Blitzkrieg

Der Blitzkrieg ist eine militärische Strategie, die, von Rüstungsfragen ausgehend, eine Eskalation des Konfliktes zu einem Totalen Krieg verhindern soll und dies über einen schnellen operativen Sieg anstrebt.

Die Wehrmacht verwendete eine Form der Kriegsführung des kombinierten, koordinierten Einsatzes verschiedener Teilstreitkräfte mit Luft-, See- und Landstreitkräften. Plötzliche, schnelle und unerwartete Vorstöße sollten dem Gegner im Idealfall keine Gelegenheit lassen, eine stabile Verteidigung zu organisieren. Damit sollte ein Ausweg aus den unbeweglichen Materialschlachten des Ersten Weltkrieges gefunden werden. Technische Teilaspekte dieses Konzeptes wurden jedoch schon in diesem Konflikt entwickelt, so beispielsweise der Panzer (Großbritannien 1916), Schlachtflieger (Deutsche Schlachtstaffeln ab 1916) sowie spezialisierte Sturmbataillone der Infanterie, die auf deutscher Seite ab dem Frühjahr 1916 zum Einsatz kamen.

Als der erste erfolgreiche Blitzkrieg wird heute die zwölfte der Isonzoschlachten, auch als Schlacht von Karfreit bekannt, unter Führung Otto von Belows im Oktober 1917 gesehen.

Initiator der Blitzkriegtaktik auf deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg war Generalleutnant Erich von Manstein (später Generalfeldmarschall und Befehlshaber der Heeresgruppe Süd), der die vorgesehenen veralteten Angriffspläne auf Frankreich überarbeitete und einen schnellen Vorstoß schwerer Panzerdivisionen über die Ardennen plante. Weitere bedeutende Vertreter waren zum Beispiel die Generäle Heinz Guderian, Erwin Rommel, George S. Patton (alle im Zweiten Weltkrieg), Ariel Scharon (Jom-Kippur-Krieg), sowie Norman Schwarzkopf junior im ersten amerikanisch-irakischen Golfkrieg 1991.

Das Wort Blitzkrieg ging als Germanismus in andere Sprachen ein, wie zum Beispiel in das Englische, das Französische und das Italienische.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsentstehung

Mit dem für die Weltöffentlichkeit unerwartet kurzen Polenfeldzug im Jahre 1939 wurde der Begriff Blitzkrieg zum Synonym für eine vermeintlich neue Form der Kriegführung. Der Begriff wurde erstmals 1935 in einem Artikel der Militärzeitschrift Deutsche Wehr verwendet. Danach sollten ernährungsschwache und rohstoffarme Staaten bestrebt sein, „einen Krieg schlagartig zu erledigen, indem sie gleich zu Anfang durch den rücksichtslosen Einsatz ihrer totalen Kampfkraft versuchen, eine Entscheidung zu erzwingen“. Eine nähere Analyse findet sich in einem 1938 veröffentlichten Aufsatz im Militär-Wochenblatt.[1]

In deutschen Exilantenkreisen wurde der Begriff von Mitte der dreißiger Jahre an aufgegriffen. So gab die Pariser Tageszeitung am 28. Oktober 1936 unter der Überschrift „Blitzkrieg im Mittelmeer“ einen Vorabdruck aus dem Buch Die große Lüge. Hitlers Verschwörung gegen den Frieden von S. Erckner wieder. Darin hieß es:

„Folgt man den einschlägigen militärischen Veröffentlichungen des Hitlerreichs, so gelangt man zur Erkenntnis, dass voraussichtlich Frankreich als Ziel des deutschen Blitzkrieges ausgewählt ist, dass alle Vorbereitungen in diese Richtung weisen, dass für das Gelingen eines blitzartigen Überfalls hier die meisten Vorbedingungen militärisch-technischer Art vorhanden sind, dass der Blitzkrieg mit einem Wort die spezielle deutsche Kriegsform gegen Frankreich ist.“

Zwei Jahre später, im September 1938, wurde der Blitzkrieg in der Pariser Tageszeitung bereits wieder zum „Humbug“ erklärt, mit der Begründung: „In der Tat haben die letzten Kriegszustände erwiesen, dass der Angreifer auf Widerstand stoßen kann, mit dem er kaum gerechnet haben dürfte.“[2] Damit bezog sich die Zeitung auf die Erfahrungen des Spanischen Bürgerkriegs und des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs.

Im englischen Sprachraum wurde der Begriff möglicherweise erstmals durch Dorothy Thompson in einem Kommentar für die New York Herald Tribune nach Abschluss des Münchner Abkommens verwendet. Sie schrieb im Oktober 1938:

“Since the experience of Spain, which may possible live in history as actually the test war to end war, we know that the ‚blitzkrieg‘ theory of Gen. Goering - that a swift and fearful air attack can be made which will totally demoralize populations - is no longer tenable.”

„Seit der Erfahrung in Spanien, die in der Geschichte möglicherweise als der wirkliche Probelauf für den letzten Krieg überdauern wird, wissen wir, dass die ‚Blitzkrieg‘-Theorie von General Göring - wonach ein schneller und schrecklicher Luftangriff die Bevölkerung vollständig zermürben kann - nicht länger haltbar ist.“[3]

In der nüchternen militärischen Sprache gibt es kaum einen anderen Begriff, der von so schlaglichtartiger Prägnanz und gleichzeitig so missdeutbar ist, wie der des Blitzkrieges. Immer noch herrscht die Meinung vor, dieses Wort sei erst während des Zweiten Weltkrieges nach den überraschend schnellen Erfolgen der deutschen Wehrmacht entstanden. Eine Auswertung der deutschen Militärpublizistik zeigt jedoch, dass es bereits vorher gebräuchlich war. So wird schon 1938 in einem Artikel des Militär-Wochenblatts der Blitzkrieg als strategischer Überfall definiert, vorgetragen durch den operativen Einsatz der Panzerwaffe und Luftwaffe sowie durch Luftlandetruppen. So erklärte Hitler: „Blitzkrieg, das Wort ist eine rein italienische Erfindung, italienische Phraseologie, eine Übersetzung aus dem Italienischen“.[1] Es ist bemerkenswert, dass dieser Begriff in der militärischen Fachsprache fast nie benutzt wird. Im Propagandajournalismus hingegen erlangte es nach dem Westfeldzug geradezu inflationäre Bedeutung. Dieses suggestive Wort wurde in Deutschland und im Ausland während des Krieges und danach derart verschiedenartig gebraucht, dass es zu einem Interpretationschaos kam. Im Wesentlichen lassen sich zwei Bedeutungen unterscheiden, je nachdem, ob man den Blitzkrieg nur operativ als rein militärisches Phänomen oder strategisch im Rahmen einer Gesamtkriegführung betrachtet. Danach ließe sich Blitzkrieg definieren als konzentrierter Einsatz von Panzerwaffe und Luftwaffe, um den Gegner schockartig durch Schnelligkeit und Überraschung zu paralysieren und ihn nach großangelegten Vorstößen zu umfassen. Der Militärhistoriker Bernhard R. Kröner definiert Blitzkriegstrategie als „optimale Kombination militärischer Führungsprinzipien mit den entsprechenden ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren, die notwendig sind, um bei einem von vornherein kalkulierten Zeitansatz das gewünschte gesamtstrategische Ziel zu erreichen.“Beleg? Der Blitzkrieg entstand als Resultat taktischer Überlegungen, wie man den Stellungskrieg des Ersten Weltkrieges überwinden könne, und nicht als strategische Kopfgeburt. Erst nach den überraschenden Erfolgen auf dem Gefechtsfeld versuchte man, daraus eine Strategie zu entwickeln. Der Nimbus des Wortes Blitzkrieg begann eigentlich mit der Operation Sichelschnitt, die, genau betrachtet, schon nach wenigen Tagen durch den operativen Durchbruch bei Sedan entschieden war. Der Durchbruch, der an gleicher Stelle errungen wurde wie 1870, trug in besonderem Maße zur Bildung der Blitzkrieg-Legende bei.

Die Nationalsozialisten nutzten den Begriff später, um in propagandistischer Überhöhung militärische Überlegenheit und Unbesiegbarkeit auszudrücken. Allerdings distanzierte sich Hitler nach dem beginnenden Stellungskrieg an der Ostfront von dem Begriff: er habe „noch nie das Wort Blitzkrieg verwendet, weil es ein ganz blödsinniges Wort ist“ (in einer Rede am 8. November 1941 vor der Alten Garde in München, in: Deutsches Institut für Außenpolitische Forschung (Hg.), Europa. Handbuch der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des neuen Europa, Leipzig 1943).

Bedeutung

Wenn es möglich war, wurde möglichst überraschend angegriffen. Oftmals wurden bereits im Vorfeld Geheimdienste und in Zivil oder in der Uniform des Verteidigers gekleidete Sonderkommandos eingeschleust, die während der Invasion wichtige taktische Aufgaben hatten, wie die Einnahme wichtiger Stellungen und Unterstützung der schnell vorrückenden Panzereinheiten. Bei der Invasion selbst rückten die Panzer an mehreren Stellen der Front konzentriert vor, umgingen die feindlichen Hauptstellungen und durchbrachen die schwächeren, während strategische Bombardements durch die Luftwaffe weit hinter den feindlichen Linien erfolgten. Gegebenenfalls wurden Luftlandetruppen an strategisch wichtigen Stellen eingesetzt, um diese, zusammen mit den Sondereinheiten, im Rücken des Feindes einzunehmen und die Manövrierfähigkeit oder die Möglichkeit des Gegners, sich hinter befestigten Stellungen zu verschanzen, einzuschränken. Die taktischen Luftstreitkräfte unterstützten vor allem die Panzereinheiten, die die feindlichen Truppen in verletzliche Positionen aufspalteten und sich hinter ihrem Rücken zusammenschlossen und Kessel bildeten. Ein Teil der Panzertruppen mit motorisierter Artillerie hatten diese Durchbrüche für die nachrückende schwere Infanterie zu halten, während die Vernichtung der eingekesselten Truppen der Letzteren überlassen wurde, da die meisten Panzereinheiten weiter vorrückten, um weitere Kessel zu bilden.

Dieser Prozess wiederholte sich so lange, bis die gegnerischen Streitkräfte außer Gefecht gesetzt waren. Dies wird vor allem durch eine Lähmung der gegnerischen Kommandostruktur angestrebt und weniger durch die physische Vernichtung der gegnerischen Truppe. Gelingt dies, führt das zu hohen Gefangenenzahlen, wie zu Beginn des Krieges. Wenn dies allerdings misslingt, kann es zu hohen Verlusten für den Angreifer führen, da dieser am Schwerpunkt rücksichtslos angreift und die durchgebrochenen Truppen vom Verteidiger isoliert und vernichtet werden können.

Im Blitzkrieg wurden erstmals die zwischen den Weltkriegen fortentwickelten Waffensysteme Panzer, taktische Luftangriffe und Luftlandetruppen koordiniert eingesetzt. Damit verlor die Infanterie als Hauptinstrument der damals herrschenden Militärdoktrin an Bedeutung.
Wegen der unzureichenden Tiefenrüstung der deutschen Kriegswirtschaft war die Wehrmacht als Ausgleich zu einer schnellen Kriegführung gezwungen und war dann dank der ausreichenden Breitenrüstung kurzzeitig erfolgreich (siehe auch: Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschen Reich).

Noch beim Polen- und Frankreichfeldzug wurde deutscherseits mit einem lediglich groben Zeitbegriff gearbeitet, also kein ungefährer zeitlicher Endpunkt der Operationen zugrunde gelegt. Bei der Planung und Durchführung des Krieges gegen die Sowjetunion war dies hingegen von ausschlaggebender Bedeutung. Um so schwerwiegender wirkte sich für den Feldzug das Scheitern der Zeitplanung aus. Als kräftemäßig sehr begrenzte Unternehmen können der Norwegen-, Balkan- und Afrikafeldzug in dieser Hinsicht außer Betracht bleiben.

Der schnelle Sieg der deutschen Armee in Polen, Frankreich, den Niederlanden und Belgien kam allerdings auch für die deutsche Heerführung und Hitler überraschend, der nach dem Sieg seiner Armee bei Sedan am 19. Mai ausrief: „Es ist ein Wunder!“Beleg?

Letztlich aber war diese Form der wehrwirtschaftlichen Ressourcennutzung nicht erfolgreich und endete in einer nationalen und internationalen Katastrophe, weil zu viele industriell hochentwickelte Gegner vorhanden waren. Die zeitweilige Wirksamkeit verdankt der Blitzkrieg der auf Mobilität beruhenden örtlichen Überlegenheit der Kräfte, auch Schwerpunktbildung genannt.

Heutige Begriffsbedeutung

In der Nachkriegszeit entfernte sich die Diskussion inhaltlich von einem operativ-taktischen Verständnis des Begriffes.

Nach heutigem Verständnis steht nicht mehr nur die schnelle Kriegsentscheidung im Vordergrund. Von wesentlicher Bedeutung ist die optimale Kombination militärischer Führungsprinzipien mit den entsprechenden ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren, die notwendig sind, um bei einem von vornherein kalkulierten Zeitansatz ein gesamtstrategisches Ziel zu erreichen.

Blitzkrieg steht außerdem für die mobile Kriegführung, also das schnelle Vordringen und Besetzen mittels Panzerspitzen anstatt der Front- und Grabenschlachten (beispielsweise die Schlacht um Verdun im Ersten Weltkrieg). Einer breiteren Bevölkerungsschicht wurde dieser Begriff erstmals durch den Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen im September 1939 und die damit verbundenen schnellen zeitweiligen Gebietsgewinne bekannt.

Die ausgezeichnete Ausbildung vor allem der Panzerbesatzungen und die Kommunikation (Funk in jedem Panzer vorhanden) ermöglichten dem Kommandeur eine wirksame Koordinierung und damit ein gemeinsames Wirken der ihm unterstellten Truppenteile. Die Schlagkraft in allen drei Gefechtsarten wurde dadurch entscheidend erhöht.

In der Zwischenzeit existieren viele Varianten von Blitzkriegskonzeptionen.

Im weitesten Sinne setzte bereits Dschingis Khan mit seinem berittenen Heer auf diese Taktik, die aber ebenfalls langfristig gesehen scheiterte.

Eine weitere Wortschöpfung leitet sich aus dem Begriff Blitzkrieg ab, nämlich The Blitz.

Einzelnachweise

  1. a b Karl-Heinz Frieser: Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940. Oldenbourg, München 1995, S.5.
  2. Pariser Tageszeitung: "Der Blitzkrieg - ein Humbug", Jg. 3. 1938, Nr. 780 (3. September 1938), S. 3
  3. Dorothy Thompson: "Defenselessness of democracy", in: New York Herald Tribune. Zitiert nach: "On the Record. Outstanding Commentators on Current Events at Home and Abroad." In: Washington Post, 5. Oktober 1938, S. 9

Literatur

  • William J. Fanning, Jr.: The Origin of the Term „Blitzkrieg“. Another View. In: The Journal of Military History. 61, No. 2, (April) 1997, ISSN 0899-3718, S. 283–302.
  • Gerhard Förster: Totaler Krieg und Blitzkrieg. Die Theorie des totalen Krieges und des Blitzkrieges in der Militärdoktrin des faschistischen Deutschlands am Vorabend des zweiten Weltkriegs. Deutscher Militärverlag, Berlin (Ost) 1967.
  • Karl-Heinz Frieser: Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940. Oldenbourg, München 1995, ISBN 3-486-56124-3 (Operationen des Zweiten Weltkrieges 2), (3. Auflage. ebenda 2005, ISBN 3-486-57824-3), (Auch in Franz. und Engl. erschienen).
  • Heinz Guderian: Achtung – Panzer! Die Entwicklung der Panzerwaffe, ihre Kampftaktik und ihre operativen Möglichkeiten. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart [1937].
  • Daniel J. Hughes: Blitzkrieg. In: Trevor N. Dupuy (Hrsg.): International and Military Encyclopedia. Band 1: A – B. Brassey's, Washington DC 1993, ISBN 0-02-881061-9, S. 377–381.
  • Bernhard R. Kroener: Die personellen Ressourcen des Dritten Reiches im Spannungsfeld zwischen Wehrmacht, Bürokratie und Kriegswirtschaft 1939–1942. In: Bernhard R. Kroener, Rolf-Dieter Müller, Hans Umbreit: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 5, 1: Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Teilband 1: Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 1939 bis 1941. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 693ff.
  • Charles Messenger: Blitzkrieg, Eine Strategie macht Geschichte. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1980, ISBN 3-404-65028-X.
  • George Raudzens: Blitzkrieg Ambiguities. Doubtful Usage of a Famous Word. In: War and Society. 7, 1989, ISSN 0729-2473, S. 77–94.

Weblinks

Artikel im Freitag vom 12. Februar 2009 zur Geschichte des Begriffs "Blitzkrieg"

Wiktionary Wiktionary: Blitzkrieg – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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