – ist überdurchschnittlich. Die Dichte der Zentren fördert Zusammenarbeit und Innovation, voneinander abhängige Industriezweige können durch Nähe besser in einen gegenseitigen Austausch kommen. Eine Vielzahl qualifizierter Arbeitskräfte, innovative Milieus, Messestandorte und gute „Ferninfrastrukturen“ (Gateways) wie z. B. die Seehäfen Rotterdam und Antwerpen oder große internationale Flughäfen wie z. B. in London, Amsterdam, Brüssel, Düsseldorf, Frankfurt, Zürich und Mailand machen den Raum wirtschaftlich attraktiv, insbesondere für überregional und international operierende Unternehmen. Dichte und zentrale Lage in Europa führen auch dazu, dass die Blaue Banane für zentrale öffentliche Einrichtungen bevorzugt wird. Dies ist in der Verteilung internationaler Institutionen zu erkennen, wie etwa dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, dem Europarat in Straßburg oder den Sitzen von EU und NATO in Brüssel. Die Vorteile der Verdichtung von Bevölkerung, Infrastrukturen, Funktionen und Angeboten werden auch mit den Begriffen Fühlungs- und Agglomerationsvorteile bezeichnet.

Blaue und Goldene Banane im erweiterten Modell

Die Regionen der Goldenen Banane sind ebenfalls für moderne Industrien bekannt, z. B. Elektronik- und Luftfahrttechnik.

In der Blauen Banane werden gegenwärtig 20 Global and World Cities (GaWC) gezählt.[2]

Entwicklung

Roger Brunet kritisierte mit dem Verweis auf die Bedeutung der Blauen Banane einst das Wesen der französischen Raumordnung, heutzutage sieht man jedoch, dass das Modell der Blauen Banane, zumindest ökonomisch, die gegenwärtig ablaufenden Entwicklungen nicht vollständig darstellt, da der Großraum mehrere Ausläufer besitzt, die sich z. B. über Paris bis nach Südspanien ziehen. Besonders in Ost-West-Richtung expandierte die Blaue Banane – auch bedingt durch das Wachstums der Personen- und Güterströme im Zuge einer Öffnung und eines Zusammenwachsens Europas – so stark, dass sich heutzutage ein Blauer Stern abzeichnet, dessen Zentrum die Metropolregion Rhein-Ruhr und die Agglomerationen der Niederlande und Belgiens bilden. Das Gebiet der klassischen Blauen Banane stellt dabei gleichwohl den Kern und die Hauptachse europäischer Verdichtung dar. Die Dominanz der Blauen Banane als Hauptachse drückt sich vor allem in der Verteilung der europäischen Bevölkerungskonzentration aus. Gegenüber dieser Nord-Süd-Achse wirken die Verdichtungsbänder, die in Ost-West-Richtung verlaufen, als schwächere Ausläufer. Weitere Verdichtungsgebiete, die eine Modifikation des Modells der Blauen Banane nahe legen können, erstrecken sich bandförmig an der Mittelmeerküste zwischen Valencia und Norditalien. Dieses Verdichtungsband wird als Goldene Banane oder europäischer Sun Belt bezeichnet. Der Begriff Sunbelt will eine Parallelität zu dem gleichnamigen US-amerikanischen Wirtschaftsraum, der ebenfalls durch sonniges Klima und neue Industrien gekennzeichnet ist, aufzeigen.

Durch den stetigen Zustrom von qualifizierten Arbeitskräften, darunter vielen Immigranten, die die prosperierenden, urbanisierten und multikulturell geprägten Verdichtungsgebiete den ländlichen Räumen vorziehen, wächst das Gebiet so stark an, dass es zu einer Polarisierung innerhalb Europas kommt, also zu einer Teilung in „Gewinnerregionen“, z. B. der Blauen Banane, und „Verliererregionen“, den ländlichen und entlegenen Gebieten, besonders in Osteuropa. Dabei verlieren insbesondere die peripheren Räume, die auf Grund ihrer geringen Bedeutung ohnehin schon stagnieren oder zurückfallen. Somit verstärkt sich der Bedeutungsunterschied und die Abhängigkeit der Bewohner ländlicher beziehungsweise peripherer Regionen von den Verdichtungsgebieten. Außerdem sind bestimmte Einrichtungen wie z. B. Systeme des Hochgeschwindigkeitsverkehrs (ICE, Magnetschwebebahnen) nur in einigen stark besiedelten, wohlhabenden Gebieten rentabel, so dass periphere Räume weiter abgehängt und somit für wichtige Wirtschaftszweige noch uninteressanter werden.

Festzustellen ist, dass die Prozesse der Globalisierung die Zentralität der Verdichtungsgebiete zu einem entscheidenden Wachtstumsfaktor werden lassen, unabhängig davon, ob diese Verdichtungsgebiete sich als Blaue Banane, Blauer Stern oder als Kombination von Blauer Banane und Goldener Banane beschreiben lassen. Während der Einfluss des Faktors Zentralität steigt und die Menschen so immer abhängiger von zentralen Einrichtungen und Infrastrukturen werden, ist gleichzeitig zu beobachten, dass durch die zunehmende Verdichtung auch Probleme entstehen, so genannte Agglomerationsnachteile wie z. B. Verkehrschaos, Überbevölkerung, hohe Bodenpreise, steigende Umweltbelastung und Suburbanisierung. Die so genannten „Verliererstädte“ oder „Verliererregionen“ außerhalb der durch Zentralität begünstigten Verdichtungsgebiete haben Probleme, die sich unter anderem in Arbeitslosigkeit, Abwanderung, sinkenden Steuereinnahmen und wachsenden sozialen Problemen ausdrücken. Nicht außer Betracht bleiben darf hier allerdings, dass auch einige Regionen innerhalb der begünstigten Wirtschaftsräume der „Blauen Banane“, etwa Städte wie Duisburg und Gelsenkirchen im Ruhrgebiet oder Liverpool oder Sheffield in Nordengland, unter ähnlichen Problemen leiden. In diesen Fällen sind aber ein Niedergang alter Industrien und eine mangelnde Diversifikation der Wirtschaftsstrukturen die Hauptgründe dafür, dass Strukturprobleme entstanden. Die Lage in einem zentral gelegenen Wirtschaftsraum kann den hier erforderlichen Strukturwandel erheblich begünstigen.

Das Modell des Blauen Sterns, das die Entwicklungsachsen in Ost-West-Richtung stärker in den Blick rückt, erscheint als das Modell, das die sich mit der EU-Osterweiterung ergebenden Prozesse besser darstellt. Die überwiegend in Ost-West-Richtung verlaufenden Entwicklungsachsen und Verdichtungsräume, beispielsweise über Hamburg–Kopenhagen, Berlin–Warschau und MünchenWien (–BratislavaBudapest), korrelieren mit den hier stark angewachsenen Güter- und Personenströmen. Ein weiterer beachtlicher Korridor verläuft von Paris über Toulouse bis nach Madrid. Wirtschaftlich sind diese Korridore gegenüber ihrem Umland stärker entwickelt. Diese Ausläufer erreichen jedoch nicht die Bevölkerungsdichte und den räumlichen Umfang der Blauen Banane.

Alle bildhaften Modelle haben eine gemeinsame Hauptaussage: Räume, die nicht in einem solchen Korridor liegen beziehungsweise nicht an ihn angeschlossen sind, haben im Wettbewerb der Wirtschaftsräume tendenziell schlechtere Chancen.

Siehe auch: Arbeitsmigration, Braindrain, Standorttheorie, Räumliche Mobilitätstheorien, Wirtschaftsgeographie, Liste der Megalopolen

Weblinks

Quellen

  1. Gert-Jan Hospers: Beyond the Blue Banana? Structural Chance in Europe's Geo-Economy [1], pdf-Datei eines Vortrags in Dortmund; Enschede/Niederlande 2002
  2. GaWC Research Network: The World According to GAWC 2010, Portal des GaWC-Forschungsnetzwerks, abgerufen am 27. Oktober 2011

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