Boule-Spiel

Im engeren Sinne steht die Bezeichnung Boule?/i (von frz. la boule „die Kugel“, „der Ball“) oder Boule-Spiel nur kurz für die Kugelsportart Boule Lyonnaise, das sogenannte „Sport-Boule“.

In Deutschland wird aber „Boule“ (wie auch das Wort „Boccia“) umgangssprachlich mehr als Sammelbegriff für alle Kugelsportarten verwendet, so auch in diesem Artikel. Zu den Kugelsportarten gehören neben dem eingangs bereits genannten Boule Lyonnaise noch das daraus abgeleitete Jeu Provençal, dessen Ableger Pétanque, das britische Bowls und das italienische Boccia (auch „Raffa“ genannt). Neben diesen 5 „offiziellen“ Kugelsportarten gibt es noch weitere regionale Sportarten bzw. Kugelspiele, die ähnliche Regeln haben.

Mit „Boule“ verbinden viele Deutsche aber auch das vorwiegend von älteren Franzosen auf französischen Plätzen ausgetragene Freizeit-Kugel-Spiel. Der korrekte Name hierfür ist allerdings Pétanque. Dies ist mit rund 600.000 Lizenz-Spielern in 76 (nationalen) Pétanque-Verbänden die am weitesten verbreitete Kugelsportart.

Öffentliches Boulodrome in La Palmyre/Frankreich
Bowlsspieler in Aktion
Spieler beim Wurf

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Bereits 460 v. Christus ist eine Empfehlung griechischer Ärzte (u. a. von Hippokrates) für das Spiel mit Steinkugeln nachweisbar. Im 2. Jahrhundert nach Christus beschrieb Iulius Pollux ein Spiel, bei dem Kugeln auf einen Ziegelstein geworfen wurden; der Verlierer des Spiels musste den Sieger auf den Schultern ins Ziel tragen. Boccia und Boule Lyonnaise haben ihre gemeinsamen Wurzeln in diesem im Römischen Reich verbreiteten Spiel. Die Wurzeln von Bowls lassen sich bis ins London des 12./13. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Ab dem Mittelalter ist Boule in Frankreich vor allem durch dessen Verbote nachweisbar:

  • 1319 untersagte Philipp V. das Boulespiel
  • im 14. Jahrhundert der Erzbischof von Tournay (im frz. Département Hautes-Pyrénées)
  • 1629 gab es ein Verbot durch das französische Parlament, um das Federballspiel zu fördern
  • 1697 verbot die Pariser Synode Geistlichen „…in der Öffentlichkeit oder im Beisein von Weltlichen das Boulespiel“ [1]
  • dagegen hat der Erlass der Lyoner Polizei, nicht auf den Verbindungsstraßen zwischen den Orten und nicht auf den Hauptstraßen der Stadt zu spielen, einen rein regelnden Charakter
  • 1900 gehörte Boule zu den Sportarten, die in der französischen Hauptstadt Paris anlässlich der Weltausstellung (Exposition Universelle et Internationale de Paris) veranstalteten Internationalen Wettbewerbe für Leibesübungen und Sport (Concours Internationaux d’Exercices Physiques et de Sports) ausgetragen wurden. Mehrere dieser Wettbewerbe waren Bestandteil der Olympischen Sommerspiele 1900. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte Boule jedoch die offizielle Anerkennung als Olympische Sportart versagt.
  • 1907 wurde in der französischen Hafenstadt La Ciotat das erste Pétanque-Spiel ausgetragen (siehe: →Pétanque: Geschichte).

Organisationen

Internationaler Dachverband für die Boule-Sport-Arten Pétanque, Jeu Provençal, Boule Lyonnaise, Boccia und Bowls ist die Confédération Mondiale des Sports de Boules (C.M.S.B.).

In Deutschland gibt es den Deutschen Pétanque Verband (DPV), den Boccia Bund Deutschland (BBD) und den Deutscher Boule Verband Sektion Lyonnaise (DBLV), die sich zum Dachverband Deutscher Boccia-, Boule- und Pétanque-Verband zusammengeschlossen haben.

In Österreich wird Pétanque und Boccia im Rahmen des Österreichischen Pétanque-Verbands organisiert gespielt.

In der Schweiz sind Pétanque Fédération Suisse de Pétanque, Boule Lyonnaise (Fédération Suisse de Boules) und Boccia organisiert.

Begriffsklärung

Abgrenzung „Kugel“ – „Ball“

Die aus dem englischen Sprachraum stammenden Sportarten wie Bowling und Snooker verwenden für ihr kugelrundes Sportgerät den Begriff Ball (dt.: Ball, Kugel), obwohl der Gebrauch der Begriffe auch in den Regeln zum Teil uneinheitlich ist.

Bowling gehört als Kegelsport, Snooker als Billardsport nicht zu den Kugelsportarten. Kugelstoßen gehört zur Leichtathletik.

„Kugelsport“

Kugelsportarten im engeren Sinn sind die in der Confédération Mondiale des Sports de Boules (CMSB) organisierten Sportarten. Zitat: „Die C.M.S.B. wurde vom IOC (Comité International Olympique) am 15. Oktober 1986 in Lausanne als Vertreter aller Kugelsportarten anerkannt.“[2] (Näheres siehe unten unter: Organisationen)

Es gibt zumindest in Frankreich einige regionale in Verbänden organisierte Kugelsportarten, deren Regeln den Grundspielregeln (siehe unten) der CMSB-Sportarten sehr ähnlich sind. Diese werden hier ebenfalls behandelt.

Sportarten wie Curling und Stocksport sind von Taktik und der Spielanlage den Kugelsportarten ähnlich.

Vor allem im Brauchtums- und Freizeitbereich gibt es ebenfalls Kugelsportarten. Sind sie in der Spielanlage den CMSB-Sportarten ähnlich, werden sie ebenfalls hier behandelt. Weitere Kugelsportarten haben eher Weitwurfdisziplin-Charakter (z. B. Boßeln).

Abgrenzung Freizeitspiel – Sport

Als Freizeitvarianten sind in Deutschland vor allem Boccia und Boule bekannt.

Boccia

Boccia wurde in Deutschland besonders durch den ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer populär, der in Wochenschauen beim Boccia-Spiel im Italien-Urlaub gezeigt wurde. In der Folgezeit kam ein Freizeitspiel mit wassergefüllten Plastik-Kugeln auf den Markt, das mit dem eigentlichen Boccia-Spiel (Punto-Raffa-Volo) nichts gemeinsam hat.

Boule

Pétanque-Kugeln

Mit Boule verbinden viele Deutsche das vorwiegend von älteren Franzosen auf französischen Plätzen ausgetragene Freizeit-Kugel-Spiel. Der korrekte Name ist allerdings Pétanque. Die Franzosen benutzen Pétanque zur Abgrenzung zu anderen französischen Boule-(Kugel-)Sportarten.

Das Spiel auf öffentlichen Plätzen ist die Freizeitvariante, die Sportvariante wird auf oder in Vereinsanlagen (Bouleplatz (frz.: Boulodrome) oder Boulehallen) ausgetragen.

Eine Spielart des Boule ist das Crossboule, bei dem der Spielort nicht festgelegt ist, sondern sich dynamisch im allgemeinen öffentlichen Raum bewegt (ähnlich einer Variante des Boßelns).

In Deutschland wurde die Freizeitvariante vor allem von Frankreich-Urlaubern „importiert“ und meist Boule genannt. In den Spielregeln lehnen sich die Freizeitspieler an die Pétanque-Regeln an.

Die Sportvariante Pétanque wurde in Deutschland zunächst nahe der französischen Grenze und/oder in den französischen Besatzungszonen ausgeübt. So liegt z. B. in Berlin in der ehemaligen französischen Siedlung am Flughafen Tegel ein von Franzosen angelegtes Boulodrome, das nach Abzug der Franzosen vom Club Bouliste de Berlin e.V. aufgekauft wurde.[3]

Grundregeln

Kugeln an der Zielkugel, Rote im Kreis zählen

Bei allen genannten Sportarten spielen zwei Mannschaften oder Formationen gegeneinander, die aus 1 bis 4 Spielern bestehen. Die möglichen Mannschaftsstärken sind in den einzelnen Sportarten verschieden.

Ziel ist es, mit den eigenen Kugeln möglichst nah an eine Zielkugel zu gelangen. Die Zielkugel und die gegnerischen Kugeln können dabei auch herausgedrückt oder weggeschossen werden. In Frankreich wird die Zielkugel cochonnet (dt.: Schweinchen) genannt.

Manchmal geht es auch einfach nur darum, so präzise wie möglich zu schießen. Dafür gibt es im Pétanque und im Boule Lyonnaise das Präzisionsschießen, eine Art Schieß-Sonderwettbewerb.

Wettkampfkugeln

Spielszene mit Boulekugeln

In der Folgenden Tabelle sind die Maße und Materialien der Wettkampfkugeln aufgeführt.

Sport- und Kugelart Material Gewicht [Gramm] Durchmesser [mm] Besonderheiten
Kugeln bei den Boule-Sportarten
Boule Lyonnaise
Spielkugel
Zielkugel

Metall
Holz

900–1400
---

90–110
25–35
---
Boule-en-Bois
Spielkugel
Zielkugel

Holz
Holz

1500
---

100–130
55

Loch für Daumen
---
Boule-de-Fort
Spielkugel
Zielkugel

Holz mit Stahlmantel
Kunststoff

1300–1400
---

125
80

asymmetrisch
---
Boule-des-Berges
Spielkugel
Zielkugel

Metall
Stahl

1000–1100
---

100
>50
---
Jeu Provençal
Spielkugel
Zielkugel

Metall
Holz

650–800
---

70,5–80
25–35
---
Pétanque
Spielkugel
Zielkugel

Metall
Holz, Kunststoff

650–800
---

70,5–80
30
---
Boccia
Spielkugel
Zielkugel

Holz/Kunststoff
PVC

920–1000
---

107–113
39–41
---
Bowls
Spielkugel
Zielkugel

Holz
Holz

1570
---

135
25–35

einseitig abgeflacht
---
Zum Vergleich „Kugeln“ bei Nicht-Boule-Sportarten
Billard
Kegelbillard [a]
Carambolage [a]
Poolbillard
Russisches Billard
Snooker [b]
Phenolharz
früher:
Elfenbein[4]

194–220
205–220
179
200–284
142 ±0,3

60,3 ±0,5
61,5 ±0,1
57,2
78
52,5 ±0,05
---
Bowling [a] Kunststoffschale
Coverstock
Füllmaterial
2724–7264 218,3 mit 3 Löchern
für Finger
Kegeln homogene
Kunststoffmasse
2818–2871 160 ± 0,5 ---
  • [a] die Bezeichnung „Kugel“ wird nur umgangssprachlich verwendet, die Regeln der jeweiligen Sportart verwenden die Bezeichnung „Ball
  • [b] Bezeichnung unklar, umgangssprachlich „Ball“ oder „Kugel“ genannt, in den Materialnormen der Regeln der Deutschen Billard Union ist von „Kugeln“ die Rede.

Wettbewerbsformen

Es gibt verschiedene Wettbewerbsformen:

  • Turniere und Meisterschaften in Formationen
  • Turniere, Liga-Wettbewerbe und Meisterschaften mit Mannschaften

Mannschaften und Formationen

Eine Mannschaft besteht aus mehreren Formationen.

Boccia

Beim Boccia gibt es die Formationen

  • Iindividuale (Einzel)
  • Coppia (Doppel)
  • Terna (Dreier)

Boule Lyonnaise

Beim Boule Lyonnaise gib es folgende Formationen

  • Simple (Einzel)
  • Double (Doppel)
  • Triplette (Dreierteam)
  • Quadrette (Viererteam)

Bowls

Im Bowls werden folgende Formationen gespielt

  • Singles game (Einzel)
  • Pairs game (Doppel)
  • Triples game (Dreier-Team)
  • Fours game (Vierer-Team)

Ähnlich dem Tennis wird im Bowls vorwiegend Einzel (Singles game) gespielt. Außerdem gibt es ein Side games, Serien von Singles games, team games or side games sowie Turnierformen (tournament of games)

Jeu Provençal

Jeu Provençal wird vorwiegend als Triplette (3 Spieler) gespielt, außerdem gibt die Formationen Doublette (2 Spieler) und Tête à tête (1 Spieler)

Pétanque

Im Pétanque werden folgende Formationen gespielt:

Ab dem Doublette wird zwischen dem Pointeur (dem „Leger“) und dem Tireur (dem „Schießer“, frz. tir „Schuß“) unterschieden, im Triplette kommt noch der Milieu (frz. für „Mitte“) dazu.

In Deutschland werden Landes- und Deutsche Meisterschaften im Tête-à-Tête ausgetragen. International wird in der Regel Triplette gespielt. Im Gegensatz zum Bowls, wo meist Einzel gespielt wird, gibt es beim Pétanque weniger Turniere für die Einzelformation.

Daneben werden internationale und nationale Turniere sowie Meisterschaften für Mannschaften, die sich aus mehreren Formationen zusammensetzen, veranstaltet. Es gibt unterschiedliche Regeln über die zu einer Mannschaft gehörenden Formationen.

Präzisionsschießen

Beim Pétanque und Boule Lyonnaise gibt es die Disziplin Präzisionsschießen.

Die Lyonnaise-Disziplinen Tir progresif und Tir de précision stehen auf dem Programm bei den Worldgames und den Mittelmeerspielen.

Im Pétanque gibt es Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und Deutsche Meisterschaften im Tir de précision

Regionale Sportarten

Boule-en-Bois

Boule-en-Bois (auch Boule de bois oder La Vendéenne) ist ein Kugel-Spiel, das in Belgien in den Regionen Chimay, Momignies, Rance und Couvin, sowie vier kleinen Städten in Sud-Hainaut und Sud-namurois gespielt wird.

Boule-de-Fort

Ein Bahn für Boule-de-fort Pontigné.

Boule de fort ist ein traditionelles Kugel-Spiel im Anjou.

Es gibt folgende Besonderheiten: asymmetrische Kugeln und eine Art Rinne als Bahn, die 20 Meter lang und sieben Meter breit ist. Siehe auch Boulodrome.

Boule des Berges

Die Regeln von Boule des Berges (auch: Boule parisienne) wurden etwa 1865 entwickelt. Boule des Berges war 1900 Olympische Sportart.

Boule bretonne

Boule bretonne ist ein populärer Sport in der Bretagne, verwandt mit Boule Lyonnaise und Pétanque.

Ähnliche Sportarten

Ähnliches Spielziel wie beim Boule gibt es bei folgenden Sportarten, wenngleich mit anderem Sportgerät.

Beim Boßeln werden Kugeln weitgeworfen.

Einzelnachweise

  1. siehe: „Zeittafel zur Geschichte der Kugel-Spiele
  2. Zitat aus Artikel auf der Seite des DPV
  3. vgl.: Chronik auf der Website des Club Bouliste de Berlin e.V.
  4. die physikalischen Materialeigenschaften von natürlichem Elfenbein können durch Kunststoffe nicht vollständig erreicht werden

Quelle:DPV-Website Freigabe GFDL: Ticket#: 2006111710003577

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