Bon-Religion
Teil eines Bön-Lebensrades

Bön (tibetisch transliteriert: Bon) war die vorherrschende Religion in Tibet, als im 8. Jahrhundert der Buddhismus ins Land gelangte. Sie war von schamanistischen und animistischen Glaubensvorstellungen geprägt. Für die Anhänger bedeutet das Wort „Bön“ soviel wie „Wahrheit“, „Wirklichkeit“ und „Wahre Lehre“, also dasselbe wie für tibetische Buddhisten der Ausdruck „Chö“. Mit dem Vordringen des Buddhismus in Tibet kam es zu einer starken gegenseitigen Beeinflussung der beiden Religionen, wobei aus dem Bön vorwiegend schamanistische Elemente in den Buddhismus gelangten, umgekehrt der Buddhismus die Philosophie des Bön so weitgehend überformte, dass vielfach die Unterschiede nur mehr in der Terminologie und Ikonographie feststellbar sind. Die Bön-Religion konnte sich dessen ungeachtet — trotz ihrer in den letzten Jahrhunderten gegenüber der buddhistischen Staatsreligion Tibets stets benachteiligten Position — aufrechterhalten und wurde 1977 als spirituelle Schule von der tibetischen Exilregierung förmlich anerkannt.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Bön-Kloster Khyungpori Tsedruk in Nord-Tibet (AGT)

Die Bön-Religion geht auf Tönpa (Meister) Shenrab Miwoche zurück, der in einem Land namens Tagzig in Zentralasien lebte. Durch ihn sollen auch die früher in Tibet verbreiteten blutigen Tieropfer durch symbolische Opferungen abgelöst worden sein.

Später breitete sich Bön nach Westen aus und es war die Staatsreligion in Zhang-Zhung, einem Land im Westen Tibets, das den Berg Kailash umgibt. Es verbreitete sich auch in Tibet. Die Königsdynastie von Zhang-Zhung ging im 7. Jahrhundert (vermutlich 634) mit der Eroberung durch den zentraltibetischen König Trisong Detsen und der Tötung des Königs Ligmincha (Ligmirya) in einem Hinterhalt zu Ende. Mit der verstärkten Einführung des Buddhismus in Tibet durch König Trisong Detsen (ab 755) wurde die Bön-Religion zunehmend verdrängt und verfolgt. Bis dahin waren zum Beispiel Bön-Lamas für die Bestattungsrituale des Königs zuständig. Erst unter König Langdarma (Regierungszeit 836-842) besserte sich die Lage der Bönpo. Er wurde jedoch von einem fanatischen Buddhisten ermordet, worauf das tibetische Königreich zerfiel. Durch die Verfolgung waren die Bönpo in die Randbereiche des tibetischen Kulturraumes abgedrängt, zum Beispiel nach Amdo im Nordosten sowie Dolpo in Nepal.

Mit dem Beginn der so genannten "neuen Übersetzungstradition" (Sarma) des Buddhismus im 11. Jahrhundert reorganisierten sich beide alten Traditionen, Bön und die buddhistische Nyingma -Tradition. In beiden spielten dabei in der Zeit der Verfolgung und der Wirren versteckte und wieder aufgefundene Lehrtexte (Terma) eine wichtige Rolle. Ein systematisches Lehrgebäude wurde geschaffen und die Ordination für Mönche und Nonnen ähnlich jener der buddhistischen Schulen verbreitete sich.

Im Jahr 1405 wurde das Kloster Menri von dem Bön-Lama Nyammed Sherab Gyaltsen gegründet. Menri und das später gegründete Kloster Yungdrung Ling wurden zu den bedeutendsten Klöstern des Bön. Die Bön-Tradition, wie auch die buddhistischen Traditionen Tibets, litt ab der Mitte des 20. Jahrhunderts stark unter den Verfolgung nach dem Einmarsch der chinesischen Armee in Tibet, insbesondere während der chinesischen Kulturrevolution (1966-76). Kein einziges Kloster hat die Wirren dieser Zeit unbeschädigt überstanden. Das bedeutendste Kloster, Menri, wurde in Dolanji im indischen Exil neu gegründet. 1977 erkannte der Dalai Lama Bön als fünfte spirituelle Schule Tibets an, und wie für die vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus wurden auch zwei Vertreter des Bön in das tibetische Exilparlament berufen.

Schulen

Alter Bön

Im alten Bön spielen beseelte Naturphänomene und deren Beherrschung oder Besänftigung durch magische Rituale eine wichtige Rolle. Die Ursprünge des Alten Bön gehen weit in die vorgeschichtliche Zeit zurück.

Ewiger Bön / Yungdrung-Bön

Bön-Mani-Stein mit dem Mantra Om ma tri mu ye sa le du.

Yungdrung Bön (Swastika-Bön), auch „Ewiger Bön“ genannt, geht auf den Lehrmeister (Tonpa) Shenrab Miwoche zurück. Dieser wird von den Bön als Buddha betrachtet. Tapihritsa und Drenpa Namkha sind Beispiele für historische Meister der Yungdrung-Bön Tradition. Die Lehren dieser Schule umfassen mehr als 200 Werke. Darunter finden sich auch Schriften zu Philosophie, Heilkunde, Metaphysik und Kosmologie. Besonders die philosophischen Grundlagen stehen denen der Buddhisten nahe. Lehren über Karma (Das Gesetz von Ursache und Wirkung) und über Mitgefühl lösten die Glaubenselemente des Alten Bön ab. Die Gottheiten des Alten Bön wurden im Sinne von Meditations-Gottheiten (Yidam-Gottheiten) integriert oder als Schützer der Lehre eingebunden. Die Lehren des Yungdrung-Bön teilen sich auf in die sog. „Neun Wege“, „Vier Pforten und eine Schatzkammer“ und in die „Äußeren, Inneren und Geheimen Unterweisungen“. Der letzte Teil der Lehren teilt sich auf in Sutra, Tantra und Dzogchen, ganz ähnlich derer, die auch in der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus zu finden sind. Es gibt aber Hinweise, dass Dzogchen, die Lehren über die „Große Vollkommenheit“, bereits vor Einführung der buddhistischen Lehren in Tibet, in Zhang Zhung existierten. Die Dzogchen-Lehren der Nyingma gehen im Unterschied dazu auf Garab Dorje aus dem Land Oddiyana zurück.

Unter den Lehren der Bön finden sich auch die Belehrungen des „Zhang Zhung Nyan Gyud“, den ältesten Überlieferungen eines Dzogchen-Meditationssystems der Bön.

Bekannte gegenwärtige Lehrer der Tradition des Yungdrung-Bön sind der ehrwürdige Yongdzin Tenzin Namdak Rinpoche und Tenzin Wangyal Rinpoche, einer seiner wichtigsten Schüler. Beide Meister lehren auch im Westen. Der vielleicht berühmteste Bön-Meister der jüngeren Vergangenheit, der im Kontext der Rime-Bewegung auch viele buddhistische Schüler hatte, war Shardza Tashi Gyaltsen. Bei seinem Tod trat nach der Überlieferung das Phänomen des Regenbogenkörpers auf, demnach soll sich sein Körper in Licht (d.h. seine energetischen Bestandteile) aufgelöst haben.

Neuer Bön

Neuer Bön, auch „reformierter Bön“ genannt, steht systematisch zwischen Yungdrung Bön und der buddhistischen Nyingma-Tradition. Er entwickelte sich ab dem 14. Jahrhundert aus einer Synthese von Lehrelementen des Yungdrung-Bön und Elementen der Nyingma, vor allem durch das wechselseitige Auffinden von Termas der Bön- und der Nyingmatradition. Ein berühmter Meister des neuen Bön war Yungdrung Lingpa, auch bekannt als der buddhistische Meister Jamgon Kongtrul.

Lehren

Die Lehren des Bön sind sehr umfangreich und können auf verschiedene Art gegliedert werden. Eine der Gliederungen ist jene in die "Neun Wege" des Bön, welche in groben Zügen den neun Fahrzeugen der Nyingma-Tradition entsprechen (weltliches Fahrzeug, Hinayana, Mahayana, äussere Tantras, innere Tantras einschließlich Dzogchen). Die Grundsätze der Lehre sind dieselben wie im auf Buddha Shakyamuni zurück gehenden Buddhismus, der nach Bön-Auffassung in einem früheren Leben Schüler von Tönpa Shenrab war.

Literatur

  • Bru-sgom rGyal-ba g.yung-drung: The Stages of A-Khrid Meditation - Dzogchen Practice of the Bon-Tradition. Library of Tibetan Works and Archives. Dharamsala 1996. ISBN 81-86470-03-4
  • Christoph Baumer: Bön - Die lebendige Ur-Religion Tibets. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1999. ISBN 3-201-01723-X
  • Andreas Gruschke: The Cultural Monuments of Tibet’s Outer Provinces. Kham - Volume 1. The TAR Part of Kham (Tibet Autonomous Region). White Lotus Press, Bangkok 2004, S. 80-84. ISBN 3-89155-313-7
  • Namkhai Norbu: Dzogchen-Der Weg des Lichts. Diederichs, München 1989. ISBN 3-424-01462-1
  • Tenzin Wangyal: Der kurze Weg zur Erleuchtung - Dzogchen-Meditationen nach den Bön-Lehren Tibets. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997. ISBN 3-596-13233-9
  • Tenzin Wangyal Rinpoche: Übung der Nacht - Meditationen in Schlaf und Traum.Diederichs. Hugendubel, Kreuzlingen 2001. ISBN 3-7205-2189-3
  • Tenzin Wangyal Rinpoche: The Tibetan Yogas of Dream and Sleep. Snow Lion Publications, Ithaca, NY 1998. (Englische Ausgabe von Übung der Nacht). ISBN 1-55939-101-4
  • Tenzin Wangyal Rinpoche: Die heilende Kraft des Buddhismus.Diederichs. Hugendubel, Kreuzlingen 2004. ISBN 3-7205-2487-6
  • Shardza Tashi Gyaltsen, Lopon Tenzin Namdak: Heart Drops of Dharmakaya. Snow Lion Publications, Ithaca, NY 1993. ISBN 1-55939-172-3
  • John Myrdhin Reynolds (Vajranatha): Oral Tradition From Zhang-Zhung. Vajra Publications 2005, (nur über amerikanische Buchhändler zu beziehen)
  • Michael A. Nicolazzi: Geheimnis Tibet. Die Ur-Religion des Bön, Patmos, 2003, ISBN 978-3491694002

Kanonkataloge

  • Per Kvaerne: The canon of the Tibetan Bonpos, in: Indo-Iranian Journal Vol 16 (1974), S. 18-56, 96-144
  • Chandra Lokesh et. al.: Catalogue of the Bon-Po Kanjur and Tanjur, in: Indo-Asian Studies 2; New Dehli 1965

Weblinks


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