Blunderbuss

Das Handrohr (auch Hand-, Stangen- oder Donnerbüchse; kurze Version Faustrohr, Faustbüchse; Spezialversionen Feuer- oder Kugellanze, Orgelbüchse, Standrohr) war die erste Handfeuerwaffe, die von einem Mann allein transportiert und abgefeuert werden konnte. Die Entwicklung der Handrohre begann etwa zeitgleich mit den ersten Feuergeschützen der Artillerie: Bombarde, Mörser, Feldschlange, Kanone.

Das Handrohr wurde um 1300 entwickelt, vielleicht sogar schon früher. Es gelangte von Italien aus über Deutschland nach Flandern. 1314 gelangte es mit flämischen Söldnern nach England.

Die Handrohre waren aus Bronze gegossen. Erst mit der Entwicklung von besserem Stahl wurden auch Handrohre aus Eisen geschaffen. Als Munition wurden von Beginn an Bleikugeln verschossen - im Unterschied zu den großen Geschützen, bei denen anfangs auch Brandpfeile und Steinkugeln in Gebrauch waren.

In Europa blieb das Handrohr bis etwa 1520 in Gebrauch, bevor die Arkebuse seinen Platz einnahm. Im Fernen Osten (insbesondere in China) wurden Handrohre bis ins 19. Jahrhundert hinein verwendet. Die Herkunft ist umstritten, Chinesen, Mongolen, Araber und Europäer kommen als Erfinder in Frage.

Stangenbüchse oder Standrohr, abgefeuert von einer hölzernen Stützgabel. Belli Fortis-Handschrift von Konrad Kyeser, um 1400
Tannenbergbüchse: älteste Deutsche Handfeuerwaffe, gefunden im Brunnen der Ruine der Burg Tannenberg (zerstört 1399)
Ältester bekannter Abzugsmechanismus (Codex Vindobana 3069, Österreichische Nationalbibliothek, Wien)

Inhaltsverzeichnis

Rohrlänge, Kaliber, Handhabung

Die Rohrlänge variierte zwischen etwa 190 mm und 600 mm. Das Kaliber reichte von ca. 12 bis 36 mm, wobei sich bis Anfang des 15. Jahrhunderts das Kaliber 3,5 cm durchsetzte. Das Gewicht eines Handrohrs lag zwischen 1,5 kg und 15 kg bei Belagerungsmodellen.

Zur leichteren Handhabung wurden die Handrohre an Holzstangen von ca. 600 mm bis 2000 mm Länge befestigt. Größere und schwerere Handrohre wurden mit Hilfe einer Stützvorrichtung (hölzerne Gewehrgabel, Burgmauer) abgefeuert. Beim Richten der Waffe musste mitunter ein zweiter Mann assistieren. Leichte Handrohre wurden unter dem Arm eingelegt (wie eine Lanze) oder von der Schulter gezündet (wie eine moderne Panzerfaust). Wegen des großen Rückstoßes war das Anlegen an der Schulter unüblich.

Das Gros der Handrohre waren Vorderlader, obwohl auch mit Hinterladermodellen experimentiert wurde. Bei allen Varianten zündete der Schütze die Pulverladung mit einer (beidseitig) brennenden Lunte. Diese führte er, bei frühen Modellen direkt per Hand, seit Mitte des 15. Jahrhunderts mittels Luntenschloss an das offene Zündloch.

Reichweiten, Verwendung im Kampf

Trotz einer maximalen Reichweite von ca. 300 m blieben Handrohre nur auf kurze Distanzen effektiv. Bei einer Entfernung bis 20 m vermochte das Geschoss eines Handrohrs eine Ritterrüstung zu durchschlagen oder zwei hintereinander laufende ungepanzerte Gegner.

Eine Person konnte auch noch auf 50 m tödlich getroffen werden (Zum Vergleich: ein Langbogen durchbohrte bis 60 m einen Harnisch und traf ansonsten bis 180 m; eine Armbrust brach auf 50 bis 100 m einen Panzer). Nachteilig waren die umständliche Handhabung, die daraus resultierende niedrige Schussfrequenz und die Anfälligkeit des Pulvers gegen Wind und Nässe. Darum lag der Nutzen des Handrohrs weniger in offener Feldschlacht als vielmehr bei Belagerungen und beim Legen von Hinterhalten.

Taktische Nachteile, strategische Vorteile

Obwohl die Handrohre den Langbögen und Armbrüsten in Handhabung, Zielgenauigkeit und Schussfrequenz (Handrohr: 1 Schuss/Minute; Armbrust: 2 Schüsse/Minute; Langbogen: 12 Schüsse/Minute) taktisch unterlegen blieben, eroberten sie dennoch ihren Platz in den Waffenarsenalen der mittelalterlichen Kriegsherren. Strategische Gründe dafür waren die niedrigen Produktionskosten (20x billiger als eine Armbrust), die einfache (innerhalb eines halben Tages mögliche) Herstellung und die damit erleichterte Massenproduktion. Zudem verlangte die Verwendung nur wenige Tage Schützenausbildung: Bei Bedarf waren große Schützenkontingente in kürzester Zeit rekrutierbar, die zudem einen geringeren Sold bezogen als die in langen Jahren ausgebildeten Langbogen-Spezialisten.

Spezialversionen und Weiterentwicklungen

Mit der mehrläufigen Orgelbüchse (4 bis 10 Rohre) und der Kugel- oder Feuerlanze, die mit einem Schuss mehrere hintereinander angesetzte Ladungen freisetzte (etwa zum Inbrandsetzen von Gebäuden) wurde bereits im 15. Jahrhundert experimentiert.

Der Übergang zu kleineren Kalibergrößen ging einher mit der Verbesserung von Schwarzpulverqualität und optimierte Gießverfahren zur Gusseisenhärtung: Das Volumen der Treibladung konnte verringert, das Gewicht der dickwandigen Handrohre herabgesetzt werden. Eine handwerkliche Weiterentwicklung war die bereits im 15. Jahrhundert aufkommende Hakenbüchse, aus der wiederum die Arkebuse und die Muskete hervorgingen.

Berittene Schützen verwendeten seit Mitte des 15. Jahrhunderts das "kurze Handrohr". Abgefeuert wurde die etwa 250 mm lange Faustfeuerwaffe von einer am Sattel befestigten, abklappbaren Stützgabel. Das Faustrohr (Faustbüchse, Fäustling; im 16./17. Jahrhundert auch Puffer) behielt seinen Namen auch noch lange, nachdem es schon längst mit einem Radschloss versehen war. Damit war der Übergang zur modernen Pistole vollzogen, aus der sich im 19. Jahrhundert der Revolver entwickelte.

Problemstellung bei der Quellenlektüre

In älteren Quellen finden sich für unterschiedliche Handrohr-Typen häufig identische Bezeichnungen (s.o), eine standardisierte Klassifizierung begann erst ab dem 16. Jahrhundert. Eine eindeutige Identifikation beschriebener Feuerwaffen ist darum heute oft nicht mehr möglich.

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