Blutwunder

Als Blutwunder gelten blutungsähnliche Erscheinungen an konsekrierten Hostien, an Bildern Christi oder auch Wiederverflüssigungen von Blutreliquien. Blutwunder sind ein Begriff der katholischen Volksfrömmigkeit. Speziell im Zusammenhang mit Hostien spricht man auch von Hostienwundern.

Blutrote Kolonien von Serratia marcescens

Der Glaube an Blutwunder war besonders im 14. und 15. Jahrhundert verbreitet. Orte solcher Blutwunder wurden zum Ziel von Wallfahrten.

Raffael: Die Messe von Bolsena

Der Priester Peter von Prag soll nach Zweifeln am Dogma der Transsubstantiation 1263 in Bolsena das Brot für die Kommunion gebrochen und dabei Blutstropfen darauf entdeckt haben. Er soll seine Zweifel gestanden und eine Prozession mit Hostien nach Orvieto zu Papst Urban IV. veranstaltet haben. Dieser soll daraufhin das Fronleichnamsfest (Processione del Corpus Domini) eingeführt haben und ließ den Dom zu Orvieto errichten. Heute nimmt man an, dass die „Blutstropfen“ durch Prodigiosin rot gefärbte Kolonien von Serratia marcescens waren, die auf Brot und Hostien einen guten Nährboden finden („Hostienphänomen“) und darauf wachsen, wenn diese Materialien nicht ausreichend trocken gehalten werden. Der Grund dafür, dass dieses Phänomen erst im 13. Jahrhundert auftrat, dürfte sein, dass erst seit diesem Zeitpunkt ungesäuerter Teig für Hostien verwendet wird. Auf Sauerteigen kann das Bakterium nicht wachsen. Das Wunder von Bolsena ist auf einem Fresko des italienischen Malers Raffael in der Stanza d'Eliodoro dargestellt (Die Messe von Bolsena).

Schon bei der Belagerung von Tyros 332 v. Chr. unter Alexander dem Großen sollen „Blutflecken“ auf dem Brot der Soldaten aufgetreten sein, die Alexander als Glückszeichen deutete. Auch später kam das Phänomen der „blutenden Hostien“ wiederholt vor, vermutlich bei Aufbewahrung von Hostien in Sakristeien, die im Sommer noch kühl sind und deren Luft deshalb eine hohe relative Luftfeuchtigkeit aufweist. Das Phänomen führte unter anderem in Bad Wilsnack (Prignitz) 1383 zu Wallfahrten zum Wilsnacker Wunderblut mit zahlreichen Beteiligten, die etwa 170 Jahre andauerten.

„Blutende“ Hostien wurden auch oft zum Vorwand für Judenverfolgungen genommen. Man warf den Juden vor, sie hätten die Hostien gestochen und so zum Bluten gebracht. Herzog Wenzel von Luxemburg soll 1369 Juden vertrieben haben, weil in Brüssel „Blutflecken“ auf Hostien aufgetreten waren.

1825 will man in Enkirch an der Mosel Blut in Mehl gefunden haben.

Der ursprüngliche Name von Serratia marcescens, Bacterium prodigiosum, und die Bezeichnung des von ihm gebildeten Farbstoffs Prodigiosin gehen auf den Zusammenhang mit diesen scheinbaren Wundern zurück: lateinisch prodigium „Wunderzeichen“.

Blutwunder sind keine historisch belegten Ereignisse; auch lässt sich meist nicht sicher sagen, ob es sich im Einzelfall um Selbsttäuschungen, Täuschungen oder eine anderweitig erklärbare Erscheinung gehandelt hat. Insbesondere bei Hostienwundern gilt das Bakterium Serratia marcescens als mögliche Erklärung. Die Verflüssigung scheinbar fester Substanzen ist mit thixotropen Stoffen nachzuvollziehen, die auch schon im Mittelalter bekannt waren.

Beispiele

Für bekannte Blutwunder siehe etwa:

Literatur

  • Carl Andersen, Georg Denzler: Wörterbuch der Kirchengeschichte. Kösel, München 1982, ISBN 3-466-20227-2.
  • Peter Browe: Die eucharistischen Wunder des Mittelalters. Müller & Seiffert, Breslau 1938 (Breslauer Studien zur historischen Theologie NF 4, ZDB-ID 501483-9).
  • Alois Döring: Bluthostien. In: Lexikon für Theologie und Kirche Band 2. Freiburg 2006, Sp. 539.
  • Johannes Heuser: „Heilig-Blut“ in Kult und Brauchtum des deutschen Kulturraumes. Ein Beitrag zur religiösen Volkskunde. Diss. Bonn 1948.
  • Walter Michel: Blut und Blutglaube im Mittelalter. In: Theologische Realenzyklopädie Bd. VI. Berlin 1980.

Weblinks


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