Bodengut Vorarlberg

Bodengut Vorarlberg ist eine Studie, die die Entwicklung und die Vielfalt der Vorarlberger Kulturlandschaften untersucht. Ursprünglich als Buch konzipiert entstanden daraus Netzwerkaktivitäten, wie etwa die Umsetzung des ersten “ Das Bodengut – der Tag der offenen Gartentür in Vorarlberg“ am 28. Juni 2009 mit der Obst- & Gartenkultur Vorarlberg[1] und anderen Aktivitäten. Auch eine Ausstellung mit dem Titel „Das schönste Bodengut in Vorarlberg“ ist derzeit in Planung.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Laurentius “von Schnüffis“: Mirantische Mayen-Pfeiff. Archiv: Vorarlberger Landesbibliothek. Dillingen: Bencard, 1692.

Die Kelten pflegten verschiedene Obstarten in Vorarlberg. Die Römer führten neben der Baumpflege edlere Sorten aus Italien ein und betrieben viel Kult um die Blumengöttin Flora, sowie um die Göttin Pomona, Hüterin und Beschützerin des Obstbaues, welche der Pomologie ihren Namen gab. Insitor – der römische Gartengott war auch der Wächter über die Veredlungen, dagegen war Puta die Göttin des Baumschnittes und der Conditor bewahrte das eingelagerte Obst vor Schaden. Zudem führten die Römern die Weinrebe und höchstwahrscheinlich auch die Edelkastanie in Vorarlberg ein. Seit dem 6. Jahrhundert war Obstwein bekannt. Kaiser Karl der Große gab als großer Förderer des Obst- und Weinbaues im 9. Jahrhundert die Capitulare de villis eine Verordnung heraus, ich welcher Obstarten vorgeschrieben und geschützt wurden. Ausgehend vom Kloster St. Gallen entstand durch enge Beziehungen zu Vorarlberg die Entwicklung des Obst-, Wein- und Gartenbaues. In Wien entstand 1372 eine eigene Zunft der Öbstler (Obsthändler). 1387 kam ein Gesetz heraus, nachdem Beschädigungen eines Belzers (gepfropfter Baum) schwer bestraft wurde, da der Erfolg des Veredelns als Zufall galt, denn noch 1415 wurden die Baumveredler zu den freien Künstlern gezählt. Förderung erreichte der Österreichische Obstbau durch den großen Pomologen und Chorherrn des Stiftes St.Florian Josef Schmidberger, welchem auch eine bedeutende Rolle für Vorarlberg bis ins 16. Jahrhundert zu zuschreiben ist.

Vor dem Renaissancepalast Hohenems lagen am Anfang des 17. Jahrhunderts prachtvolle Gartenanlagen mit Tiergarten, Fischweiher und Lusthaus – Gartenanlagen, in denen Feigen, Limonen, Zitronen, Pomeranzen, Granatäpfel wuchsen.[2]

1659 beschreibt Laurentius von Schnifis in seinem Ehrengedicht folgende Gartenszene: Die Näglein steigen auff | vor Frewd im Garten Beth. | Reiff wird die Gartenfrucht | dann Flora schön begabet | Mit Rosenschatz die gantze Welt erlabe | Reichlich beweiset nun Pomona ihre Frewd In dem sie zogen an | das bundte Sommerkleid.[3]

1862 wurde der Vlbg. Landwirtschaftsverein gegründet und 1868 in Dornbirn ein Versuchsgarten errichtet, denn zu dieser Zeit machte die Düngung der Kulturen große Schwierigkeiten, da der Stallmist – und Jauchemengen nicht ausreichten. Man behalf sich mit Knochenmehl. Um 1880 waren dann Thomasmehl, Kainit und Guano erhältlich. Der erste Obstbauverein entstand 1889 in Dornbirn – gegründet vom Schuldirektor Maximilian Schmidinger.

Eine Besonderheit weist Vorarlberg in Bezug auf historische Gärten innerhalb Österreichs auf: Die meisten Anlagen sind relativ jung und stehen in Verbindung mit dem Aufschwung der Industrie im 19. Jahrhundert. Ältere Feudalanlagen sind kaum (noch) vorhanden. Überwiegend handelt es sich um private Gärten von Unternehmern, die ihren repräsentativen Villen ebensolche Gärten hinzugefügt haben. Einige baulichen Juwele sind in den Vorarlberger Gärten zu finden, wie z.B. das Palmenhaus am Margarethenkapf in Feldkirch. Josef Andreas Ritter von Tschavoll, baute in den Jahren 1868–1869 eine Villa mit einem Garten und einer Parkanlage im englischen Stil, zudem das aus einer Eisenglaskonstruktion erstellte Sukkulenten-Palmenhaus gehörte, was den Eklektizismus dieser Anlage unterstrich.[4] In Thomas Manns „Zauberberg“ spielt eine kleine Szene im Park am Margarethenkapf.[5] Das Palmenhaus wurde vom akademischen Kunstmaler Martin Häusle ab den 1950er Jahren als Atelier und Wohnhaus[6] adaptiert und ist heute noch erhalten. Erste Schulgärten entstanden um die Jahrhundertwende und vor dem 1. Weltkrieg bestanden bereits 30 Obst- und Gartenbauvereine in Vorarlberg.

Klostergärten in Vorarlberg

Florale Vorlagen aus dem Jahr 1592 – Jahrzeitbuch des Dominikanerinnen-Klosters St. Peter in Bludenz. Archiv: Vorarlberger Landesarchiv, Kloster St. Peter Bludenz, Handschrift 5, fol. 1a.

Die Erschließung und Urbarmachung Europas ist zu einem großen Teil das Verdienst der alten Orden. Mönche betreiben schon seit circa 1.500 Jahren, nach der Regel des Heiligen Benedikt, Kultur, indem sie Äcker entsumpft und Gärten angelegt haben. Als Lehrer gaben sie vielen Bauern ihr Wissen weiter und sicherten so die Agrarproduktion ganzer Landstriche. Klostergärten, meist von einer Klostermauer umgeben, die Schutz leistet und den Wind abhält, versinnbildlichen im Inneren den Kosmos, die Welt, wo sich Wege kreuzen und deren Mittelpunkt ein Brunnen (Quell des Lebens) bildet.[7]

Private, Bauern & Wiesenmeister

WIESENMEISTER 2007, Cornelia und Kolumban Bischof, Damüls, Uga

Kein Garten mit Flechtwerk oder Zaun [8] umfriedet das „Badehaus“ Metzler – hier ersetzt der atriumartige Naturpool den Garten im üblichen Sinn – welcher komplett ohne Chlor betrieben wird: Das Reinigungsbecken des Wassers wurde mit Schilf bestückt, um eine filtrierende Wirkung zu erzielen – analog zur (Klär-)Anlage des Bauern Kaspanaze Simma der in Andelsbuch einen Selbstversorgergarten unterhält. Vorarlberg veranstaltet seit 2002 eine Wiesenmeisterschaft, die die Leistungen der Bauern bei der Pflege der Kulturlandschaft bewusst machen und zugleich zeigen soll, dass nur eine standortgerechte Nutzung die Lebensräume der Pflanzen- und Tierwelt bewahren kann. Dies ist kein Mähwettbewerb, sondern ein Wettbewerb der Bewirtschafter standortgerecht genutzter Wiesen.[9]

Industrie- & Migrantengärten

Vorgärten in der Kammgarn Werksiedlung in Hard, 2008, in der heute ein Wiederaufleben der ehemaligen Nutz-Gartenkultur festgestellt werden kann.

Über dem Werksgelände der ehemaligen Textilfabrik Gütle zu dem der seinerzeitige höchste Springbrunnen Europas gehörte[10], liegen einige kleine Arbeiterwohnhäuser mit bescheidenen Gärten. Die Spinnerei in Feldkirch, Gisingen wurde als Gesamtanlage mit Arbeiterwohnhäusern, Gärten, Werkskanal, Fabrikationsanlagen usw. geplant und ausgeführt. Zu den Arbeiterhäusern gehörten immer kleine Nutzgärten, oft sogar Ställe für die Kleintierhaltung, da die Eigenversorgung mit Lebensmitteln für diese Haushalte eine bittere Notwendigkeit war. Heute wohnen in diesen Häusern vielfach „Gastarbeiter“, die oft aus ländlichen Gebieten zugewandert sind, sodass ein Wiederaufleben der ehemaligen Gartenkultur in den Arbeitersiedlungen festgestellt werden kann, wie etwa in der in der Kammgarn Werksiedlung in Hard.

Therapiestation Carina

Die Platane vor der Therapiestation Carina in Feldkirch, ist eine so genannte Bastardplatane, die durch Kreuzung der Morgenländischen mit der Nordamerikanischen Platane entstanden ist. Das Gebäude der heutigen Therapiestation wurde von den Jesuiten in den Jahren 1865 bis 1867 errichtet.[11] Wesentliche Teile des therapeutischen Alltags werden hier durch verschiedene Arbeitsbereiche wie Küche, Hausreinigung, Waschküche, Werkstätte, Stall und Garten bestimmt. Die Patienten erwerben Grundkenntnisse zum Anlegen und Pflegen eines eigenen Gartens. Die tägliche Gartenarbeit soll zu einer Vertiefung der Beziehung zur Natur, zu verstärkter Erdverbundenheit und zum Erleben des Erfolges von Geduld und Nachhaltigkeit führen.

Einzelnachweise

  1. OGV
  2. Vgl. Eva Moser: Bodensee. Drei Länder – Kultur und Landschaft zwischen Stein am Rhein, Konstanz und Bregenz. Ostfildern 2007, S. 280. Zitat aus der Gulerschen Chronik 1616.
  3. Laurentius von Schnifis: Ehrengedicht (1659), in: Ruth Gstach: mirant. Komödiant und Mönch. Leben und Werk des Barockdichters Laurentius von Schnifis. Graz–Feldkirch 2003
  4. Quelle: Ursula Klose – Lilli Licka – Ulrike Krippner: Garten der Villa Tschavoll am Margarethenkapf in Feldkirch. Wien–Dornbirn 2000.
  5. Vgl. Thomas Mann: Der Zauberberg. Frankfurt am Main 1982, S. 466.
  6. www.martin-haeusle.de
  7. Vgl. Nathanael Wirth: Rita Bertolini, in: Bodengut. Vom Zauber Vorarlberger Gärten. Bregenz 2009 S. 112.
  8. GARTEN, vom althochdeutschen garto. Stammt aus dem indogermanischen ghortos, der Bezeichnung für geflochtene Gerten (Ruten): Flechtwerk, Zaun, Eingehegtes
  9. Vgl. Reinhard Bösch: Rita Bertolini, in: Bodengut. Vom Zauber Vorarlberger Gärten. Bregenz 2009 S. 156.
  10. Vgl. Alois Niederstätter: Land Vorarlberg, in: Vorarlberg Chronik. Lochau 1997, S. 157.
  11. Vgl. Claudia Hämmerle: Grüne Juwele der Stadt Feldkirch – Besondere Bäume im Blickpunkt, in: Feldkirch aktuell, Nr. 3, 2006, S. 21.

Literatur

  • Eva Berger: Historische Gärten Österreichs. Garten- und Parkanlagen von der Renaissance bis um 1930. Band 2 – Oberösterreich, Salzburg, Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Tirol. Wien 2003; ISBN 978-3205993537
  • Ingrid Bertel: Literatur: Bodengut – ein wundervolles Bilderbuch, aber auch eine ungewöhnliche Geschichte Vorarlbergs. In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 2/2009, S. 36/37
  • Rita Bertolini: Bodengut. Vom Zauber Vorarlberger Gärten. Bregenz 2009; ISBN 978-3-200-01282-0

Weiterführende Literatur

  • Géza Hajós (Red.): Historische Gärten in Österreich. Vergessene Gesamtkunstwerke. Wien–Köln–Weimar 1993; ISBN 3-205-98095-6
  • Rochus Schertler: Vorarlberger Kräuterwelten. Ein botanischer Streifzug durchs Ländle. Innsbruck–Bozen 2005; ISBN 978-3706623551

Bildquellen

  • bodengut.at, honorarfrei
  • Schlossverwaltung Hellbrunn
  • Vorarlberger Landesarchiv
  • Vorarlberger Landesbibliothek

Weblinks


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