Blemyer

Die Blemmyer (griechisch: Βλέμμυες oder Βλέμυες; altägyptisch: brhm; bohairisches Koptisch Ⲃⲁⲗϩⲙⲱⲟⲩ) waren ein antiker Nomadenstamm in Nubien.

Inhaltsverzeichnis

Quellen

Die antiken Quellen schweigen zumeist über die Blemmyer, sie werden allerdings möglicherweise schon in der Zeit Ramses’ IX. erwähnt.[1] Unter den römischen Autoren werden sie von Strabon (17, 2; 17, 53) und Ptolemäus erwähnt. In Qaṣr Ibrîm wurden bei Ausgrabungen mehrere Briefe gefunden, welche die Blemmyer betreffen, so ein Brief des Statthalters von Ägypten an den König von Nubien und ein Brief des Phonen, Königs der Blemmyer an Aburni, König der Nobaten. Letzterer ist in schlechtem Griechisch verfasst und stammt aus der Mitte des 5. Jh. n. Chr. Eine Siegesinschrift des Silko aus Talmis (Kalabscha) berichtet von drei siegreichen Feldzügen gegen die Blemmyer. Olympiodorus besuchte die Blemmyer um 423 n. Chr. und berichtet, dass sie fünf Städte besetzt hielten: Phoinikon (el-Laqeita), Khiris (bisher nicht identifiziert), Thapis (Taifa), Talmis (Kalabscha) und Prima (Qirta). Zu dieser Zeit waren sie zumindest teilweise sesshaft und bildeten einen eigenen Staat. Der Bericht des Priskos von Panion mit Nachrichten über die Blemmyer ist in zwei Exzerpten für den byzantinischen Kaiser Konstantin VII. aus dem 10. Jahrhundert überliefert (Excerpta de legationibus Romanorum und Excerpta de legationibus gentium). Eine anonyme Blemyomachia ist nur in wenigen Fragmenten erhalten.

Heimat

Nach Strabon waren die Blemmyer Wanderhirten (17, 53) und wohnten am rechten Nilufer, unterhalb von Meroe gegenüber den Nubiern und waren den Aithiopiern untertan, während die Troglodyten an der Küste des Roten Meeres ansässig waren (17,2). Von Ptolemaios wurden sie östlich des Tanasees lokalisiert.

Geschichte

Um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. treten die Blemmyer in den Quellen vor allem als Räuber und Plünderer auf, die die römische Provinz Ägypten, das Königreich Meroe und die dortigen Handelswege gefährdeten, teils sogar als Verbündete Palmyras (siehe Reichskrise des 3. Jahrhunderts). Eine große Rolle beim Aufstieg der Blemmyer zu einer politischen Macht in Nubien hat das Dromedar gespielt, das die Blemmyer zu Operationen in der Wüste nutzten.

In der Zeit des Kaisers Probus erobern sie zeitweilig Koptos und Ptolemais in Oberägypten, bevor sie 279 von römischen Truppen geschlagen werden, wohl nicht von Probus selbst. Dass Kaiser Diokletian ihnen Jahrgelder zahlte, hielt sie nicht von weiteren Raubzügen ab; schließlich sah sich Diokletian sogar gezwungen, Teile der bedrohten Provinz aufzugeben; die Grenze wurde zum ersten Katarakt zurückverlegt und zusätzlich gesichert, außerdem wurde bald darauf ein spezielles Militärkommando geschaffen. Die Region Dodekaschoinos wurde von den Blemmyern und den Nobaten, die ebenfalls Raubzüge unternommen hatten, übernommen.

Wahrscheinlich 336 n. Chr. brachte der römische Offizier Abinnaeus eine Gruppe blemmyischer Flüchtlinge nach Konstantinopel zu Kaiser Konstantin. Ihre Anwesenheit ist auch durch Eusebius von Caesarea (Vita Constantini 4.7.1) bezeugt. Auf Befehl des Kaisers brachte er sie in ihr Land zurück und verbrachte dort drei Jahre.[2] Die Episode klingt nach einem lokalen Machtkampf, der durch römisches Eingreifen zugunsten der ursprünglich unterlegenen Partei entschieden wurde. Der Aufenthalt des Abinnaeus, den der Kaiser zum ducenarius ernannt hatte, diente wahrscheinlich zur Sicherung der neuen Ordnung und dazu, sich mit den dortigen Zuständen vertraut zu machen. Die Blemmyer waren schließlich die wichtigste Macht am südlichen Roten Meer, wo die Römer in den Häfen von Myos Hormos und Berenike Troglodytica den ertragreichen Handel mit Indien kontrollierten.

Während der gesamten Spätantike bis in die Zeit Justinians stellten die Blemmyer eine Bedrohung für die Südgrenze der Provinz Ägypten dar. Kaiser Theodosius II. teilte 449-450 die Provinz Thebais und unterstellte die Militär- und Zivilverwaltung einer Person, wahrscheinlich wegen der Angriffe der Blemmyer und Nobadae.[3] Zur gleichen Zeit berichtet Nestorius, der nach Achmim verbannte Patriarch von Konstantinopel, über Übergriffe der Blemmyer und Nobadae. Wenig später scheint es aber zu Auseinandersetzungen zwischen den Blemmyern unter König Ezana und den Nobaten gekommen zu sein.

Der Dux Florus konnte die Blemmyern schließlich 451 (unter Kaiser Markian) schlagen. Es wurde ein Friedensvertrag geschlossen, wonach die Blemmyern unter anderem Zugang zum berühmten Isis-Tempel auf der Nilinsel Philae erhielten. Nach dem Tod des Unterhändlers Maximinus widerriefen die Stammesoberhäupter (Basiliskoi) jedoch das Bündnis und begannen wieder mit Kampfhandlungen. In der Zeit Justinians wurde der heidnische Kult auf Philae durch Narses unterbunden und die Insel schließlich 577 befestigt.

Nach der Talmis-Inschrift zog Silko dreimal gegen die Blemmyer. Nach dem ersten Feldzug suchten sie, vermutlich in Person von Eienei, dem Bruder des Königs Phonen, um Frieden nach, der aber keinen Bestand hatte. Nach einem zweiten, vermutlich erfolglosen Feldzug besiegte sie Silko in einer dritten Kampagne, nahm ihre Städte ein und besetze ihr Gebiet.

Im Gegensatz zu den reichen schriftlichen Quellen sind die Blemmyer archäologisch nur schwer fassbar. Die in Unternubien gut belegte Ballana-Kultur (auch X-Gruppe genannt) wird meist mit den Nobatia in Verbindung gebracht. Es ist deshalb vermutet worden, dass es sich bei den Blemmyer zur Zeit ihrer Staatengründung um nur eine kleine herrschende Gruppe gehandelt hat.[4]

Mittelalter

Blemmyer aus Schedels Weltchronik

Bereits Plinius der Ältere berichtet, dass die Blemmyer keinen Kopf hätten (Blemmyes traduntur capita abesse, ore et oculis pectore adfixis „Es wird gesagt, dass die Blemmyer keinen Kopf haben und dass ihr Mund und ihre Augen in ihre Brust gesetzt sind“). Über Isidor von Sevilla, der sie in Libyen ansiedelt, wird diese Beschreibung von mittelalterlichen Autoren, wie Jehan de Mandeville, Sebastian Münster und Hartmann Schedel übernommen. Mandeville lokalisiert sie in Indien (siehe dazu den Artikel Acephale (Volk)).

Von den Kopten[5] und Arabern wurden die Blemmyer Bedscha (Beja) genannt. Die Bedscha waren wohl die Nachfahren der Blemmyer;[6] zur nachfolgenden Geschichte siehe dort.

831 n. Chr. sandte der Kalif Mamun eine Streitmacht und 'Abdallah ibn Dschiham gegen die Bedscha, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. 854 töteten sie Bergwerksarbeiter in der nubischen Wüste und überfielen Qena. Muhammed 'Abdullah Ibn Cami schlug sie danach am Gebel Zabara vernichtend.

Herrscher

  • Ezana um 440
  • Phonen, Mitte des 5. Jh., sein Sohn war der Phylarch Breeitek

Siehe auch

Acephale (Volk)

Einzelnachweise

  1. Vgl. Updegraff, The Blemmyes, S. 55.
  2. T. D. Barnes, The Career of Abinnaeus. Phoenix 39/ 4, 1985, 369
  3. Brian Croke, The Context and Date of Priscus Fragment 6, Classical Philology 78/4, 1983, 297-308
  4. siehe die Diskussion: W. Y. Adams: The Ballana Kingdom and Culture: Twilight of Classical Nubia, In: Africa and Africans in Antiquity, edited by Edwin M. Yamauchi, East Lansing 2001, S. 159-79 ISBN 0-87013-507-4
  5. J. Martin Plumley, An eighth-Century Arabic letter to the King of Nubia, in: Journal of Egyptian Archaeology 61, 1975, 245
  6. Zur Herkunft des Bedscha aus der Sprache der Blemmyer: Ernst Zyhlarz, in: Zeitschrift für Eingeborenensprachen Nr. 31 (1940-41), S. 1ff.

Literatur

  • T. D. Barnes: The Career of Abinnaeus. In: Phoenix 39/4, 1985, S. 368-374.
  • E. Bernand: Nouvelles versions de la campagne du roi Ezana contre les Bedja. In: Zeitschrift für Papyriologie und Epigraphik 45, 1982, S. 105-114.
  • V. Christides: Ethnic movements in Southern Egypt and Northern Sudan: Blemmyes-Beja in Late Antique and Early Arab Egypt until AD 707. In: Listy Filologické 103, 1980, S. 129-143.
  • J. Martin Plumley: An eighth-Century Arabic letter to the King of Nubia. In: Journal of Egyptian Archaeology 61, 1975, S. 241-245.
  • T. C. Skeat: A Letter from the King of the Blemmyes to the King of the Noubades. In: Journal of Egyptian Archaeology 63, 1977, S. 159-170.
  • R. T. Updegraff: The Blemmyes I: The Rise of the Blemmyes and the Roman withdrawal from Nubia under Diocletian (with additional remarks by L. Török). In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Bd. II.10.1. Berlin-New York 1988, S. 44–106.
  • Manfred Weber: Blemmyer. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Suppl. 2, 9 (2002), S. 7–27.

Weblinks


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