Border Campaign

Die Border Campaign (englisch: Grenzkampagne, IRA-intern auch Operation Harvest genannt) war eine Serie von Anschlägen der Irish Republican Army (IRA) ab 1956. Die Ziele der Anschläge lagen in Nordirland nahe der Grenze zur Republik Irland. Mangels Unterstützung in der Bevölkerung wurde die Kampagne 1962 eingestellt.

Inhaltsverzeichnis

Vorbereitung

Im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges hatte die IRA praktisch aufgehört zu existieren. Ihre Untergrundtätigkeit während des Krieges auf dem britischen Festland konnte von der britischen Polizei und den Geheimdiensten leicht unterbunden werden. Auch in der Republik Irland wurde massiv gegen sie vorgegangen. Der damalige Premier Eamon de Valera befürchtete, dass die Anschläge gegen britische Ziele die Neutralität Irlands gefährdeten. Er tat sein möglichstes, um die Strukturen der IRA zu zerschlagen. Nach 1945 fanden sich wenige Versprengte zusammen, um die IRA zu reorganisieren. Vornehmliches Ziel war die Wiederbewaffnung und die Fortsetzung des Kampfes gegen die Teilung Irlands.

Bereits in den 1930er Jahren hatte es innerhalb der IRA einen Meinungswandel gegeben. Zwar wurden die Regierungen Nordirlands und des Irischen Freistaats weiterhin als Institutionen angesehen, die die Teilung Irlands aufrechterhalten und damit eine Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes des irischen Volkes verhindern. Zugleich wurden qualitative Unterschiede anerkannt: Während Nordirland weiterhin unter direkter Kontrolle Großbritanniens stehe, gebe es im Süden der Insel ein gewisses Maß an Autonomie.[1] Im Oktober 1954 erließ der Armeerat der IRA die General Army Order No. 8, wonach weder Einrichtungen noch Repräsentanten der Irischen Republik anzugreifen seien.[2]

Die eigentlichen Planungen für der Border Campaign begannen 1950. Um sich Waffen zu beschaffen, überfielen IRA-Kommandos zwischen 1951 und 1955 Armeeeinrichtungen in Nordirland und England. Bei einem Überfall auf die Gough Barracks in der nordirischen Stadt Armagh erbeuteten 19 IRA-Mitglieder im Juni 1954 über 400 Waffen.[3] Im Oktober 1954 scheiterte der Angriff eines 39-köpfigen IRA-Kommandos auf eine Armeeeinrichtung in Omagh. Dabei wurden acht IRA-Mitglieder verhaftet, unter ihnen Tom Mitchell und Philip Clarke.[4] Bei den Britischen Unterhauswahlen 1955 wurden Mitchell und Clark für die mit der IRA verbundene Partei Sinn Féin ins Unterhaus gewählt. Insgesamt erzielte Sinn Féin über 150.000 Stimmen; die gemäßigte Nationalist Party hatte keine Kandidaten aufgestellt.[5] Nach dem Wahlerfolg glaubte die IRA, ausreichend Rückhalt in der Bevölkerung für die Border Campaign zu haben.

1956 entsandte die IRA circa 20 Organisatoren in die grenznahen Gebiete Nordirlands, die überwiegend von irischen Nationalisten bewohnt waren. Diese sollten IRA-Mitglieder ausbilden, mögliche Anschlagsziele auskundschaften und regelmäßig an das IRA-Hauptquartier in Dublin berichten.[6] Während dieser Planungsphase entschied das IRA-Hauptquartier, die nordirischen Hauptstadt Belfast nicht in die Kampagne einzubeziehen, da befürchtet wurde, dass die dortige IRA-Einheit mit Informanten durchsetzt sei und zu schwach sei, um die katholischen Wohngebiete der Stadt gegen mögliche Angriffe zu verteidigen.[7]

Ziele

Im Januar 1957 beschlagnahmte die südirische Polizei Garda Síochána ein Dokument der IRA zu den Zielen der Border Campaign. Dem Dokument zufolge sollten durch Methoden des Guerillakriegs und durch an die Bevölkerung gerichtete Propaganda die „Widerstandszentren“ in Nordirland gestärkt werden. Zunächst sollte die Verwaltung dieser Gebiete unmöglich gemacht werden und die Sicherheitskräfte zum Rückzug gezwungen werden. So sollten kleinere „befreite Gebiete“ entstehen, die sich später zu größeren Gebieten zusammenschließen sollten. Das Konzept der IRA wird als stark beeinflusst von den Theorien Mao Zedongs zum Guerillakrieg bewertet.[8]

Verlauf

Denkmal für Fergal O’Hanlon und Seán South in Altawark, County Fermanagh.

Die Border Campaign begann in der Nacht zum 12. Dezember 1956 mit einer Serie von Anschlägen im Grenzgebiet Nordirlands, an denen 150 IRA-Mitglieder beteiligt waren. Angegriffen wurden unter anderem Einrichtungen der nordirischen Polizei Royal Ulster Constabulary (RUC) und der britischen Armee, Brücken und ein Gerichtsgebäude.[9] Am 1. Januar 1957 scheiterte ein Angriff eines IRA-Kommandos unter Seán Garland auf die Polizeistation der RUC in Brookeborough, County Fermanagh. Zwei IRA-Mitglieder, Seán South und Fergal O’Hanlon, starben an den Verletzungen, die sie bei dem Anschlag erlitten hatten. Der Angriff in Brookeborough und der Tod der beiden IRA-Mitglieder fand breite Beachtung in der Presse; South und O’Hanlon wurden unter großer öffentlicher Anteilnahme in der Republik Irland beigesetzt.[10] Im November 1957 starben fünf Menschen, darunter vier IRA-Mitglieder, bei der vorzeitigen Explosion einer Bombe in Edentubber, ein Ort im County Louth unweit der Grenze zu Nordirland.[11]

Als Reaktion auf die Border Campaign setzte nordirische Premierminister Basil Brooke am 15. Dezember 1956 den Civil Authorities (Special Powers) Act (Northern Ireland) von 1922 in Kraft; ein Gesetz, das Justiz und Polizei Sondervollmachten einräumte und die rechtliche Grundlage für Internierungen ohne Gerichtsverfahren war. Die von den Anschlägen überraschte nordirische Regierung setzte 3.000 RUC-Polizisten und 12.000 Hilfspolizisten, sogenannte B-Specials, ein. Zudem machten britische Pioniere zahlreiche grenzüberschreitende Straßen unpassierbar, um den Verkehr auf wenige, von der Polizei kontrollierte Grenzübergänge zu konzentrieren.[12]

In der Republik Irland trug die Border Campaign mit zu vorzeitigen Neuwahlen und dem Ende der Regierungszeit von John A. Costello bei: Am 28. Januar 1957 initiierte Clann na Poblachta, eine republikanische Partei um Seán MacBride, ein Misstrauensvotum gegen die Regierung von Costello, unter anderem, weil sich die Regierung nur ungenügend für die Wiedervereinigung Irlands eingesetzt habe. Bei den Neuwahlen im März 1957 erzielte Sinn Féin ungefähr 66.000 Stimmen und vier Mandate.[13]

Die Border Campaign stellte sich bald als Fehlschlag heraus, insbesondere unterblieb eine breite Unterstützung durch die katholische Minderheit Nordirlands. Auch bedingt durch ein Verbot Sinn Féins in Nordirland im Dezember 1956 wurden keine Versuche unternommen, der Bevölkerung die Ziele der IRA zu vermitteln.[14] Im Juli 1957 führte Eamon de Valera, der im März erneut die Regierung übernommen hatte, auch in der Republik Irland Internierungen ohne Gerichtsverfahren ein. Anfänglich waren 63 mutmaßliche IRA-Mitglieder in der Republik in Curragh interniert; im März 1958 war ihre Zahl auf 131 gestiegen. Internierte, die sich von Gewalthandlungen lossagten, wurden vorzeitig entlassen. Die letzten Internierten wurden im März 1959 freigelassen.[15] Der IRA gelang es nicht, die Internierten durch Neurekrutierungen zu ersetzen. Die Zahl der Anschläge in Nordirland sank von 341 im Jahr 1957 auf 26 im Jahr 1960.[16] Das anfänglich in der Republik vorhandene öffentliche Interesse an der Border Campaign ließ nach wenigen Monaten nach. Sowohl bei den Wahlen in Nordirland 1959 als auch in der Republik 1961 verlor Sinn Féin mehr als die Hälfte der Stimmen und alle Mandate.[17]

Offiziell endete die Border Campaign am 26. Februar 1962 mit einer Erklärung der IRA, der zufolge Waffen und Ausrüstungen deponiert und alle kämpfenden IRA-Mitglieder zurückgezogen worden waren. Als Grund für die Einstellung der Border Campaign wurde die mangelnde Unterstützung durch das irische Volk genannt.[18] Insgesamt starben zwischen 1956 und 1961 17 Menschen, davon elf Republikaner und sechs Polizisten der RUC. Nach Angaben der nordirischen Regierung entstand ein Sachschaden von £ 1 Million; die zusätzlichen Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen betrugen ungefähr £ 10 Millionen.[19]

Folgen

Das Ende der Border Campaign markierte einen Tiefpunkt für die republikanische Bewegung. IRA war auf eine kleine Splittergruppe geschrumpft, die sich im Zustand innerer Zerrissenheit befand. Die Führung zog aus dem Scheitern der Grenzkampagne die Lehre, dass der bewaffnete Kampf ein Irrweg sei und orientierte sich zunehmend an linken Ideologien wie dem Marxismus. Die Waffenbeschaffung wurde eingestellt; viele Veteranen kehrten der Bewegung den Rücken.

Im Februar 1967 gründete sich die nordirische Bürgerrechtsbewegung, die ein Ende der Diskriminierung der katholischen Minderheit erreichen wollte. In der Bürgerrechtsbewegung waren Vertreter des linken Flügels der Republikaner aktiv, ohne einen dominierenden Einfluss auf die Bewegung auszuüben. Angriffe loyalistischer Extremisten auf Demonstrationen der Bürgerrechtsbewegung, die durch ein parteiisches Verhalten der RUC begünstigt wurden, führten zu schweren Unruhen, zu deren Beendigung im August 1969 die britische Armee eingesetzt wurde. Zuvor hatten loyalistische Extremisten ganze Straßenzüge in den katholischen Vierteln Belfast niedergebrannt. Mangels Waffen war die Belfaster IRA kaum in der Lage, die Übergriffe zu verhindern und damit ihre seit den 1920er Jahren bestehende Funktion als Verteidigerin der katholischen Stadtviertel auszufüllen. Ende 1969 spaltete sich die IRA in einen marxistisch orientierten Flügel, die Offical IRA, sowie einen größeren, gewaltbereiteren und nationalistisch orientierten Flügel, die Provisional IRA, die zu einem der Hauptakteure des Nordirlandkonflikts wurde.

Literatur

Einzelnachweise

  1. M.L.R. Smith: Fighting for Ireland? The Military Strategy of the Irish Republican Movement. Routledge, London 1995, ISBN 0-415-09161-6, S. 66.
  2. Coogan, I.R.A., S. 328.
  3. Tim Pat Coogan: The I.R.A. 15. Auflage, Fontana, London 1990, ISBN 0-00-636943-X, S. 337ff.
  4. Coogan, I.R.A., S. 333, 340ff.
  5. Smith, Fighting for Ireland, S. 67.
  6. Coogan, I.R.A., S. 383.
  7. Coogan, I.R.A., S. 335, 348, 383.
  8. Diese Einschätzung bei Smith, Fighting for Ireland, S. 67f.
  9. Coogan, I.R.A., S. 384, 386f.
  10. Coogan, I.R.A., S. 396ff. Kevin Haddick Flynn: Seáin South of Garryowen. In: History Ireland 1/15 (Abgerufen am 7. November 2011).
  11. Coogan, I.R.A., S. 399f.
  12. Coogan, I.R.A., S. 388.
  13. Coogan, I.R.A., S. 390.
  14. Smith, Fighting for Ireland, S. 69.
  15. Englisches Lob. In: Der Spiegel. Nr. 30, 1957, S. 29–31 (online). Coogan, I.R.A., S. 390, 412.
  16. Smith, Fighting for Ireland, S. 71.
  17. Coogan, I.R.A., S. 385. Smith, Fighting for Ireland, S. 71.
  18. Coogan, I.R.A., S. 418.
  19. Coogan, I.R.A., S. 384.

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