Abchasen
Verteilung der Abchasen in Abchasien und der Region.

Die Abchasen (abchasisch аҧсуаа; georgisch აფხაზები, ɑpʰχɑzɛbɪ) sind eine Volksgruppe im Kaukasus. Sie leben weit überwiegend im Nordwesten Georgiens in der Autonomen Republik Abchasien. Die Abchasen sprechen die abchasische Sprache. Im Jahre 1989 lebten in der Georgischen SSR 95.900 Abchasen, davon 93.300 in der damaligen Abchasischen ASSR, in der ganzen Sowjetunion 105.000. Nach der im Jahre 2003 von der De-facto-Regierung Abchasiens durchgeführten Volkszählung leben in Abchasien 94.500 Abchasen.[1] Außer Georgien leben sie auch im Nahen Osten (Türkei, Syrien, Jordanien), in den europäischen Ländern und USA. In der Diaspora werden Abchasen und verwandte Abasinen als eine Nation angesehen. Ihre gemeinsame Anzahl beträgt in den oben genannten Ländern rund 400.000 Menschen.[2]

Die Abchasen sind sprachlich und kulturell eng mit den nordkaukasischen adygeischen Stämmen und Ubichen verwandt. Außerdem haben die Abchasen kulturell mehr Ähnlichkeit mit den Georgiern als mit den nordkaukasischen Stämmen. Das jahrhundertelange gemeinsame Leben dieser zwei Nationen übte auf die Sprache bzw. Anthropologie der Abchasen Wirkung aus.[2]

Inhaltsverzeichnis

Sprache

Hauptartikel: Abchasische Sprache

Die Muttersprache der Abchasen ist die Abchasische Sprache, die zu den Nordkaukasischen Sprachen (Abchasisch-Adygischen) gehört. Abchasisch teilt sich in zwei Dialekte: Bsipisch und Abschuisch. Sie unterscheiden sich hauptsächlich in der Phonetik. Der abschuische Dialekt wurde der abchasischen Standardsprache zugrundegelegt, die vor allem in Sochumi und im südwestlichen Abchasien gesprochen wird.[2]

Die abchasische Sprache ist mit der abasinischen verwandt, die von den Abasinen im Nordkaukasus gesprochen wird. Diese zwei Sprachen sind miteinander eng verbunden und bilden eine Untergruppe der (nordwestkaukasischen) abchaso-adygeischen Sprachfamilie. Sie unterscheiden sich in der Lexik und Phonetik ganz wenig, so dass die Unterteilung beider Sprachen eher auf die verschiedenen Sprachräume zurückzuführen ist.[3]

Geschichte

In Chroniken zu Beginn unserer Zeitrechnung finden die Stämme der Abasgen und Apsilen, Misimianer und Sanigen, der unmittelbaren Vorfahren des abchasischen Volkes, Erwähnung. Im Altertum und Mittelalter war Abchasien unaufhörlich den Einfällen fremdländischer Eroberer – Römer, Byzantiner, Chasaren, Araber – ausgesetzt, gegen die sich die Abchasen zu behaupten hatten.

Die Quellen überliefern, dass in der hellenischen Epoche (3.-1. Jh. v. Chr.) hier Dutzende von Stämmen und Völkern Verträge schlossen. Die Legenden über die märchenhafte Kolchis (z. B. die Legende über die Argonauten) ließen die Altgriechen bereits vor 2500 Jahren schwierige Fahrten nach Abchasien antreten. Immer mehr griechische Kolonien entstanden an der Küste. Zu Beginn unserer Ära kamen in die Handelsstädte Abchasiens zunächst römische und dann byzantinische Eroberer.

Im 6.-8. Jh. erlangten die transkaukasischen Handelswege besondere Bedeutung, sodass das Territorium Abchasiens von der Seidenstraße erreichbar war. Am Ende des 8. Jh. nutzten die Chasaren die Schwächung von Byzanz aus und schlossen den Nordkaukasus in ihr Reich ein. Auch die nachfolgende Geschichte des Abchasischen Kaiserreichs war mit Byzanz verbunden, das seinen Einfluss bis zu seinem Niedergang im 15. Jh. ausübte. Das 14. bis 17. Jh. wird in der Geschichte des Landes durch eine Wiederbelebung und Erweiterung der Beziehungen mit dem Mittelmeer gekennzeichnet.

In der 2. Hälfte des 8. Jh. entstand ein mächtiges Abchasisches Königreich unter König Levan/Leon II, das nach der Vereinigung mit Egrisi neben Abchasien auch andere Teile Westgeorgiens umfasste.

978 wurde Abchasien durch die Vermählung des georgischen Prinzen mit der abchasischen Prinzessin Teil des georgischen Königreiches. Im 16. Jahrhundert wurde das abchasische Fürstentum zur osmanischen Provinz. Während der osmanischen Herrschaft kam es zur zwangsweisen und mittelbar zwangsweisen Konversion (um den stark diskriminierenden Dhimmi-Status abzulegen, der im Geltungsbereich der Scharia für Christen galt) weiter Bevölkerungsteile zum Islam. Im Jahre 1810 mussten die Osmanen das abchasische Fürstentum an das konkurrierende russische Zarenreich abtreten. Von 1804 bis 1864 kam es zu einer Phase kriegerischer Auseinandersetzungen der Abchasen und anderer nordkaukasischer Völker mit dem russische Zarenreich. 1864 war das Jahr der endgültigen Niederlage und der Beginn der Deportation von ca. 80 % der abchasischen Bevölkerung.

Die Diaspora

Abchasische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft im Hafen von Samsun 1864

Der russische Zar stellte den Abchasen ein kurzfristiges Ultimatum um ihre Heimat zu verlassen, sollten sie dies jedoch nicht vorhaben, so müssten sie damit einverstanden sein nördlich des Kaukasus an einem vom Zaren bestimmten Ort neuangesiedelt zu werden. Des Weiteren wurde allen Abchasen, die Ansiedelung in Küstennähe verboten, die enteigneten Häuser und Grundstücke in den besagten Gebieten wurden russischen Funktionären und russischen wie auch georgischen Siedlern übergeben, damit diese einen Anreiz hatten nach Abchasien überzusiedeln. Sehr bedeutend waren die Aufstände der abchasischen Bauern in den Jahren 1866 und 1877 gegen die soziale und koloniale Unterdrückung, nach deren Niederlage wieder die gewaltsame Massendeportation von Abchasen, Tscherkessen, Tschetschenen, Awaren, Osseten und anderen Völkern des Kaukasus in die Türkei und in die Staaten des Morgenlandes folgte. Dort, sowie in Europa und USA gibt es heutzutage eine starke kaukasische Diaspora.

Zerfall des Zarenreiches

Im Dezember 1922 unterzeichnete ein Vertreter Abchasiens den sowjetischen Föderationsvertrag zur Vereinigung Abchasiens mit dem sowjetischen Teilstaat Georgien, unter der Voraussetzung der Gleichberechtigung beider Staaten. 1922-1931 wurde der Gleichberechtigungsstatus gemäß dem geschlossenen Vertrag eingehalten, 1931 wurde Abchasien als Abchasische ASSR in die Georgische SSR eingegliedert.

Ende der Sowjetunion

Am 23. Juli 1992 setzt Abchasien die alte Verfassung von 1925 in Kraft, die besagt das Abchasien gleichberechtigt zu Georgien ist. Um den neuen Status beider Staaten zu einander zu klären, lud der Oberste Sowjet Abchasiens die georgische Regierung zu Gesprächen für den 14. August 1992 ein. Nach zwei gebrochenen Waffenstillständen durch die Separatisten und 13 Monaten Krieg gelang den Abchasen (mit ihrer Diaspora vereint) und ihren freiwilligen Helfern aus den nordkaukasischen Staaten, die georgische Armee zu besiegen. Im georgisch-abchasischen Krieg (1992-1993) konnten sich die nach Unabhängigkeit strebenden abchasischen Rebellen durch massive Unterstützung regulärer russischer Truppen sowie irregulärer tschetschenischer, armenischer und russischer Einheiten gegen die schlecht organisierten Streitkräfte Georgiens behaupten, so dass Abchasien nun ein stabilisiertes De-facto-Regime ist, dem die internationale Anerkennung versagt bleibt. Während der kriegerischen Auseinandersetzungen kam es zu schweren Übergriffen auf Zivilisten, ca. 250.000 Menschen nicht-abchasischer Ethnizität - davon 200.000 Georgier- wurden durch ethnische Säuberungen aus Abchasien vertrieben.[4]

Religion

Das Christentum breitete sich unter den Abchasen bereits im 7. Jahrhundert unter dem Einfluss von Byzanz aus, wurde aber im 15. und 16. Jahrhundert durch die Religionspolitik des Osmanischen Reiches teilweise verdrängt; ein großer Teil der Abchasen trat in dieser Zeit zum sunnitischen Islam über. Seitdem bestehen sowohl eine große moslemische als auch eine große christliche Gemeinde. Bis heute ist aber auch der Einfluss der alten paganen Glaubensvorstellungen stark geblieben.[5]

Quellen

  1. Ю. Б.Коряков, Атлас кавказских языков. Москва, 2006, S. 24.
  2. a b c ეთნოსები საქართველოში, აფხაზები, გ. ანჩაბაძე, თბილისი, 2008 (Ethnische Gruppen in Georgien, Abchasen, G. Antschabadse. Tiflis, 2008)
  3. К. В. Ломтатидзе, Абхазский язык // Языки народов СССР. Т. 4. Иберийско-кавказские языки. «Наука». Москва, 1967, S. 101.
  4. Human Rights Watch: GEORGIA/ABKHAZIA: VIOLATIONS OF THE LAWS OF WAR AND RUSSIA'S ROLE IN THE CONFLICT
  5. Timothy L. Gall (ed). Worldmark Encyclopedia of Culture & Daily Life: Vol. 4 - Europe. Cleveland, OH: Eastword Publications Development (1998), pp. 15-16.

Bibliographie

  • Amichba G.A. Abxaziya v epoxu rannego srednevekovya - Suchum, 2003
  • Amichba G.A. Abxaziya i abxazy srednevekovyx gruzinskix povestvovatelnyx istochnikov - Tbilissi, 1988
  • Amichba, S.A. Apsua-abaza byzshakua rleksika (Die Lexik der abchasisch-abasinischen Sprachen) – Suchum, 1984
  • Amichba Ch. G. Die Sprache der westeuropäischen abchaso-abasinischen Diaspora- Suchum, 2003
  • Amichba Ch. G. „Deutsch-abchasisch-russischer Sprachführer“- Moskau, 1996
  • Amichba Ch. G. The place of the Abkhazian language in the family of the Caucasian languages - Institut für Sprachwissenschaft, Moskau, 1998
  • Chirikba V.A. 'Common West Caucasian'. Leiden: CNWS Publications, 1996.
  • Chirikba, V. A. 'A Dictionary of Common Abkhaz'. Leiden, 1996.
  • Chirikba, V. A. 'Abkhaz'. – Languages of the World/Materials 119. Muenchen: Lincom Europa, 2003.
  • Güldenstädt J.A. Reisen durch Russland und im Kaukasischen Gebirge, St-Petersburg, 1791
  • Dirr, A. Die Sprache der Ubychen. Sonderdruck aus Caucasica, fasc. 4 u.5, Leipzig, 1928
  • Hewitt B.G. Abkhaz – Lingua Descritpive studies (in collaboration with Z.K. Khiba), Amsterdam, 1979
  • Inal-ipa Sh.D. Abxazy (Istoriko-etnograficheskie ocherki). Suchum, 1965
  • Kumachov M.A. Teoriya genealogicheskogo dreva i voprosy differentsiatsii zapadnokavkazskikh yazykov“ ,- Moskau, 1971.
  • Klimov G.A. Abxazsko-adygskie etimologii- Moskau, 1967
  • Lakoba S.Z. Essays der politischen Geschichte Abchasiens – Suschum, 1990
  • Marr, N. Y. O iazyke i istorii abxazov , Moskau-Leningrad, 1938
  • Shagirov A. K. K vyiavleniu geneticheski obshix elementov leksiki abxazo-adygskix iazykov , Moskau, 1964
  • Schiefner, A. Ausführlicher Bericht über des Generals Baron Peter von Uslars Abchasische Studien – Mémoires de l´Académie Impériale des Sciences de St.-Pétersbourg, VII série, t. VII, No. 12
  • Woronow Y. Abchasen - wer sind sie? Moskau, 1998

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