Blütezeit des Islams

Als Blütezeit des Islam wird die unter den Abbasiden (749–1258) entwickelte Hochkultur in den arabisch beherrschten Gebieten bezeichnet.

Das Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Forschung wurde unter anderem Bagdad, das um 800 mehr als 100.000 Einwohner hatte. Der oft angestellte Vergleich mit Orten in Nordwesteuropa, zum Beispiel der Pfalz Karls des Großen in Aachen, die zu dieser Zeit nur wenige hundert Seelen umfasste, ist beeindruckend, aber nicht wirklich zulässig, denn die eigentlichen kulturellen Zentren und Kontrahenten Bagdads in der damals bekannten Welt waren Xi'an im Osten und Konstantinopel im Nordwesten. Gegen die Hauptstadt der Tang-Dynastie mit 1–2 Millionen und die des Byzantinischen Reiches mit 500.000 bis einer Million Einwohnern nahm sich Bagdad vergleichsweise bescheiden aus. Ebenfalls zu einem Zentrum des Wissens und der Literatur entwickelte sich die ostpersische Provinz Chorasan. Sie bildete später den Kern der iranischen Renaissance.

Auch das von den Mauren beherrschte Al-Andalus, insbesondere das Emirat von Córdoba/Kalifat von Córdoba und das spätere Sultanat Granada, im Süden der Iberischen Halbinsel erreichten im Mittelalter eine Blüte an Kultur und Wissenschaft.

Die führende Stellung in den Wissenschaften ist noch heute an der arabischen Vorsilbe al- bei grundlegenden Fachbegriffen wie Algebra, Alchemie, Alkohol und Alkali erkennbar. Die bekanntesten Wissenschaftler waren in folgenden Gebieten tätig:

Inhaltsverzeichnis

Medizin

  • Hunayn ibn Ishaq, (809–874), christlich-arabischer Mediziner, Geschichtsschreiber, Übersetzungen des Aristoteles, Hippokrates und Galenos sowie durch bedeutende Bücher über die Einführung in die Medizin und Augenheilkunde bekannt geworden.
  • Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya al-Razi, latinisiert Rhazes, (865–925), persischer Universalgelehrter, unterschied als erster zwischen Pocken und Masern, kannte Gipsverbände zur Heilung von Knochenbrüchen. Sein medizinisches Werk blieb bis zum 17. Jahrhundert unangefochten.
  • Ibn Sina (latinisiert Avicenna, 980–1037), der bekannteste Mediziner des Islams und Perser. Er übersetzte die Schriften des Aristoteles, Hippokrates und Galen. Verfasste den Kanon über die Medizin, welcher bis zum 17. Jahrhundert das wichtigste Buch über die Heilkunde darstellte.
  • Ibn an-Nafis (gestorben um 1288) entdeckte durch theoretische Überlegungen den kleinen Blutkreislauf.

Mathematik

  • Durch die Verwendung der indischen Zahlen (Dezimalzahlen) löste der persische Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi (780–846) eine Revolution der Rechenmethoden aus. Auf ihn zurückzuführen sind Algorismen und Algorithmus. Ein weiteres Feld seiner Tätigkeit war die Algebra. Sein Buch Hisab al-dschabr wa-l-muqabala trägt den neuen Rechenzweig im Namen. Die Erfindung dieses neuen Rechenzweigs ergab sich durch die komplizierte Erbfolge im Islam.
  • Arbeiten zur Trigonometrie (Sinussatz, Tangentenregel) schuf Abu l-Wafa al-Busdjani (940–998). Er übersetzte Ptolemäus’ Hauptwerk Almagest ins Arabische.
  • Abū r-Raihān al-Bīrūnī (Al-Biruni, 973–1048) war einer der größte Universalgelehrten des mittelalterlichen Islam. Er löste als erster das Schachbrett-Problem (die Verdoppelung je Feld).
  • Kubische Gleichungen und die Lösungen dazu beschrieb Omar Khayyām (gestorben um 1123).

Astronomie

  • Der bedeutendste Astronom war Muhammad Ibn Dschubair al-Battani (858–929), er überlieferte die Astronomie von Ptolemäus, bestimmte u.a. die Schiefe der Ekliptik und die Tagundnachtgleiche.
  • Ein Buch über die bekannten Sternbilder mit Sternnamen und Helligkeiten schrieb Abd ar-Rahman (Sufi, 903–986).
  • Der Hofastronom am Kalifenhof, Ibn Dschunus (950–1009), stellte die „Hakimitischen Planetentafeln“ auf.
  • Werke über Optik und Planetenbewegungen, die bis Kepler maßgeblich waren, lieferte Abu Ali al-Hasan ibn al-Haitham (latinisiert Alhazen) (965–1040), Astronom und Physiker. Er erkannte die Grundlagen des Sehvorganges, die Bedeutung der Linsenkrümmung und beschrieb das Prinzip der „Camera Obscura“.
  • Das umfangsreichste Lehrbuch des Mittelalters über Astrologie verfasste Alī ibn Abī-r-Riğal (Abenragel) (um 1040). Alfon X. ließ es ins Spanische übersetzen.
  • Der Experimentalphysiker des Mittelalters war Abu l-Fatch Abd ar-Rahman (Chazini) im 12. Jahrhundert. Er konstruierte u. a. Wasseruhren, Quadranten, Zirkel und erstellte die „Sandjarische Tafeln“ zur Planetenbestimmung.
  • Muhammad Taragay (Ulug Beg) (1394–1449), schuf als Herrscher in Persien, das größte Observatorium der damaligen Zeit. Sein Handbuch über die Astronomie wurde in der Genauigkeit erst von Brahe übertroffen.

Sternnamen wie Aldebaran, Algol, Atair, Rigel u. a. sowie die Bezeichnung Zenit und Nadir kommen aus dem Arabischen.

Chemie

  • Als Begründer der Experimental-Chemie gilt Dschābir ibn Hayyān (lat. Geber) um 800. Seine Versuchsprotokolle (Geber-Schriften) machten ihn zum bedeutendsten Chemiker bis zur Neuzeit.

Geographie

  • Der bedeutendste islamische Geograph des Mittelalters, in Diensten des normannischen Königs Roger II. von Sizilien, war Muhammad asch-Scharif Al-Idrisi, (1099–1166). Er fertigte Karten der zu seiner Zeit bekannten Erdteile an.

Literatur

  • Im literarischen Bereich denkt man zuerst an die bekannten „Märchen aus Tausend und einer Nacht“ (alf laila wa-laila) die in verschiedenen Regionen des Orients, bereits ab dem 8. Jahrhundert entstanden und bei uns durch die Übersetzung von Gustav Weil populär geworden sind.
  • Maßgebend für die persische Literatur ist das Werk von Abū l-Qāsem-e Ferdousī, (940–1020), Schāhnāme oder „Königsbuch“, um 1010 entstanden. Geschichten bei denen urreligiöse Motive und Heldensagen in 50.000 Verse aufgezeichnet wurden.
  • Auch Hafis, (um 1320–ca. 1390) mit seinem Werk „Diwan“ sowie seinen Liebesgedichten bereichert noch bis heute die Kultur unserer Zeit.
  • Der Dichter al-Ma'arri (973–1057) hat bereits Jahrhunderte vor Dantes „Göttlicher Komödie“ mit seinem Werk „Sendschreiben über die Vergebung“ (risalat al-ghufran), das Paradies und die Hölle verarbeitet.

Philosophie

  • Ibn Rushd, latinisiert Averroes, zählt neben Al-Biruni zu einem der größten Universalgelehrten des Islams. Er verfasste eine medizinische Enzyklopädie und fast zu jedem Werk des Aristoteles einen Kommentar. In der christlichen Scholastik des Mittelalters, auf die er großen Einfluss ausübte, wurde er deshalb schlicht als „der Kommentator“ bezeichnet, so wie Aristoteles nur „der Philosoph“ genannt wurde.
  • al-Kindi, latinisiert Alkindus, ließ zahlreiche Werke von Aristoteles und anderen griechischen Philosophen durch Mitarbeiter, die zum Teil griechisch-christlicher Herkunft waren, übersetzen, gilt als erster großer Philosoph des Islams und war einer der Begründer einer mathematischen Denkweise in der Philosophie → Logik.

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