Blindwühlen
Schleichenlurche
Mexikanische Hautwühle (Dermophis mexicanus)

Mexikanische Hautwühle (Dermophis mexicanus)

Systematik
Unterstamm: Wirbeltiere (Vertebrata)
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Lurche (Amphibia)
Unterklasse: Lissamphibia
Ordnung: Schleichenlurche
Wissenschaftlicher Name
Gymnophiona
Müller, 1832

Die Schleichenlurche (Gymnophiona, Apoda) oder Blindwühlen bilden mit etwa 175 Arten die kleinste Ordnung in der Klasse der Amphibien (Amphibia). Sie sind weder vollkommen blind, noch wühlen alle Arten im Boden.

Inhaltsverzeichnis

Morphologie

Schleichenlurche besitzen keine Gliedmaßen, auch der Schwanz ist stark reduziert. Die Kloake befindet sich am hinteren Ende des Körpers, welches dem Vorderende oft ähnelt. Kleine Schleichenlurche (um 10 Zentimeter Länge) können leicht mit Regenwürmern verwechselt werden, große Arten (etwa 1 bis 1,5 Meter Länge) erscheinen schlangenartig.

Die Haut der Schleichenlurche ist glatt und oft mattdunkel gefärbt. Manche Arten haben farbige Streifen oder Flecken an den Seiten. Früher wurden sie aufgrund in der Haut eingelagerter Kalkschuppen und wegen der zusammengewachsenen Schädelknochen als mit den ausgestorbenen Panzerlurchen verwandt angesehen; heute werden diese Eigenschaften aber als sekundäre Anpassungen interpretiert. Kiefer und Gaumen tragen Zähne.

Der alternative Name, Blindwühlen, ist von den oft zurückgebildeten und von Haut abgedeckten Augen abgeleitet, die daher nur einfache hell-dunkel Kontraste sehen können. Die Wahrnehmung geschieht durch Riechen und zwei zwischen Nase und Augen liegende Fühler. Auch Bodenvibrationen spielen eine Rolle bei der Orientierung. Die Atmung findet durch den rechten Lungenflügel statt, während der linke in der Regel zurückgebildet ist. Auch über die Haut und die Mundschleimhaut wird geatmet, insbesondere natürlich bei der einzigen lungenlosen Blindwühlenart Atretochoana eiselti.

Verbreitung

Verbreitung der Schleichenlurche

Schleichenlurche kommen in den Tropen und Subtropen Südostasiens, Afrikas sowie Mittel- und Südamerikas vor. Sie halten sich in der Regel in den oberen Boden- und Streuschichten von Wäldern auf und leben von Kleintieren, insbesondere Regenwürmern. Sie ziehen feuchte Gebiete, oft in der Nähe von Gewässern, vor. Schwimmwühlen, die sich ganz an das Leben im Wasser angepasst haben, kommen in langsam fließenden Flüssen wie dem Amazonas, Orinoko und in den kolumbianischen Flusssystemen vor. Sie ernähren sich von wasserlebenden Weichtieren und toten Fischen.

Aufgrund ihrer verborgenen Lebensweise sind die Schleichenlurche eine wenig bekannte Amphibiengruppe. Zoologen gehen davon aus, dass noch nicht alle Arten beschrieben sind.

Fortpflanzung und Entwicklung

Aus Hans Gadow, Amphibia and reptiles, 1909; Larve, brütendes Weibchen und Eier von Ichthyophis glutinosus

Die Besamung findet im Körperinneren des Weibchens statt. Das Männchen besitzt ein aus der Kloake ausfahrbares Begattungsorgan zur Spermienübertragung, das so genannte Phallodeum.

Es gibt eierlegende Arten, aber etwa 75% der Arten sind lebendgebärend. Die Jungtiere schlüpfen im Mutterleib und werden im Eileiter ernährt, bevor sie geboren werden. Die eierlegenden Arten legen die Eier in Erdhöhlen an Land ab; bei einigen Arten ist Brutpflege bekannt. Die Jungtiere leben amphibisch – zur nächtlichen Jagd sind sie im Wasser, am Tage halten sie sich vergraben im Uferbereich auf.

Ernährung

Das Ernährungsverhalten von Blindwühlen ist noch kaum erforscht. Vermutlich besteht die Nahrung überwiegend aus Insekten und Wirbellosen, die im Lebensraum der Blindwühlen häufig vorkommen. Die Mägen der Spezies Afrocaecilia taitana enthielten Kopfkapseln von Termiten, jedoch war der größte Teil des Mageninhalts nicht näher bestimmbares organisches Material, darunter auch pflanzliche Reste. Während die Autoren der Studie eine Ernährung mit Detritus annehmen, vermuten andere Wissenschaftler eine Ernährung mit Regenwürmern. In Gefangenschaft gehaltene Blindwühlen lassen sich leicht mit Regenwürmern ernähren. Große Arten fressen wohl auch andere Amphibien, kleine Schlangen und Echsen. Wasserlebende Arten fressen auch kleine Fische.

Taxonomie

Die Schleichenlurche werden in drei bis sechs Familien eingeteilt und manchmal nach ihrem Entwicklungsstand gruppiert. Dazu erfolgt hier eine Auflistung der Gattungen sowie eine kleine Auswahl von Arten:

  • „Primitive Schleichenlurche“
    • Familie Rhinatrematidae Nussbaum, 1977 – Nasenwühlen (9 Arten)
      • Gattung Epicrionops Boulenger, 1883
      • Gattung Rhinatrema Duméril & Bibron, 1841
    • Familie Ichthyophiidae Taylor, 1968 – Fischwühlen (39 Arten)
      • Gattung Caudacaecilia Taylor, 1968
      • Gattung Ichthyophis Fitzinger, 1826
  • „Höher entwickelte Schleichenlurche“
    • Familie Uraeotyphlidae Nussbaum, 1979 (5 Arten)
      • Gattung Uraeotyphlus Peters, 1880
  • „Hochentwickelte Schleichenlurche“
    • Familie Scolecomorphidae Taylor, 1969 – Grabwühlen (6 Arten)
      • Gattung Crotaphatrema Nussbaum, 1985
      • Gattung Scolecomorphus Boulenger, 1883
    • Familie Caeciliidae Rafinesque, 1814 – Erdwühlen (~110 Arten)
      • Unterfamilie Caeciliinae Rafinesque, 1814
        • Gattung Boulengerula Tornier, 1896
        • Gattung Brasilotyphlus Taylor, 1968
        • Gattung Caecilia Linnaeus, 1758
        • Gattung Dermophis Peters, 1880
        • Gattung Gegeneophis Peters, 1880
        • Gattung Geotrypetes Peters, 1880
        • Gattung Grandisonia Taylor, 1968
        • Gattung Gymnopis Peters, 1874
        • Gattung Herpele Peters, 1880
        • Gattung Hypogeophis Peters, 1880
        • Gattung Idiocranium Parker, 1936
        • Gattung Indotyphlus Taylor, 1960
        • Gattung Luetkenotyphlus Taylor, 1968
        • Gattung Microcaecilia Taylor, 1968
        • Gattung Mimosiphonops Taylor, 1968
        • Gattung Oscaecilia Taylor, 1968
        • Gattung Parvicaecilia Taylor, 1968
        • Gattung Praslinia Boulenger, 1909
        • Gattung Schistometopum Parker, 1941
        • Gattung Siphonops Wagler, 1828
        • Gattung Sylvacaecilia Wake, 1987
      • Unterfamilie Typhlonectinae Taylor, 1968
        • Gattung Atretochoana Nussbaum & Wilkinson, 1995
        • Gattung Chthonerpeton Peters, 1880
        • Gattung Nectocaecilia Taylor, 1968
        • Gattung Potomotyphlus Taylor, 1968
        • Gattung Typhlonectes Peters, 1880

Allerdings spiegelt diese Einteilung nicht die vermutlichen stammesgeschichtlichen Verwandtschaftsverhältnisse wider. Auch die Begriffe "primitiv" und "hochentwickelt" sind nach heutigem evolutionären Denken unangebracht und daher als reine Namen zu verstehen. Die genaue Anzahl der Gattungen und Arten innerhalb der einzelnen Familien schwankt je nach Autorität, insbesondere, weil viele Arten nur durch ein einziges Belegexemplar beschrieben sind. Die Familie der Erdwühlen (Caeciliidae) enthält jedoch in jeder Systematik mindestens zwei Drittel aller Schleichenlurche.

Siehe auch: Systematik der Amphibien, mit Referenzen für die hier gebräuchliche Taxonomie der Amphibien.
Ferner Informationen zu einem völlig neuen, phylogenetisch basierten Systematik-Modell.

Literatur

  • Werner Himstedt: Die Blindwühlen. ISBN 3894324341
  • Daniel Hofer: Blindwühlen im Freiland und in Gefangenschaft. HERPETOZOA, Berichte der österreichischen Gesellschaft für Herpetologie, Band 11, Heft 1/2, ISSN 1013-4425

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