Theorie des sozialen Vergleichs

Die Theorie des sozialen Vergleichs besagt, dass Menschen Informationen über sich Selbst durch den Vergleich mit anderen gewinnen können.[1] Sie wurde 1954 durch Leon Festingers Arbeit „A Theory of Social Comparison Processes“ begründet und wird seitdem ständig weiterentwickelt.

Der Vergleich mit Mitmenschen hat drei mögliche Funktionen:

  1. Wer realistische Informationen über sein gegenwärtiges Selbst benötigt, vergleicht sich mit Ähnlichen, Gleichgestellten, peers.
  2. Wer sein Selbstwertgefühl schützen oder verbessern will, vergleicht sich mit Menschen, die im interessierenden Merkmal unterlegen sind, der abwärts gerichtete Vergleich. Beispiel: Krebspatienten neigen eher dazu, sich mit Kranken zu vergleichen, denen es schlechter geht, als ihnen selbst.[2]
  3. Wer wissen will, welche Möglichkeiten er hat, welche Verbesserungen möglich sind, vergleicht sich mit Menschen, die im interessierenden Merkmal überlegen sind; das ist der aufwärts gerichtete Vergleich.

Inhaltsverzeichnis

Grundannahmen Festingers Theorie

  1. Menschen haben das Bedürfnis, sich ein realistisches Bild von der Welt zu machen, einschließlich des eigenen Selbst. Dieses Bedürfnis ist dann besonders groß, wenn adäquate Selbsteinschätzung wichtig ist. Beispiel: Versuchspersonen haben ein größeres Bedürfnis nach sozialem Vergleich, bevor sie eine aus mehreren, unterschiedlich schwierigen Aufgaben zur Bearbeitung wählen sollen, als nach der Erledigung dieser Aufgabe (Experiment von Jones & Reagan, 1974).
  2. Sozialer Vergleich findet dann statt, wenn ein objektiver Maßstab fehlt.[3] Beispiel: Eine Schulklasse bekommt einen neuen Lehrer. Schüler A bekommt seine Klausur und hat eine 3. Da er den Lehrer nicht kennt und nicht weiß, ob dieser eher gute oder eher schlechte Noten gibt, ist die Note in diesem Fall ein wenig objektives Kriterium zur Bewertung der eigenen Leistung und Schüler A wird sich mit seinen Klassenkameraden vergleichen.
  3. Menschen sind motiviert, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verbessern.
  4. Die meisten Informationen bietet ein Vergleich mit Personen, die einen ähnlichen Hintergrund, ähnliche Fähigkeiten und Meinungen wie sie selbst haben.
  5. Menschen sind motiviert, Meinungsdiskrepanzen mit anderen Menschen zu reduzieren. Dazu passen sie entweder ihre eigene Meinung an (v.a. wenn sie in der Minderheit sind) oder versuchen, ihr Gegenüber von ihrer Position zu überzeugen (v.a. wenn sie die Mehrheitsposition vertreten).

Abwärts gerichteter Vergleich

Der abwärts gerichtete Vergleich (englisch „downward comparison“) ist auf Personen gerichtet, denen es schlechter oder genauso schlecht geht wie einem selbst[4]. Die Bedeutung von abwärts gerichteten Vergleichen für das subjektive Wohlbefinden bzw. das Selbstwertgefühl ist Thema der Theorie des sozialen Vergleichs und des Modells der Aufrechterhaltung der Selbstbewertung.[5]

Menschen können ihr subjektives Wohlbefinden durch Vergleich mit „weniger glücklichen anderen“ (starke Version des abwärts gerichteten Vergleich) bzw. mit „gleich unglücklichen anderen“ (schwache Version des Vergleichs) erhöhen. Der Zustand der anderen wird entweder vorgefunden (und hat dann eine passive Basis) oder durch Angriffe und Schädigungen hergestellt (und hat dann eine aktive Basis).

Als situationale Folgerung ergibt sich, dass abwärts gerichtete Vergleiche durch die Abnahme des subjektiven Wohlbefindens wahrscheinlicher gemacht werden. Als persönlichkeitsabhängige Folgerung ergibt sich, dass Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl eine stärkere Tendenz zu abwärts gerichtetem Vergleich aufweisen als Personen mit hohem Selbstwertgefühl.

Abwärts gerichtete Vergleiche tendieren dazu, sich auf Zielpersonen mit niedrigem sozialen Status zu beziehen („Zielprinzip“). Im „Ambivalenz-Prinzip“ wird postuliert, dass Menschen im Hinblick auf abwärts gerichtete Vergleiche ambivalent sind, da ihre Zufriedenheit gefördert wird, aber die wahrgenommene Gerechtigkeit beeinträchtigt wird. Gewinn zu ziehen aus einem Vergleich mit Menschen, denen es schlecht geht, steht im Widerspruch mit dem impliziten Verständnis davon, was Fairness darstellt.

Kritik

Eine Studie von Klein (1997) gibt Anlass zu Zweifeln, ob Menschen immer objektive Informationen heranziehen. In einem ersten Durchgang sollten die Versuchspersonen Kunstwerke beurteilen. Sie bekamen daraufhin ein manipuliertes Feedback über ihr ästhetisches Urteilsvermögen (40 % vs. 60 % „korrekte“ Antworten) sowie die ebenfalls manipulierte Information, dass sie besser bzw. schlechter als der Durchschnitt abgeschnitten hätten. Daraufhin bekamen sie das Angebot, eine weitere Aufgabe zu lösen. Wenn sie mehr als 50 % richtig beurteilen würden, würden sie 10 $ bekommen. Die Personen, die glaubten, zu 60 % richtig geurteilt zu haben, stimmten erwartungsgemäß zu. Diejenigen, welche laut Feedback nur 40 % richtig gehabt hatten, machten es hingegen davon abhängig, ob sie besser oder schlechter gewesen waren als der Durchschnitt. Die die glaubten, überdurchschnittlich abgeschnitten zu haben, machten sehr viel häufiger mit, obwohl nach rationalen Gesichtspunkten eigentlich allein ihre objektive Leistung ausschlaggebend hätte sein sollen.

Die "Related Attributes"-Hypothese (Goethals & Darley) schlägt vor, dass Vergleichspersonen eher nach Ähnlichkeit auf leistungsrelevanten Attributen ausgewählt werden.[6] Beispiel: Wenn ein Schüler die Note 3 in einer Klausur geschrieben hat, wird er sich nicht mit denen vergleichen, die auch eine 3 haben (dies würde die 4. Grundannahme postulieren), sondern vielleicht mit den Schülern, die ähnlich viel Zeit in die Vorbereitung der Klausur investiert haben. Dies wäre ein relevantes Attribut.

Literatur

  • H.-W. Bierhoff, M.J. Herner: Begriffswörterbuch Sozialpsychologie. Kohlhammer, 2002.
  • Rebecca L. Collins: For Better or Worse: The Impact of Upward Social Comparison on Self-Evaluations. In: Psychological Bulletin, ISSN 0033-2909, Vol. 119 (1996), Nr. 1, S. 51-69.
  • Leon Festinger: A Theory of Social Comparison Processes. In: Human Relations (1954), Nr. 7, S. 117.
  • W. M. Klein: Objective standards are not enough: Affective, self-evaluative, and behavioral responses to social comparison information. In: Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 72 (1997), S. 763-774.
  • J. M. Suls, L. Wheeler (Hsg.): Handbook of social comparison: Theory and research. New York: Kluwer/Plenum 2000
  • T.A. Wills: Similarity and self-esteem in downward comparison. In: J. Suls, T.A. Wills (Hsg.): Social comparison. Lawrence Erlbaum. Hillsdale, NJ 1991, S. 51-78.

Einzelnachweise

  1. T. Mussweiler (2003). Comparison processes in social judgment: Mechanisms and consequences. Psychological Review, 110(3), S. 472-489
  2. S. E. Taylor et al. (1985). Attribution, beliefs about control, and adjustment to breast cancer. Journal of Personality and Social Psychology, 46, S. 489-502
  3. J. M. Suls, B. Fletcher (1983). Social comparison in the social and physical sciences: An archival study. Journal of Personality and Social Psychology, 44, S. 575-580
  4. Wills, T.A. (1981). Downward comparison principles in social psychology. Psychological Bulletin, 90, 245-271.
  5. Elke Nürnberger: Selbstvertrauen; Haufe, Freiburg, 2010; S.47; ISBN 9783648003183
  6. G. R. Goethals, J. M. Darley (1977). Social comparison theory: An attributional approach. In: J. M. Suls, R. L. Miller (Hgs.): Social comparison processes: Theoretical and empirical perspectives. Washington DC:Hemisphere/Halsted, S. 259-278

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