Bonifacius Kiesewetter

Bonifatius Kiesewetter, auch Bonifazius oder Bonifacius, ist eine fiktive Gestalt und der Held von hauptsächlich im deutschen Kaiserreich entstandenen zotigen Unsinnsgedichten provokant obszönen Inhalts.

Vergleichbare Figuren waren in Österreich der Sanitätsgefreite Neumann und im mitteldeutschen Raum die Wirtin von der Lahn ("Frau Wirtin hat auch einen...").

Inhaltsverzeichnis

Poetische Form

Poetologische Beschreibung

Die poetische Form der Bonifatius-Kiesewetter-Verse ist stabil und wird streng eingehalten: Zuerst der Bericht in dreimal zwei trochäisch achthebigen Zeilen im Paarreim (meist katalektisch = männlich endend), dann die mitzusprechende Überschrift „Moral:“ und zuletzt ein trochäischer Vierheber-Paarreim (ebenfalls meist mit katalektischem = männlichem Schluss).

Text-Beispiele

Zu den Versen von Bonifatius Kiesewetter kursiert in leicht unterschiedlichen Versionen ein Einleitungstext, der in einer Art Rahmenhandlung das Bild einer Großmutter entwirft, die ihren kleinen Enkeln an kalten Winterabenden erzählt, wer „das größte Schwein im Land“ sei:

Wenn an langen Wintertagen rauh der wilde Nordwind fegt,
und des Winters Sturm und Regen eisig an die Scheiben schlägt,
dann erzählt die alte Muhme, wer einst Bonifatius war,
wie er seine Tag´ und Nächte mit der Gräfin zugebracht,
wie er - leider! - unterlegen öfter war des Bösen Macht.
Doch es zieht aus jeder Weise die Moral den weisen Sinn,
merkt ihn Euch, Ihr lieben Kindlein, dann habt Ihr davon Gewinn!


Wohlbekannt ist jedem Kinde, wer der stärkste Mann der Welt.
Ebenso ist ohne Zweifel, Rothschild hat das meiste Geld.
Und es ist auch zweifelsohne, wer das größte Schwein im Land:
Bonifatius Kiesewetter wird das Rübenschwein genannt.


In Sammlungen steht oft folgendes Beispiel aus dem Fäkal-Bereich an vorderer Stelle:

Bonifatius Kiesewetter war ein Schweinehund seit je.
Und so schiss er der Baronin heimlich in das Portemonnaie.
Hin zu einem Bücherladen lenkt sie ihren Schritt indes,
kaufte, da sie hochgebildet, etwas sehr Ästhetisches.
Als die Dame zahlen wollte, und sie zahlte stets in bar,
griff sie in die blanke Scheiße, was ihr äußerst peinlich war.


Moral und christliche Nutzanwendung:
Ungern nimmt der Handelsmann
statt baren Geldes Scheiße an.

Das im Folgenden zitierte Beispiel zeigt die poetische Form, wie sie üblich ist. Der Inhalt ist in zweierlei Hinsicht untypisch. Erstens richtet sich der Text statt wie sonst gegen "feine Leute" diesmal gegen die verständnislose Entnazifizierungspraxis nach 1945. Zweitens wird zwar ein schweinisches Wort geschrieben (wenn auch gleich dreimal), schweinische Sachen oder Taten werden dem Wiki-Leser nicht zugemutet.

Bonifatius Kiesewetter wurde neulich interniert,
weil er unter Adolf Hitler für die NSV kassiert.
In dem großen Fragebogen, den der CIA erfand,
schrieb er statt der richtgen Antwort dreimal "Scheiße" an den Rand.
Dies empörte den Vernehmer. Captain Coogan wurde rot,
und er schoss den Bonifatius auf der Stelle mausetot.
Moral:
Wenig Feingefühl beweist,
wer auf Fragebögen scheißt.

Poetischer Inhalt

Ähnlich wie Witz oder Unsinnserzählung bedienen die Bonifatius-Kiesewetter-Verse das Verlangen nach gelegentlicher Flucht aus dem „Comment“ oder sonst geltenden Anstandsregeln. Die regelmäßig angehängte "Moral" verspottet ähnliche Sprüche, die lehrhaft angeblich bewährte Lebensregeln verkünden.

Ein Bericht in gepflegter Sprache über möglichst vornehme Personen scheint zunächst einen Hintergrund gängiger Korrektheit auszubreiten. Dieser geht aber schnell in eine derbe Karikatur über, die im selben Tonfall obszöne Wörter und Verhaltensweisen darstellt.

An Ende steht unter der Überschrift "Moral" oder "Moral und christliche Nutzanwendung" ein Zweizeiler, von dem der Hörer eine moralische Zurechtrückung des soeben Gehörten erwartet. Doch die Erwartung wird böse enttäuscht: Meist folgt ein zynischer Kommentar zur dargestellten Situation oder sogar noch ein weiterer obszöner Aspekt der Geschichte.

Bonifatius verstößt gegen die grundlegenden Umgangsformen seiner Zeit und Gesellschaftsschicht. Er lebt seine Sexualität durch Geschlechtsverkehr mit Mensch, Tier und Gegenstand sowie durch Onanie aus und dies auch völlig unverschämt in aller Öffentlichkeit. Er hantiert mit Fäkalien sorglos und schadenfroh auch zum Nachteil seiner selbst oder anderer Menschen. Er hat keinerlei Bedenken und nimmt auch keine Rücksicht auf eventuelle eigene Nachteile gesellschaftlicher oder physischer Natur. Sein Verhalten wirkt wie die Trotzreaktion eines eingeengten Geistes auf die strengen Moral- und Etikette-Vorschriften der wilhelminischen Kultur.

In der wilhelminischen Zeit waren die Verse vor allem in akademischen Kreisen sehr populär. Ihre Ausstrahlung bezogen sie aus dem Kontrast zwischen dem gesellschaftlichen Renommee der handelnden Personen und der unverschämten Obszönität ihrer angeblichen Verhaltensweisen: Umgang mit Fäkalien und Sexualität abseits aller Konvention. Bonifatius tritt als Repräsentant des Establishments im deutschen Kaiserreich in verschiedenen Rollen auf: als Corpsstudent, Jurist, Beamter und Offizier. Er verkehrt in Adelskreisen. Als Sexualpartnerin wird öfter eine Baronin oder Gräfin Ziegler genannt.

Geschichte

Waldemar Dyrenfurth als Corpsstudent (um 1870)

Als Erfinder und zunächst Hauptautor der bekannten Form gilt der preußische Staatsanwalt Waldemar Dyrenfurth (gestorben 1899 in Breslau). Dyrenfurth trat im Jahre 1868 zu Beginn seines Jurastudiums dem Corps Borussia Breslau (heute in Aachen) bei, einer schlagenden Studentenverbindung, die innerhalb des als äußerst vornehm erachteten Dachverbandes Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) zum so genannten "grünen Kreis" gehörte. Die Corps des grünen Kreises rekrutierten sich oft aus dem feudalen, ostelbischen Landadel, ihre Mitglieder kombinierten ihre angesehene Abstammung aber gern mit einem eher "ländlichen", also groben Verhalten, was sich oft auch in wenig vornehmer Ausdrucksweise äußerte. Einige der Kiesewetter-Strophen beziehen sich konkret und sachkundig auf das Corpsstudententum, besonders auf "grüne Corps". 1869 schloss er sich dem Leipziger Corps Lusatia an, das zu den Gründungscorps des "blauen Kreises" ("Gesellschaftsprinzip") innerhalb des KSCVs zählt.

Waldemar Dyrenfurth soll Mitglied der Literarischen Gesellschaft "Der Osten", die Dritte Schlesische Dichterschule gewesen sein, einer Breslauer Vereinigung von (Hobby-)Autoren, die sich auf die großen Zeiten der schlesischen Dichtkunst beriefen (siehe auch: Schlesische Dichterschule, Zweite Schlesische Schule). Die Gesellschaft wurde 1859 gegründet und musste im Jahre 1934 unter dem Gleichschaltungsdruck der nationalsozialistischen Herrschaft ihre Aktivitäten aufgeben.

Die später wie Volksliedstrophen den Originalversen hinzugedichteten Texte kann man zunächst am ehesten den Studentenliedern und der Unsinnspoesie zuordnen. Heutzutage wird man nicht wenige Rezitatoren samt nicht öffentlicher Hörergemeinde auch unter Soldaten (vermutlich aller Ränge), bei Handwerkern, Fuhrleuten und anderen Männergruppen finden.

Anfangs wurden die Verse nur mündlich überliefert, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es auch Buchveröffentlichungen. Im Jahre 1968 wurde in deutsch-italienischer Kooperation ein Erotikfilm mit der Titelfigur produziert, der die Bordellbesuche eines Bonner Medizinstudenten zum Thema hatte.

Geflügelte Worte

In einschlägigen, überwiegend männlich bestimmten Kreisen werden einzelne „Moral“-Reime gelegentlich als geflügeltes Wort ohne Verweis auf die Herkunft aus der Bonifatius-Dichtung zitiert.

  • Scheiße auf der Friedhofsmauer ist ein Zeichen echter Trauer.
  • Scheiße im Trompetenrohr kommt Gottseidank nur selten vor.......
  • .......und kommt es einmal trotzdem vor, ist Scheiße im Trompetenrohr
  • Ungern nimmt der Handelsmann statt barer Münze Scheiße an.
  • Scheiße auf dem Sofakissen wird man wohl entfernen müssen.
  • Scheiße auf der Kirchturmspitze blättert ab bei großer Hitze.
  • Scheiße in den Manteltaschen hält die Kinder ab vom Naschen.
  • Scheiße in der Lampenschale gibt gedämpftes Licht im Saale.
  • Scheiße auf dem Tennisschläger macht den Gegner schnell zum Neger.
  • Scheiße im Gewehr verschossen gibt dem Feinde Sommersprossen.
  • Scheiße durch ein Sieb geschossen gibt die schönsten Sommersprossen.
  • Scheiße an der Sackbehaarung zeugt von einer Männerpaarung.

Literatur

  • Wolfgang Kraus: Bonifazius Kiesewetter. Ein heroisches Leben Schnurren, Schwänke, Anekdoten. Berichtet von Wolfgang Kraus. Band 1. Paul Steegemann Verlag, Berlin 1951
  • Wolfgang Kraus: Bonifazius Kiesewetter. Ein heroisches Leben. Die Bank der Spötter. Berichtet von Wolfgang Kraus. Band 2. Paul Steegemann Verlag, Berlin 1954
  • Curt Seibert: Das poetische Holzbein. Ein Buch des fröhlichen Un-sinns. Bonifazius Kiesewetter / Die Wirtin von der Lahn / Der Lazarettgehilfe Neumann. Parodiert von Curt Seibert. Umschlagzeichnung von Hans Thiemann. Paul Steegemann Verlag, Berlin 1954
  • o.A.: Bonifatius Kiesewetter: Moralgedichte Paul Schustek Verlag, Hanau 1966
  • Bodo Baumann: Donnerwetter, Donnerwetter, Bonifatius Kiesewetter. Das Buch zum gleichnamigen Film, Moewig Verlag, Rastatt 1969
  • Peter Schalk (Hrsg.): Bonifatius Kiesewetter. Heyne, München 1980, ISBN 3-453-50011-3
  • W.K. (Auswahl): Bonifatius Kiesewetter. Gemeine Verse aus älteren Tagen. Meist im begeistigten Männerkreis - Oft zu später Stunde - Jedoch schon immer vorgetragen, Druck: R.D. (Rolf Dettling), P.(Pforzheim) 1991
  • Wolfgang Schwarz, Die Dritte Schlesische Dichterschule (Aus einem Tagebuch 1991). In: Germanica Wratislaviensia. Nr. 99, Breslau 1993, Seiten 339-347
  • Rudolf Neugebauer: Bonifazius Kiesewetter. Provokation und Gesellschaftskritik im poetischen Werk des Waldemar Dyhrenfurth. In: Einst und Jetzt Band 45 (2000), S. 139 ff., mit Anmerkung von Wolfram Dürbeck in: Einst und Jetzt Band 47 (2002), S. 355 ff.

Film

Donnerwetter! Donnerwetter! Bonifatius Kiesewetter (Produktion Deutschland/Italien 1968, Erstaufführung 10. Januar 1969), Regie: Helmut Weiss, Buch: Bodo Baumann und Werner Hauff, unter anderem mit den Darstellern Paul Dahlke, Hubert von Meyerinck, Raimund Harmstorf, Loni Heuser, Produktion: Parnass-Film GmbH (München), R.K. Cinematografica S.r.l. (Rom)

Weblinks


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