Bolko von Richthofen

Bolko Karl Ernst Gotthard Freiherr von Richthofen (* 13. September 1899 in Mertschütz, Landkreis Liegnitz, Schlesien; † 18. März 1983 in Seehausen am Staffelsee) war ein deutscher Prähistoriker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Jugend und Ausbildung

Bolko von Richthofen war ein Sohn des Jauerschen Landrates Ferdinand Freiherrn von Richthofen († 1928), Gutsherrn auf Mertschütz, das durch den Memoirenautor Hans von Schweinichen in die Geschichte einging.

Richthofen legte sein Abitur 1917 in Liegnitz ab. Er nahm von 1917 bis 1918 am Ersten Weltkrieg teil. Vom 18. Dezember 1918 bis zum 20. Juni 1919 wurde er eingezogen und diente anschließend bis zum 20. November 1919 in der Reichswehr (Schwarze Reichswehr).[1] Er beteiligte sich 1919 an Kämpfen in Berlin und München.[2] Vom 1. April bis zum 7. Juli 1921 war er Freiwilliger beim Selbstschutz Oberschlesien (SSOS), der den Sturm auf den Annaberg organisierte. Richthofen erwarb sich beim Sturm auf Zembowitz den Schlesischen Adler.[1]

Frühe Karriere

Er studierte Vorgeschichte, Klassische Archäologie und Geographie in Breslau und wurde dort 1924 mit einer Arbeit über die ältere Bronzezeit in Schlesien promoviert. Nach Beendigung seines Studiums arbeitete er ab 1924 als wissenschaftliche Hilfskraft am Schlesischen Museum für Kunstgewerbe und Altertümer in Breslau. Ab 1925 war er Abteilungsleiter und Kustos am Städtischen Museum im damaligen Beuthen. Von 1925 bis 1929 arbeitete er als Staatlicher Vertrauensmann für kulturgeschichtliche Bodendenkmäler der Provinz Oberschlesien in Beuthen und Ratibor. Außerdem war er Leiter der Oberschlesischen Provinzialsdenkmalspflege.

Von 1929 bis 1933 war er Abteilungsleiter und Kustos am Museum für Völkerkunde in Hamburg. In dieser Zeit habilitierte er sich an der Universität Hamburg für Vor- und Frühgeschichte.

Karriere im Nationalsozialismus

Bolko von Richthofen trat am 17. April 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.039.581),[1] wurde aber schon vor diesem Datum von einem Fachkollegen gegenüber Joseph Goebbels als „begeisterter Nationalsozialist“ bezeichnet.[3] Schon in seiner Hamburger Zeit vor 1933 war er ehrenamtlicher Dozent an der dortigen nationalsozialistischen Volkshochschule gewesen und engagierte sich ab 1932 im nationalsozialistischen Kampfbund für deutsche Kultur. Im Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte war Richthofen Landesleiter, in der Berufsvereinigung Deutscher Vorgeschichtsforscher ab 1933 Leiter. In der NS-Zeit verfasste von Richthofen eine Reihe von Schriften mit antislawischer Stoßrichtung. Zwischen 1937 und 1939 wurde er Mitglied im Ahnenerbe.[4] Als enger Bekannter von Hermann Göring, war Richthofen in Raub von Kunst, die sich in jüdischen Besitz befand, verwickelt.[5] Noch im Oktober 1944 publizierte er in Walter Franks Reihe Forschungen zur Judenfrage einen Beitrag unter dem Titel: „Judentum und bolschewistische „Kulturpolitik“.“[6]

1933 wurde Richthofen als Ordinarius für Vor- und Frühgeschichte an die Universität Königsberg berufen. Er leitete dort das Seminar bis 1942, dann folgte er dem Ruf als ordentlicher Professor für Ur- und Frühgeschichte an die Universität Leipzig. Nach 1939 war er allerdings hauptsächlich im Militärdienst als „Dolmetscher-Offizier“ und Referent tätig (er beherrschte angeblich 18 Sprachen). Richthofen arbeitete für die Abteilung Fremde Heere Ost.[7] Im Auftrag des Auswärtigen Amtes vernichtete Richthofen während des Russlandfeldzuges die Bibliothek der Nowgoroder Altertums-Gesellschaft sowie das Museum in Staraja Russa.[8]

Nach 1945

Nach dem Krieg trat Richthofen als Berater der Verteidigung im sogenannten Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess hervor. Er kehrte nach Gründung der DDR nicht wieder nach Leipzig zurück und erhielt im Westen Forschungsaufträge durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte und das Außenministerium.

Von 1945 bis 1972 war er Mitglied der CSU. 1962 gründete Richthofen zusammen mit Gerhard Frey und Erwin Arlt die rechtsextreme Aktion Oder-Neiße.[9] 1963 erhielt er das deutsche Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.[10]

Ab 1966 saß Richthofen im Kuratorium der Grotiusstiftung zur Verbreitung des Völkerrechts. 1968 wurde er, unter internem Protest, in die Deutschland-Stiftung aufgenommen, vor der Bundestagswahl 1972 aufgrund seines Einsatzes für die NPD aber wieder ausgeschlossen.[11]

1969 wurde er Präsident der Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte (Bonn). Außerdem engagierte er sich in den Vertriebenenverbänden und veröffentlichte antipolnische, revanchistische Literatur.

1970 gründete er zusammen mit Herbert Böhme und Fritz Münch die rechtsextreme Deutsche Bürgergemeinschaft.[12]

Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz zählt die Arbeiten von Richthofens, die im rechtsextremen Arndt-Verlag erschienen, als „revisionistische Werke (…) in denen die Hauptschuld des Hitler-Regimes am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abgestritten wird.“[13]

Mit dem Roten Baron Manfred von Richthofen ist Bolko von Richthofen nur entfernt verwandt; Manfred von Richthofens jüngerer Bruder war Karl-Bolko von Richthofen (1903–1971), was manchmal zu Verwechslungen führt.

Schriften

  • Auslandsstimmen zur oberschlesischen Volksabstimmung (20.März. 1921). Augsburg 1961.
  • Schlesien und die Schlesier. (Eine landes- und stammeskundliche Übersicht 3). Wolfenbüttel o.J. (1967).
  • Kriegsschuld 1939–1941. T.1,2, Vaterstetten 1968/1970.

Literatur

  • Uta Halle: „Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch!“ Prähistorische Archäologie im Dritten Reich. Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe, Band 68. Bielefeld 2002, ISBN 389534446X (Buchrezension für H-Soz-u-Kult).
  • Georg Schaufler: Zur Biographie des Verfassers. In: B. von Richthofen, Schlesien und die Schlesier. Eine landes- und stammeskundliche Übersicht. Die Schlesier vor und nach der Vertreibung aus der Heimat. Band 1. Wolfenbüttel 1967, S. 44–47. (Zur Biographie Bolko von Richthofens. Die Biographie in manchen Ausdrücken geschönt).
  • Tobias Weger: Bolko Freiherr von Richthofen und Helmut Preidel. Eine doppelte Fallstudie zur Rolle von Prähistorikern und Archäologen in den Vertriebenenorganisationen nach 1945. In: Judith Schachtmann, Michael Strobel, Thomas Widera (Hrsg.): Politik und Wissenschaft in der prähistorischen Archäologie. Perspektiven aus Sachsen, Böhmen und Schlesien. Berichte und Studien Nr. 56, herausgegeben vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung. V&R unipress, Göttingen 2009, ISBN 9783899717419.

Einzelnachweise

  1. a b c Bundesarchiv: R58/9002 (ZB I 1223 Akte 7 Bl. 311–429), Blatt 389, Akte über Richthofen.
  2. Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschlandstiftung e.V. Hain, 1978, S. 405.
  3. Uta Halle: "Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch!" Prähistorische Archäologie im Dritten Reich. Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe Band 68 (Bielefeld 2002), S. 144.
  4. Reinhard Bollmus, Stephan Lehnstaedt: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Oldenbourg, München 2006, S. 220.
  5. http://www.restitutiecommissie.nl/en/rc_1.67/advies_rc_1.67.html
  6. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 495.
  7. Hans Günther Seraphim: Die Deutsch-Russischen Beziehungen, 1939–1941. Nölke, 1949, S. 79.
  8. Gerhard Ziegengeist: Wissenschaft am Scheidewege. Kritische Beiträge über Slawistik, Literaturwissenschaft und Ostforschung in Westdeutschland. Akademie, Berlin 1964, S. 34.
  9. Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschlandstiftung e.V. Hain, 1978, S. 321.
  10. Judith Schachtmann, Thomas Widera: Politik und Wissenschaft in der prähistorischen Archäologie. S. 137 (Google books)
  11. Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschlandstiftung e.V. Hain, 1978, S. 65.
  12. Hans-Dieter Bamberg: Die Deutschlandstiftung e.V. Hain, 1978, S. 512.
  13. Verfassungsschutzbericht 2003, S. 102.

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