Brautraub

Als Brautraub bezeichnet man die Entführung einer Frau zum Zwecke der Eheschließung. Der Brautraub kam früher auf der ganzen Welt vor, heutzutage beschränkt er sich auf bestimmte Gebiete. Der Brautraub kann mit oder ohne Einwilligung der Frau erfolgen. Eine Entführung gegen den Willen der Braut ist gleichzeitig eine Zwangsheirat. Die Raubehe ist aus der Ethnologie als – durch Brauchtum abgesicherte – Form der Exogamie zwischen Stämmen oder deren Unterabteilungen geläufig.

Häufiger als die Raubehe ist dementsprechend die Scheinraubehe, bei der die Entführung mit Einwilligung der Braut geschieht. Kulturen, wo arrangierte Ehen üblich sind oder die Eheschließung mit dem Wunschkandidaten sonst erschwert wird, tendieren häufig zu dieser Form des Brautraubs. Es gibt verschiedene Formen des Brautraubs, von einer echten Entführungsaktion bei Nacht und Nebel, die für alle Beteiligten gefährlich sein kann, bis zu einer ritualisierten Entführung mit Einwilligung der Braut und Duldung seitens ihrer Familie.

Inhaltsverzeichnis

Beispiele für Brautraub mit Einwilligung der Braut

Tschetschenien

Bei Tschetschenen und einigen anderen kaukasischen Völkern war der Brautraub bis in die Sowjetzeit hinein gang und gäbe. Die Ursache war Folgendes: Es wurde vom zukünftigen Ehemann oft ein hohes Brautgeld verlangt, das nicht jeder bezahlen konnte. Auch hatten Familien aus bestimmten Gründen manchmal überhöhte Erwartungen an den zukünftigen Schwiegersohn. Wollte er seine Auserwählte trotzdem heiraten, musste er sie entführen.

Einem Tschetschenen befahl der strenge Ehrenkodex, die Entführte zunächst zu fragen, ob sie bereits vergeben sei, also vorhätte, einen Anderen als den Entführer zu heiraten. In diesem Fall hatte er die Frau ihrem Freund zu übergeben. Wie oft dieser Brauch zur Anwendung kam, ist jedoch fraglich.

In der Sowjetzeit wurde der Brautraub als Entführung und Freiheitsberaubung strafrechtlich verfolgt, auch die Zahlung von Brautgeld war pro forma illegal. Schenkungen an die Familie der Braut wurden jedoch geduldet, auch wenn es sich, streng gesehen, um eine Form von Brautgeld handelt.

Türkei

In der Türkei sind 'Entführungen für eine Nacht' bis heute eine Methode, von den Familien unerwünschte Eheschließungen durchzusetzen. Nachdem die Frau für eine Nacht der Aufsicht ihrer Eltern entzogen worden ist, gilt sie als 'entehrt' (es braucht dazu kein Geschlechtsverkehr stattgefunden zu haben), in der Regel willigen die Familien dann in die Eheschließung ein, um einem Ehrverlust zu entgehen. Der vorangegangene Brautraub wird vor der Nachbarschaft geheim gehalten.

Russland

Im vorrevolutionären Russland wurden junge Frauen von ihren Liebhabern dann geraubt, wenn die Eltern partout gegen eine Eheschließung waren. Die Entführung geschah also mit Einverständnis der Frau. In der Regel ließ sich das Paar dann von einem Popen heimlich trauen und stellte die Eltern vor vollendete Tatsachen.

Osteuropa, Sinti und Roma

In Osteuropa gibt es bei den Sinti und Roma zum Teil noch den ritualisierten Brautraub, der mit Einverständnis der Braut und ihrer Familie geschieht.

Westeuropa

Normalerweise wurde die Braut im Mittelalter in der üblichsten Eheform, der Muntehe, von ihrer Familie verkauft. War der Bräutigam aber nicht bereit, den Brautpreis zu bezahlen, so konnte er die Braut mit oder ohne Zustimmung der Braut rauben.

Diese Art der Eheschließung war zwar illegal und wurde streng bestraft, war aber in der germanischen Zeit und im Frühmittelalter durchaus üblich. Da die Entführung oder der Raub an sich noch keine eheschließende Funktion hatte, musste noch eine rechtliche Eheschließung in Form einer Munt- oder Friedelehe vollzogen werden. In der Regel kam dann eine Friedelehe zustande, da es bei einer Muntehe erforderlich gewesen wäre, dass der Vater der Braut die Vormundschaft an den Bräutigam übergibt.

Da aber bei der Entführungsehe die Rechte der Familie und des Vormundes der Braut verletzt wurden, kam es häufig zu Fehden zwischen der Familie der Braut und der des Bräutigams.

In traditionellen Hochzeitszeremonien hat sich diese Form in der Brautentführung (bei welcher die Gäste während der Festlichkeit die Braut entführen und der Bräutigam sie suchen und materiell oder mit einem Versprechen auslösen muss) spielerisch bis heute erhalten.

Ebenso erhalten bis heute ist das klassische „Durchbrennen“ zweier Partner, ehedem nach Gretna Green.

Konsequenzen eines Brautraubs

Geschieht die Entführung ohne Einverständnis der Frau, kann der Entführer wegen Nötigung, Entführung und/oder Freiheitsberaubung belangt werden. In vielen Ländern, wo es noch arrangierte Ehen gibt und diese üblich sind, muss das Paar oft Verfolgung durch die Familie fürchten. Nicht selten wird ein Brautraub zum Anlass für einen 'Ehrenmord'.

Im katholischen Kirchenrecht ist der Brautraub (dort: Raptio) ein Ehehindernis.

Brautraub in Literatur und Film

Der Brautraub ist ein auffallend häufiges Motiv in russischen Volksmärchen, in westeuropäischen Märchen kommt er weitaus seltener vor. Auch in afrikanischen Märchen geht es nicht selten um den Raub einer Frau zwecks Eheschließung, der (im Gegensatz zu europäischen Märchen) sehr oft von Fabelwesen begangen wird. Auch die griechische Mythologie kennt eine Reihe von Brautraubfällen, die hier meist von Göttern begangen werden.

In indischen Filmen geht es oft um geflüchtete Paare, um den Brautraub als solches jedoch kaum. Im Westen wird der Brautraub von der Filmindustrie zumeist in Märchenfilmen thematisiert.

In den 1960er Jahren wurde das Thema in mehreren italienischen Filmen aufgegriffen, so 1963 in der brillanten Komödie „Verführung auf Italienisch“ („Sedotta e abbandonata“) von Pietro Germi und 1970 in dem auf einer wahren Geschichte beruhenden Drama „Recht und Leidenschaft“ („La moglie più bella“) von Damiano Damiani.

Die sowjetische Komödie 'Die kaukasische Gefangene' (Кавказская пленница) hat den Brautraub zum Thema. Im Film wird die Studentin Nina entführt, um sie mit einem Freund ihres Onkels zu verheiraten. Mit Hilfe eines Freundes und dank der Tolpatschigkeit der Entführer gelingt ihr aber die Flucht. Der Film stammt aus den 60er Jahren und gilt in Russland bis heute als Klassiker.


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