Bouree

Die Bourrée (franz.; ital. borea, engl. boree) ist ein Hoftanz des französischen Hofes des 16. Jahrhunderts, der im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte zu einem Volkstanz in Zentralfrankreich (Auvergne, Berry, Morvan-Nivernais, Bourbonnais, Limousin) wurde.

Anhand einer falschen Quellenauslegung eines Standardwerkes zum Tanz von Curt Sachs (und nachfolgenden Autoren, welche sich ohne genaue Betrachtung des Originals der zitierten Quelle auf ihn berufen), wird in der deutschen Literatur zur Bourrée mehrheitlich fälschlicherweise behauptet, dass die Bourrée ein aus der Auvergne stammender Volkstanz gewesen sei, welcher zu einem höfischen Tanz wurde.

Die neuere Forschung belegt aber das Gegenteil.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Wie auch beim Autor Franz Magnus Böhme am Ende des 19. Jahrhunderts ist noch in der dritten Auflage der „Weltgeschichte des Tanzes“ von Curt Sachs zur Bourrée zu lesen, dass die Bourrée schon zu Zeiten der Katharina von Medici, also im 16. Jahrhundert, getanzt worden sei (siehe Quelle am Ende des Artikels). Auch behaupten einige Autoren in deutschen Fachbüchern (in der Fachliteratur Englands und Frankreichs wird dies im übrigen nicht behauptet), dass die Bourrée ein Volkstanz aus der Auvergne sei – tatsächlich gibt es aber in den uns überlieferten Quellen keinerlei Beweise hierfür.

Sie wurde erstmals von Herorad, dem Leibarzt des jungen Königs Louis XIII., in einem Brief erwähnt. In der Folgezeit kann die Bourrée an verschiedenen Orten nur als höfischer Tanz belegt werden.

Die Auvergne wird im Zusammenhang mit der Bourrée zum ersten Mal erst fünfzig Jahre später in Vichy erwähnt: Im Jahr 1665 (Clermont-Ferrand) von Fléchier als städtische Praxis und 1675 im Bourbonnais (Vichy) nach dem Bericht der Madame von Sévigné.

Die Quellen belegen, dass die Bourrée zunächst als Pariser Tanz erscheint, der am Hof praktiziert wird. Ihre spätere Praxis in der Auvergne scheint zwar wichtig gewesen zu sein, doch ist sie keine volkstümliche, geschweige denn eine bäuerliche Praxis.

Die ersten Erwähnungen der Bourrée belegen also eine höfische Praxis und wohl auch Herkunft. Erst im 19. Jahrhundert lassen sich bäuerliche Beispiele von 3/8-Bourrées in der Auvergne belegen.

Musik und Tanz

Die ersten schriftlich überlieferten Bourrées stammen aus dem 17. Jahrhundert und sind in geradem Takt notiert.

Die höfische Bourrée und ihr Grundschritt „pas de bourrée“ findet im 17./18. Jahrhundert als bourrée française im meist auftaktigen und synkopierten, lebhaften 2/2- oder Allabreve-Takt (auch 4/4 und 2/4) Eingang in Ballett, Oper und Suite, wo sie häufig zwischen Sarabande und Gigue eingeschoben wird. Enge Beziehungen bestehen zu Rigaudon und Gavotte. (Auch damit stellen sich höfische und nicht volkstümliche Verbindungen dar.)

Johann Sebastian Bach koppelte sie mit einem Double (diminuierende Variation eines Suitensatzes), nach dem die Bourrée wiederholt wird.

Als Volkstanz fand die Bourrée im 19. Jahrhundert auch eine Verbreitung im dreiteiligen Takt.

Anfang der Bourrée aus Opus 1 Nr. 7 von Johann Mattheson

Die missdeutete deutsche Quelle

Der Quellentext, auf den Sachs sich stützt und auf dessen Interpretation des Textes sich andere Autoren berufen, vermutlich ohne den Text selbst gelesen zu haben, ist folgender:

„Alle Tische wurden bedient von Heerscharen von verschiedenen Schäferinnen in goldenen und satinen Tuch und verschiedenen, entsprechend den verschiedenen Trachten aller Provinzen Frankreichs. Diese Schäferinnen, jedesmal, wenn sie von ihren wunderbaren Schiffen herabstiegen (auf denen /den Schiffen/, die von Bayonne bis zu dieser Insel kamen, wurde man immer begleitet von Musik mehrerer Meergötter, die Verse sangen und rezitierten, die immer von den Schiffen ihrer Majestäten handelten) hatten sich jeweils als kleine Gruppe auf je einer separaten Wiese eingefunden, auf den beiden Seiten einer Rasenallee, verlängerte sich bis zum oben erwähnten Saal, und dabei tanzte jede Truppe in der Art ihrer Herkunftsprovinz. Die Poitevines /aus Poitou/ mit ihren Dudelsäcken, die Provenzalen tanzten die Volta zu den Klängen ihrer Zimbeln, Bourgunderinnen und /Frauen / aus der Champagne mit einer kleinen Oboe, außerdem Geigen und Dorftrommeln; die Bretonen tanzten Passe-Pied und Branles gays [=lustige; aber auch als eine Stilart zu verstehen]; und so alle anderen Provinzen.“

Der Quellentext stammt aus den Memoiren (!) Margaretes von Valois, die als zukünftige Ehefrau Heinrichs IV. von Frankreich und auch als La reine Margot bekannt ist. Sie war zu diesem Zeitpunkt sehr jung und beschreibt in dem Text tatsächlich eine Huldigung der Provinzen der Königin gegenüber. Bzw. wurde hier eine Art „public relation“-Fest veranstaltet, mit dem der Hof zeigen wollte, wie er den Provinzen verbunden wäre. Solche Festkonzepte sind wesentlicher Bestandteil der höfischen Politik seit Englands Königin [Elisabeth I] (also der gleichen Epoche), welche mit dieser „Politik des Tanzes“ Nachahmer fand.

Es ist festzustellen, dass das Fest in Bayonne, welches sich im Baskenland (Pyrenäen, Atlantikseite) befindet, stattfindet. Es wird weder die Bourrée noch die Auvergne erwähnt.

Auch handelt es sich zwar um Tänze und Musik der Provinzen, doch es handelt sich gar nicht um eine volkstümliche Praxis; die „Bergères“ (Schäferinnen), von denen hier die Rede ist, sind keine veritablen Schäferinnen, sondern – wie damals üblich – edle Mädchen, die Schäferinnen darstellen, doch in goldenen wertvollen Kleidern. Eine übliche Praxis, nicht nur (aber gerade auch) am Hofe der Medicis.

Das Ganze weist auf die kulturelle Vielfalt in den oberen Schichten des damaligen Frankreich hin, jedoch ist dies kein Volkstanz – dies interessiert die Herrschenden zu dieser Zeit nicht, ebenso auch in keinem Fall die Bourrée, wenn sie tatsächlich ein Tanz der Bauern wäre.

Die Bourrée in der Populärmusik

Die Bourrée wurde von einigen Pop- und Rockmusikern als Motiv benutzt, zum Beispiel:

  • Die Progressive-Rock-Band Jethro Tull hat ein von Johann Sebastian Bachs "Bourrée in E-Moll" inspiriertes Instrumentalstück aufgenommen und erstmals 1969 auf dem Album Stand Up veröffentlicht.
  • Jimmy Page von Led Zeppelin hat den Anfang der Bourrée in E-Moll als Teil des Solos bei einer Live-Perfomance des Liedes Heartbreaker gespielt.
  • In den Titeln "Rock your Socks" und "Classico" der Band Tenacious D sind Ausschnitte aus der Bourrée in E-Moll eingebaut.
  • Blues Saraceno spielt eine Jazz-Version dieses Stückes zu Beginn und am Ende des Stücks "Bouree" auf seinem dritten Album "Hairpick".

Quellen

  • Curt Sachs: „Eine Weltgeschichte des Tanzes“, Olms, Hildesheim, 3. Auflage 1992 von der Ausgabe 1933, S. 275
  • Marguerite de Valois: „Mémoires, rélation de la fête à Bayonne en 1565“, Verlag Le Mercure de France, 1971 und 1986, 75006 Paris, 26, rue de Condé. Originaltext übersetzt von Corina Oosterveen
  • Corina Oosterveen: „Bourrée, Bourrée, Bourrée“, Verlag der Spielleute, 1999, S. 7-18

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