Blondelsage
Richard Löwenherz
(aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts)

Die Blondelsage ist eine mittelalterliche Sage, die von der Suche des Troubadours Blondel nach seinem gefangenen Herrn und Freund, dem englischen König Richard Löwenherz, und von dessen Befreiung erzählt.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Hintergrund

König Richard Löwenherz soll 1191 bei der Eroberung von Akkon während des Dritten Kreuzzuges zugelassen haben, dass die Fahne eines Bundesgenossen, des österreichischen Herzogs Leopold V., entehrt wurde. Daraufhin wurde er am 21. Dezember 1192 auf der Rückreise bei Wien durch Truppen Leopolds gefangen genommen und für die Dauer des Winters auf der niederösterreichischen Burg Dürnstein inhaftiert. Am 28. März 1193 wurde er in Speyer an Heinrich VI., den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ausgeliefert. Möglicherweise bis zum 4. Februar 1194 wurde Richard dann auf der Reichsburg Trifels festgehalten, die bei Annweiler im südlichen Pfälzerwald, dem Wasgau, liegt. Schließlich kam er gegen ein hohes Lösegeld frei. Im Artikel über Richard Löwenherz sind Einzelheiten zu den tatsächlichen Ereignissen beschrieben.

Sage

Burg Dürnstein in Niederösterreich
Reichsburg Trifels im Pfälzerwald

Die Sage verändert den historischen Hintergrund der Freilassung und berichtet, der Sänger Blondel sei auf der Suche nach Löwenherz in Deutschland von Burg zu Burg gezogen und habe vor jeder Burg sein Lied gesungen. Auf Burg Dürnstein oder auf dem Trifels habe ihm Löwenherz aus dem Kerker singend geantwortet, so dass Blondel nun den Ort der Gefangenschaft des Königs wusste. Daraufhin habe der Sänger die Befreiung des Königs veranlasst. In manchen Fassungen der Sage wird dafür ein Lösegeld entrichtet; in anderen befreit Blondel, unterstützt von einer Schar Gesinnungsgenossen, den König gewaltsam.

Johann Gabriel Seidl behandelte den Stoff in seiner Ballade Blondels Lied:

Spähend nach dem Eisengitter
Bei des Mondes hellem Schein,
Steht ein Minst'rel mit der Zither
Vor dem Schlosse Dürrenstein,
Stimmt sein Spiel zu sanfter Weise
Und beginnt sein Lied dazu,
Denn ein Ahnen sagt ihm leise:
Suche treu, so findest du!

In den folgenden Strophen zitiert Seidl Blondels Lied. Dann heißt es:

Horch, da tönt es leise, leise
Aus dem Burgverließ empor,
Eine wohlbekannte Weise
Klingt an Blondels lauschend Ohr.
Wie ein Freundesruf, ein trauter,
Schallt sein eigen Lied ihm zu,
Und sein Ahnen sagt ihm lauter:
Suche treu, so findest du!

Zuletzt eilt Blondel mit der Kunde über Löwenherz' Versteck zurück nach England und erreicht, dass der König freigekauft wird.

Rings umstaunt vom frohen Kreise,
Stürzt der Held dem Sänger zu;
Gut bewährt hat sich die Weise:
Suche treu, so findest du!

Der Lokalhistoriker Friedrich Wilhelm Hebel beschreibt die Begebenheit in seinen literarischen Sagenbearbeitungen im Jahr 1912, einer Zeit des Historizismus, folgendermaßen:

Richard Löwenherz auf Trifels[1]
König Richard Löwenherz von England hatte auf einem Kreuzzuge auf den Wällen von Ptolemais die Fahne Leopolds von Österreich beschimpft und wurde von diesem bei seiner Rückkehr gefangengenommen und nach Dürrenstein an der Donau gebracht. Doch Heinrich VI. meinte, nur ein Kaiser dürfe einen König gefangenhalten, und brachte den Löwenherz auf den Trifels, wo er zehn Monate lang der Freiheit beraubt war.
Niemand wusste den Aufenthalt des löwenmutigen Helden. Sein treuer Sänger Blondel zog singend von Schloss zu Schloss, den guten König zu suchen. Einst kam er vor die Burg Trifels und ließ sein Lied erklingen, das nur ihm und dem König bekannt war. Als die erste Strophe geendet hatte, scholl die zweite als Antwort aus dem Turme. "O Richard, o mein König!", rief Blondel dem Einsamen zu.
Er eilte rasch zu Tale und rückte bald mit fünfzig Mannen zum Trifels und stürmte ihn trotz heftiger Gegenwehr. Und wieder klang das Lied der Freunde durch die weiten Hallen und soll auch heute noch in einsamen Stunden dort gehört werden.

Die erst im 13. Jahrhundert entstandene Geschichte wurde im Laufe der Zeit ausgeschmückt und entfernte sich dabei immer mehr vom tatsächlichen Geschehen. Unhistorisch ist vor allem die Episode der kämpferischen Befreiung; zeitgenössische Chronisten berichten nichts davon.

In ihrer frühesten Form wurde die Sage um 1260 in den sogenannten Récits d’un Ménestrel de Reims, einer sagenhaften Kreuzzugschronik, erzählt. Die Sage wurde im 18. Jahrhundert wieder entdeckt und vor allem durch die Oper Richard Coeur de Lion von Grétry (1784) populär.

In Österreich existiert eine ähnliche Sage hinsichtlich der Burg Dürnstein, auf welcher Richard Löwenherz vor seiner Gefangenschaft auf dem Trifels festgehalten wurde. Von einer gewaltsamen Befreiung ist hier allerdings nicht die Rede.

Deutungen

Es waren hauptsächlich englische Chronisten, die berichteten, dass Richard im dunklen Kerker schmachten musste. Andere Chronisten berichten dagegen von einer ehrenvollen Behandlung.

Die Beschreibung der strengen Haftbedingungen ist sehr übertrieben; denn König Richard war zu wertvoll, als dass der deutsche Kaiser ihn hätte schlecht behandeln können. Für Heinrich VI. war der gefangene Richard nicht nur eine Geldquelle, sondern auch ein Faustpfand gegen die welfische Fürstenopposition unter Führung Heinrichs des Löwen, des Schwagers von Richard Löwenherz. Dieser hatte Heinrich den Löwen bereits früher immer wieder aktiv gegen Heinrich VI. unterstützt. Um nicht an den ihm feindlich gesinnten König Philipp II. von Frankreich ausgeliefert zu werden, betätigte sich Richard sogar als Diplomat und arbeitete an der Aussöhnung zwischen Heinrich VI. und den aufständischen Fürsten.

Aus Richards Briefen und aus Berichten neutraler Zeitzeugen stellte der Historiker Theodor Toeche (1837–1919) im Jahre 1867[2] folgendes Bild zusammen:

Er durfte sich, von deutschen Rittern gefolgt, frei bewegen. Der Verkehr mit seinen Freunden und Landsleuten, die von England herüberkamen, ihm zu huldigen oder zu raten, wurde nicht gehindert. Nur des Nachts musste er allein sein. Der Frohsinn verließ den König auch hier nicht; wer ihn sah, fand ihn launig und heiter. Die größte Belustigung gewährte ihm, mit den Wächtern sein Spiel zu treiben, sie im Ringkampf mit meisterlicher Gewandtheit zu bewältigen oder im Zechgelage sie sämtlich trunken zu machen und allein obenauf zu bleiben.

Musik

Die Sage über den Troubadour Blondel wird in verschiedenen Musikdisziplinen thematisiert:

Robert Schumann hat im Oktober 1840 die Ballade von Johann Gabriel Seidl als Lied für eine Singstimme und Klavier vertont. Das Lied erschien zuerst 1842 in einem Supplement zum Almanach Orpheus, dann 1845 als op. 53,1 in der Sammlung Romanzen und Balladen Heft III.

Das 1983 uraufgeführte Musical Blondel von Tim Rice (Buch, Texte) und Stephen Oliver (Musik) basiert sehr frei auf der Sage. Nach dem Script des Musicals dienen Blondels Bemühungen, König Richard Löwenherz zu retten, in Wahrheit dem Ziel, Ruhm als Popstar zu erlangen.

Der Liedermacher Ferdinand Ledwig, der in mittelalterlicher Kostümierung unter dem Namen Ferdinand der Sänger auftritt, besingt die Blondelsage in seiner CD Hans Spielmann spiele auf; er hält sich dabei recht eng an die literarischen Vorgaben.[3]

Literatur

  • Friedrich Wilhelm Hebel: Pfälzisches Sagenbuch. Verlag Wellhöfer, Mannheim 2006, ISBN 978-3-939540-01-4 (Nachdruck der Erstausgabe von 1912).
  • Hans Reither, Helmut Seebach: Der englische König Richard I. Löwenherz als Gefangener auf Burg Trifels. Beiträge zur Trifelsgeschichte, Heft 1. Verlag Bachstelz, Mainz-Gonsenheim o. J., ISBN 3924115141.
  • Récits d’un Ménestrel de Reims. Edition Natalis de Wailly, Paris 1876.

Einzelnachweise

  1. Friedrich Wilhelm Hebel: Pfälzisches Sagenbuch. Der englische König Richard I. Löwenherz als Gefangener auf Burg Trifels. Mannheim 2006 (Nachdruck der Erstausgabe von 1912).
  2. Theodor Toeche: Kaiser Heinrich VI.. In: Jahrbücher der Deutschen Geschichte. Leipzig 1867 (Nachdruck Darmstadt 1965).
  3. Ferdinand Ledwig: Hans Spielmann spiele auf. Lieder aus 8 Jahrhunderten. Abgerufen am 23. November 2010.

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