Box-Kamera

Als Boxkamera, auch Box-Camera bezeichnet man eine besonders einfache Kamera für Rollfilm, diesen Kameratyp gab es von 1900 bis etwa 1970 zu kaufen, populär war er bis Mitte der 1950er Jahre.

Zeiss Ikon Baldur

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Kodak Nr. 1 und Nr. 2

Kodak brachte 1888 mit der Kodak Nr. 1 eigens eine Kamera heraus, um seinen Rollfilm verkaufen zu können. Diese Kamera war von einfacher Konstruktion, um auch technisch unbegabte Interessenten ansprechen zu können. So musste man weder die Kamera auseinander klappen, noch viel daran einstellen.

Dies galt noch viel mehr für den Nachfolger Nr. 2 von 1901. Belichtete die Nr. 1 noch kreisrunde Bilder, so gab es nun rechteckige Negative im Format 21/4“ x 31/4“, was 6 cm x 9 cm entsprach. Neu an der Nr. 2 war auch das Gehäusematerial, Karton kam bislang noch nicht im Kamerabau vor. Damit konnte dieser Apparat im Gegensatz zur teuren Nr. 1 ungewöhnlich preisgünstig angeboten werden und damit zum gigantischen Erfolg werden. Nach 20 Jahren, er befand sich zu diesem Zeitpunkt immer noch in Produktion, waren bereits 2,5 Mio. Stück verkauft. Die sofortige Einsatzbereitschaft der Kamera drückte auch der Werbespruch aus: You press the button, then do the rest!, also frei übersetzt: Drücken sie erst einmal ab und erledigen sie dann alles weitere. Bei der Nr. 1 hieß es noch: You press the button, we do the rest!, dieses Modell gab man nämlich noch beim Fotohändler ab und bekam es später mitsamt neu eingelegten Film, Negativen und Abzügen zurück.

Der Begriff „Box“

In den USA

Kodak erwähnte anfänglich das Wort „Box“ überhaupt nicht, sondern gab den Modellen Namen wie Brownie. Man vermied sogar jeden Anschein, es könnte sich um ein Billigprodukt handeln, was beispielsweise im Slogan Not a toy, but a camera! zum Ausdruck kam. Der Volksmund sprach dann aber sehr bald von einer „Box-Camera“, so dass sich dieser Begriff dann auch durchsetzte.

In Deutschland

In Deutschland wäre der korrekte Begriff „Rollfilm-Kastenkamera“ gewesen. Kastenkameras gab es bereits zu Beginn der Fotografie, es handelte sich um das einfache Pendant der aufwändigen Balgkameras. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sprachen die Fotokataloge auch häufig von Schülerkameras. Diese Apparate verwendeten noch Glasplatten, welche separat mitzuführen und vor der Aufnahme aufwendig einzusetzen waren. Im Falle der neuartigen Rollfilmmodelle übernahm man aber sofort den Begriff „Box“ aus Übersee.

Technik

Gehäuse

Da das Gehäuse einfach und ohne teure Werkzeuge zu fertigen sein musste, bestand es vorzugsweise aus Stahlblech, bei teuren Kameras auch schon einmal aus leichtem Aluminiumblech, bei billigen aus Pappe. Kunststoffgehäuse waren selten, da die große Zeit dieses Werkstoffs erst mit Ende der Box-Ära begann.

Der typische Aufbau sah wie folgt aus: Es gab eine Frontplatte, an der das Objektiv, der Sucher und der Verschluss befestigt waren. Bei manchen Kameras war diese Platte fest mit den Seitenteilen verbunden und man konnte die rückwärtige Wand entweder aufklappen oder abnehmen. Dann ließ sich die Einheit für Filmführung und Spulenhalter herausnehmen, wozu man Filmtransportrad oder -knebel leicht herausziehen musste. In die ausgebaute Einheit ließ sich dann ein Film einspannen. So waren insbesondere die Agfa-Box-Kameras aufgebaut. Bei einer anderen Variante ließ sich die Frontplatte vom Gehäuse abziehen. In diesem Fall saß die Filmführung an der Frontplatte, wurde also aus dem Gehäuse mit herausgezogen.

Objektiv

Das Objektiv einer Box-Kamera bestand aus Kostengründen aus nicht mehr als zwei Linsen, in den allermeisten Fällen nur aus einer Linse.

Meniskus

Im Falle einer Linse kam ein Meniskus, auch Monokel genannt, zum Einsatz; also eine konvex-konkav geformte Sammellinse. Diese Linse konnte man vor oder aber – dann um 180° gedreht – hinter der Blende anordnen. Im letzteren Fall befand sich zumeist ein Schutzglas vor Blende und Verschluss. Auf die Abbildungsqualität hatte die Linsenposition keinen Einfluss, wohl aber auf die Verzeichnung. Vor der Blende angebracht erzeugte sie eine kissenförmige, dahinter eine tonnenförmige Verzeichnung. Letzteres bedeutete einen Tubus, der in die Kamera hineinragte. Dies führte zum vollkommen eckigen, aber auch sehr großen Gehäuse.

Eine akzeptable Abbildungsqualität ließ sich nur mit einem kleinen Öffnungsverhältnis erreichen. Beim Filmformat 6 x 9 liegt die Grenze bei 1 : 11, der dann auch häufig anzutreffen war. Weil die Abbildungsqualität eines Meniskus zum Bildrand hin rapide abfiel und dieser beim quadratischen Format 6 x 6 weniger weit weg lag, konnte man dabei die Öffnung auf 1 : 9 vergrößern.

Periskop

Die Verzeichnung eines Meniskus ließ sich durch den Einsatz von zwei solcher Linsen ausgleichen, die symmetrisch um die Blende herum angeordnet waren. Wegen der höheren Kosten kam dies aber selten zum Einsatz.

Achromat

Bei ganz wenigen Box-Kameras kam ein Achromat zum Einsatz, also zwei verkittete Linsen, deren Farbfehler sich ausgleichen. Dieser Aufwand ließ sich aber nur in der wenig nachgefragten oberen Preisklasse realisieren.

Entfernungseinstellung

Zumeist besaßen Box-Kameras keine Entfernungseinstellung, also ein Fixfokus-Objektiv. Bei 6 x 9 wurde dann alles ab etwa 3 m bis 4 m scharf abgebildet. Für den Bereich von 1 m bis 2 m gab es so genannte Portraitlinsen. An wenigen Kameras ließ sich auch eine Entfernung in zwei oder drei Stufen einstellen. Ein verschiebbares Objektiv bedeutete allerdings schon einen erheblichen Aufwand, der für die Billigmodelle nicht in Frage kam. Außerdem bestand die Gefahr, dass unerfahrene Benutzer dann schon einmal mit der falschen Einstellung unscharfe Bilder erzeugen.

Blende

So gut wie alle Kameras ließen sich abblenden, was gewöhnlich durch ein in den Strahlengang einschwenkbares Lochblech geschah. Zumeist standen die Blenden 11 und 16 zur Auswahl, manchmal auch bis zu 3 Blendenwerte. Die Werte selbst waren allerdings, wie die Verschlusszeiten, oft nicht eigens angegeben. Das Abblenden brachte bei einer Meniskuslinse einen erheblich größere (und beim Mittelformat akzeptable) Abbildungsqualität mit sich. Die damit erzielte größere Schärfentiefe war ein Nebenprodukt, teils diente die Blende, zusammen mit den einfachen Verschlusszeiten, einfach der Belichtungsregelung. Bei manchen Boxen war zusätzlich eine Nahlinse oder ein Gelbfilter auf dem Blendenschieber angebracht und konnte so einfach ausgewählt werden.

Verschluss

Da der Verschluss generell zu den teuren Teilen einer Kamera gehört, beschränkten sich dieser bei den Box-Kameras ebenfalls auf das notwendigste.

Praktisch alle Boxmodelle besaßen lediglich eine einzige Verschlusszeit, die im Bereich von 1/25 s bis 1/40 s lag und häufig, wie die Blende, nicht einmal vom Hersteller angegeben wurde.

Zum Standard gehörte allerdings auch die Umschaltung auf Langzeitbelichtung, der zugehörige Hebel besaß die Positionen M (für die Momentaufnahme 1/30 sek.) und Z (für die Zeitaufnahme). Der Verschluss bleibt hierbei offen solange der Auslöser gedrückt bleibt. Dies konnte technisch mit geringem Aufwand realisiert werden, ebenso wie der dazu eigentlich unumgängliche Drahtauslöseranschluss. Die eckige Bauweise der Kamera sorgte für die notwendige gute Auflagefläche, teils waren auch Stativgewinde vorhanden.

Aufgrund der anfangs geringen Filmempfindlichkeiten wurde mit dem offenen Verschluss so ein Photographieren auch bei bedecktem Himmel oder in Räumen möglich, auch das Blitzen war (unsynchronisiert) mit (pyrotechnischem) Blitzlichtpulver, Beutel- oder später sogar mit den saubereren, elektrisch gezündeten Kapselblitzen (Einweg-Birnen) möglich. Die Hersteller lieferten für das Abschätzen der Belichtungszeit bzw. Blitzentfernung jeweils Anleitungen mit.

Der Verschluss war, auch wegen seiner Einfachheit, selbstspannend, brauchte daher nicht, wie bei besseren Kameras, vor dem Auslösen in einem getrennten Schritt gespannt zu werden. Der Filmtransport war getrennt vom Auslöser und geschah durch einen zu drehenden Knebel oder ein Rädchen, über ein rotes Fenster auf Kamerarückseite musste dabei die richtige Stellung des Rollfilms beobachtet werden.

Rotationsverschluss

Bei den billigen Kameras bewegte sich beim Verschluss eine Scheibe in eine Richtung, wobei ein Langloch den Strahlengang kurzzeitig freigab. In der Endposition blieb sie stehen und drehte sich beim nächsten Auslösen in die andere Richtung. Der Auslösehebel stand entsprechend mal in der unteren, mal in der oberen Position, musste also abwechselnd in die eine und andere Richtung gedrückt werden. In Deutschland gab es dieses primitive System nur an frühen Eho-, Beier- und Agfa-Boxen. Einen solchen Verschluss besaß bereits die Kodak Nr. 1 (Eastmann Rotory Shutter).

Häufiger bewegte sich die Scheibe des Verschlusses und Auslösehebel nach dem Belichten in die ursprüngliche Position zurück. Während dieses Vorgangs senkte sich ein Löffel- oder Deckelschieber so in den Strahlengang, dass lediglich während des Herunterdrückens belichtet wurde.

Blitzsynchronisation

Mit dem Zeitverschluss war mit jeder Box ein (unsynchronisiertes) Blitzen bei offenem Verschluss möglich.

In den USA waren bereits Ende der 1940er Jahre Flash Blubs enorm populär. Philips und Osram stellten diese Blitzbirnen dann im Frühjahr 1950 auf der Photokina vor, woraufhin bereits zum folgenden Weihnachtsgeschäft die ersten synchronisierten Boxmodelle mit einem (bald auch genormten) Anschluss für die noch klobigen Blitzgeräte dafür herauskamen, noch bevor so etwas für die teuren Kameras, etwa die Leica, angeboten werden konnte.

Am Anfang der Einführung war die Blitzsynchronisation manchmal unzuverlässig. Blitzbirnen enthalten Leichtmetall-Drahtwolle oder -folie, die in dem mit Sauerstoff gefüllten Glaskolben verbrennt und dabei etwa eine 1/25 - 1/30 sek. lang leuchtet, was wiederum etwa der Verschlusszeit der Kamera entspricht. Aufgrund der für die Zündung notwendigen Zeit wird die Birne bei der Synchronisation etwa 1/50 Sek. vor Verschlussöffnung gezündet, was zunächst manchen Herstellern Probleme bereitete. Die genaue Zeit war bei manchen Kameras etwa vom Druck auf den Auslösehebel abhängig. Bei anderen Kameras, etwa der Tengor-Box von Zeiss Ikon, arbeitete dies aber von Beginn an einwandfrei.

Ein weiteres Problem bereitete die für die Birnen eher geringe Zündspannung, einhergehend mit einem hohen Batterieverbrauch. Oft hatten die Blitzgeräte lediglich eine 1,5 V-Batterie, später wurden 22,5 V-Hörgeräte-Batterie (oder stärkeres) eingebaut. Mit der Konstruktion der batterieschonenden Kondensator-Schaltungen als Spannungswandler hatte sich das Problem bald erledigt.

Zählwerk

Alle Box-Kameras verwendeten auf dem Papierträger des Rollfilms aufgedruckten Zahlen (siehe Rollfilm) als Zählwerk, analog etwa den späteren Filmkassetten. Die Zahlen (und Pfeile) wurden durch ein rotes Fenster beobachtet, der Film nach dem Belichten bis zur nächsten Zahl weitertransportiert. Kameras, die mit Masken auf verschiedene Bildformate umbaubar waren besaßen entsprechend mehrere Fenster, was aber auch zu Verwechselungen führen konnte. Mit Erscheinen der empfindlicheren Isochrom-Filme Mitte der 1930er Jahre und mit der (teils üblichen) Verwendung von Rollfilmformaten ohne Papierträger bekamen das rote Fenster einen Schieber, um es bei Bedarf lichtdicht verschließen zu können.

Sucher

Rahmensucher

An frühen Boxkameras ließ sich häufig ein einfacher Rahmen ausklappen, der als Sucher diente. Die Kamera wurde dazu in Augenhöhe gehalten. Dies entsprach selbst in den 1930er Jahren aber längst nicht mehr dem Stand der Technik und kam später nicht einmal mehr bei den primitivsten Kameras vor.

Brillant-Sucher (und Mattscheibensucher)

Fortschrittlicher als der Rahmensucher war der häufige Brillantsucher, was in der Werbung für gehobenere Modelle gerne hervorgehoben wurde. Eine rechteckig geschliffene Sammellinse zeigte über einen Spiegel ein seitenverkehrtes, vergleichsweise helles Bild. Ein Nachteil bestand in der etwas unpräzisen Begrenzung. Die Brillantsucher waren in der Regel doppelt vorhanden, für Hoch- und Querformataufnahmen. Der Lichteintritt war an der Frontplatte der Kamera, der Einblick war an der jeweiligen Gehäuseseite. Gezeigt wurde, wie beim späteren Schachtsucher zweiäugiger Kameras, ein seitenverkehrtes, allerdings kleines Bild. Kameras mit Brillantsucher wurden meist bzw. normalerweise in Bauchhöhe gehalten und ausgelöst.

Beim Mattscheibensucher handelt es sich um den lichtschwächeren, sonst weitgehend ähnlichen Vorläufer des Brillantsuchers. Er sollte nicht mit der Mattscheibe der Großformatkameras oder Spiegelreflexkameras verwechselt werden.

Durchsichtsucher

Der bei den Sucherkameras übliche Durchsichtsucher (in den verschiedenen Bauarten) ließ sich am rechteckigen Box-Gehäuse nicht praktikabel anbringen, er war erst bei späteren Kunststoff-Bauarten der Box üblich. Zu nennen ist hier die Agfa Clack, eine der ersten Kameras mit entsprechendem Gehäuse. Die Clack kann technisch zwar noch zu den Box-Kamera gezählt werden, konnte aufgrund des formschönen, recht modernen Kunststoffgehäuses (und des Preises) gut mit anderen, zeitgleichen Kameramodellen mithalten.

Verbreitung

Vor dem ersten Weltkrieg

Zu Beginn des Rollfilms besaß Kodak einen großen technischen Vorsprung. Keinem anderen Hersteller gelang es, einen flexiblen Filmträger zu entwickeln, Agfa gab seine Bemühungen 1905 sogar vorübergehend auf. So stand Kodak mit seinen Box-Kameras konkurrenzlos dar. Den deutschen Markt eroberte man daraufhin mit einer bislang unbekannten Intensität. Sehr zum Ärger des Fotohandels begann man 1911 auch noch, ein eigenes Verkaufsnetz aufzubauen. Mit Kriegsbeginn verschwanden US-Produkte für die nächsten zehn Jahre vom Markt, erst nach der großen Inflation konnten sie wieder angeboten werden.


Situation um 1925

Die Ankündigung Kodaks, wieder auf dem deutschen Markt aktiv zu werden, stieß zwar auf wenig Begeisterung, inzwischen glaubte die deutsche Industrie aber mithalten zu können. So sagte der Vorsitzende des Photo- und Kinohändler-Bundes, Franz Herder im Fachmagazin Die Photographische Industrie: „Sollte die Kodak A. G. ... geglaubt haben, dass die deutschen Händler wie in früheren Jahren sich ausschließlich mit dem Verkauf der Kodak-Erzeugnisse in den Hintergrund stellen würden, dann hat sie sich geirrt. Wir können ohne Übertreibung sagen, dass Apparate, Filme und Papiere heute in Deutschland in erstklassigen Qualitäten hergestellt werden.“ Tatsächlich produzierte AGFA seit 1915 Rollfilme und kam 1916 mit den Modellen Film-K von Ernemann aus Dresden die ersten Kameras dafür heraus. Diese Kastenkameras in Holzbauweise mit angesetztem Verschluss konnten zwar eine Kodak noch nicht in den Schatten stellen, stellte aber schon einmal ein Anfang dar. So vermochte Kodak 1925 nicht mehr konkurrenzlos allein auf dem deutschen Markt agieren. Schon im Frühjahr 1924 erschien die erste deutsche Box-Kamera, die mangels Werbung und technischer Perfektion aber kaum Käufer fand.

Volkskamera

Um 1928 war unter den Fotoverkäufern der Begriff „Volkskamera“ populär, noch bevor von Volkswagen und Volksempfänger gesprochen wurde. Darüber, wie solch eine ebenso leicht zu bedienende, wie preisgünstige Kamera aussehen sollte, bestand aber noch Uneinigkeit. Manche forderten zunächst einen Apparat für die Fotoplatten im Format 9 x 12, darunter der schon sehr bekannte Fotoversender Hanns Porst.

Technisch hielt man ein kleineres Format anfangs für qualitativ unzulänglich, hier und da spielte auch die Abneigung gegen den „amerikanischen“ Rollfilm eine Rolle. Ganz fortschrittliche Stimmen dachten an den Kleinbildfilm, der Stand der Technik gestattete es allerdings noch nicht, hierfür wirklich preisgünstige Kameras herzustellen. Mit kleinen Formaten konnte man keine genügend großen Kontaktabzüge anfertigen, also mit minimalem Aufwand Papierbilder erzeugen. Vergrößerungen waren so vergleichsweise teurer, da auch technisch aufwendiger.

Die Fabrikanten machten dann mit neuen Rollfilmkameras den ersten Schritt, insbesondere wies Zeiss-Ikon mit der Box Tengor den Weg.

Der Durchbruch

Im Oktober 1930 stellte Emil Hefert (Firma Eho) aus Dresden sein Modell mit den Worten vor: „Eho, die Volkskamera im wahren Sinn des Wortes.“ Max Baldeweg (Firma Balda) präsentierte ebenfalls eine interessante Box, und vor allem verhalf die mächtige Agfa der Box zum gigantischen Erfolg, woran richtungweisende Werbekampagnen ihren Anteil hatten (siehe Agfa-Box). Motor für diese Aktivitäten war vor allem die miserable Wirtschaftslage, der Umsatz der Fotohändler fiel 1930 ganz besonders übel aus, der die Händler im Sommer dieses Jahres zur gemeinsamen Werbeaktion bewog, mit dem Slogan „Wer photographiert, hat mehr vom Leben“, der sich in allen Schaufenstern fand.

Resonanz der Fotohändler

Die Fotohändler begeisterten sich nur wenig für den Boom der neuen Einfachkameras. Zwar begrüßten sie den neuen Kundenkreis, darunter insbesondere die Schüler, aber dass sogar „prestigebewusste Mercedes-Fahrer“ sich mit den „Idiotenkameras“, wie sie diese Apparate gerne nannten, begnügten, ging erheblich zu weit. Viel lieber verdienten sie 100 RM am Verkauf einer Leica, als die gleiche Summe mühsam mit zahlreichen 6 x 9-Abzügen. Der Münchner Fotohändler Fisius beschrieb hierzu im Fachblatt Die Photographische Industrie seine Eindrücke beim Nachmittagskaffee eines noblen Heidelberger Ausflugsrestaurant im Juli 1934: „Innerhalb einer Stunde zählte ich zwei Leicas, eine Contax, eine Rolleiflex, zwei oder drei Rollfilm-Apparate in der Art der Bessa oder Ikonta und 18 Boxkameras!“ Dabei befand er: „All diese Leute, die ich mit einer Box sah, und zwar meistens mit der billigen Vier-Mark-Box, hätten sich einen besseren Apparat leisten können.“ Und seine Erregung ging dabei so weit, dass er vorschlug die Box „... alle denen zu verekeln, die sich sehr wohl einen besseren Apparat leisten können.“ Es sollte so sein, „... dass man, wenn man etwas auf sich hält, nicht auf der Promenade, auf der Reise und im vornehmen Seebad eine Boxkamera spazieren tragen darf. Es muß mindestens eine zusammenklappbare Rollfilmkamera sein!“ Diese Gedanken blieben allerdings nur ein Wunsch, aufhalten konnten sie die Box nicht.

In der Nachkriegszeit

Nach 1945 ließen neue Einfach-Kameras auf sich warten. Zunächst begann die Produktion der teuren Modelle, etwa bei Rollei und Leitz. Erst nach der Währungsreform erschienen wieder Box-Kameras, 1949 beinahe wöchentlich neue Modelle. Dabei verwunderte das mittlerweile antiquierte Design schon ein wenig, insbesondere, dass Agfa nur ein technisch unverändertes Vorkriegsmodell herausbrachte. Dennoch verkauften sich diese Kameras besser als je zuvor. Noch 1954 fanden sie reißenden Absatz, Anfang 1955 änderte sich die Situation aber sehr plötzlich. Insbesondere die modern geformte Agfa Clack ließ die bisherigen Blechkästen so alt erscheinen, dass sie nun kaum noch jemand haben wollte.

Fotografieren mit einer Box

Bildqualität

Die eingeschränkte Qualität der einlinsigen Objektive produzierte ausgesprochen flaue Bilder, weswegen es sich unbedingt empfahl, dem mit viel Sonnenschein entgegenzuwirken. Allerdings waren die meisten Box-Kameras ohnehin im Sommerhalbjahr, insbesondere in der Ferienzeit im Einsatz.


Bewegte Motive

Neben der Kontrastarmut ließen sich Bilder der Box-Kameras auch an der Bewegungsunschärfe erkennen. Die lange Verschlusszeit verlangte nach möglichst unbewegten Motiven, laufende Menschen erschienen schon ziemlich unerkenntlich, von Aufnahmen von fahrenden Automobilen oder Zügen musste man absehen.

Farbfilme und hochempfindliche Filme

Alle Berichte sprachen einstimmig davon, dass sich mit Box-Kameras problemlos Farbfilme belichten ließen, obwohl die Objektive dafür nicht besonders korrigiert waren. Allerdings hatte dies nur theoretische Bedeutung, zwar nahmen die autorisierten Agfa-Händler ab Januar 1950 Farbfilme zur Entwicklung an, so gut wie niemand legte jedoch einen solchen Film in eine Box ein, war dies doch, wie zu anfangs jeder Farbfilm, immens teuer. Dies betraf nicht nur die Filme, sondern auch die Abzüge davon, kostete doch ein Abzug im Format 9 x 12 mit etwa 2 DM vier- bis fünfmal soviel wie in schwarzweiß.

Beim Verwenden von hochempfindlichen Filmen über ISO 100/21°, und bei Filmen mit breiter Empfindlichkeit über das ganze Farbfrequenzspektrum (sog. PAN-Filmen), wie sie in den 1950er Jahren zunehmend erschienen, war mitunter Vorsicht geboten. Insbesondere bei Verwendung von Filmen ohne Papierrückenteil. Die mögliche Fehlerquelle war dieselbe. Das rote Fenster des Bildzählwerks hielt dafür nicht genügend Licht vom Film fern, so dass sich mitunter ein weißer Fleck mit der Bildzahl in der Mitte auf dem fertigen Abzug befand.

Natürlich war hier unter Umständen auch die feste Verschlusszeit der Box im Weg. War es beim Vergrößern von Schwarz-Weiß-Material noch möglich, im Labor die Belichtung nachträglich zu korrigieren, lieferte diese Praxis beim Farbmaterial mit seinem geringeren Belichtungsspielraum mitunter schlechtere Ergebnisse. Die weitergehende Entwicklung der Kamera- und Filmentwicklung lieferte aber bald Lösungen hierfür.

Blitzen - Beutelblitz und Blitzlichtbirnen

Vor dem Krieg lief das Blitzen generell mit speziellem Blitzlichtpulver ab. Gewöhnlich mischte man Magnesium und Kaliumchlorat im bestimmten Verhältnis und entzündete es mit einem mechanischen Gerät, welches mit einem Reibstein Funken erzeugte. Diese Prozedur ließ sich mit dem Beutelblitz vereinfachen. Diese ähnelten einem Teebeutel, sie enthielten Blitzpulver und besaßen eine Schnur zum Aufhängen an ihrer Oberseite und eine Zündschnur an der Unterseite. Diesen Beutel hing man beispielsweise an einen Besenstiel auf und stellte tunlichst eine Auffangschüssel darunter.

Bei verdunkeltem Raum öffnete man den Kameraverschluss und hielt ein Streichholz an die Zündschnur. Die Verbrennung erzeugte allerdings Rauch, Dreck und Staub. Zudem bestand Feuergefahr, auf brennbares Material in der Umgebung musste sehr geachtet werden. Kolbenblitzgeräte (Kapselblitze, Blitzlichtbirnen, Flash Bulbs) stellten daher einen wesentlichen Fortschritt dar.

Das Blitzen mit den neuen Blitzgeräten für Blitzlichtbirnen war zunächst ausgesprochen teuer. Schon die Geräte selber kosteten nahezu soviel wie die (einfache) Kamera selber, hinzu kamen Batterien und die Birnen zu anfänglich 80 Pf, später fiel ihr Preis auf immer noch teure 40 Pf. Schließlich kostete ein Schwarzweißfilm damals gerade einmal 1,50 DM! Aus diesem Grund kaufte kaum jemand diese Geräte für eine Boxkamera.

Für Berufs- und Pressephotographen stellten sie aber eine brauchbare Weiterentwicklung dar, der später Kondensatorblitze und Elektro- bzw. Elektronikblitze folgten.

Bekannte Hersteller

In Deutschland

Bilora Boy

Die in Deutschland am weitesten verbreitete Boxkamera ist die preiswerte Agfa Box in ihren verschiedenen Ausführungen. Zu den weiteren Herstellern von Boxkameras gehören u.a. die deutschen Firmen Woldemar Beier (Freitaler Kameraindustrie Beier & Co.), Carl Braun, Certo-Camera-Werk, Colibri-Kamerabau, Dangelmaier, EHO, Zeiss Ikon (Tengor-Boxen), Ernemann, Camera-Werk Adolf Gerlach, ICA, Eduard Liesegang, Friedrich Linden, Steinheil und Münster Kamerabau, Pouva (Marke Pouva Start), Kürbi & Niggeloh Radevormwald (Markenname Bilora), Vredeborch aus Nordenham (Marke Aleata, z.Bsp. Baby Box, Optomax-Syncrona).

Im Ausland

In Frankreich wurden Boxkameras von Luminor, Lumiere & Cie. und Boyer hergestellt; auch in Großbritannien (R. & J. Beck, APM, Houghton-Butcher, Newman & Guardia), den USA (Argus, Herbert George Co., Herco, Shaw-Harrison Corp.) sowie in Italien (Fiamma), Ungarn (MOM) und Australien (Sigma) gab es Boxkamera-Fabriken.

Literatur

  • Hans-Dieter Götz: Box Cameras Made in Germany. Wie die Deutschen fotografieren lernten. 160 Seiten. Gilching: vfv Verlag für Foto, Film und Video 2002. ISBN 3-88955-131-9
  • Colin Ford und Karl Steinorth: Eine runde Welt. Aus den Anfängen der Schnappschußfotografie. 138 Seiten. Berlin: Nishen 1988. ISBN 3-88940-029-9
  • Willi Kerkmann: Deutsche Kameras 1900 - 1945 und Deutsche Kameras 1945 - 1986. jeweils ca. 270 Seiten. Lindemanns 1987
  • Peter Wache: Bilora - 40 Jahre Kamerageschichte Alle Kameras von 1935 bis 1975. 64 Seiten - Peter Wache Eigenverlag

James E. Cornwall "Historische Kameras 1845-1970" 260 Seiten.vwi-Verlag,Herrschig/Ammersee. ISBN-3-88369-115-1 (Beschreibung und Abbildung von mehr als 800 Cameras)

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