Braunschweig (Land)
Freistaat Braunschweig
Wappen Flagge
Wappen des Freistaates Braunschweig Flagge des Freistaates Braunschweig
Lage im Deutschen Reich
Entstanden aus Herzogtum Braunschweig
Aufgegangen in Niedersachsen
Heute (Teil von): Niedersachsen
Daten aus dem Jahr 1933
Landeshauptstadt Braunschweig
Regierungsform parlamentarische Demokratie
Bestehen 1918-1945
Fläche 3690 km²
Einwohner 512.989
Bevölkerungsdichte 139 Ew./km²
Reichsrat 1 Stimme
Kfz-Kennzeichen
Karte
Karte des Freistaats Braunschweig (braun; ohne Exklave Thedinghausen) 1918–1942

Der Freistaat Braunschweig entstand durch die Novemberrevolution von 1918 aus dem Herzogtum Braunschweig. Beide waren Gliedstaaten des Deutschen Reichs.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

1235 übertrug Kaiser Friedrich II. dem Enkel Heinrichs, Otto dem Kind, den braunschweigischen Besitz. Daraus wurde das später zum Reichsfahnlehen erhobene Herzogtum Braunschweig-Lüneburg (1432-1754). Es zerfiel durch Erbteilung in verschiedene Teilstaaten, unter denen sich schon im 14. Jahrhundert das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel herausbildete, das im 15./16. Jahrhundert etwa dem späteren Herzogtum Braunschweig entsprach. Allerdings ging es durch die napoleonische Besetzung zum 28. Oktober 1806 verloren und wurde am 9. Juli 1807 zum Königreich Westphalen geschlagen, dem es bis 1813 angehören sollte.

Herzogtum Braunschweig (1814–1918)

Hauptartikel: Herzogtum Braunschweig

Nach dem Wiener Kongress und der Auflösung des Königreichs Westphalen wurde das Herzogtum Braunschweig im Deutschen Bund als souveräner Staat wiederhergestellt. In seinen Grenzen entsprach es dabei in etwa den Grenzen des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel im 14/15. Jahrhundert. Das Gebiet des Herzogtums war dabei auf mehrere Teilgebiete verteilt und nicht zusammenhängend. So gehörten neben dem Kerngebiet zwischen Aller und Harz noch ein größeres Gebiet zwischen Harz und Weser sowie kleinere Gebiete in Sachsen, bei Bremen und Goslar zum Herzogtum.

Nachdem es 1830 Aufstände gegen den jungen Herzog Karl II. gegeben hatte, wurde unter dessen Nachfolger Wilhelm 1832 eine erbmonarchistische, repräsentative Staatsverfassung eingeführt. Diese führte ein Kammersystem ein und gestand dem regierenden Fürsten einen festen Etat zu. Das Herzogtum Braunschweig durchlebte eine Neutralitätsphase bis zum Tod Wilhelms. Ohne legitimen Erben fiel das Herzogtum kurzfristig unter die Regentschaft der Preußen, bevor die Welfen der Hannoveraner Linie den Thron übernahmen. Letzter Herzog von 1913 bis zum 8. November 1918 war der Welfe Ernst August von Hannover (III.).

Novemberrevolution

Hauptartikel: Novemberrevolution in Braunschweig

Nachdem der Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 zu Matrosenaufständen in Kiel und Wilhelmshaven geführt hatte, schwärmten die Matrosen in den darauf folgenden Tagen in alle großen deutschen Städte aus. Im Laufe des 6. November 1918 erreichten die ersten Matrosen aus Kiel und Wilhelmshaven kommend Braunschweig. Am nächsten Tag fand eine Großdemonstration statt und fast die gesamte Braunschweigische Garnison lief zu den Aufständischen über. Am Nachmittag des 8. November 1918 erzwang eine Deputation unter Führung von August Merges die Abdankung Herzog Ernst Augusts.

Sozialistische Republik Braunschweig

Nach der Abdankung des Herzogs übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat die politische Führung. Am 10. November 1918 wurde eine Alleinregierung der USPD durch den Arbeiter- und Soldatenrat ausgerufen. Die „Sozialistische Republik Braunschweig“ wurde proklamiert und zu ihrem ersten Präsidenten wurde einstimmig August Merges auf Vorschlag von Sepp Oerter gewählt, der wiederum Vorsitzender des „Rates der Volkskommissare“ wurde.

Am 24. November 1918 wurden die Arbeiter- und Soldatenräte neu gewählt, allerdings bei einer sehr geringen Wahlbeteiligung. Anfang Dezember beschlossen die Vertreter von USPD und SPD, bei den kommenden Kommunal- und Landtagswahlen auf der Grundlage des Erfurter Programmes einen gemeinsamen Wahlkampf zu führen. Die SPD verabschiedete sich allerdings bereits am 4. Dezember aus der Sitzung der gemeinsamen Wahlkommission. Am 6. Dezember fand die erste Sitzung der neuen Arbeiter- und Soldatenräte, die etwa zu je einem Drittel mit Anhängern der SPD, des USPD-Zentrums und der USPD-Linken und des Spartakusbundes besetzt war, statt.

Am 22. Dezember 1918 wurde das Braunschweiger Landesparlament gewählt: Obwohl sie bis dahin die dominierende politische Kraft gewesen war, errang die USPD lediglich 14 von 60 Sitzen, die MSPD (unter Heinrich Jasper) hingegen 17, die beiden bürgerlichen Parteien, der „Landeswahlverband“ und die Deutsche Volkspartei (DVP) brachten es zusammen auf 29 Sitze. In der Stadt Braunschweig wurde die USPD mit 33,4 % stärkste Partei.

Landtagswahlergebnis 1918
SPD 27,7% – 17 Sitze | Landeswahlverband (DVP, ZENTRUM, Welfen, DNVP u.a.) 26,2% – 16 Sitze | USPD 24,3% – 14 Sitze | DDP 21,8% – 13 Sitze

Nordwestdeutsche Republik

Am 7. Januar 1919 kam es zu einer Massendemonstration zur Unterstützung aufständischer Spartakisten in Berlin. Am 20. Januar demonstrierten 30.000 Menschen in Braunschweig gegen den Doppelmord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Lage in der Stadt schien langsam aber sicher zu eskalieren und der Ton gegenüber Berlin wurde immer radikaler. Der Rat der Volksbeauftragten plante die Gründung einer „Nordwestdeutschen Republik“, die aus zehn sozialistischen Freistaaten bestehen sollte. Verhandlungen darüber scheiterten jedoch bereits im Ansatz.

Am 22. Februar 1919 wurde eine Koalitionsregierung aus USPD und SPD unter Vorsitz von Sepp Oerter gebildet, und der Landtag verabschiedete die vorläufige Verfassung, die das Parlament zum Träger aller staatlichen Gewalt bestimmte und somit eine deutliche Entscheidung für die parlamentarische Demokratie zum Ausdruck brachte.

Freistaat Braunschweig

Belagerung der Stadt

Am 9. April 1919 riefen die Spartakisten in Braunschweig einen Generalstreik aus. Der Streik hatte unter anderem zur Folge, dass es in weiten Teilen Deutschlands zu erheblichen Versorgungsschwierigkeiten bei Lebensmitteln und Kohle kam. Das öffentliche Leben in der Stadt kam zum Erliegen. Am 13. April 1919 verhängte die Reichsregierung den Belagerungszustand über den Freistaat Braunschweig.

Am 17. April 1919 marschierten zirka 10.000 Mann des Freikorps Maercker in die Stadt ein. Merges war zunächst nach Berlin geflohen, während Oerter in Braunschweig geblieben war. Die Regierung Oerter wurde umgehend abgesetzt und der Landesarbeiterrat aufgelöst. Maercker und Jasper verhandelten derweil über die Bildung einer neuen Regierung für Braunschweig. Am 30. April wählte der Braunschweiger Landtag eine neue Regierung, die von einer Koalition aus SPD, USPD und DDP gebildet wurde. Neuer Ministerpräsident wurde Heinrich Jasper. Am 10. Mai zog Maercker mit seinen Truppen wieder ab, da die öffentliche Ordnung in Stadt und Freistaat Braunschweig wieder hergestellt war. Am 5. Juni hob die Reichsregierung den Belagerungszustand für Braunschweig auf. Im Juni gelang es SPD und DDP, die USPD aus der Regierung zu verdrängen.

Im Folgejahr wurde am 16. Juni 1920 der Zweite Braunschweiger Landtag gewählt. Gewinner der Wahlen waren USPD und BLWV, SPD und DDP mussten starke Verluste hinnehmen. Am 22. Juni wurde eine neue Regierung unter dem Ministerpräsidenten Sepp Oerter (USPD) gewählt.

Landtagswahlergebnis 1920
Landeswahlverband (s.o.) 37,3% – 23 Sitze | USPD 37,3% – 23 Sitze | SPD 14,8% – 9 Sitze | DDP 9,5% – 5 Sitze | KPD 1,1% – 0 Sitze

Nachdem Oerter im Jahr 1921 ausgeschieden war, wählte der Landtag am 25. November 1921 erneut eine USPD/SPD-Regierung, die diesmal unter der Führung von Ministerpräsident August Junke stand.

Etablierung als Freistaat

Landtagsgebäude in Braunschweig

Am 6. Januar 1922 trat die erste Braunschweiger Verfassung in Kraft; Braunschweig war nun Freistaat. Die USPD/SPD-Regierung verlor allerdings bereits bei den folgenden Landtagswahlen am 22. Januar 1922 ihre Mehrheit. Nur mit Hilfe der KPD-Stimmen konnte sich die Regierung halten.

Nachdem ein Antrag, der Regierung das Vertrauen auszusprechen, aber abgelehnt worden war, trat die Regierung am 4. Mai zurück. Eine neue Regierung aus SPD, DDP und DVP wurde am 23. Mai gebildet, Ministerpräsident war erneut Heinrich Jasper.

Am 13. September 1923 wurde aufgrund des Republikschutzgesetzes die NSDAP verboten, die bereits im Jahr zuvor Ortsgruppen in Wolfenbüttel und Braunschweig gegründet hatte. Allerdings wurde dieses Verbot nicht konsequent durchgesetzt. Im Januar 1924 trat Sepp Oerter in die NSDAP über, so dass diese auf diesem Weg erstmals im Landtag vertreten war.

Im Februar 1924 löste sich der Landtag selbst auf, nachdem es zuvor nicht zu einem geplanten Volksbegehren zur Landtagsauflösung gekommen war. Bei am 7. Dezember stattfindenden Landtagswahlen errangen die bürgerlichen Parteien die Mehrheit, die neue Regierung wurde am 24. Dezember 1924 mit den Stimmen von DNVP, DVP, Wirtschaftliche Einheitsliste, Welfen und NSFB gebildet.

Bei den Landtagswahlen am 27. November 1927 erreichte die SPD 46,2 % der Stimmen und bekam die Hälfte der Sitze. Am 14. Dezember konstituierte sich eine Alleinregierung der SPD, die mit 23 SPD-Stimmen und 2 KPD-Stimmen bestätigt wurde. Die restlichen Abgeordneten enthielten sich.

Bei den Landtagswahlen am 14. September 1930 steigerte sich die NSDAP von 3,7 % auf 22,2 % der Stimmen. Die SPD verlor 5,2 %, so dass die Linke keine Mehrheit im Landtag mehr besaß. Ernst Zörner (NSDAP) wurde am 30. September mit 20 zu 17 Stimmen zum Landtagspräsidenten gewählt, mit der gleichen Mehrheit wurde am nächsten Tag eine neue Rechtsregierung gewählt. Die Bürgerliche Einheitsliste bestand aus DNVP, DVP, Zentrum und WP und bildete gemeinsam mit der NSDAP die Regierung mit Werner Küchenthal als Ministerpräsidenten und dem Nationalsozialisten Anton Franzen als Staatsminister für Inneres und Volksbildung.

In der Folge begann ein Kampf der rechten Kräfte gegen die SPD und KPD. Lehrer wurden entlassen, Professoren in den Ruhestand versetzt, Flugblätter und Plakate, die gegen Aktionen der NSDAP gerichtet waren, verboten.

Die Kommunalwahlen am 1. März 1931 ergab eine SPD/KPD-Mehrheit in der Stadt Braunschweig. Im März initiierte die KPD ein erfolgreiches Volksbegehren zur Landtagsauflösung, zum Volksentscheid kam es aber nicht.

Nachfolger des aufgrund einer Meineidsaffäre umstrittenen Franzen wurde am 15. September 1931 Dietrich Klagges. Unter seiner Leitung wurden im Land Braunschweig Verwaltung, Polizei und Bildungswesen durch Auswechselung von Kreisdirektoren, Schulräten, Lehrern und Richtern im Sinne der NSDAP verändert. Infolge der Entlassungen von Lehrern kam es zu Streiks an öffentlichen Schulen. Aufgrund von Streikaufrufen wurde unter anderem der sozialdemokratische Volksfreund für drei Wochen verboten.

Am 11. Oktober 1931 bildeten NSDAP, DNVP und Stahlhelm gemeinsam die Harzburger Front.

Aufgrund der fortschreitenden Verfolgung ihrer Funktionäre sahen sich KPD und SPD ab dem 14. März 1933 außerstande, weiterhin an Landtagssitzungen teilzunehmen. Am 4. April 1933 wurde aufgrund des Vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich nach den Ergebnissen der Reichstagswahl vom 5. März der Landtag neu gebildet. An der konstituierenden Sitzung des neuen Landtages am 29. April 1933 nahmen, nachdem sich der Landesverband der DNVP der NSDAP angeschlossen hatte, lediglich 33 Abgeordnete der NSDAP-Fraktion teil. Klagges meldete Hitler das „erste rein nationalsozialistische Parlament in Deutschland“. Am 6. Mai 1933 wurde er Ministerpräsident.

Am 13. Juni 1933 fand die letzte Sitzung des Braunschweigischen Landtages statt. Am 14. Oktober 1933 wurde durch die Auflösung des Reichstages automatisch auch der Landtag aufgelöst, eine Neubildung kam nicht mehr zustande.

Beziehungen zu Adolf Hitler

Hauptartikel: Einbürgerung Adolf Hitlers

Die Stadt Braunschweig trägt zu Unrecht das Stigma, dafür verantwortlich zu sein, dass der ehemals österreichische Staatsangehörige und seit 1925 auf eigenes Betreiben staatenlose Adolf Hitler durch eine Anstellung als Regierungsrat beim Braunschweiger Landeskultur- und Vermessungsamt (mit Datum vom 25. Februar 1932) – mit Dienstpflicht als Sachbearbeiter bei der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin – Braunschweiger und damit deutscher Staatsangehöriger wurde.[1]

Verantwortlich für diese „Einbürgerung“ war allerdings nicht die Stadt Braunschweig, sondern das Land, der Freistaat Braunschweig. Im Gegensatz zum Freistaat, der mehrheitlich pro NSDAP eingestellt war, war die politische Situation in der Stadt Braunschweig eine andere. Durch die starke Industrialisierung seit Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Bedeutung des Proletariats. Die Stadt Braunschweig war daher seit Jahrzehnten mehrheitlich „rot“, so dass hier die NSDAP bis März 1933 keine Rolle spielte. Im Freistaat waren die Nationalsozialisten dagegen bereits seit 1930 sehr einflussreich. Ihre Macht gründete sich vor allem auf Landwirtschaft und Mittelstand, erste Hochburgen waren Bad Harzburg, Holzminden, Seesen und Wolfenbüttel.

Für Hitler gab es 1932 lediglich eine Möglichkeit, eine deutsche Staatenangehörigkeit noch rechtzeitig vor den nächsten Wahlen zum Reichspräsidenten zu erhalten, nämlich durch den Freistaat Braunschweig. Neben dem Land Oldenburg war dies das einzige Land der Weimarer Republik, in dem die NSDAP nicht nur mitregierte, sondern durch den NSDAP-Staatsminister für Inneres und Volksbildung Dietrich Klagges und Ministerpräsident Werner Küchenthal (BEL) die „Einbürgerung des Führers“ vorantreiben konnte. So erhielt Dietrich Klagges als Regierungsvertreter des Freistaates den direkten Auftrag der NSDAP-Parteiführung zur „Einbürgerung“ Hitlers. Goebbels notierte diesbezüglich am 4. Februar 1932 in seinem Tagebuch: „Es ist beabsichtigt, den Führer in Braunschweig zum außerordentlichen Professor zu ernennen.“ [2]

Zunächst versuchte Klagges, Hitler eine außerordentliche Professur für den zu diesem Zwecke konstruierten Lehrstuhl „Politik und organische Gesellschaftslehre“ an der Technischen Hochschule Braunschweig zu verschaffen. Die dilettantisch ausgeführte Maßnahme wurde alsbald öffentlich bekannt und scheiterte an der Opposition aus Hochschulleitung und Bildungsbürgertum – der Plan musste fallen gelassen werden. Klagges hatte Hitler damit dem Spott der Öffentlichkeit ausgesetzt und genau das erreicht, was die NSDAP mit allen Mitteln hatte verhindern wollen: Hitlers Ruf war – nicht nur in Braunschweig – beschädigt. Klagges sollte dafür auch bald die „Quittung“ erhalten.

In einem zweiten Versuch schlug der DVP-Abgeordnete Wessels vor, Hitler eine Stelle in der braunschweigischen Gesandtschaft beim Reichsrat in Berlin zu verschaffen.

Mit Unterstützung verschiedener Politiker des Freistaates, unter ihnen wieder Klagges, aber auch des NSDAP-Präsidenten des Braunschweigischen Landtags Ernst Zörner, der Hitler einen Scheinwohnsitz als Untermieter in Braunschweig anbot, glückte dieser zweite Anlauf schließlich: Am 26. Februar 1932 wurde Hitler vereidigt,[3] womit er gleichzeitig deutscher Staatsangehöriger wurde und schließlich die Möglichkeit erhielt, bei der Reichspräsidentenwahl zu kandidieren. Offensichtlich erschöpfte sich damit aber auch schon seine Tätigkeit für die Gesandtschaft des Landes Braunschweig in Berlin. Im Übrigen stimmte der Landtag des Freistaates Braunschweig am 1. März 1932 der vom Staatsministerium für Inneres beantragten Regierungsratstelle zu und schloss damit die Einbürgerung Hitlers ab.

Von einer weiteren Ausübung seiner Dienstpflichten gegenüber dem Land Braunschweig ist nichts bekannt. Nur sieben Monate später, im Oktober 1932, beantragte Hitler unbefristeten Urlaub, da „die fortlaufenden politischen Kämpfe“ ihm „in der nächsten Zeit die Erfüllung [seines] Dienstauftrages“ nicht ermöglichten. Weil für die Öffentlichkeit, wie auch für die Oppositionspolitiker im Braunschweigischen Landtag nicht erkennbar war, welche Leistungen der „Regierungsrat“ Hitler für das Land Braunschweig erbracht hatte, beantragte die Opposition mehrfach die Vorlage von Arbeitsergebnissen. Schließlich wurde sogar in der Öffentlichkeit bekannt, dass die braunschweigische Rechnungskammer am 26. Januar 1933 – nur vier Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler – eine Prüfung der an Hitler gezahlten Bezüge und der dafür von ihm erbrachten Leistungen angesetzt hatte.

Am 16. Februar 1933 ersuchte der nunmehr amtierende Reichskanzler Adolf Hitler in einem kurzen Telegramm um Entlassung aus dem braunschweigischen Staatsdienst – welche ihm umgehend „mit sofortiger Wirkung“ gewährt wurde. Einige Historiker zweifeln inzwischen an, ob Hitler tatsächlich jemals die deutsche Staatsbürgerschaft offiziell erwarb. Ironie der Geschichte: Hitler hätte am 30. Januar 1933 auch ohne die Einbürgerung Reichskanzler werden können. Hitlers „Gastspiel“ in Braunschweig war nur von kurzer Dauer. Schon vor 1932 war er selten in der Stadt, danach noch ein fünftes und letztes Mal, nämlich am 17. Juli 1935,[4] als er das aufgedeckte Grab Heinrichs des Löwen im Braunschweiger Dom sowie die NS-Neubausiedlung Lehndorf besichtigte.

Landtagswahlergebnisse
1922: Landeswahlverband 38,0% – 23 Sitze | USPD 27,6% – 17 Sitze | SPD 19,8% – 12 Sitze | DDP 10,7% – 6 Sitze | KPD 4,0% – 2 Sitze
1924: SPD 37,4% – 19 Sitze | DNVP 18,5% – 10 Sitze | DVP 17,2% – 9 Sitze | Wirtschaftliche Einheitsliste 8,3% – 4 Sitze | DDP 5,3% – 2 Sitze | KPD 4,5% – 2 Sitze | NSFB 3,4% – 1 Sitz | Welfen 3,2% – 1 Sitz | ZENTRUM 1,6% – 0 Sitze | USPD 0,6% – 0 Sitze
1927: SPD 46,2% – 24 Sitze | DVP 14,3% – 8 Sitze | DNVP 9,4% – 5 Sitze | Wirtschaftsverband des Mittelstandes 8,1% – 4 Sitze | KPD 4,7% – 2 Sitze | | DDP/Bauernbund 4,6% – 2 Sitze | NSDAP 3,7% – 1 Sitz | Volksrechtpartei 1,7% – 0 Sitze | ZENTRUM 1,7% – 0 Sitze | Welfen 1,2% – 0 Sitze
1930: SPD 41,0% – 17 Sitze | Bürgerliche Einheitsliste (DNVP, DVP, ZENTRUM u.a.) 26,0% – 11 Sitze | NSDAP 22,9% – 9 Sitze | KPD 6,8% – 2 Sitze | DStP 3,0% – 1 Sitz | Volksrechtpartei 0,8% – 0 Sitze | Nationale Mitte 0,2% – 0 Sitze

Land Braunschweig (1933–1945)

Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers wurde damit begonnen, die Eigenstaatlichkeit der Länder des Deutschen Reiches aufzuheben. Als gesetzliche Grundlage dienten schließlich das Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 31. März 1933, das Zweite Gleichschaltungsgesetz vom 7. April 1933 (RGBl. I, S. 173) und das Gesetz über den Neuaufbau des Reichs vom 30. Januar 1934.

Im Rahmen dieser Gleichschaltung wurden die bisherigen Gliedstaaten zu Bezirken, denen ein Reichsstatthalter vorstand. Braunschweig wurde dabei mit Anhalt zu einem Statthalterbezirk zusammengefasst. Sitz des Reichstatthalters war Dessau. Reichstatthalter waren bis 1935 Wilhelm Loeper, 1935 bis 1937 Fritz Sauckel und ab 1937 Rudolf Jordan.

Der Landkreis Goslar mit den Städten Goslar und Salzgitter war erst 1942 im Austausch gegen den bis dahin braunschweigischen Landkreis Holzminden von der preußischen Provinz Hannover zum Land Braunschweig gekommen. Im gleichen Jahr wurde die Stadt Watenstedt-Salzgitter aus braunschweigschen und preußischen (Provinz Hannover) Gebietsteilen neu gebildet. So konnte seinerzeit ein geschlosseneres braunschweigsches Territorium geschaffen werden.

Auflösung

Vereinigung zum Land Niedersachsen

Zwischen dem 6. und 23. April 1945 wurde das Land Braunschweig von den Alliierten Truppen besetzt. Am 24. April ernannte die britische Militärregierung den ehemaligen SPD-Reichstagsabgeordneten Hubert Schlebusch zum Ministerpräsidenten des Landes Braunschweig. Bereits am 17. September teilte der Chef der Militärregierung, General John Lingham, den Ministerpräsidenten Schlebusch und Tantzen (Oldenburg) sowie dem hannoverschen Oberpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf mit, dass die Provinz Hannover sowie die beiden Länder zusammengefasst werden sollen.

Am 29. September 1945 wurde ein Staatsvertrag zwischen den drei Ländern unterzeichnet, der vorsah, ein Gemeinschaftsministerium mit der Bezeichnung Länderregierung für Reichsaufgaben in Niedersachsen zu gründen. Die Besatzungsmacht genehmigte diesen Vertrag aber nicht, da sie den Ländern nicht das Recht zugestehen wollte, ihre Angelegenheiten in dieser Form selbst zu gestalten.

Am 15. November 1945 konstituierte sich der Gebietsrat Hannover-Oldenburg-Braunschweig, dem am 20. Dezember auch Bremen beitrat. Am 15. Februar 1946 wurde der Zonenbeirat mit Sitz in Hamburg ins Leben gerufen, dessen erste Sitzung am 6. März stattfindet. Am 1. April 1946 trat Kopf mit einer Denkschrift an die britische Militärregierung heran, die forderte, die britische Zone in drei Gebiete zu teilen. Zum niedersächsischen Teil sollte unter anderem Braunschweig gehören. Im Mai 1946 präsentierte Oldenburg einen Gegenentwurf, der einen Gliedstaat Weser-Ems forderte.

Mit der Verordnung Nr. 46 der britischen Militärregierung vom 23. August 1946 „betreffend die Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen in der Britischen Zone und ihre Neubildung als selbständige Länder“ erhält das Land Hannover seine rechtlichen Grundlagen.

Am 23. November 1946 genehmigte die britische Militärregierung die Vereinigung des Landes Braunschweig (mit Ausnahme des östlichen Teils des Landkreises Blankenburg sowie der Exklave Calvörde des Landkreises Helmstedt, die Teil der sowjetischen Besatzungszone waren und in das Land Sachsen-Anhalt integriert wurden), des Landes Hannover (mit Ausnahme des Amtes Neuhaus, das an die sowjetische Besatzungszone fiel und erst 1993 Niedersachsen wieder angegliedert wurde), des Landes Oldenburg und des Landes Schaumburg-Lippe zum neuen Land Niedersachsen. Die wesentlichen Bestandteile des bisherigen Landes Braunschweig wurden als Verwaltungsbezirk Braunschweig Bestandteil des neuen Landes.

Verwaltungsbezirk Braunschweig

Innerhalb des Landes Niedersachsen wurde das Gebiet des ehemaligen Freistaats Braunschweig als einer von insgesamt zwei Verwaltungs- und sechs Regierungsbezirken unter der Bezeichnung Verwaltungsbezirk Braunschweig weitergeführt.

Er umfasste die kreisfreien Städte Braunschweig, Goslar und Salzgitter (der Name dieser Stadt war damals noch Watenstedt-Salzgitter) und die Landkreise Braunschweig, Gandersheim, Goslar, Helmstedt und Wolfenbüttel sowie den Restkreis Blankenburg (dessen neuer Kreissitz Braunlage im Harz wurde).

Zum Landkreis Braunschweig gehörte bis dahin und auch nach Bildung des Verwaltungsbezirks Braunschweig bis 1972 die rund 150 km entfernt liegende Exklave Thedinghausen bei Verden kurz vor Bremen. Seit 1972 gehört dieses Gebiet zum Landkreis Verden.

Der Landkreis Goslar mit den Städten Goslar und Salzgitter war erst 1942 im Austausch gegen den bis dahin braunschweigischen Landkreis Holzminden von der preußischen Provinz Hannover zum Land Braunschweig gekommen. Im selben Jahr wurde die Stadt Watenstedt-Salzgitter aus braunschweigischen und preußischen (Provinz Hannover) Gebietsteilen neu gebildet. Damit konnte seinerzeit ein einigermaßen geschlossenes braunschweigisches Territorium geschaffen werden.

Regierungsbezirk Braunschweig

Der Verwaltungsbezirk Braunschweig wurde nach Abschluss der Kreisreform in Niedersachsen 1978 auf Kosten insbesondere der benachbarten Bezirke Hildesheim und Lüneburg erheblich vergrößert und nunmehr als Regierungsbezirk Braunschweig bezeichnet. Am Ende des Jahres 2004 wurden alle Bezirksregierungen des Landes Niedersachsen aufgelöst und die Regierungsbezirke aufgehoben.[5]

Präsidenten und Ministerpräsidenten

  • 10. November 1918 bis 22. Februar 1919: August Merges, USPD (Präsident des Rates der Volksbeauftragten in Braunschweig)
  • 22. Februar bis 16. April 1919 (danach geschäftsführend bis 30. April 1919): Sepp Oerter, USPD
  • 30. April 1919 bis 22. Juni 1920: Heinrich Jasper, SPD (Ministerpräsident)
  • 22. Juni 1920 bis 24. November 1921: Sepp Oerter, USPD
  • 25. November 1921 bis 28. März 1922: August Junke, USPD
  • 28. März bis 22. Mai 1922: Otto Antrick, SPD (geschäftsführend)
  • 23. Mai 1922 bis 24. Dezember 1924: Heinrich Jasper, SPD
  • 24. Dezember 1924 bis 14. Dezember 1927: Gerhard Marquordt, DVP
  • 14. Dezember 1927 bis 1. Oktober 1930: Heinrich Jasper, SPD
  • 1. Oktober 1930 bis 5. Mai 1933: Werner Küchenthal, DNVP
  • 5. Mai 1933 bis 12. April 1945: Dietrich Klagges, NSDAP (ernannter Ministerpräsident)
  • 24. April 1945 bis Januar 1946: Hubert Schlebusch, SPD (von Militärregierung ernannt)
  • Januar 1946 bis 9. Dezember 1946: Alfred Kubel (von Militärregierung ernannt)

Reichsstatthalter

Reichsstatthalter für Anhalt und Braunschweig mit Sitz in Dessau:

Regierungspräsidenten

- Vorgänger noch unbekannt, Prüfung folgt - Prof. Dr. jur. Willy Thiele (Amtszeit 1960/70 Jahre), - Nachfolger

 - Passow
 - Günter Niemann
 - Helmut Dohr
 - Peter - Jürgen  Schneider
 - Karl Wilhelm Lange
 - Dr. Axel Saipa

Literatur

  • Richard Bein: Braunschweig zwischen rechts und links. Der Freistaat 1918 bis 1930. Braunschweig 1990. ISBN 3-925268-05-7
  • Richard Bein: Im deutschen Land marschieren wir. Freistaat Braunschweig 1930–1945. 6. Aufl. Braunschweig 1992. ISBN 3-925268-02-2
  • Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Wie braun war Braunschweig? Hitler und der Freistaat Braunschweig. Braunschweig 2003
  • Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Kriegsende. Braunschweig 2005
  • Horst-Rüdiger Jarck, Günter Scheel (Hrsg.): Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert. Hannover 1996. ISBN 3-7752-5838-8
  • Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region. Braunschweig 2000, ISBN 3930292289 (insbes. zum Freistaat bis 1945 und der Nachkriegszeit S. 945-1170)
  • Helmut Kramer (Hrsg.): Braunschweig unterm Hakenkreuz. Braunschweig: Magni, 1981. ISBN 3-922571-03-4
  • Karl-Joachim Krause: Braunschweig zwischen Krieg und Frieden. Die Ereignisse vor und nach der Kapitulation der Stadt am 12. April 1945. Überarb. Aufl. Braunschweig : Meyer, 2005. ISBN 3-926701-66-8
  • Maik Ohnezeit:"Was ist des Teutschen Vaterland?" Patriotismus und Nationalismus in Braunschweigs Geschichte und Gegenwart. Braunschweig 2007 (Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums 111, hrsg. von Gerd Biegel). ISBN 978-3-927939-77-6
  • Hans Reinowski: Terror in Braunschweig – Aus dem 1. Quartal der Hitlerherrschaft. Bericht herausgegeben von der Kommission zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen. Zürich 1933
  • Ernst-August Roloff: Bürgertum und Nationalsozialismus 1930–1933. Braunschweigs Weg ins Dritte Reich Hannover 1961
  • Gunhild Ruben: Bitte mich als Untermieter bei Ihnen anzumelden – Hitler und Braunschweig 1932–1935. Norderstedt 2004. ISBN 3-8334-0703-4

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Staatsminister Dr. Küchenthal an den braunschweigischen Gesandten Boden (Berlin)
  2. Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Wie braun war Braunschweig? Hitler und der Freistaat Braunschweig. Braunschweig 2003, S. 21–23
  3. Hitler als Regierungsrat (Vernetztes Gedächtnis – Topografie der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Braunschweig)
  4. Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region, Braunschweig 2000, S. 1001
  5. § 1 des Artikels 1 (Gesetz zur Auflösung der Bezirksregierungen) des Gesetz zur Modernisierung der Verwaltung in Niedersachsen

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