Blutruf

Mit Blutruf wird in der Theologie ein Vers des Matthäus-Evangeliums bezeichnet. Matthäus stellt das "jüdische Volk" als Meute dar, die trotz der Beschwichtigungsversuche des Pontius Pilatus unerbittlich zuerst die Folterung und dann die Kreuzigung Jesu fordert, und mit dem Schrei: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" (Mt 27, 25) sich selber verflucht und die Schuld an dem Mord Jesu freiwillig und unisono auf sich lädt.

Der Blutruf lehnt sich an eine alttestamentlich sakral-rechtliche Formel an, mit der man in der Regel vergossenes Blut auf andere abwälzt und damit auch den Schaden und das Unheil, das man von ihm befürchtet. So zum Beispiel David zum Amalekiter (2 Sam 1,16; LXX), als er ihn töten lässt, oder Salomo über Joab (1 Kg 2,33; vgl. V32). Es ist eine Besonderheit des Matthäus-Evangeliums, dass "die Juden" fremdes Blut auf sich und ihre Nachkommenschaft herabrufen (Mt 27,24-26). Das "ganze Volk" erklärt sich mit diesem Blutruf bereit, das Unheil des vergossenen Blutes des Christus Jesus auf sich und seine Nachkommenschaft zu übernehmen. Für die frühchristliche Theologie – die sich dabei auch auf Mt 21,43 berief – hieß das: An die Stelle des Gottesvolkes Israel tritt nun die universale Kirche.

Seit dem frühen Christentum bis zur Zeit des deutschen Faschismus haben antijüdaistische und antisemitische Verfolgungen in dem Blutruf eine Rechtfertigung gesehen. Nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahre 70 im Jüdischen Krieg vertrat man die Auffassung, dass das Volk Israel für die Kreuzigung Christi bestraft wurde und weiterhin bestraft wird. Besonders im 5. Jh. entwickelte sich die Vorstellung einer „Erbschuld", verbunden mit dem Gedanken, dass der einzelne Jude um diese Blutschuld wisse. Die Weigerung, sich taufen zu lassen, wurde dann als Bejahung der Tat der Väter begriffen. In der lateinischen Patristik überließ man das Schicksal und Urteil über Israel allein Gott. In der Zeit der Kreuzzüge taucht im 11. Jh. die Idee auf, auch Menschen könnten sich als Rächer des Blutes Christi betätigen. Im Zuge des Umdenkens in der katholischen Kirche haben sich die Verantwortlichen der Oberammergauer Passionsspiele im Jahre 2000 durchgerungen, auf den Blutruf zu verzichten, ein bisher zentrales dramaturgisches Element.

Literatur

Zsolt Keller: Der Blutruf (Mt 27,25). Eine schweizerische Wirkungsgeschichte, Göttingen 2006.


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