Blaue Fleischfliege
Schmeißfliegen
Blaue Fleischfliege (Calliphora vicina)

Blaue Fleischfliege (Calliphora vicina)

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Fluginsekten (Pterygota)
Überordnung: Neuflügler (Neoptera)
Ordnung: Zweiflügler (Diptera)
Unterordnung: Fliegen (Brachycera)
Familie: Schmeißfliegen
Wissenschaftlicher Name
Calliphoridae
Brauer & Bergenstamm, 1889

Die Schmeißfliegen (Calliphoridae) sind eine Familie der Fliegen (Brachycera) innerhalb der Zweiflügler (Diptera). Weltweit sind etwa 1.000 Arten von Schmeißfliegen bekannt, davon etwa 45 in Deutschland. Die Größe der Tiere variiert stark und kann bis zu achtzehn Millimeter bei der Totenfliege (Cynomyia mortuorum) betragen.

Der Name „Schmeißfliege“ hängt mit der Vorliebe dieser Tiere für geruchsintensive organische Stoffe zusammen (siehe unten). Das Wort „schmeißen“ ist ein heute veralteter Begriff für „Kot auswerfen“.

Der kompakte Körper dieser Fliegen ist meist metallisch blau oder grün bis goldgrün glänzend gefärbt. Augen und Flügel sind sehr gut ausgebildet, die Mundwerkzeuge zu einem Leckrüssel umgeformt.


Inhaltsverzeichnis

Lebensweise

Schmeißfliegen auf frischem Hühnerkot

Die Schmeißfliegen sind vor allem an Blüten, meistens an Blütendolden, zu finden. Dabei können sie in beinahe allen Biotopen vorkommen. Sie ernähren sich von Nektar und Pollen und auch von Honigtau, wobei die Geschmacksorgane wie bei vielen Fliegen an den Fußgliedern zu finden sind. Zur Aufnahme von Säften suchen die Fliegen häufig zerfallene organische Stoffe auf und fliegen entsprechend auch nach Aas riechende Blüten (etwa den Aronstab) oder Pilze (wie die Stinkmorchel (Phallus impudicus)) an. Der Anlockung dient bei der Stinkmorchel der Duftstoff Phenylacetaldehyd. Die Fliegen fressen hier den Schleim des Pilzes, der auch dessen unverdauliche Sporen enthält, und sorgen damit auch für die Verbreitung der Pilze.

Die Erkennung der Partnerin erfolgt bei einigen Arten (etwa bei Protophormia terraenovae) dadurch, dass die Männchen die Weibchen mit den Füßen ertasten und wahrscheinlich anhand der Geruchssensoren erkennen. Ist das Weibchen nicht paarungswillig, so wehrt es das Männchen durch Vibrieren der Flügel ab.

Larvalentwicklung

Schmeissfliegen auf einem Kuhfladen

Die bis zu mehreren hundert Eiern enthaltenen Ei-Gelege (Geschmeiße) werden auf organischen, meist proteinreichen, Stoffen abgesetzt. Bei Legenot kann die Ei-Entwicklung jedoch schon so weit fortgeschritten sein, dass während oder kurz nach dem Schlupf bereits die Larven (Maden) schlüpfen. Schmeißfliegen sind im Gegensatz zu nekrophagen Fleisch-Fliegen (Fam. Sarcophagidae) oder die Tsetse-Fliege (Glossina morsitans) primär nicht lebendgebärend. Die Anlockung erfolgt dabei durch Geruchsstoffe, die bei der Verwesung und dem bakteriellen Abbau von Eiweiß entstehen, etwa Ethylmercaptan, Indol, Skatol, Ammoniumcarbonat und verschiedene Amine. Die Wahrnehmung dieser Stoffe erfolgt durch spezifische Geruchssinnesorgane an den Antennen der Fliegen, wobei verschiedene Arten durch verschiedene Gerüche angelockt werden. So wirkt das Ethylmercaptan sehr stark auf Arten der Gattung Lucilia, dagegen kaum auf Calliphora-Arten. Ebenfalls wichtig ist die richtige Mischung der Geruchsstoffe, wobei einzelne Geruchsfaktoren je nach Konzentration anlockend, ein anderes Mal wiederum abstoßend wirken können. Aus diesem Grunde treffen unterschiedliche Arten der Schmeißfliegen aber auch anderer Fliegentaxa wie die Käsefliegen zu unterschiedlichen Zeitpunkten an verwesenden Körpern ein und legen ihre Eier ab. Dieses Verhalten nutzt man etwa in der forensischen Entomologie um den Todeszeitpunkt und die Liegedauer von Leichen zu bestimmen.

Die Larven atmen in den ersten Stadien über die Haut, ab dem dritten Stadium öffnen sich die vordersten und hintersten Stigmen des Tracheensystems. Sie stellen in der Körperform die klassischen kopflosen Maden dar. Schmeißfliegenmaden leben in und an pflanzlichen und tierischen Stoffen, die sich in Zersetzung befinden. Dazu gehören auch Leichen (Nekrophagie) und Exkremente (Koprophagie). Bei einigen Arten findet die Verdauung der Nahrung außerhalb des Körpers statt (exogene Verdauung), indem sie diese mit ihren Verdauungssäften vermischen und den angedauten Nahrungsbrei danach aufnehmen.

Unter den Schmeißfliegen finden sich neben diesen Arten auch solche, welche als Außen- oder Innenparasiten bei verschiedenen Wirbeltieren, auch beim Menschen, vorkommen. Diese leben entweder in offenen Wunden oder unter der Haut (Myiasis) der Wirte. In diese Gruppe gehören Vertreter der Gattungen Cordylobia (z.B. die Tumbufliege), Lucilia und Phormia, wobei die Larven von Lucilia sericata (Goldfliegenart) als Mittel der Wundheilung genutzt wird, da sie sehr spezifisch nekrotisches Gewebe fressen und auf diese Weise die Wunde sauber halten. Außerdem geben die Maden große Mengen von Allantoin ab, dessen Beschleunigungwirkung des Zellaufbaus, der Zellbildung oder der Zellregeneration den Heilungsprozess weiter fördert. Diese Behandlungsform (Madentherapie) wurde mit der Entdeckung des Penicillin zurückgedrängt. Seit einigen Jahren ist diese Behandlungsmethode wieder in die medizinische Praxis zurückgekehrt. Dies ist auf deren guten Behandlungserfolge und auf immer weiter verbreitete Antibiotika-Resistenzen zurückzuführen.

Die Verpuppung der Schmeißfliegen findet meist am oder im Boden statt, man findet die Puppen einiger Arten jedoch auch in Nestern der Wirtstiere oder im gestorbenen Wirt.

Populationsdynamik

Die Populationsdynamik von Schmeißfliegen wurde unter anderem von Nicholson untersucht, der zeigen konnte, dass isolierte Laborpopulationen von Schmeißfliegen bei knappen Ressourcen eine regelmäßig periodischen Abundanzkurve aufweisen. Biologisch beschrieben und analysiert wird eine solche Dynamik in Form von Delay Differentialgleichungen:

Sei für eine Population der Größe x, r die pro Zeiteinheit zur Verfügung stehende Ressourcenmenge, m die pro erwachsenem (adultem) Individuum für den Basisstoffwechsel benötigte Energie, k die Rate mit der Überschussenergie mit einer Verzögerung d in Nachkommen umgewandelt wird, und c die Sterberate dann ergibt sich:

 \frac{dx}{dt} (t) = k( r -mx( t- d)) _+  - cN_t

Linearisierung um den Fixpunkt  \frac{kr}{c + km} führt mit n = xx * auf:

 \frac{dn}{dt} (t)  = cn(t) - mkn(t-d)

Schadwirkung

Die Stoffwechselprodukte der Schmeißfliegenlarven sind für den menschlichen Organismus nicht gesund und von ihnen einmal befallenes Fleisch ist nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignet. Bei ihren Besuchen auf den Lebensmitteln übertragen sie auch Mikroorganismen, die Eiweiß, Kohlenhydrate und Fette zersetzen. Diese Vektorleistung macht sie für den Menschen zu gefährlichen Schädlingen an Fleisch, Fisch und Milchprodukten.

Schmeißfliegen als Krankheitsüberträger

Genau wie einige andere Fliegen auch sind Schmeißfliegen potentielle Träger auch von pathogenen Keimen und können somit Krankheiten auf Tiere und Menschen übertragen.

Vertreter der Schmeißfliegen (Auswahl)

Gattung Calliphora
Goldfliege – Gattung Lucilia
Tod einer Goldfliege

Blaue Schmeißfliegen – Gattung Calliphora

Die Arten dieser Gattung sind die in Deutschland bekanntesten Vertreter der Schmeißfliegen. Hier kommen aus dieser Gattung fünf Arten vor, darunter C. vomitoria und C. vicina. Sie erreichen Körpergrößen von 11 bis 14 mm. Die Eiablage erfolgt gewöhnlich auf Kadavern, aber auch in vielen anderen proteinreichen Substraten. Gelegentlich treten sie auch an Wunden bei Tieren und Menschen auf.

Vogelblutfliegen – Gattung Protocalliphora

Von den Vogelblutfliegen leben in Deutschland drei Arten, etwa P. falcozi. Die Larven dieser Fliegen leben in Vogelnestern und zapfen vor allem an den Jungvögeln Blut ab, die Larven einiger Arten leben unter der Haut der Wirtstiere, für die der Befall manchmal tödlich sein kann.

Goldfliegen – Gattung Lucilia

In Deutschland leben neun Arten dieser metallisch goldgrün bis -blau glänzenden Fliegen. Sie sind häufig auf Blüten, auf faulenden Stoffen und an Stinkmorcheln zu finden. Die Eier werden an faulenden Stoffen abgelegt, manchmal auch auf die Haut von Wirbeltieren oder an Wunden.

So legt etwa die Krötengoldfliege (Lucilia bufonivora) ihre Eier an die Rückenhaut von lebenden Amphibien, vor allem auf die von Kröten. Die Larven wandern über die Nasenlöcher ein und beginnen dann, erst die Weichteile des Kopfes und später den ganzen Körper ihres Wirtes zu zerfressen (vergleiche: Erdkröte).

Die Art Lucilia sericata legt ihre Eier regional an Schafe, vor allem im Bereich der Schulter, des Rückens und der Hinterbeine. Die Larven dringen hier in die Haut ein und wandern fressend durch das Bindegewebe. Wenn nichts dagegen unternommen wird, kommt es beim Schaf durch ausgeschiedene Giftstoffe zu Lähmungserscheinungen und es tritt der Tod ein. Gelegentlich leben sie auch in Wunden anderer Wirbeltiere, einschließlich des Menschen, und ernähren sich dort von abgestorbenem Gewebe. Allein in Speziallaboren gezüchtete keimfreie Maden können daher auch in der Humanmedizin zur Madentherapie eingesetzt werden.

Gattung Melinda

Bei diesen Fliegen, etwa M. caerulea, werden die Eier einzeln oder in maximal Dreiergruppen in die Mantelhöhle verschiedener Schnecken abgelegt. Die Larven sind Parasitoide in den Schnecken, das heißt, sie fressen die Schnecken aus und wachsen dabei heran. Kurz vor der Verpuppung stirbt der Wirt.

Literatur

  • Haupt, J./Haupt, H.: Fliegen und Mücken – Beobachtung, Lebensweise, Augsburg 1998
  • Honomichl, K./Bellmann, H.: Biologie und Ökologie der Insekten; CD-Rom, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1994
  • Handbuch gerichtliche Medizin, Band 1, Kapitel 2.2.7 , Springer, Berlin, S. 170-187, ISBN 3540002596

Weblinks


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