Boklöv-Schere

Unter Skisprung-Technik versteht man die Art und Weise, wie ein Skispringer seinen Sprung ausführt. In der über 100-jährigen Geschichte des Skispringens gab es mehrere unterschiedliche Techniken für Anlauf, Absprung, Flughaltung und Landung. Durch die Änderung der Technik im Laufe der Jahre konnten immer größere Weiten erreicht werden. Seit der Einführung des sogenannten Fisch-Stils um 1950 und vor allem seit der Entwicklung des V-Stils werden mittlerweile sogar wissenschaftliche Methoden zur Weiterentwicklung der Skisprung-Technik angewendet.

Inhaltsverzeichnis

Die Anfänge (1800–1860)

Optrakke-Stil mit angezogenen Beinen

Das Skispringen entwickelte sich Ende des 18. Jahrhunderts in der norwegischen Provinz Telemark aus der alpinen Abfahrt. In den Anfängen wurde hier über größere Schneehügel, schneebedeckte Holzhaufen und Scheunendächer gesprungen. Hierbei wurde der so genannte Optrakke-Stil verwendet. Bei diesem Stil nahmen die Skispringer ca. 15 Meter oberhalb des Absprungpunktes die Startposition ein. Beim Anlauf wurden die Knie gebeugt und der Oberkörper leicht nach vorne gebracht. Kurz vor Erreichen der Schanzentischkante wurde der Oberkörper aufgerichtet. Am Ende der Anlaufbahn ließ sich der Skispringer in die Höhe schleudern. Während der Flugphase wurden die Beine leicht angezogen, um den Sprung möglichst hoch wirken zu lassen. Mit diesem Stil konnten Weiten um 10 bis 20 Meter erreicht werden. Der erste nachweislich gemessene Sprung fand 1808 statt. Leutnant Olaf Rye gelang ein Sprung von 9,5 Metern über einen künstlich aufgeworfenen Schneehügel. 1860 erreichte der damals berühmteste Springer Sondre Auverson Nordheim, ein Zimmermann und Skibauer aus dem Telemarker Dorf Morgedahl, eine Weite von 30,5 Metern. Diese Weite wurde 33 Jahre lang nicht überboten.

Weiterentwicklung in Norwegen (1860-1900)

Man merkte schnell, dass der Landungsdruck bei einem schrägen Aufsprungwinkel erheblich geringer ist. Daher verlegte man die Aufsprungzone von der Ebene in den Hang. Diesen neuen Gegebenheiten wurde auch der Sprungstil angepasst. Es bildete sich der so genannte Sta-rak-Stil (sta-rak = aufrecht). Hierbei wurde aufrecht, fast kerzengerade gesprungen. Dies sah eleganter aus und gab daher hohe Haltungsnoten, die damals wesentlich wichtiger waren als die Weitenpunkte. Die einzige Gemeinsamkeit mit dem Optrakke-Stil war das krampfhafte Rudern mit den Armen, um die Balance zu halten. Ein mitgeführter Balancestock erwies sich als eher hinderlich und verlor an Bedeutung. 1883 war es Torju Torjussen, der nach einem Sprung im Sta-rak-Stil die Telemarklandung einführte, die bis heute hohe Wertungsnoten gibt. Im Auslauf brachte sich der Springer mit einem abschließenden Telemarkschwung oder einer Scherenstellung der Skier endgültig zum Stehen. Auf Grund höherer Haltungsnoten entwickelte sich der Truppe-ned-Stil (Spitzen tief). Dieser ähnelte dem Sta-rak-Stil, jedoch wurden die Skier hierbei parallel zum Hang geführt, das heißt, die Skispitzen zeigten nach unten. Das damit verbundene Senken der Skispitzen wirkte sich allerdings erheblich auf die Sprungweite aus, da der erhöhte Luftwiderstand den Springer merklich bremste und ihm somit jeglichen Schwung nahm.

Weiterentwicklung außerhalb Norwegens (1900–1930)

Vorlagenstil 1936

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele norwegische Skispringer in die USA aus, da sie hier mit Skispringen Geld verdienen konnten. Während in Norwegen die Ästhetik, also die Haltungsnoten, im Vordergrund standen, war das sensationslustige Publikum in den USA eher an großen Weiten und spektakulären Sprüngen als an einem schönen Stil interessiert. Zwischen 1900 und 1930 wurden alleine 12 der 20 aufgestellten Weitenweltrekorde von norwegischen Springern in Nordamerika aufgestellt. Daher kamen die meisten Weiterentwicklungen in den folgenden Jahren aus den USA. Hier wurden immer größere Sprunganlagen gebaut, was sich nicht nur auf die Weiten, sondern auch auf die Anfahrtsgeschwindigkeit und den damit verbundenen Luftwiderstand auswirkte. Daher musste der Sprungstil erneut angepasst werden. Es setzte sich ab 1912 der Vorlagen-Stil durch. Bei diesem Stil wurde in der Flugphase der Oberkörper in den Hüften nach vorne gebeugt, um so den Luftwiderstand zu verringern. Erstmals Erfolg mit dem neuen Stil hatte Jacob Tullin Thams, der die Konkurrenz bei seinem überlegenen Olympiasieg 1924 in Chamonix deutlich deklassierte. Es wurde aber immer noch mit den Armen während des Fluges gerudert. [1]

In den 30er Jahren war der Norweger Birger Ruud einer der besten Skispringer, was sich an zahlreichen Titeln (Olympiasieg 1932 und 1936, 3facher Weltmeister zwischen 1931 und 1937) zeigt.[2] Er sprang den so genannten Königsberger Stil. Dieser Sprungstil zeichnete sich durch einen extrem starken Hüftknick aus. Eine weitere Variante des Vorlagen-Stils benutzte Sepp Bradl, der 1936 in Planica als erster die 100 Metermarke erreichte. Statt zu rudern, streckte er seine Arme nach vorne.

Wissenschaft und der Fisch-Stil (1950–1986)

Dr. Reinhard Straumann, ein Schweizer Flugzeugingenieur und selbst ehemaliger Skispringer, erkannte bereits 1924 an den Sprüngen von Thams als erster den entscheidenden Einfluss der Luft als tragender Faktor. Daher beschäftigte er sich ab 1926 erstmals wissenschaftlich mit dem Skispringen und untersuchte die Beziehung von Geschwindigkeit, Technik, Körperhaltung und Schanzenprofilen. Er führte hierzu Messungen bei Sprungveranstaltungen durch und experimentierte mit Springerpuppen im Windkanal der Universität Göttingen. Er veröffentlichte 1926/27 seine Theorie über die aerodynamisch günstigste Körperhaltung. Er kam zu der Erkenntnis, dass der Springer die besten Weiten erzielen kann, wenn er eine Flughaltung annimmt, die dem aerodynamischen Prinzip von Flugzeugtragflächen nachempfunden ist. Seine Theorie wurde jedoch erst 20 Jahre später praktisch umgesetzt. In den 1940er Jahren studierte er diesen theoretisch entwickelten Stil mit einigen Springern ein. Die Technik variierte dabei im Ausprägungsgrad der Körpervorstreckung und ging teilweise in eine fast gestreckte Flughaltung über. Weiter instruierte er die Springer nach dem Absprung die Arme ganz ruhig an den Körper zu legen und die Hände neben die kaum noch geknickten Hüften wie Flossen zum Steuern des Fluges zu benutzen. Diese Technik wurde zunächst als Dänischer Stil bezeichnet. Später wurde sie, wegen der Körperhaltung, auch Tropfen-Stil oder Fisch-Stil genannt. Eine weitere Bezeichnung ist Finnischer Stil, da der neue Stil von Straumann zu einer Domäne einiger junger finnischer Springer wurde. Ab 1953, bei der ersten Vierschanzentournee, etablierte sich dieser Stil, jedoch wurde bis in die 1960er Jahre weiterhin von einigen Springern die Variante mit ausgestreckten Armen bevorzugt. Im Zusammenhang mit dem Ende der 1980er Jahre entstandenem V-Stil wird der Fisch-Stil heute meistens wegen der parallelen Skihaltung als Parallel-Stil bezeichnet.

Eine weitere Neuentwicklung fand 1975 in der DDR statt. Hier entdeckten Techniker, dass es beim Anlauf aerodynamisch günstiger ist, die Arme nach hinten zu nehmen, anstatt wie bisher nach vorne. Diese Anlaufhaltung setzte sich sehr schnell durch. Bis in die 1980er Jahre hinein dominierte, mit leichten Variationen, die nach vorne gestreckte Flughaltung mit paralleler Skiführung. Besonders zu erwähnen sind hier vielleicht drei Skispringer: Toni Innauer, Matti Nykänen und Jens Weißflog. Toni Innauer sprang 1976 bei der Oberstdorfer Skiflugwoche einen so perfekten Fisch-Stil, dass er fünfmal die beste Haltungsnote 20 erhielt. Matti Nykänen und Jens Weißflog dominierten die 1980er Jahre und lieferten sich erbitterte Zweikämpfe um den Sieg. Besonders dramatisch war dies bei den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo, wo Nykänen Sieger auf der Großschanze mit einem riesigen Vorsprung von 17.5 Punkten wurde und Weißflog auf der Normalschanze triumphierte. [3] [4]

Entwicklung des V-Stils (ab 1986)

Die Anfänge – Jan Boklöv (1986–1990)

Jan Boklöv war ein fast unbekannter schwedischer Skispringer, der eher wenig Erfolg hatte (Weltcup 1986/87 12 Punkte Platz 45). Jedoch war er es, der Ende der 1980er Jahre das Skispringen revolutionierte. Im Jahr 1986 missglückte ihm ein Trainingssprung und um einen Sturz zu vermeiden, nahm er, was bis dahin streng verboten war, die Beine auseinander und sprang dadurch noch drei bis fünf Meter weit, bis er schließlich sicher landete. Nach dieser Beobachtung begann er diesen Stil, der damals noch Froschstil oder auch Boklöv-Schere genannt wurde, zu trainieren.

Er sprang vermutlich bei der Vier-Schanzen-Tournee in der Saison 1986/87 das erste Mal mit dem neuen ungewöhnlichen Stil. Dieser Stil stieß zuerst auf Ablehnung, da er den ästhetischen Ansprüchen nicht genügte. Vor allem die Norweger, darunter der Präsident des Skisprungkomitees Torbjörn Yggeseth, wehrten sich gegen Boklövs neuen Stil, daher bekam er für diesen Stilbruch hohe Abzüge bei den Haltungsnoten (statt 19 oder 19,5 Punkte nur 14 oder 15 Punkte). Diese Abzüge konnte er nicht immer durch die entsprechend größeren Weiten wieder gut machen, was sich an den Ergebnissen aus der Saison 1986/87 und 1987/88 zeigt (1986/87 beste Platzierung 10. in Innsbruck, 1987/88 zwar zwei 2. Plätze in Lahti, jedoch auch mehrfach nicht unter den besten 30, Gesamtergebnis Platz 10 im Weltcup mit 64 Punkten).

In der Saison 1988/89 gelang ihm jedoch der endgültige Durchbruch mit seinem neuen Stil. Beim 2. Weltcupspringen der Saison in Lake Placid stand er das erste Mal ganz oben auf dem Treppchen. Dieser Erfolg blieb. Er gewann in dieser Saison insgesamt 5 Weltcupspringen und war 18 Mal unter den ersten 10 Springern, was den Weltcup-Gesamtsieg bedeutete. Nach dieser Saison war klar, dass der neue Stil, der mittlerweile V-Stil genannt wurde, durchaus konkurrenzfähig zum klassischen Stil mit paralleler Skiführung war. Bereits in der nächsten Saison begannen einige Springer mit der Umstellung auf den neuen Stil. Dies sorgte für heftige Diskussionen in Springer-, Trainer- und Funktionärskreisen. Nachteil dieses Stils waren weiterhin die hohen Abzüge bei den Haltungsnoten. Jan Boklöv konnte allerdings in den folgenden Jahren nicht mehr von seiner „Erfindung“ profitieren. So belegte er am Ende der Saison 1989/90 immerhin noch Platz 14 mit 80 Weltcuppunkten. Nur zu Beginn dieser Saison war er noch unter den Top Ten zu finden. Gegen Ende der Saison reichte es meistens noch nicht einmal für den zweiten Durchgang. In der darauf folgenden Saison reichte es dann nur noch für den 50. Platz im Gesamtweltcup.

Bemerkenswert ist, dass bereits Anfang der 80er Jahre der kanadische Springer Steve Collins einen „umgekehrten“ V-Stil sprang. Dieser Stil glich einem „Schneepflug-Stemmbogen“. Trotz der hohen Punktabzüge bei der Haltung, wurde er 1980 so Juniorenweltmeister.

Die Umstellungsphase (ab 1990)

V-Stil (Klingenthal)

Allgemein machte den meisten etablierten Springer die Umstellung auf den V-Stil sehr zu schaffen. Ein Zeichen hierfür ist, dass einige große Namen nach 1990 aus den Siegeslisten verschwinden. Insgesamt gab es nur acht Springer, die mit beiden Stilen gewonnen haben. Ernst Vettori war der erste Springer, dem dies gelang. Er gewann am 2. Dezember 1991 in Thunder Bay sein erstes von insgesamt zwei Springen im V-Stil. Das beste Ergebnis von diesen acht Springern hat Jens Weißflog aufzuweisen. Ihm gelangen nach der Umstellung noch elf Siege. Dieter Thoma gewann immerhin noch 5 Mal im V-Stil. Die weiteren Springer, die in beiden Stilen gewonnen haben sind der Italiener Roberto Cecon, die Österreicher Andreas Felder (vier Siege), Heinz Kuttin und Stefan Horngacher und der Finne Ari-Pekka Nikkola. Alle anderen Springer, die später im V-Stil gewannen, haben vorher nie im Parallelstil gewonnen, oder lernten schon vor ihrem Weltcupdebüt um.

Dass der V-Stil eine Revolution im Skispringen hervorgerufen hat, zeigen die folgenden Beispiele:

Stephan Zünd

Einer der ersten Springer, die sich relativ schnell auf den neuen Stil umstellten war der junge Schweizer Skispringer Stephan Zünd, der 1990 sein Debüt im Weltcup gab.

1989 war Stephan Zünd noch im Europacup unterwegs, als ihm beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen der ungewöhnliche Scherenstil von Jan Boklöv auffiel. Als er anschließend seinen Freund Walter Steiner, einen ehemaligen Skispringer, nach diesem ungewöhnlichen Sprungstil fragte, teilte dieser ihm mit, dass Windkanalmessungen bereits in den 1970er Jahren den besseren Auftrieb des V-Stils gezeigt hätten. Im darauffolgenden Sommer lockte ihn der damalige Juniorentrainer Robert Rathmayr aus der Reserve, indem er Zünd einen „Angsthasen“ nannte, dem der Mut zur Umstellung auf den V-Stil fehlt. So angestichelt begann er zusammen mit Rathmayr die Umstellung und war damit einer der ersten V-Springer. Es zeigte sich, dass Stephan Zünd einer der ersten Stilisten unter den V-Springern war. Dies zeigte sich besonders durch ein sehr gutes Fluggefühl und eine sichere Technikbeherrschung.

In der ersten Weltcupsaison 1990 landete er bereits nach einigen Springen schon auf Platz 8 und später sogar auf Platz 3. Dies bedeutete den 21. Platz im Gesamtweltcup. Die darauf folgenden Jahre waren die erfolgreichsten für Stephan Zünd. Er belegte Platz 3 und 5 im Gesamtweltcup. Als danach seine Leistungen nachließen, begann Stephan Zünd radikal sein Gewicht zu verringern. Nach dem Ende seiner Karriere machte er öffentlich auf diese neue, durch den V-Stil hervorgerufene Problematik beim Skispringen aufmerksam. Seine Kritik war zum Teil Auslöser der Regeländerung, die 2004 den Body-Mass-Index als Maß für die Skilängen brachte.

Toni Nieminen

Das wohl beste Einzelbeispiel für einen Skispringer, der durch den neuen V-Stil profitierte ist der Finne Toni Nieminen. Der damals erst 16-Jährige begann im Sommer 1991 damit seinen Sprungstil umzustellen und dominierte anschließend die Saison 1991/1992. Am 1. Dezember 1991 gewann er, damals international noch völlig unbekannt, das erste Weltcupspringen der Saison in Thunder Bay. In dieser Saison gewann er insgesamt acht Weltcupspringen und ging als Top-Favorit zu den Olympischen Spielen in Albertville. Dort gewann er Gold von der Großschanze und führte das finnische Team quasi im Alleingang zum Sieg.[5] Ein weiterer Erfolg war der Gesamtsieg in der Vier-Schanzen-Tournee. Nach dieser Saison verschwand Toni Nieminen jedoch wieder in der Versenkung. Dies Lag zum einen an Gewichts- und Wachstumsproblemen, aber auch daran, dass durch seine Erfolge nun fast die gesamte Weltspitze den neuen V-Stil übernahm. Ein Überraschungserfolg gelang Toni Nieminen noch, als er am 17. März 1994 in Planica als erster Springer einen Sprung über 200 m stand (vorher war Andreas Goldberger bei 202 m gestürzt).

Team Österreich

Die erste Nation, die frühzeitig komplett auf den V-Stil umstellte war Österreich. Die Erfolge von Jan Boklöv weckten 1989/90 das Interesse des damaligen österreichischen Trainers Toni Innauer. Er fragte sich, ob dieser neue Stil tatsächlich Vorteile bringt, die er für seine Springer nutzen kann. Daher beauftragte er Dr. Wolfram Müller vom Institut für Medizinische Physik und Biophysik in Graz damit, die Vor- und Nachteile des V-Stils zu untersuchen. Da diese Untersuchungen ergaben, dass die Springer durch den neuen V-Stil 26 bis 28 Prozent mehr Auftrieb erhalten, was größere Weiten bedeutete, stellte Innauer vor dem Winter 1991/92 seine komplette Mannschaft um. Auch "alte Hasen" wie Andreas Felder, Ernst Vettori und Heinz Kuttin mussten umlernen. Dieses Umlernen führte zum Erfolg. Die österreichische Mannschaft dominierte die Saison, was sich zum Beispiel an 5 von 7 möglichen olympischen Medaillen und den Platzierungen der Springer zeigt (Rathmayr und Felder Platz 2 und 3 im Weltcup, Höllwart und Rathmayr Platz 2 und 3 bei der Vier-Schanzen-Tournee, 5 Österreicher in den Top Ten des Gesamtweltcups, nur Toni Nieminen war besser!). Begünstigt wurde dies jedoch auch dadurch, dass man sich vor der Saison geeinigt hatte, nur noch 0,5 statt bisher übliche 1,5 Punkte für einen Sprung im V-Stil abzuziehen.

Team Japan

Nach den großen Erfolgen der Österreicher in der Saison 1991/92 war der Siegeszug des V-Stils nicht mehr aufzuhalten. Nun stellten auch die übrigen Nationen nach und nach ihren veralteten Sprungstil um:

Der japanische Sprungverband legte zum Beispiel fest, dass bei den Olympischen Spielen 1992 in Albertville ausschließlich im V-Stil gesprungen wird. So blieb dem Springer Noriaki Kasai nichts anderes übrig, als kurzerhand auch umzulernen. Er hatte sich vorher nämlich vehement gegen eine Umstellung gewehrt: „Was? V-Stil? Ich will weiter klassisch springen. Ich werde mich nicht umstellen.“ Nach nur einem Monat sprang er im Training bereits den etwas routinierteren V-Springern, wie den Weltcupführenden Rathmayr und Felder, davon. Im Wettkampf reichte es allerdings nur zu Platz 31 (Normalschanze) und 26 (Großschanze). „Es ist nicht so, dass ich ihn nicht mal probieren wollte. Ich wollte eben nur im klassischen Stil gegen die V-Stil-Springer siegen“. Nach kurzer Zeit stellte sich jedoch der Erfolg mit dem neuen Stil ein. So stand er Ende Februar bereits erstmalig auf dem Treppchen und beendete die Saison mit der bis dahin besten Serie eines japanischen Springers. Kazuyoshi Funaki stellte sich erst im Sommer 1992 um. In der Saison 1992/93 stabilisierte er seinen Stil und wurde am Ende japanischer Vizemeister in seiner Altersklasse (damals noch nicht im Weltcup). In der Saison 1994/95 schrieb er Skisprunggeschichte, als er bei seinem ersten Weltcupspringen gewann. Am darauf folgenden Tag zeigte er durch einen 6. Platz, dass dieser Erfolg kein Zufall war. Die erste Modifikation des V-Stils erfolgte 1994 in Albertville ebenfalls durch die Japaner. Takanobu Okabe war einer der ersten Springer, der den so genannten „flachen V-Stil“ ausführte. Dieser Stil zeichnet sich durch ein weiter geöffnetes „V“ und eine extreme Körpervorlage aus. Windkanaluntersuchungen bestätigten, dass diese Lage aerodynamisch günstiger ist. Jedoch verhinderte die FIS noch im selben Jahr diesen extremen Sprungstil durch eine Reglementierung der Bindungsposition. In der Gegenwart ist dieser extreme V-Stil durch Springer wie zum Beispiel Jakub Janda und Bjørn Einar Romøren wieder in Mode gekommen.

Team Deutschland

Die deutschen Springer stellen sich erst sehr spät um. Einer der ersten ist Christof Duffner, der eiligst noch 1992 den V-Stil erlernt, um sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Er schafft es schließlich auch. Zu diesem Zeitpunkt springen Dieter Thoma und Jens Weißflog noch den alten Stil und sind daher in Albertville chancenlos. Nach den Erfolgen der Österreicher und anderer Springer erkennen schließlich auch sie, dass eine Umstellung unausweichlich ist und trainieren vor der Saison 1993/94 den neuen V-Stil ein. Obwohl ihnen diese Umstellung erst sehr schwer fiel, errangen beide später noch Erfolge im neuen Stil (Olympiasieg Weißflog, Podestplätze für Thoma bei Olympia, WM und der Tournee).

Eddie "the Eagle" Edwards

Zu erwähnen ist noch der einzige britische Skispringer Eddie „the Eagle“ Edwards. Er wird wohl immer als Spaßvogel des Weltcups und durch seinen einzigartigen Stil in Erinnerung bleiben. Sprangen Weißflog und Nykänen 130 Meter, so landete Eddie bereits nach 60 oder 70 Metern. Jedoch hatte er ihnen etwas voraus: Er sprang bereits sehr früh im V-Stil und wenn man sein Alter berücksichtigt, begann er irgendwann sicherlich mit dem alten Parallelstil. Sein „V“ glich allerdings eher einem „L“ und seine Flughaltung erinnerte stark an die Form einer Banane.

Vorteile und Nachteile des V-Stils

Durch die V-Haltung bekamen die Springer auf Grund des größeren Luftwiderstands mehr Auftrieb (26–28 % mehr). Dies bedeutet zwar eine geringere Fluggeschwindigkeit, jedoch gleiten die Springer auf einem „Luftpolster“, ähnlich einem Drachen, ins Tal.

Der V-Stil brachte aber auch Probleme mit sich. Die Springer flogen mit der neuen Technik nur noch 4 Meter hoch über den Hang und wesentlich weiter. Hätte man die Absprunghänge nicht angepasst, so wären die Springer reihenweise über den kritischen Punkt hinaus gesprungen, was zu einem höheren Verletzungsrisiko geführt hätte. Die Sprunghügel wurden also umgebaut und so der flacheren, aber längeren Flugbahn, angepasst. Weiterhin wurde durch Verringerung der Schanzentischneigung die Flugbahn angepasst. Als letztes wurde die Profilierung der Landezone geändert, um den Aufsprungdruck zu reduzieren.

Es traten aber weitere Probleme auf. So beobachtete man zum Beispiel in der Saison 1993/94 zehn Fälle von plötzlich auftretenden Vorwärtsrotationen im Flug. Dies hatte zur Folge, dass viele Springer, darunter auch sehr gute wie Goldberger und Rathmayr, stürzten. Deshalb wurde Wolfram Müller, der schon vorher physikalische Untersuchungen für Toni Innauer und die Österreicher durchgeführt hatte, damit beauftragt diesen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Da die Navier-Stokes-Gleichungen, die den Flug eines Skispringers beschreiben, nichtlineares Verhalten zeigen, können die Luftkräfte auf gewöhnlichen Rechnern nicht hinreichend genau bestimmt werden. Daher wurden umfangreiche Messreihen im Windkanal gemacht und die Flüge von vielen Springern genau untersucht. Es zeigte sich, dass die höheren Auftriebskräfte in Kombination mit nach hinten versetzten Bindungen zu extremen und instabilen Fluglagen führen. Müller schlug also vor die Vorderskilänge zu reglementieren (siehe auch „flacher V-Stil“ im Abschnitt „Team Japan“). Die Folge dieser Regeländerung war, dass in der folgenden Saison nur ein Sturz verzeichnet wurde.

Weitere Untersuchungen, zum Beispiel an einem Andi-Goldberger-Modell oder einem 76er Toni-Innauer-Modell, zeigten, dass heute beim Skispringen die Luftkräfte, die auf einen Springer einwirken, bis zu 80 % größer sind als zu Innauers Zeiten. Damit hat heute die Bedeutung der Flugphase wesentlich zugenommen. Der kräftige Absprung ist nicht mehr der dominante Faktor für große Weiten. Die Kunst des Absprungs liegt heute darin, möglichst schnell in eine günstige aerodynamisch Position für den Flug zu kommen und hierbei möglichst viel Geschwindigkeit vom Anlauf „mit zu nehmen“. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Gewicht des Springers. Bereits 1 kg weniger bringen 1 bis 2 Meter Sprungweite mehr. Deshalb waren die Springer gegen Ende der 1990er Jahre allesamt Leichtgewichte (Duffner 60 kg bei 182 cm; Goldberger 56 kg bei 170 cm). Durch viele Diskussionen über Gewichtsprobleme bei den Skispringern (Magersucht) wird seit 2004 durch den Body-Mass-Index die Skilänge geregelt. Dies führte dazu, dass viele Springer deutlich an Gewicht zulegen mussten, um optimale Skilängen springen zu können.

Literatur

  • Jens Jahn, Egon Theiner: Enzyklopädie des Skispringens. Agon Sportverlag, 2004, ISBN 3-89784-099-5. 

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Jacob Tullin Thams – Video und Bilder. Auf: www.olympic.org
  2. Birger Ruud – Video. Auf: www.olympic.org
  3. Matti Nykänen – Video und Bilder. Auf: www.olympic.org
  4. Jens Weißflog – Video und Bilder. Auf: www.olympic.org
  5. Toni Nieminen – Video und Bilder. Auf: www.olympic.org

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