Boris Johnson
Boris Johnson 2006

Boris Johnson (bürgerlich Alexander Boris de Pfeffel Johnson; * 19. Juni 1964 in New York) ist ein britischer Publizist und konservativer Politiker. Seit Anfang Mai 2008 ist er Bürgermeister von London.

Wegen seines häufig exzentrischen Verhaltens ist er einer der bekanntesten und umstrittensten Politiker des Landes. Die britischen Boulevardzeitungen nennen ihn häufig Bo-Jo.

Johnson war von 1999 bis zum Dezember 2005 Herausgeber des konservativen Nachrichtenmagazins The Spectator. Er gab diesen Posten auf, als er als designierter Erziehungsminister in das Schattenkabinett des Oppositionsführers David Cameron berufen wurde. Von 2001 bis zu seinem Amtsantritt als Bürgermeister war er als Abgeordneter des Wahlkreises Henley Mitglied des britischen Unterhauses.

Johnson kandidierte bei den englischen Kommunalwahlen am 1. Mai 2008 als Bürgermeister von London und gewann die Wahl mit 53% vor Amtsinhaber Ken Livingstone.[1]

Inhaltsverzeichnis

Leben

Boris Johnson wurde 1964 als eines von vier Kindern von Stanley Johnson und seiner ersten Frau Charlotte Johnson-Wahl in New York geboren. Sein Vater war von 1979 bis 1984 Abgeordneter der Tories im Europäischen Parlament. Boris Johnsons Urgroßvater Ali Kemal war der letzte Innenminister des Osmanischen Reiches und veranlasste in dieser Funktion die Verhaftung Kemal Atatürks; er wurde später von Anhängern Atatürks gelyncht. Johnsons Großvater Osman Ali floh daraufhin nach London und nahm dort den Namen „Wilfred Johnson“ an.[2] Über seine Urururgroßeltern Adelheid Pauline Karoline von Rottenburg und den Freiherrn von Pfeffel, Karl Maximilian ist er durch das Königshaus Württemberg weitläufig mit Queen Elizabeth und Prinz Charles verwandt.[3] Ursprünglich besaß Boris Johnson die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und nahm erst später die britische an.[2]

Johnson besuchte die Europäische Schule Brüssel und das Knabeninternat Eton College in Eton und studierte am Oxforder Balliol College klassische Altertumswissenschaft. In Oxford war er Präsident des Debattierzirkels Oxford Union und Mitglied des Bullingdon Club.

Mit dreiundzwanzig Jahren heiratete er Allegra Mostyn-Owen, die Ehe wurde jedoch schon nach kurzer Zeit geschieden. Seit 1993 ist Johnson in zweiter Ehe mit der Anwältin Marina Wheeler verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor.

Medien und Boulevard

1995 wurde Johnson einer breiteren Öffentlichkeit durch mehrere recht kompromittierende Auftritte in der Fernsehsendung Have I Got News For You bekannt. Bei einem dieser Gastauftritte hielt ihm Ian Hislop, einer der Moderatoren der Sendung, Johnsons aus gemeinsamen Schulzeiten rührende Bekanntschaft mit dem rechtskräftig verurteilten Hochstapler Darius Guppy vor. Johnson revanchierte sich für diese öffentlichkeitswirksame Rufschändung mit der Enthüllung, dass die scheinbar vor spontanen Geistesblitzen sprühende Sendung tatsächlich bis auf den letzten Witz minutiös choreographiert sei. Weiterhin klingelte bei einem weiteren Auftritt plötzlich Johnsons Mobiltelefon. Dieses Malheur passierte ihm ein weiteres Mal bei einer Livesendung des Radiosenders BBC 2, wofür er von Richard Allison, dem Moderator der Sendung, gemaßregelt wurde.

Ein weiteres Mal machte sich Johnson zum Gespött des Publikums, als er vor seinem Wohnhaus von Journalisten interviewt wurde, seine Haustür zuschlug und er sich also vor laufenden Kameras aus seiner Wohnung ausschloss. Johnsons chaotischer Lebenswandel hat ihm aber nicht nur Spott, sondern durchaus auch viele Bewunderer eingebracht. Er hat mehrere nicht politisch ausgerichtete Fanclubs.

Johnsons Zerstreutheit macht sich auch in seinem ersten Buch Friends, Voters, Countrymen: Jottings on the Stump bemerkbar, einem 2001 veröffentlichten Erfahrungsbericht über den britischen Wahlkampf. Johnson konnte sich gelegentlich nicht an den Titel seines Buches erinnern, und so trägt der Schutzumschlag den Titel Jottings on the Stump, der Buchrücken aber den Titel Jottings from the Stump. Johnson veröffentlichte weiterhin zwei journalistisch angelegte Bücher (Johnson's Column und Lend Me Your Ears); 2004 erschien sein erster Roman Seventy-Two Virgins. Momentan arbeitet er dem Vernehmen nach an einem Buch darüber, was es heißt, Brite zu sein. Seit September 2004 verbreitet er seine Gedanken auch über ein eigenes Weblog.

Journalistische und politische Laufbahn

Nach seinem Universitätsabschluss arbeitete Johnson zunächst als Management-Berater, gab diesen Job aber nach nur einer Woche aus Desinteresse wieder auf und erhielt ein journalistisches Praktikum bei der renommierten Tageszeitung The Times. Weil er ein Zitat seines Patenonkels Colin Lucas, später Vizepräsident der Universität Oxford, verfälscht hatte, wurde er jedoch entlassen. Er schrieb dann für das mittelenglische Lokalblatt Wolverhampton Express and Star. 1987 wechselte er zum Daily Telegraph und schrieb in der Folge häufig die Leitartikel dieser Zeitung. Von 1989 bis 1994 berichtete er als Korrespondent des Blattes aus Brüssel von den Läufen der Europäischen Gemeinschaft. Von 1994 bis 1999 war er Mitherausgeber der Zeitung und wechselte dann als Hauptherausgeber zum konservativen Wochenblatt The Spectator, für das er bereits in den Jahren 1994 und 1995 gelegentlich politische Kommentare geliefert hatte.

Am 16. Oktober 2004 sorgte ein Leitartikel des Spectator für einen Skandal, der Johnsons Laufbahn ernsthaft gefährdete. In diesem Artikel beklagte das Blatt den Hang der Briten zur Sentimentalität, wie sie sich etwa nach dem Tod von Diana, Prinzessin von Wales, allerorts manifestiert habe. Der aktuelle Anlass war die Berichterstattung der britischen Presse während der Geiselnahme und Hinrichtung des Briten Kenneth Bigley durch irakische Terroristen. Der Leitartikel kritisierte in harschen Worten, dass sich die Bewohner von Bigleys Heimatstadt Liverpool quasi stellvertretend für Bigley in einer Opferrolle suhlten, und behauptete, dass viele Liverpudlians auch aus historischen Gründen eine „zutiefst hässliche Psyche“ hätten. Dies habe sich besonders deutlich 1989 gezeigt, als 96 Fußballfans im Sheffielder Hillsborough-Stadion in einer Massenpanik zu Tode kamen. Liverpool weigere sich, Verantwortung zu übernehmen für die „betrunkenen Fans der hinteren Ränge, die dumm und ohne Rücksicht versucht haben, sich nach vorne zu kämpfen“. Ebenso scheinheilig sei die aufgeblasen-tränenrührende Berichterstattung der Liverpooler Medien im Fall Bigley, denn tatsächlich habe kaum jemand den Trauergottesdienst für Bigley in der Liverpooler Kathedrale besucht.

Zwar hatte Johnson den Artikel nicht geschrieben (Der Journalist Simon Heffer sagte später, er habe aber daran „mitgewirkt“), doch übernahm er als Herausgeber des Spectator die Verantwortung dafür. Da Johnson zu dieser Zeit bereits prominent für die Tories aktiv war, befürchtete seine Partei bleibenden politischen Schaden. Parteichef Michael Howard beorderte Johnson nach Liverpool, um dort Abbitte zu leisten, und so musste sich Johnson vor laufenden Kameras der geballten Empörung der Liverpooler erwehren. Seine unbeholfenen Rechtfertigungen waren in Großbritannien eines der großen Medienereignisse des Jahres, und bis heute werden bei Stadtführungen dem interessierten Touristen die Orte gezeigt, an denen Johnson sich blamierte. Ihren Höhepunkt erreichte die Affäre bei Johnsons Besuch beim lokalen Radiosender BBC. Bei dieser Live-Sendung rief Paul Bigley an, der Bruder des ermordeten Kenneth Bigley, und sagte Johnson: „Sie sind ein egozentrischer, aufgeblasener Idiot - Verschwinden sie aus der Öffentlichkeit!“ („You are a self-centred pompous twit – get out of public life“).

Einzelnachweise

  1. Boris Johnson laut Zeitung neuer Bürgermeister von London
  2. a b The Boris Johnson story. BBC News, 4. Mai 2008, abgerufen am 9. Mai 2011 (englisch).
  3. Ahnenforschung in Augsburg - Londons OB entdeckt berühmte Verwandtschaft

Werke

Weblinks (englisch)

allgemein

 Commons: Boris Johnson – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

zur Liverpool-Affäre


Vorgänger Amt Nachfolger
Ken Livingstone Mayor of London
2008–

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