Blutaar

Der Blutaar oder Blutadler (altnord. blóðörn) war eine mutmaßliche Form der Hinrichtung bei den Wikingern.

Dem lebenden Opfer wurde dabei der Rücken aufgeschnitten, die Rippen beidseitig von der Wirbelsäule getrennt und – wie Adlerschwingen – zur Seite geklappt. Manche vermuten, dass noch die Lungen herausgezogen wurden. Allerdings wird die Version von anderen Wissenschaftlern verworfen, da die Lunge nach einem derart gewaltsamen Öffnen in Sekunden zusammenfallen würde. Sie gehen davon aus, dass die Schulterblätter noch mit hochgeklappt wurden.

Der Blutaar ist in verschiedenen Sagas, Skaldengedichten und Eddaliedern als Rache an Feinden gut belegt. So zum Beispiel in der Orkneyinga saga oder den Reginsmál. Die Ragnars Saga berichtet von der Rache, die die Söhne des dänischen Königs Ragnar Lodbrok, Ivar der Knochenlose, Halfdan und Hubbi im Jahr 868 an König Ælle von Northumbria als seinem vermeintlichen Mörder nahmen. Im Jahr 869 besiegte Ivar mit einem Teil des Wikingerheeres König Edmund von Ost-Anglia, nahm ihn gefangen und ließ ihn ebenso wie Ælle zuvor durch die Blutadler-Folter grausamst hinrichten, obwohl der König bereits von mehreren Pfeilen durchbohrt worden war.[1][2]

Der Hintergrund des Rituals ist jedoch ebenso umstritten wie die Frage, ob es tatsächlich ausgeübt worden ist oder ob es vielleicht auch nur eine besonders grausam wirkende literarische Ausschmückung zur Unterhaltung der Zuhörer war. So zumindest argumentiert die Skandinavistin Roberta Frank.[3] Andere Interpretationen sehen im Blutaar die Weiterentwicklung eines ursprünglichen Menschenopfers an den Gott Odin oder aber eine spezielle Racheform, die Söhne am Mörder ihres Vaters vollzogen.

Der Blutadler wurde traditionell auch bei der Bestrafung von Vatermorden eingesetzt. Hier sprechen die Quellen von der Bestrafung, „einen Adler zu schnitzen“.

„Wie Frank jedoch überzeugend dargelegt hat, beruht das Motiv ‚Ritzen des Blutadlers‘ – zumindest im Falle von Ella – auf dem Missverständnis einer Strophe aus Sigvatrs Knútsdrápa (11. Jh.), in der es von der Tötung Ellas heißt: ‚Und Ívarr, der in York saß, ließ Ellas Rücken von einem Adler geschnitten werden‘ (Knútsdrápa 1; s. u. und vgl. Frank 1984, 334-339); Während andere Forscher Sigvatrs Strophe als zweiten Beleg – neben Reginsmál 26 – für das Blutadler-Motiv in der Dichtung betrachten, sieht Frank [ein Edda-Forscher] Sigvatrs Strophe als eines der außerordentlich zahlreichen Beispiele für das Motiv ‚Vogel der Walstatt (Adler, Rabe) zerreißt den gefallenen Krieger mit den Klauen oder dem Schnabel‘, präziser: „der siegreiche Krieger lässt die Vögel der Walstatt die Gefallenen zerreißen“ o. ä. (vgl. Frank 1984, 337-339; Frank 1988; Frank 1990)“

Klaus von See: Edda Kommentar zum Reginsmál (Heidelberg, 2006)

Quellen

  1. Ian Heath, David Nicolle, Angus McBride. „Wikinger und Normannen“ Siegler Verlag, 2003, S. 13–14
  2. Ian Heath, David Nicolle, Angus McBride. „The Vikings“ Osprey Publishing Ltd., 1985
  3. Roberta Frank. „Viking Atrocity and Skaldic Verse: The Rite of the Blood-Eagle.“ The English Historical Review. Vol. 99, No. 391 Apr., 1984.

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