Bogdan Musial

Bogdan Musial (* 1960 in Wielopole bei Dąbrowa Tarnowska, Woiwodschaft Kleinpolen[1]) ist ein deutsch-polnischer Historiker. Seit 2010 ist er Professor an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau.[2]

Inhaltsverzeichnis

Leben

Musial wurde auf einem kleinen Bauernhof geboren[3] und arbeitete in seiner polnischen Heimat als Bergmann unter Tage in den Katowicer Steinkohlegruben Wieczorek (1978-1979) und Wujek (1979-1984). Aufgrund seines Engagements für die Gewerkschaft Solidarność wurde er durch den Staatssicherheitsdienst Służba Bezpieczeństwa verfolgt. 1985 flüchtete er und erhielt in der Bundesrepublik Deutschland politisches Asyl.

Musial arbeitete zunächst als Mechaniker und erwarb in einem Abendkurs das Abitur. 1992 wurde er eingebürgert. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Hannover und Manchester. Von 1991 bis 1998 war er Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. 1998 promovierte er bei Herbert Obenaus über die Judenverfolgung im besetzten Polen. Die Habilitation folgte 2005 an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität in Warschau. Seit 1999 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau und seit 2007 ist er Mitarbeiter am Institut für Nationales Gedenken.

Kritik an Fotografien der Wehrmachtsausstellung

Musial wurde in Deutschland durch seine Kritik an der ersten Wehrmachtsausstellung bekannt. Er kritisierte 1999 neun von hunderten dort gezeigten Fotografien als falsch zugeordnet; bei weiteren 24 vermutete er dies ohne Belege ebenfalls.[4] Mit falsch zugeordneten Bildern mache die Ausstellung „Opfer der Sowjets zu Opfern der Wehrmacht”. Er bestätigte jedoch auch:[5]

„Daß die Wehrmacht an Verbrechen, besonders im Gebiet der damaligen Sowjetunion und auf dem Balkan, zum Teil massiv beteiligt war, ist mittlerweile hinreichend belegt, wenngleich auch noch längst nicht flächendeckend erforscht.“

Jan Philipp Reemtsma bestritt eine absichtliche Umwidmung von Fotografien und kündigte die Überprüfung der beanstandeten Bilder und Entfernung von nachweislich falsch zugeordneten Bildern an. Eine dazu von ihm eingesetzte Prüfungskommission bestätigte 2000 eine falsche Zuordnung von zwei der 33 Fotografien, die Musial bemängelt hatte. Sie bekräftigte zugleich die historisch gesicherte Kernthese eines deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion.[6]

Historikerstreit in Polen

2008 griff Musial in der konservativen polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita den Warschauer Zeithistoriker Włodzimierz Borodziej an und löste damit eine Kontroverse aus.[7]

Veröffentlichungen

Musial veröffentlicht seit 2000 vor allem in Deutschland Werke, die sich besonders mit der Politik und Kriegführung der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg befassen.

Musials Buch „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen.“ (Berlin 2000) beschreibt laut Untertitel die „Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941.“ Darin verglich er Greueltaten und Massaker deutscher Besatzer sowjetischer Gebiete ab Juni 1941 mit denen des NKWD im besetzten Ostpolen ab 1939.

In seinem 2008 erschienenen Buch Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen vertritt Musial die These, dass Stalin schon seit den 1920er Jahren einen ideologisch begründeten Angriffskrieg gegen Westeuropa geplant und dazu die Rote Armee 1941 zur „größten Invasionsarmee aller Zeiten“ aufgerüstet habe. Da die Deutschen davon nichts gewusst hätten, sei der deutsche Angriffskrieg gegen die Sowjetunion 1941 jedoch kein Präventivkrieg gewesen.

2009 veröffentlichte Musial die Monografie Sowjetische Partisanen 1941-1944. Mythos und Wirklichkeit.

Rezeption

Musials Bücher riefen jeweils gegensätzliche Reaktionen hervor: Sie wurden einerseits für neue Quellenfunde und Darstellung von bisher wenig beleuchteten Kriegsaspekten gelobt, andererseits für unhaltbare und kaum belegte Thesen kritisiert und abgelehnt.

Sein Buch von 2000 lobte der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller als gut dokumentiert: Es sei „geeignet, die oft verengte deutsche Sichtweise auf das Schicksal der Bevölkerung in Ostmitteleuropa, die unter zwei blutrünstigen Diktaturen gelitten hat, zu erweitern.“ Der Historiker Johannes Hürter dagegen urteilte, es bleibe „in vielem zu holzschnittartig, mißverständlich und widersprüchlich“, eine „differenzierte und nüchterne Darstellung“ sei Musial „nicht durchgehend gelungen“.[8] Wolfram Wette kritisierte das Buch insgesamt als widersprüchlich und misslungen: Schon der Titel lasse „das Verquere der Argumentation ahnen“. Musial versuche, wider besseres historisches Wissen nicht nur einen Vergleich, sondern einen Zusammenhang „zwischen der - von Verbrechen begleiteten - sowjetischen Besatzungspolitik in Ostpolen auf der einen Seite und der deutschen Kriegführung gegen die Sowjetunion auf der anderen“ herzustellen. Indem er behaupte, der sowjetische Terror in Polen von 1939 bis 1941 sei „dem NS-Terror im deutsch besetzten Polen vergleichbar, wenn nicht schlimmer“ gewesen, zeige er seine „von einem spezifisch polnischen Antisowjetismus vorgeprägte () Einstellung“. Schließlich „versteige“ er sich zur „provozierenden These, die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941 könne als eine Reaktion auf die konkrete Konfrontation deutscher Soldaten mit den Gefangenenmorden des NKWD erklärt werden“. Damit missachte er die historische Abfolge und erwecke „in leichtfertiger Weise“ den Eindruck einer Verwechslung von Tätern und Opfern.[9]

Die Kernthese einer konkreten Angriffsabsicht Stalins und zielgerichteten Aufrüstung in Musials Buch von 2008 stieß auf Widerspruch. Bert Hoppe zufolge konnte er diese These auch mit seinen neuen Archivquellen nicht belegen. Er übergehe neuere Forschungsliteratur wie Gabriel Gorodetzkys Studie The great Delusion (2001), betreibe „selektive Literatur- und Quellenrezeption“ und übergehe etwa, dass Stalin einen Putschversuch der KPD von 1923 abgelehnt und der KPD daraufhin finanzielle Hilfen gestrichen hatte.[10] Musial wies diese Kritik zurück. [11] Auch Jörg Ganzenmüller warf Musial vor, er könne Stalins Angriffsabsicht nur mit der Umdeutung von auch intern geäußerten Befürchtungen vor westlichen Angriffen zu reiner Propaganda belegen, habe die Stalinismusforschung der letzten zwanzig Jahre weitgehend ignoriert und die grundlegenden Regeln der Quellenkritik missachtet. Er gebrauche den sonst für Adolf Hitlers Unternehmen Barbarossa gebrauchten Fachterminus „Vernichtungskrieg“ unreflektiert und unerläutert für Stalinsche Maßnahmen. Seine neuen Archivquellen sollten daher nochmals ohne seine vorgefasste These untersucht werden.[12] Ganzenmüllers weiteren Vorwurf, Musial habe die neueste Forschung zu Tuchatschewski ignoriert[13], wies dieser in seiner Antwort zurück.[14] Hans-Erich Volkmann lobte Musials Buch für „hervorragendes statistisches Material“, das „Einblick in die Stalinschen Anstrengungen und Schwierigkeiten bei Modernisierung und Ausbau der Industrie und der Rüstungsproduktion“ sowie „hochinteressante Informationen über die sowjetische Wirtschaftsentwicklung und Stalins Herrschaftssystem“ anbiete.[15]

Für den Stalinismusforscher Jörg Baberowski hat Musials Werk zu den sowjetischen Partisanen den „Mythos vom heldenhaften Volkskrieg“ durch Eigenberichte aus russischen und weißrussischen Archiven „entzaubert“.[16]

Auszeichnungen

  • Preis der Erich-und-Erna-Kronauer-Stiftung 2001

Schriften (Auswahl)

  • Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Harrassowitz, Wiesbaden 2000, ISBN 3-447-04208-7.
  • „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen.“ Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Propyläen,Berlin/München 2000, ISBN 3-549-07126-4.
  • Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. Propyläen, Berlin 2008, ISBN 978-3-549-07335-3.
  • Sowjetische Partisanen 1941-1944: Mythos und Wirklichkeit. Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-506-76687-8.
  • Stalins Beutezug. Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht. Propyläen, Berlin 2010, ISBN 978-3-549-07370-4.

Weblinks

Einzelbelege

  1. Rezensionen zu Werken von Bogdan Musial bei perlentaucher.de
  2. Hannoversche Allgemeine, 21. September 2010: Symposium zur Patenschaft von Niedersachsen und Schlesien
  3. Christian Hartmann (FAZ, 3. August 2000): Rezension von Musial, Bogdan: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement
  4. Volker Ullrich (Die Zeit, 28. Oktober 1999): Von Bildern und Legenden.
  5. zitiert nach: Hamburger Institut für Sozialforschung beendet Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944”. Pressemitteilungen des Hamburger Instituts fuer Sozialforschung zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ (Oktober 1999 - Dezember 2000) vom 20. Dezember 2000.
  6. Hamburger Institut für Sozialforschung beendet Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944”. Pressemitteilungen des Hamburger Instituts fuer Sozialforschung zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ (Oktober 1999 - Dezember 2000) vom 20. Dezember 2000; zusammengefasst in Das Urteil der 8 Weisen. In: Die Zeit. 48/2000.
  7. Ausführlich dokumentiert ist die Debatte auf Zeitgeschichte-online; siehe ferner Andreas Mix (Berliner Zeitung, 12. Juni 2008): Wüste Polemik, infame Attacken; Die Zeit 21/15. Mai 2008: Aus dem Hinterhalt
  8. Johannes Hürter (FAZ, 16. August 2000): Verscharrt und aufgestapelt
  9. Wolfram Wette: Rezension von Bogdan Musial: Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen, 4. September 2000, Deutschlandfunk
  10. Bert Hoppe (Sehepunkte 9/2009, Nr. 1): Bogdan Musial: Kampfplatz Deutschland
  11. Bogdan Musial: Kommentar zu: Bert Hoppe: Rezension von: Bogdan Musial: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. In: sehpunkte. Ausgabe 9 (2009), Nr. 6.
  12. Jörg Ganzenmüller: Rezension zu: Musial, Bogdan: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. Berlin 2008, in: H-Soz-u-Kult, 17. April 2009
  13. Jörg Ganzenmüller: Rezension zu: Musial, Bogdan: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. Berlin 2008, in: H-Soz-u-Kult, 17. April 2009
  14. Zu B. Musials 'Kampfplatz Deutschland' - Eine Entgegnung von B. Musial
  15. Hans-Erich Volkmann (FAZ, 9. Mai 2008): Stalins Griff nach Deutschland
  16. Jörg Baberowski (FAZ, 8. Oktober 2009, S. 7): Orgie hemmungsloser Gewalt. Die Partisanen kommen selbst zu Wort: Bogdan Musial entzaubert den Mythos vom heldenhaften sowjetischen Volkskrieg.

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