Blindenfussball
Strafstoß zum 1:0 im Spiel Stuttgart gegen Berlin am 15. Dezember 2007 in Marburg
Spielszene des Spieles Stuttgart gegen Berlin am 15. Dezember 2007 in Marburg

Blindenfußball ist eine relativ junge Sportart im Bereich des Blindensports, das seit seiner ersten Demonstration bei den Sommer-Paralympics 2004 in Athen zunehmend praktiziert wird. Zwei Mannschaften treten mit je fünf Spielern gegeneinander an. Ziel ist es, wie beim Fußball sehender Spieler, den Ball ins gegnerische Tor zu platzieren. Die Spieler im Feld sind blind im Sinne des höchsten Schweregrads B1, Augenklappen oder Binden gleichen eventuelle Unterschiede in der Sehschädigung unter den Spielern aus. Die Torhüter sind als einzige nicht blind. Sie und die mannschaftseigenen Guides, die jeweils hinter dem gegnerischen Tor positioniert sind, dirigieren mit Zurufen ihre Spieler. Der Ball ist im Inneren mit Rasseln versehen und ist auf diese Weise hörbar.

Inhaltsverzeichnis

Regeln

Gespielt wird auf einem etwa 20 x 40 Meter großen rechteckigen Feld, dessen Längsseiten von stabilen Seitenbanden begrenzt werden. Eine glatte Vorderfront dieser Banden ohne ins Feld ragende Füße ist essentiell, da die Spieler über Bande spielen und sich während des Spiels an ihr entlang tasten. Blindenfußball wird international vielfach in der Halle, daher auch der Begriff Blind Futsal, gespielt, ist unter entsprechenden Bedingungen (ruhige Lage der Spielstätte) jedoch auch im Freien spielbar. Kunstrasen oder natürlicher Rasen bilden den Untergrund. Laut dem Regelwerk für den Blindenfußball, das von der Dachorganisation für Blindensport in Europa, die International Blind Sports Federation (IBSA), in Anlehnung an das Fußball-Regelwerk der FIFA entwickelt wurde, sind im Wettkampfgeschehen folgende Regeln bindend:

  • Das Feld ist 38 bis 42 Meter lang und 18 bis 22 Meter breit. In der Mitte der Spielfläche befindet sich ein Kreis von sechs Metern Durchmesser. Eine mittig durch den Kreis gezogene Linie teilt das Feld in zwei Hälften. Das Tor ist drei Meter breit und zwei Meter hoch, der Torraum um das Tor herum beträgt 5 x 2 Meter. Strafstöße werden von einem Punkt sechs Meter vom Zentrum des Tors entfernt ausgeführt.
  • In acht Meter Entfernung vom Zentrum des Tores befindet sich ein weiterer Punkt auf dem Feld, von dem aus Freistöße vorgenommen werden. Das ist ein Unterschied zum Fußball sehender Spieler, die ihre Freistöße von jedem Punkt innerhalb des Spielfeldes ausführen.
  • Die Spieldauer beträgt 50 Minuten bei zwei Halbzeiten von je 25 Minuten.
  • Der Ball besteht aus Leder oder Synthetik, hat einen Umfang von 62 cm und ein Gewicht von 490-520 Gramm. Er ist damit kleiner und schwerer als der FIFA-Fußball. Im Inneren ist er mit mehreren lauten Rasseln versehen. (Er wird in Brasilien von Strafgefangenen hergestellt und ist in Europa schwer zu erwerben.)
  • Erforderlich ist eine Beschallungsanlage in der Nähe des Zeitnehmers, um time outs verbal mitzuteilen und das Publikum um Ruhe zu bitten.
  • Im Blindenfußball gibt es keine Abseitsregel.

Charakteristik des Spiels

Blindenfußball ist genauso rasant und spannend wie das Spiel Sehender. Das Spiel blinder Spieler funktioniert durch gutes Gehör, Orientierungssinn, Körperbeherrschung und den engen Kontakt zum hörbaren Ball. Durch eine spezielle Lauftechnik bleiben Ball und Füße bis zur Abgabe in Berührung. Die Torhüter, Trainer und ein hinter jedem Tor postierter Guide erleichtern mit Zurufen die Orientierung. Im Fall eines Elfmeters, der im Blindenfußball vom Sechs-Meter-Punkt ausgeführt wird, klopft der Torhüter vor dem Stoß mit einem Stock links und rechts an die Pfosten, um die Orientierung des Schützen zu erleichtern. Die Spieler der Spitzenmannschaften im Blindenfußball erarbeiten sich im jahrelangen Training die Fähigkeit, den Ball über längere Strecken zu führen, Gegner anzudribbeln, zuverlässige Pässe zu spielen und unhaltbare Torschüsse zu platzieren.

Blindenfußball International

2004 wurde Blindenfußball bei den Paralympischen Spielen in Athen als Football 5-a-side (5er Fußball) als Demonstrationssportart in den Kanon der olympischen Disziplinen aufgenommen. Entsandt wurden Nationalmannschaften aus den Ländern Argentinien, Brasilien, Frankreich, Griechenland, Korea, Russland, Spanien und der Ukraine. Mittlerweile wird Blindenfußball in 21 Ländern organisiert ausgeübt. Die Verantwortung für die internationale Entwicklung und Organisation des Blindenfußballs liegt in den Händen der International Blind Sports Federation (IBSA) mit Sitz in Madrid/ Spanien. Mit Unterstützung der UEFA realisiert die IBSA derzeit im Rahmen ihres Futsal-Entwicklungsprogramms für Blinde europaweit Blindenfußball-Seminare für Trainer und Schiedsrichter der FIFA-Landesverbände.

In Europa finden alle zwei Jahre Europameisterschaften statt. Im Jahr 2007 bisher die fünfte und zwar in Athen. Siegreiches Nationalteam waren die Spanier, die England und Frankreich auf die Podiumsplätze verdrängte. Die kommende Meisterschaft in Europa wird 2009 in Frankreich ausgetragen.

Im Sommer 2008 fanden in der chinesischen Hauptstadt Peking die zweiten Paralympics statt, bei denen Blindenfußball gespielt wurde. Vom 7. bis zum 17. September trugen dort die sechs Nationalmannschaften aus Spanien, England, China, Süd-Korea, Brasilien und Argentinien das Fußballturnier für Menschen mit Sehbehinderungen aus. Nach einer Runde jeder gegen jeden, wobei alle zwei Tage gespielt wurde, fanden am Ende zusätzlich Platzierungsspiele um den 1., 3. und 5. Platz statt. Mit einem 2:1-Erfolg gegen China gewann Brasilien die Goldmedaille: China war kurz vor der Pause in Führung gegangen, Brasilien glich aus und verwandelte in der Schlussminute einen (Doppel-)Elfmeter zum Siegtreffer. Im Spiel um die Bronzemedaille stand es nach Ablauf der Spielzeit 1:1 zwischen Argentinien und Spanien: das Sechsmeterschießen endete 1:0. Auch im Spiel um den 5. Platz gab es ein 1:0 im Sechsmeterschießen nach einem 1:1 in der regulären Spielzeit: Großbritannien gewann damit gegen Südkorea.

Blindenfußball in Deutschland

Mit dem ersten Internationalen Blindenfußballturnier am 26. und 27. Mai 2006 in Berlin begann die Geschichte des Blindenfußballs in Deutschland. Hier gab es bisher keinen organisierten, vereinsangebundenen Blindenfußball wie etwa in Südamerika, England oder Spanien. Um dies zu ändern, haben Vertreter des Sozialverbands Deutschland (SoVD), des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) in Zusammenarbeit mit dem Behinderten-Sportverband Berlin BSB und der Hartl + Tank GbR Ideen für eine Etablierung des Blindenfußballs in Deutschland entwickelt und die Austragung eines ersten repräsentativen, internationalen Turniers in Berlin, den International Blind Challenge Cup (IBCC) organisiert. Dieser fand im Mai 2006 statt. Zu Gast waren Brasilien (Gold bei den Paralympics 2004 in Athen) und die drei besten Mannschaften der Europameisterschaften 2005 in Málaga/Spanien: Spanien, Frankreich, England. Die Teams spielten um den 1. Berliner IBCC-Pokal, der als ausgewiesener Wanderpokal symbolisch für die zukünftige Fortführung von Blindenfußballturnieren in Deutschland steht. In einem Endspiel der punktbesten Mannschaften des Turniers, Brasilien (sechs Tore) und Spanien (vier Tore), gewann Spanien mit 1:0. Frankreich landete auf dem dritten Platz. Der IBCC stand unter der Aufsicht von vier lizenzierten Schiedsrichtern der IBSA aus England, Frankreich, Griechenland und Spanien.

Nach diesem offiziellen Kick-Off in Berlin gründeten sich bis heute (Stand Sept. 2007) an mittlerweile 10 Trainingsstandorten eigene Fußball-Teams. Nach und nach nahmen blinde Sportler in Tübingen, Mainz, Stuttgart, Würzburg, Dortmund, Essen, Berlin, Chemnitz, Marburg und in Hamburg ein regelmäßiges Training auf. Bereits im März 2007 fand in Tübingen (Baden-Württemberg) das erste deutsche Hallenblindenfußball-Turnier statt, an dem sechs Teams (Mainz, Tübingen, Würzburg, Dortmund, Marburg, Hamburg) sich erstmals maßen. Die Kicker aus Dortmund besiegten im Finale die Gastgebermannschaft Tübingen und errangen den Turniersieg. Den bronzenen Pokal sicherte sich das Team aus Mainz. Die Plätze vier bis sechs gingen an Marburg, Hamburg und Würzburg.

Den ersten richtig großen Vergleich im deutschen Blindenfußball gab es am 26. Mai 2007 in Neumünster. Genau ein Jahr nach dem offiziellen Startschuss im Blindenfußball trafen alle bisher trainierenden Mannschaften Deutschlands im Rahmen des sog. Licht-Kick-Turniers in Schleswig-Holstein aufeinander. Besonderheit hierbei war, dass erstmals ein Turnier unter freiem Himmel ausgespielt wurde. Es handelte sich schon um eine gewisse Meisterschaft im Blindenfußball, die das Team aus Marburg erst im 6-Meter-Schießen gegen die Mainzer Karnevalskicker gewann. Der dritte Platz ging an das Team aus Stuttgart. Die übrigen Plätze gingen in der Reihenfolge an Dortmund, Essen, Hamburg, Würzburg, Chemnitz und Berlin.

Im Dezember 2007 gewann Stuttgart das letzte Turnier im Jahr 2007 in Marburg durch einen Sieg gegen die Gastgeber. Die Plätze drei bis 7 gingen an die Teams aus Dortmund, an die Spielgemeinschaft Essen-Berlin, Guide-Dogs Mainz, Chemnitz und das Sportteam Würzburg.

Seit Juni 2007 engagiert sich auch der Deutsche Behindertensportverband (DBS) aktiv im Blindenfußball. Deutschland bzw. der DBS möchte auch in dieser paralympischen Sportart eine Nationalmannschaft zu Wettbewerben aussenden. Nach einer offiziellen Stellenausschreibung wurden zwei professionelle Trainer gefunden, die bereits mit der Bildung einer Nationalmannschaft beauftragt wurden. Ulrich Pfisterer (Cheftrainer) und Peter Schreiner (Teammanager) sind die Trainer dieser neuen Mannschaft, die im Blindenfußball international Deutschland vertreten wird. Bei Ihrer ersten großen Aufgabe, die 5. IBSA Europameisterschaft im Blindenfußball in Athen (Ende Sept. 2007), mussten sich die deutschen Kicker aber mit dem siebten und letzten Platz zufrieden geben. Ihre drei Gruppenspiele verlor die deutsche Mannschaft mit 1:3 gegen die Türkei, 0:3 gegen Griechenland und 0:7 gegen Frankreich. Erstes und bisher einziges Tor für Deutschland schoss der Tübinger Stürmer Alexander Fangmann. Ende des Jahres 2007 zog sich der Teammanager Schreiner aus dem Blindenfußball zurück, wodurch die Geschicke der Nationalmannschaft künftig allein in den Händen von Ulrich Pfisterer liegen.

Im März 2008 startete die vom DBS, DBSV und der Sepp-Herberger-Stiftung gegründete Blindenfußball-Bundesliga in die erste Saison. An drei Spieltagen wurde aus den teilnehmenden acht Mannschaften der Deutsche Blindenfußballmeister 2008 ermittelt. Als erstes Team in der Geschichte des Blindenfußballs sicherte sich die SSG Blista aus Marburg diesen Titel. Mit 15 Punkten aus sieben Spielen führten die Marburger vor Stuttgart, Dortmund, Essen und Mainz die Tabelle an. Auf den Plätzen 6-8 fanden sich am Ende die Teams SG Würzburg-Berlin, Chemnitz und der FC St. Pauli wieder. Austragungsorte waren neben Stuttgart und Dortmund auch die Hauptstadt Berlin. Im Jahr 2009 (ab März) geht die Blindenfußball-Liga in ihre zweite Saison.

Durch die Liga und das gestiegene Medieninteresse können sich immer mehr blinde Sportler für den Blindenfußball begeistern. Dieses hat zur Folge, daß die Anzahl der trainierenden Teams weiter zunimmt. Zahlreiche Workshops initiiert vom DBS und DBSV tragen hier ihren Teil dazu bei. So gründeten sich im Laufe des Jahres die Teams in Gelsenkirchen und in Köln, wodurch zum einen in Nordrhein-Westfalen mittlerweile vier Blindenfußballmannschaften ansässig sind und zum anderen die Gesamtzahl der Teams auf elf angestiegen ist (Stand Okt. 2008). Im einzelnen wird derzeit in Marburg, Essen, Köln, Dortmund, Mainz, Gelsenkirchen, Stuttgart, Berlin, Tübingen, Chemnitz, Würzburg und Hamburg trainiert. Geplant ist die Schaffung von Spielstätten in Nürnberg, Braunschweig/Hannover, Ilvesheim und Bremen/Oldenburg.

Im Oktober 2008 kam der Blindenfußball erstmals für ein großes Event nach Hamburg. Das Hallenmasters "Keep your mind wide open" wurde am 18. und 19. Oktober in der Sporthalle an der Budapester Straße auf St. Pauli ausgetragen. Teilnehmende Teams waren neben dem FC St. Pauli die Teams MTV Stuttgart, Guide-Dogs Mainz, Berlin, SSG Blista Marburg und erstmals das Team aus Köln. Der MTV Stuttgart entschied das Turnier durch einen 5:1-Sieg im Finale gegen den amtierenden deutschen Meister SSG Blista Marburg für sich. Auf den weiteren Plätzen landeten die Teams aus Mainz, St. Pauli, Berlin und Köln. Das Masters wird zukünftig jedes Jahr in Hamburg ausgetragen.

Siehe auch

Blindenfußball-Bundesliga

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Blindenfußball-Bundesliga — Logo der Blindenfußball Bundesliga Die Blindenfußball Bundesliga (DBFL) nahm im März 2008 ihren Spielbetrieb im Blindenfußball auf. Die Liga steht unter der Schirmherrschaft von Uwe Seeler, Kuratoriumsmitglied der Sepp Herberger Stiftung.… …   Deutsch Wikipedia

  • Blindenfußball — Spielszene des Spieles Stuttgart gegen Berlin am 15. Dezember 2007 in Marburg Blindenfußball ist eine Sportart aus dem Bereich des deutschen Blindensports, die seit Sommer 2006 in Deutschland praktiziert und trainiert wird. Zwei Mannschaften… …   Deutsch Wikipedia

  • Outrun (Sportmagazin) — Outrun Beschreibung Sportmagazin für Menschen mit Behinderung …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”