Bradypodidae
Dreifinger-Faultiere
Braunkehl-Faultier (Bradypus variegatus)

Braunkehl-Faultier (Bradypus variegatus)

Systematik
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Ordnung: Zahnarme (Pilosa)
Unterordnung: Faultiere (Folivora)
Familie: Dreifinger-Faultiere
Gattung: Dreifinger-Faultiere
Wissenschaftlicher Name der Familie
Bradypodidae
Gray, 1821
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Bradypus
Linnaeus, 1758
Braunkehl-Faultier auf einem Ameisenbaum

Die Dreifinger-Faultiere (Bradypodidae, Bradypus) sind eine Säugetierfamilie und -gattung aus der Ordnung der Zahnarmen (Pilosa). Zusammen mit den Zweifinger-Faultieren (Megalonychidae) bilden sie die Unterordnung der Faultiere (Folivora). Der Name Dreizehen-Faultiere, der diesen Tieren manchmal gegeben wird, ist insofern missverständlich, als auch die Zweifinger-Faultiere an den Hinterfüßen drei Zehen besitzen.

Inhaltsverzeichnis

Verbreitung

Dreifinger-Faultiere leben auf dem amerikanischen Kontinent, ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Mittelamerika (Honduras) bis nach Südamerika. Sie fehlen allerdings im Bereich der Anden, in den Llanos-Regionen entlang des Orinocos und im Süden des Kontinents.

Beschreibung

Körperbau

Der Körperbau der Dreifinger-Faultiere ist an eine kopfunter in den Bäumen hängende Lebensweise angepasst. Sie erreichen eine Kopfrumpflänge von 40 bis 70 Zentimeter und ein Gewicht von drei bis fünf Kilogramm, sind also etwas kleiner als ihre zweifingrigen Verwandten. Die Gliedmaßen sind lang und kräftig, wobei die vorderen Extremitäten deutlich länger als die hinteren sind, und enden jeweils in drei Zehen, die mit scharfen, hakenförmigen Krallen versehen sind. Im Gegensatz zu den schwanzlosen Zweifinger-Faultieren haben diese Tiere einen kurzen, zwei bis neun Zentimeter langen Schwanz. Ein weiterer Unterschied liegt in der Zahl der Halswirbel. Während die meisten Säugetiere derer sieben haben (die Zweifinger-Faultiere haben sechs oder sieben), besitzen diese Tiere neun Halswirbel, was ihnen eine größere Beweglichkeit des Kopfes ermöglicht: sie können den Kopf in einem Bogen von 270 Grad drehen und erreichen so mehr Nahrungsquellen, ohne die Gliedmaßen bewegen zu müssen.

Das Fell

Ihr Körper ist von einem dichten Fell bedeckt, das sich aus einem weichen Unterfell und zottigen, dicken Haaren darüber zusammensetzt. Diese Haare sind der Länge nach gerillt und im Gegensatz zu den meisten anderen Säugetierarten vom Bauch weg gescheitelt, um ein besseres Abfließen des Regenwassers zu ermöglichen. Das Fell ist meist graubraun gefärbt, aufgrund der darin lebenden Algen und Cyanobakterien macht es oft einen grünlichen Eindruck. Dieser Effekt, der besonders stark in der Regenzeit zum Vorschein kommt, dient den Tieren als Tarnung. Männliche Tiere sind darüber hinaus durch einen gelben oder orangefarbenen Fleck am Rücken erkennbar. Das Fell dieser Tiere dient darüber hinaus mehreren Insektenarten als Lebensraum, ein einzelnes Exemplar kann eine Wohnstätte für mehr als tausend Käfer sein. Mehrere Schmetterlinge aus der Gruppe der Chrysauginae (Familie Zünsler) wie Cryptoses choloepi oder Bradipodicola hahneli, leben sogar von ihnen. Wenn Dreifinger-Faultiere auf den Boden klettern, um zu defäkieren, verlässt die Motte das Fell ihres Wirts und legt ihre Eier in die Exkremente. Die Larven ernähren sich davon und suchen sich nach der Metamorphose einen neuen Faultierwirt. [1]

Gesicht und Zähne

Der Kopf der Dreifinger-Faultiere ist klein und rund, die Nase erhebt sich leicht aus dem Gesicht. Die Augen sind klein, ebenso die Ohren, die im Fell verborgen sind. Gesichts- und Geruchssinn sind schlecht entwickelt. Diesen Tieren fehlen die Schneide- und Eckzähne, sie haben insgesamt 18 Backenzähne, fünf auf jeder Oberkiefer- und vier auf jeder Unterkieferseite, wobei die jeweils vordersten Zähne deutlich kleiner sind. Die Zähne sind stiftartig und wachsen das ganze Leben hindurch.

Lebensweise

Die Lebensweise dieser Tiere ist geprägt durch einen kopfunter hängenden Lebensstil und die nährstoffarme Ernährung, die eine äußerst energiesparende Lebensweise erfordert.

Lebensraum und Fortbewegung

Dreifinger-Faultiere bewohnen ausschließlich tropische Regenwälder, wo sie nahezu ihr gesamtes Leben in den Bäumen hängend verbringen. Sie fressen und schlafen in dieser Haltung, auch die Paarung und die Geburt erfolgt in dieser Stellung. Der Griff der Gliedmaßen und hakenförmigen Krallen ist so fest, dass die Tiere sogar nach ihrem Tod eine Weile im Geäst hängen bleiben können. Sie bewegen sich äußerst langsam fort, Schätzungen über ihre Höchstgeschwindigkeit belaufen sich auf maximal vier Meter pro Minute. Sie kommen nur auf den Boden, um zu urinieren und defäkieren – was aufgrund der niedrigen Stoffwechselrate nur alle ein bis zwei Wochen nötig ist – oder um zu einem anderen Baum zu gelangen. Diese Wechsel der Bäume geschehen aber weitaus seltener als bei den Zweifinger-Faultieren. Am Boden bewegen sie sich unbeholfen, sie krabbeln mit den Unterarmen und Sohlen der Hinterbeine vorwärts und schaffen dabei nur 2,5 Meter pro Minute. Allerdings können sie gut schwimmen.

Sozialverhalten und Aktivitätszeiten

Dreifinger-Faultiere sind Einzelgänger, die außer zur Paarung keinen Kontakt mit Artgenossen suchen. Sie bewohnen ein Gebiet von durchschnittlich zwei Hektar Größe, in ihrer natürlichen Umgebung beträgt die Bevölkerungsdichte rund sechs bis sieben Tiere pro Hektar. Im Gegensatz zu den Zweifinger-Faultieren, die hauptsächlich nachtaktiv sind, haben diese Tiere keine festen Aktivitätszeiten, die wenigen Stunden, die sie nicht schlafend verbringen, können sowohl am Tag als auch in der Nacht liegen.

Ernährung und Stoffwechsel

Dreifinger-Faultier beim Fressen

Die Nahrung der Dreifinger-Faultiere besteht fast ausschließlich aus Blättern, gelegentlich ergänzt durch Knospen und dünne Zweige. Sie bevorzugen dabei die Blätter der Ameisenbäume (Cecropia). Ihr Magen ist groß und komplex. Er besteht aus drei unvollkommen abgegrenzten Speichermägen und einem Hauptmagen. Symbiotische Bakterien unterstützen die Fermentation der Blätternahrung.

Die Stoffwechselrate liegt 40 bis 45 % niedriger als die von Säugetieren vergleichbarer Größe, auch benötigen sie sehr lange, um die Nahrung zu verdauen. Einem vergrößerten Verdauungstrakt steht eine geringe Muskelmasse gegenüber, die nur 25 bis 30 % des Körpergewichtes ausmacht. Aus diesen Gründen ist ihre Körpertemperatur niedriger und variabler als die der meisten anderen Säugetiere. Sie liegt bei rund 34 Grad Celsius und kann im Schlaf um bis zu zehn Grad absinken. Zum Ausgleich aalen sich diese Tiere, ähnlich vielen Reptilien, häufig in der Sonne. Zu ihrer energiesparenden Lebensweise gehören auch die langen Ruhezeiten, Tiere in Gefangenschaft verbringen bis zu 19 Stunden pro Tag schlafend, etwas mehr als die Zweifinger-Faultiere. Studien bei wildlebenden Dreifinger-Faultieren haben allerdings ergeben, dass sie nur rund 9,6 Stunden pro Tag schlafen – deutlich weniger als bisher angenommen. [2] Dieses Phänomen lässt sich auch bei anderen blätterfressenden Säugetieren, beispielsweise dem Koala beobachten.

Eine weitere Folge der niedrigen Stoffwechselrate ist, dass die Defäkation nur alle ein bis zwei Wochen nötig ist. Zu diesem Zweck verlassen die Tiere die Bäume und klettern auf den Boden. Sie graben mit ihrem kurzen Schwanz ein Loch und entleeren ihren Darm. Dieser Vorgang kann bis zu einer halben Stunde dauern. Warum die Tiere den mühsamen Weg auf den Boden unternehmen, statt ihren Stuhlgang in üblicher hängender Weise zu verrichten, ist nicht restlos geklärt. Eine Theorie besagt, dass sich das Verhalten evolutionär dadurch ausbildete, dass die auf diese Weise erfolgende Düngung der Bäume die Anzahl der notwendigen Reisen zu anderen Bäumen sinken ließ. [3]

Verhalten gegenüber Fressfeinden

Zu den Fressfeinden der Dreifinger-Faultiere zählen Jaguare, Harpyien und Riesenschlangen wie Anakondas. In erster Linie verlassen sie sich auf ihre Tarnfarbe und ihre Reglosigkeit, im Falle eines Angriffes können sie aber erstaunlich schnell mit den Vorderpranken zuschlagen und so dem Angreifer mit den scharfen Krallen tiefe Wunden zufügen.

Fortpflanzung

In einigen Populationen der Dreifinger-Faultiere fallen die meisten Geburten in den Beginn der Trockenzeit (März bis April), während andere keine saisonale Paarungszeit kennen. Mit einem schrillen Rufen versucht das paarungsbereite Weibchen das Männchen anzulocken - diesen Rufen verdankt das Weißkehlfaultier seinen Namen „Ai“. Das Männchen reagiert, indem es sich stumm und langsam nähert. Die Paarung erfolgt in der für die Tiere typischen hängenden Lebensweise. Danach zieht sich das Männchen wieder zurück und überlässt die Aufzucht des Nachwuchses allein den Weibchen. Nach einer Tragzeit von rund sechs Monaten kommt ein einzelnes, rund 200 bis 250 Gramm schweres Jungtier zur Welt. Faultiere errichten keine Nester für ihre Jungen, sondern tragen sie in den ersten Lebenswochen auf dem Bauch mit sich. Nach rund sechs Wochen wird das Jungtier entwöhnt, bleibt aber noch einige Zeit bei seiner Mutter; erst mit rund sechs Monaten wird es ziemlich abrupt alleingelassen und das Weibchen ist bereit für die nächste Paarung. Im dritten Lebensjahr erreichen die Jungtiere die Geschlechtsreife. Die Lebenserwartung dieser Tiere ist nicht bekannt.

Systematik

Beziehungen zu anderen Faultieren

Früher hielt man die beiden rezenten Faultierfamilien für eng miteinander verwandt, man ordnete sie sogar in eine Familie und stellte sie den ausgestorbenen Bodenbewohnenden gegenüber. Jedoch beruhen die äußerlichen Ähnlichkeiten zum Teil auf konvergenter Evolution, die Baumbewohnenden Faultiere sind eine paraphyletische Gruppe, da die Zweifinger-Faultiere näher mit einigen ausgestorbenen Riesenfaultieren verwandt sind als mit den Dreifinger-Faultieren. Man vermutet, dass sich die Entwicklungslinien zu beiden Familien vor rund 35 Millionen Jahren getrennt haben. Erstaunlicherweise gibt es keine fossilen Überreste von unmittelbaren Verwandten der Dreifinger-Faultiere. Eine genauere Darstellung der Beziehung innerhalb der Faultiere findet sich unter Systematik der Faultiere.

Die Arten

Verbreitungskarte der Dreifingerfaultiere: Grün=Braunkehlfaultier, Blau=Ai, Rot=Kragenfaultier

Es werden vier Arten unterschieden:[4]

  • Das Kragenfaultier (Bradypus torquatus, manchmal auch in die Untergattung Scaeopus gestellt) ist durch lange, schwarze Haare im Nacken- und Schulterbereich gekennzeichnet, die den Eindruck einer Mähne erwecken. Sein Verbreitungsgebiet ist auf die wenigen Überreste der Regenwälder Südostbrasiliens (Bundesstaaten Bahia, Espírito Santo und Rio de Janeiro) beschränkt, weswegen diese Art als stark bedroht gilt.
  • Das Braunkehl-Faultier (B. variegatus) ist die weitestverbreitete Art der Dreifinger-Faultiere, sein Verbreitungsgebiet reicht von Honduras bis Nordargentinien, es fehlt aber im Nordosten Südamerikas. Sein Fell ist durch eine weißliche Musterung gekennzeichnet. Die wissenschaftliche Bezeichnung B. infuscatus, die vor allem in älteren Werken zu finden ist, ist ein Synonym für diese Art.
  • Das Weißkehl-Faultier oder Ai (B. tridactylus) unterscheidet sich von der vorhergehenden Art durch einen hellen Fleck auf der Kehle. Es kommt in Venezuela, Guyana, Suriname, Französisch-Guayana und im nördlichen Brasilien vor.
  • Bradypus pygmaeus wurde 2001 von Robert Anderson und Charles Handley beschrieben. Die Art lebt nur auf der knapp 5 km² großen Escudo-Insel vor der Nordküste Panamas. Daher und weil die Populationsgröße abnimmt, wird sie als vom Aussterben bedroht betrachtet. Sie weist den für viele auf Inseln vorkommenden Tierarten typischen Zwergwuchs (Inselverzwergung) auf.

Dreifingerfaultiere und Menschen

Ausgestopftes Weißkehl-Faultier

Historisches

Faultiere genossen seit ihrer Entdeckung durch die Europäer einen denkbar schlechten Ruf, der sich auch in ihrem Namen widerspiegelt. Sie galten als träge, verachtenswerte Geschöpfe. Es gibt auch indianische Legenden, in denen die vermeintliche Antriebslosigkeit dieser Tiere zum Ausdruck kommt. Da sich diese Sichtweisen allerdings auf beide Faultierfamilien beziehen, sind weiterführende Informationen zu diesem Thema im Artikel Faultiere zu finden. Der Gattungsname Bradypus (griech. für „langsamer Fuß“) geht auf Carl von Linné zurück, der in den früheren Ausgaben seiner Systema naturae die Faultiere noch zu den Primaten gezählt hatte.

Bedrohung

Aufgrund ihrer spezialisierteren Ernährung lassen sich Dreifinger-Faultiere schwerer in menschlicher Obhut halten als ihre zweifingrigen Verwandten, dementsprechend sind auch die meisten in Zoos gehaltenen Tiere Zweifinger-Faultiere. Über den Bedrohungsstand dieser Tiere lassen sich nur ungenaue Angaben machen. Als Bewohner tropischer Regenwälder werden sie zweifelsohne durch die Waldrodungen in Mitleidenschaft gezogen, darüber hinaus werden sie wegen ihres Fleisches gejagt, diese Praxis ist aber rückläufig. Das Kragenfaultier, das nur in den Regenwäldern Südostbrasiliens vorkommt, wird von der International Union for Conservation of Nature als stark gefährdet (endangered) gelistet. Diese Region ist eine der am dichtesten besiedelten Regionen Brasiliens und daher stark der Rodung ausgesetzt. Schätzungen zufolge sind nur mehr zwei Prozent der ursprünglichen Fläche vorhanden, was sich besorgniserregend auf die dort vorhandenen Tierarten auswirkt. Bradypus pygmaeus gilt aufgrund seines kleinen Verbreitungsgebietes als vom Aussterben bedroht. Die übrigen beiden Arten haben ein größeres Verbreitungsgebiet und gelten nicht als gefährdet.

Literatur

  • Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Enzyklopädie des Tierreichs. Bechtermünz-Verlag, Augsburg 2001. ISBN 3-82-891603-1
  • Gene Montgomery (Hrsg.): The Evolution and Ecology of Armadillos, Sloths and Vermilinguas. Smithsonian Institute Press, Washington DC 1985. ISBN 0-87-474649-3
  • Ronald Nowak: Walker’s Mammals of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1999. ISBN 0-80-185789-9

Einzelnachweise

  1. D.P. Gilmore, C.P. Da Costa und D.P.F. Duarte: Sloth biology: an update on their physiological ecology, behavior and role as vectors of arthropods and arboviruses. In: Braz J Med Biol Res, Volume 34(1), 2001, S. 9-25 Online-Ausgabe
  2. Niels C. Rattenborg, Bryson Voirin, Alexei L. Vyssotski, Roland W. Kays, Kamiel Spoelstra, Franz Kuemmeth, Wolfgang Heidrich, Martin Wikelski: Sleeping outside the box: electroencephalographic measures of sleep in sloths inhabiting a rainforest. In: Royal Society journal Biology Letters, 2008, doi:10.1098/rsbl.2008.0203 Abstracht
  3. G. G. Montgomery und M. E. Sunquist: Impact of sloths on Neotropical forest energy flow and nutrient cycling. In: F. B. Golley und E. Medina (Hrsg.): Tropical Ecology Systems: Trends in Terrestrial and Aquatic Research. Ecology Studies 11, Springer-Verlag, New York, 1975, S. 69-111.
  4. D. E. Wilson, D. M. Reeder: Mammal Species of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2005, ISBN 0801882214.

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