Boljahn

Richard Boljahn (* 28. November 1912 in Bremen; † 19. Oktober 1992 ebenda) war ein deutscher Politiker, Gewerkschafter und Unternehmer. Er war von 1951 bis 1969 Fraktionsvorsitzender der SPD in der Bremischen Bürgerschaft und zudem lange Jahre Vorsitzender des DGB-Ortsvereins Bremen. Boljahn galt in den 1950er und 1960er Jahren als die einflussreichste Persönlichkeit der Stadt, bevor er aufgrund einer internen Affäre zurücktreten musste.

Inhaltsverzeichnis

Anfänge

Boljahn wurde 1912 in Bremen geboren und absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Klempner und Installateur. Im Jahre 1927 trat er in die Sozialistische Arbeiter- und Gewerkschaftsjugend und drei Jahre darauf in die SPD ein. Aufgrund seiner linken politischen Einstellung wurde er 1934 von den Nationalsozialisten kurzzeitig verhaftet.

Nachdem er von 1943 bis 1945 als Soldat im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, nahm er 1946 eine Arbeitsstelle als Klempner bei den Borgwardwerken an. Etwa zeitgleich wurde er aufgrund seines gewerkschaftlichen Engagements Mitglied des Vorstandes des DGB-Ortsvereines in Bremen. Bei der am 13. Oktober 1946 stattfindenden ersten Bürgerschaftswahl nach dem Krieg wählte die Bevölkerung ihn als Abgeordneten ins Parlament.

„König Richard“

Am 10. April 1951 ernannte die SPD-Fraktion in der Bürgerschaft Boljahn zu ihrem Vorsitzenden. Er sollte diesen Posten für 18 Jahre innehaben. Zusätzlich war er stellvertretender Leiter der Baudeputation. Boljahn lehnte es jedoch trotz mehrfacher Bitten ab, als Senator zu kandidieren, da er sich in seiner Arbeit nicht einschränken wollte.

In seiner Funktion als einer der einflussreichsten Politiker verhinderte er unter anderem auf Bitten einiger Parteifreunde, die im Bremer Schnoorviertel lebten, den Bau eines Parkhauses in diesem Gebiet und setzte sich für den Bau der Stadthalle ein.

Außerpolitische Aktivitäten

Boljahn wurde 1953 geschäftsführender Vorsitzender des DGB-Ortsvereins Bremen und somit der mächtigste Gewerkschafter der Stadt. Im selben Jahr stieg er am 18. Februar zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Wohnungsbaugesellschaft GEWOBA auf. In dieser Funktion war er maßgeblich verantwortlich für den Bau der Großwohnsiedlung im Stadtteil Vahr gegen Ende der 1950er Jahre. Den gleichen Posten bekleidete er ab 1963 auch in der städtischen Grundstücksgesellschaft Weser. Bereits 1961 war er zum Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat des sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindenden Automobilherstellers Borgward berufen worden, hatte diese Arbeit aber nach wenigen Monaten wieder aufgegeben, als er merkte, dass die Firma nicht zu retten war.

Aufgrund seines allumfassenden Einflusses in der Stadt wurde Boljahn von anderen Politikern oftmals als „König Richard“ bezeichnet.

Der langsame Fall

Ab 1958 wurde die Kritik an Boljahn langsam lauter. Vor allem seine Allmacht in Politik und Wirtschaft wurde negativ aufgenommen. Das Stuttgarter Magazin Zeitung warf ihm 1964 unumschränkte Macht vor, was er am 10. Juli desselben Jahres mit einer Strafanzeige wegen Beleidigung beantwortete. Auf dem Landesparteitag der SPD am 15. März 1964 forderte er den seit 19 Jahren regierenden Bürgermeister Wilhelm Kaisen auf, "rechtzeitig" vor der nächsten Wahl, die für das Jahr 1967 angesetzt war, auf sein Amt zu verzichten, woraufhin Kaisen zwei Tage später seinen Rücktritt mit Wirkung zum Juli 1965 ankündigte, dabei jedoch sein Missfallen über Boljahn zum Ausdruck brachte. [1] Dieses Vorgehen Boljahns löste in seiner Partei erheblichen Unmut aus, was am 23. Oktober 1965 dazu führte, dass die Bremer Jusos seinen Rücktritt als SPD-Fraktionsvorsitzender forderten, sie hatten mit ihrem Antrag jedoch keinen Erfolg.

Richard Boljahn

Im darauffolgenden Frühling stellte Boljahn am 22. April dem Vorstand der GEWOBA die Pläne für die so genannte Großwohnsiedlung „Hollerstadt“ vor, welche nach seinen Vorstellungen auf den Wiesen des Westlichen Hollerlandes im Stadtteil Horn-Lehe entstehen und auf 3.000.000 Quadratmetern in 15.000 Wohneinheiten Platz für bis zu 50.000 Menschen bieten sollte. Die Ideen wurden jedoch nicht fortgeführt, sondern aufgegeben. Diese Entscheidung bedeutete die erste große Niederlage Richard Boljahns. Das Westliche Hollerland ist seit 1985 ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet.

Boljahns Verhältnis zum ab 1967 regierenden Bürgermeister Hans Koschnick war von Anfang an nicht gut. Koschnick missbilligte sein großspuriges Verhalten und befürwortete eine Beschneidung der politischen Macht Boljahns.

Die „Baulandaffäre“

Die Kritik an Boljahn und seiner politischen Allmacht wurde zunehmend lauter und so warteten die SPD-Abgeordneten, die inzwischen mehrheitlich auf der Seite Koschnicks standen, lediglich noch auf einen Anlass, ihren Fraktionsvorsitzenden zu stürzen. Dieser Anlass kam am 24. Juni 1969. An jenem Tag veröffentlichte der Weser-Kurier einen Artikel bezüglich der Verbreiterung der Bundesautobahn 27 im Blockland und erwähnte dabei angeblich nicht zu rechtfertigende Provisionszahlungen an den mit Boljahn befreundeten Grundstücksmakler Lohmann beim Kauf von Grundstücken im Verbreiterungsgebiet. Zwar waren auch Politiker der CDU und der FDP und sogar Parteigenossen von Boljahn in die Affäre verwickelt, doch das Hauptaugenmerk richtete sich auf den SPD-Fraktionsvorsitzenden.

Zwar wehrte sich Boljahn gegen jedwede Vorwürfe oder Beschuldigungen und beteuerte, er habe mit der Sache nichts zu tun, doch am 7. Juli sah er sich nach einer Aufforderung durch die Gremien der SPD gezwungen, als Konsequenz aus der „Baulandaffäre“ alle seine Parteiämter bis zur Klärung des Sachverhaltes niederzulegen. Zwei Tage darauf wurde von der Bürgerschaft ein Untersuchungsausschuss eingesetzt und mit der Aufdeckung der Ungereimtheiten beauftragt.

Knapp vier Wochen später wurde Boljahn am 11. August in seiner Position als DGB-Ortsvorsitzender für zwei Monate beurlaubt. Der SPD missfiel es, dass Boljahn sein Bürgerschaftsmandat nicht freiwillig ruhen lassen wollte und so leiteten der Landesvorstand und der Unterbezirksvorstand der Partei am 18. August ein Parteiordnungsverfahren gegen ihn ein, um ihn doch noch zum Verzicht auf dieses Amt zu bewegen, was jedoch keinen Erfolg hatte. Er blieb Bürgerschaftabgeordneter, trat allerdings am 6. November als Aufsichtsratsvorsitzender der GEWOBA zurück.

Die zwei Abschlussberichte des Untersuchungsausschusses wurden am 15. August 1970 vorgelegt und übten heftige Kritik an Boljahn und verschiedenen anderen Politikern. Im selben Monat beschloss die SPD-Fraktion der Bremischen Bürgerschaft, Boljahn nicht für die Bürgerschaftswahl am 10. Oktober 1971 zu nominieren. Dieser reagierte gereizt und drohte, nun in aller Öffentlichkeit mit Tatsachen über die Affäre auspacken. Dazu kam es jedoch nicht, da die Genossen im Gegenzug Boljahn ermahnten, wenn er das tue, werde man ihn aus der Fraktion ausschließen.

Die abschließende Debatte zur „Baulandaffäre“ fand am 21. September 1970 in der Bürgerschaft statt. Boljahn bieb ihr, wohl aus Ärger über das Verhalten seiner Partei ihm gegenüber, fern und teilte schriftlich mit, er wolle den Ablauf der Debatte nicht stören. Ebenfalls nicht anwesend war der ehemalige Bausenator Wilhelm Blase (SPD), der auch in die Affäre verstrickt war und bereits am 31. Juli 1969 zurückgetreten war.

Leben nach der Politik

Boljahn war nicht in der Lage, seine einstige politische Stellung wiederzugewinnen. Am 1. Februar 1971 trat er auch als Kreisvorsitzender des DGB zurück und tat das, was viele schon lange von ihm gefordert hatten – er legte sein Bürgerschaftmandat endgültig nieder.

Am 31. Dezember 1977 schied er nach knapp 24 Jahren aus dem Aufsichtsrat der GEWOBA, welchem er seit sechs Jahren nur noch als einfaches Mitglied angehörte, aus. In den folgenden Jahren betätigte er sich in Grundstücksgeschäften und versuchte ohne großen Erfolg, billige Fertighäuser in Serie zu produzieren.

Anfang der 1990er Jahre geriet er in eine finanzielle Notlage. Am 19. Oktober 1992 starb Richard Boljahn, beinahe 79-jährig, in seiner Heimatstadt.

Ehrung

Im Gedenken an Richard Boljahn wurde nach seinem Tod in Bremen eine Straße nach ihm benannt. Die Richard-Boljahn-Allee zieht sich über 2,14 Kilometer von West nach Ost durch den Stadtteil Vahr und die von ihm mit vorangetriebenen Großwohnsiedlungen. Im Osten reicht sie bis zur Autobahnanschlussstelle Vahr der Bundesautobahn 27, hinter der sie als Franz-Schütte-Allee weiterführt und im Westen endet sie an der Kreuzung mit den Straßen In der Vahr und Bürgermeister-Spitta-Allee. Hier geht sie in die Kurfürstenallee über.

Werke

  • Zur Bremer Universität. Publikation der SPD-Bürgerschaftsfraktion des Landes Bremen, 1967

Literatur

Einzelnachweise

  1. Barfuß/Müller/Tilgner (Hg.): Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von 1945 bis 2005. Band 1. Seite 325. Bremen 2008.

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