Bohley
Bärbel Bohley, 1989

Bärbel Bohley (* 24. Mai 1945 in Berlin) ist eine Bürgerrechtlerin und Malerin. Bekannt wurde sie als Mitbegründerin des Neuen Forums in der DDR.

Inhaltsverzeichnis

Biographie

Nach dem Abitur 1963 absolviert Bohley eine Ausbildung als Industriekauffrau und arbeitet anschließend als Lehrausbilderin. Ab 1969 studiert sie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, dort erhält sie 1974 einen Diplomabschluss als Malerin. 1970 wird ihr Sohn Anselm geboren. Ab 1974 betätigt sich Bärbel Bohley als freischaffende Künstlerin, ihre Vorbilder sind nach eigenen Angaben Francisco de Goya und Käthe Kollwitz. 1979 wird sie in die Sektionsleitung Malerei und den Bezirksvorstand des Verbandes Bildender Künstler der DDR (VBK) gewählt.

1982 gründet Bärbel Bohley die unabhängige Initiativgruppe Frauen für den Frieden, woraufhin sie ein Jahr später aus dem Bezirksvorstand des VBK ausgeschlossen und wegen angeblicher „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ verhaftet wird. Das Ministerium für Staatssicherheit nennt als Gründe u.a. ihren Kontakt zu den Grünen in der BRD. Als Konsequenz wird ein Auslandsreiseverbot verhängt, außerdem erhält sie keine staatlichen Aufträge mehr und darf ihre Werke nicht mehr öffentlich ausstellen.

Ab Mitte der 1980er Jahre setzt sich Bohley verstärkt für die Durchsetzung grundlegender Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit ein und gründet die Initiative Frieden und Menschenrechte mit. 1988 wird sie in Folge der Ereignisse zum 69. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von der Staatssicherheit verhaftet und gegen ihren Willen mit DDR-Pass in die Bundesrepublik abgeschoben. Nach einem sechsmonatigen Zwangsaufenthalt in Großbritannien kehrt sie im August in die DDR zurück. 1989 ist Bohley Initiatorin der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum, Erstunterzeichnerin des Gründungsaufrufes „Die Zeit ist reif“, der grundlegende Veränderungen fordert.

1990 besetzt sie, zusammen mit anderen Aktivisten, unter dem Motto „Ich will endlich meine persönliche Akte!“ das Gebäude der ehemaligen Staatssicherheit. Nachdem Bohley ihre Stasi-Akte durchforstet hat, beschuldigt sie 1993 den PDS-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Gregor Gysi, der inoffiziellen Mitarbeit im MfS. Gysi war während ihrer Haft in der DDR ihr Rechtsanwalt. 1994 tritt Bohley als Spitzenkandidatin für das Neue Forum zur Europawahl an. Im Jahr 2002 unterstützt sie die FDP im Wahlkampf zur Bundestagswahl.

Für ihre Verdienste um die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Wiedervereinigung seitdem mit dem Bundesverdienstkreuz (1994) und dem Nationalpreis (2000) ausgezeichnet, engagiert sie sich seit 1996 unter anderem im Kriegsgebiet des ehemaligen Jugoslawien. Von 1996 bis 1999 leitete sie dort für die nach dem Dayton-Friedensabkommen von 1995 eingesetzte Internationale Friedensbehörde für Bosnien-Herzegowina OHR (Office of The High Representative) in Sarajevo ein Wiederaufbauprogramm für im Bosnienkrieg zerstörte Häuser und organisierte die Rückkehr von Kriegsflüchtlingen in ihre Heimat.

Im März 1996 verklagte Bohley das Satiremagazin Eulenspiegel, das eine „miese Porno-Montage mit Kanzler Kohl“ auf seinem Titelblatt abgedruckt hatte, auf Schadensersatz. Die satirische Darstellung spielte auf das Treffen ehemaliger DDR-Bürgerrechtler mit dem Kanzler in Berlin an.

Ehrenamtlich gründete Bärbel Bohley unter anderem die Hilfsorganisation Seestern e.V., die Kinder aus bosnischen Flüchtlingsfamilien aller örtlichen Ethnien kostenlose gemeinsame Sommerferien ermöglicht. Seit Sommer 2006 hilft die Organisation auch Kriegsflüchtlingen vor Ort, indem sie in der Region Domanovici nahe Mostar unter finanzieller Unterstützung des deutschen Auswärtigen Amts für 28 Flüchtlingsfamilien Zisternen zur Wasserversorgung baut. Im Frühjahr 2007 sollen, finanziert vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, voraussichtlich weitere 78 Zisternen entstehen, mit denen die Ansiedlung von im Krieg Vertriebenen in der Region gefördert werden soll.[1] [2]

Bärbel Bohley lebte lange in der Nähe von Split (Kroatien) und ist mit dem aus Bosnien-Herzegowina stammenden Lehrer Dragan Lukić verheiratet. Nach zwölf Jahren kehrte sie 2008 in ihre alte Wohnung im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg (Bezirk Pankow) zurück.[3]

Schriften

  • Bärbel Bohley, Gerald Praschl, Rüdiger Rosenthal: Mut-Frauen in der DDR, Verlag Herbig, München 2005, ISBN 3776624345
  • Bärbel Bohley, Ehrhart Neubert, Jens Reich: Wir mischen uns ein, Herder Verlag, Freiburg, 1998, ISBN 3451046199
  • Bärbel Bohley: Die Dächer sind das Wichtigste, mit Vorwort von Dr. Helmut Kohl, Ullstein Verlag, 1997, ISBN 3548332234
  • Bärbel Bohley: 40 Jahre DDR und die Bürger melden sich zu Wort. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-7632-8973-9

Zitate

„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“ Bärbel Bohley über die Enttäuschung vieler ehemaliger Mitglieder der Bürgerbewegungen über die unzureichende juristische Aufarbeitung des DDR-Unrechts nach der Wiedervereinigung

„Die Decke der Zivilisation scheint nur eine dünne Haut zu sein, die jederzeit zerreißen kann. Völkermord ist überall möglich. Dieser Satz hat in Sarajevo eine neue, schneidende Klarheit.“ (aus: Die Dächer sind das Wichtigste, Ullstein, 1997, über ihren humanitären Einsatz in Bosnien-Herzegowina)

Quellen

  1. Gerald Praschl: Das neue Leben von Bärbel Bohley.
  2. Bärbel Bohley: 28 Zisternen Trinkwasser für Domanovici in BiH (offizielle Website)
  3. http://www.sueddeutsche.de/158386/011/2707231/1-9-8-9.html

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