Blind-Simultan-Schach

Blind-Simultan-Schach ist eine Variante des Simultanschachs oder Blindschachs bzw. die Kombination von beidem.

Ein Spieler spielt gleichzeitig – simultan – gegen mehrere andere Schachspieler, wobei er die Bretter nicht sieht, also „blind“. Die Züge der „sehenden“ Spieler werden ihm angesagt.

Bei öffentlichen Vorführungen ist der Blindspieler meist ein deutlich stärkerer Schachspieler als seine Gegner.

Der Sarazene Buzzecca spielte im Jahre 1266 im Florentiner Pallazo del Popolo gegen starke Gegner gleichzeitig zwei Partien blind und eine sehend, von denen er 2 gewann und eine remisierte.[1] Erst im 18. Jahrhundert wurde er von François-André Danican Philidor übertroffen, der gegen drei Gegner gleichzeitig blind spielte, was damals als sensationell galt.

Im 19. Jahrhundert brachte es der Amerikaner Paul Morphy auf 8 solcher Partien gleichzeitig. Auch Louis Paulsen (15 Gegner 1859), Joseph Henry Blackburne und Johannes Hermann Zukertort (16 Gegner 1876) waren für ihre Vorstellungen berühmt.

Im 20. Jahrhundert wurde die Zahl immer weiter gesteigert, als hervorragende Blindsimultanspieler profilierten sich unter anderem Harry Nelson Pillsbury (22 Gegner 1902), Gyula Breyer (25 Gegner 1921), Richard Réti (29 Gegner 1925), Alexander Aljechin (32 Gegner 1933) und George Koltanowski (34 Gegner 1937). Miguel Najdorf spielte zunächst 1943 gegen 40 Gegner und konnte diesen Rekord 1947 in Sao Paolo auf 45 Gegner steigern. Najdorf gewann 39 Partien, verlor 2 und 4 endeten Remis.[2] Der Ungar János Flesch behauptete, 1970 sogar gegen 62 Spieler blind gespielt zu haben. Dies wurde aber nicht allgemein anerkannt, zumal die Partien dieser Veranstaltung nicht veröffentlicht wurden. Bereits am 16. Oktober 1960 spielte Flesch in Budapest gegen 52 Gegner blindsimultan (31 Siege, 3 Niederlagen, 18 Remis). Diese Vorstellung wurde in der Schachliteratur lange Zeit als Weltrekord anerkannt.[3][4][5][6][7][8] Die Autoren der aktuellen Monographie zum Thema, Eliot Hearst und John Knott, führen Flesch dagegen nicht als Rekordhalter. Sie weisen unter anderem darauf hin, dass von dieser Veranstaltung nur 5 der 52 Partieaufzeichnungen vorliegen. Außerdem haben Augenzeugen berichtet, dass viele von Fleschs Gegnern die Veranstaltung vorzeitig verließen und diese Partien dann Flesch als Siege angerechnet wurden.[9] Die Rechercheergebnisse von Hearst und Knott werden von dem Schachhistoriker Edward Winter als maßgeblich angesehen.[10]

Beeindruckend sind auch Blindsimultanvorstellungen gegen vergleichsweise starke Gegner. Beispielsweise spielte Garri Kasparow am 7. Juni 1985 in Hamburg eine Vorstellung gegen 10 starke Gegner unter einer Zeitkontrolle von eineinhalb Stunden pro 40 Züge, mit einer zusätzlichen halben Stunde für den Blindspieler zum Ausgleich der Zeiteinbuße bei der Zugübermittlung durch Boten. Kasparow gewann 8 Partien, 2 endeten Remis.[11][12]

Der Großmeister Robert Hübner spielte 1982 blind gegen 6 Spieler des Hamburger SK aus der 1. Schachbundesliga. Er gewann vier Partien und remisierte zwei. Weiterhin spielte er 1997 blind gegen 6 Spieler aus der Mannschaft SF Köln aus der 2. Schachbundesliga. Er gewann bei diesem Kampf 5 Partien, nur eine Partie endete remis. Zwei Jahre später, am 25. September 1999, gewann er in Berlin gegen die Mannschaft des Zweit-Bundesligisten SC Kreuzberg 5 Partien, 3 endeten Remis.[13] Ein starker Blind-Simultan-Spieler war auch der deutsche Meister und zweimalige Pokalsieger Siegmund Wolk, der in den 1950er Jahren in Süddeutschland gegen bis zu 15 Gegner antrat.

Den aktuellen deutschen Rekord hält Marc Lang, der am 21. November 2009 in Ditzingen gegen 23 Kontrahenten (9 Siege, 2 Niederlagen, 12 Remis) spielte. [14] Am 27./28. November 2010 steigerte er - unter Ansicht eines leeren Schachbrettes auf einem Bildschirm[15] - in Sontheim/Brenz seinen eigenen Rekord mit 35 Partien (25,5:9,5 /19 Siege, 13 Remis, 3 Niederlagen), womit er auch gleichzeitig der europäische Rekordhalter ist.

Für den Blindsimultanspieler ist entscheidend, dass die einzelnen Partien möglichst früh einen unterschiedlichen Verlauf nehmen, so dass er sie auseinanderhalten kann. Trotzdem bedeutet eine solche Veranstaltung eine enorme geistige Anstrengung. Miguel Najdorf sagte, er habe nach einem Rekordversuch gegen 45 Gegner nächtelang nicht schlafen können und fast den Verstand verloren. In der Sowjetunion war seit 1930 das Blindspiel verboten, weil man um die Gesundheit der Spieler fürchtete.

Literatur

  • Fernand Gobet, Alex de Voogt, Jean Retschitzki: Moves in Mind: The Psychology of Board Games. Hove, Psychology Press 2004. ISBN 1-84169-336-7.
  • Eliot Hearst, John Knott: Blindfold Chess: History, Psychology, Techniques, Champions, World Records, and Important Games. McFarland, Jefferson 2008. ISBN 978-0786434442
  • Michael Negele: Master of Darkness. Die sagenhafte Schachkarriere des George(s) Koltanowski (1903-2000), in: KARL, 2, 2005, S.14-19, Frankfurt: Karl-Verlag, ISSN 1438-9673
  • Harry Schack: Die andere Seite. Robert Hübners Blindsimultanvorstellung aus der Sicht von Thomas Schian, der damals unter den Gegnern des Großmeisters war, in: KARL, 2, 2005, S. 25, Frankfurt: Karl-Verlag, ISSN 1438-9673
  • Ludwig Steinkohl: Phänomen Blindschach. Rau-Verlag, Düsseldorf 1992. ISBN 3-7919-0448-5

Weblinks

Einzelnachweise

  1. G.Ferlito & V.Williams: "Chess in Italian secular literature between 1275-1575" - Giovanni Villani (englisch)
  2. Eliot Hearst, John Knott: Blindfold Chess: History, Psychology, Techniques, Champions, World Records, and Important Games, S.95
  3. Harry Golombek: The Encyclopedia of Chess, London 1977, S. 33.
  4. Manfred van Fondern (Hrsg.): Lexikon für Schachfreunde, Luzern und Frankfurt/M. 1980, S. 44f.
  5. Wladyslaw Litmanowicz, Jerzy Gizycki: Szachy od A do Z. 1, Warschau 1986, S. 265.
  6. Ludwig Steinkohl: Phänomen Blindschach, Düsseldorf 1992, S. 144.
  7. Otto Borik, Joachim Petzold u. a.: Meyers Schachlexikon, Mannheim 1993, S. 38.
  8. Isaak und Wladimir Linder: Schach. Das Lexikon, Berlin 1996, S. 46.
  9. Eliot Hearst, John Knott: Blindfold Chess: History, Psychology, Techniques, Champions, World Records, and Important Games, S.102f.
  10. Blindfold simultaneous records, Chess notes 4811
  11. Ludwig Steinkohl, Phänomen Blindschach, S.158
  12. Wolfram Runkel: Zehn gegen ein Phantom, Die Zeit, Ausgabe 27/1985
  13. Siehe Harald Fietz: „Blinder Durchblick. Robert Hübner demonstrierte seine Extraklasse beim Blindschach“
  14. Blindsimultan-Rekord nach 11 Stunden gefallen, Schachbund.de, abgerufen am 25. November 2009
  15. Frank Zeller: Medienrummel um Marc Lang, abgerufen am 16. Juli 2011

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