Alter Krahnen (Andernach)

Alter Krahnen (Andernach)
Der Alte Krahnen in Andernach von Südosten mit Basalteisbrecher

Der Alte Krahnen (alte Schreibweise mit 'h') von Andernach ist ein alter Hafenkran aus dem 16. Jahrhundert. Der Steinbau steht am heutigen Ortsende Richtung Bonn unmittelbar am befestigten Rheinufer. Er gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt und stellt eines der wenigen erhaltenen Exemplare eines Industriedenkmals der Renaissance dar.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Mit Dekret vom 15. August 1554 des Erzbischofs zu Köln Adolf III. von Schaumburg erhielt der Rat der „Haupt- und Direktorialstadt des Oberen Erzstiftes zu Köln“ Andernach allein wegen des Fundamentbaus im Rhein die notwendige Erlaubnis des Landesherren, „… zu sonderem Nutzen und Gedeihen“ (im Original: „Wir Adolff vonn Gottes gnaden Ertzbischoff zu Cöllen / [...] / Auch zu sonderm nutz und gedeihen / einen Haußkranen / beneden vnser Statt Andernach / auff vnserm Wasserstraum Rhein / zu erbawen vnd auffzurichten / [...]“) den heute als Alten Krahnen benannten Hauskranen, wie er damals hieß, für 6.700 Gulden nach Plänen des Kölner Werkmeisters Clas Meußgin (Claas Muysgin) am Fuße des damaligen Geiersberges zu errichten. Meußgin besuchte auf Geheiß der Kölner Bürgermeister Hermann Sudermann (Juni 1553 - Juni 1554) und Goswin von Lommersheim (Januar 1554 - Januar 1555) Andernach bereits am 14. Mai 1554 zur Besichtigung des Bauplatzes und Ablieferung der Pläne. Der Hauskran sollte den etwa um 1400 erbauten Schwimmkran (Kranschiff, Ersterwähnung 1405/06), einen quadratischen hölzernen Tretkran auf rechteckigem, weiter stadtwärts nahe der Trierer Pforte (Nordende der heutigen Kirchstrasse in der Rheinmauer) am Ufer vertäutem pontonartigen Schiff, ersetzen, da dieser reparaturanfällig war und im Wasser bei schweren Lasten oft mangelnde Stabilität aufwies. 1545/45 wurde ein neues Kranschiff gebaut, der bereits 1549 zur Reparatur nach Köln gebracht werden musste. Bereits im November 1554 begannen die Bauarbeiten am neuen Hafenkran, 1559 war das Steingebäude fertiggestellt, 1561 wurde der Hauskran in Betrieb genommen. Offizieller „Baumeister am Kran“ der Stadt war das Ratsmitglied Johann Pergener für die gesamte Bauzeit. Der nach Abschluss der Bauarbeiten am Kran flussaufwärts zusätzlich angebaute Basalteisbrecher bewahrte ihn unter anderem vor der Zerstörung durch das gewaltige Treibeis vom März 1784.

Der Kran stand bis um 1760 unter der Oberaufsicht des Rates, weshalb dieser bestimmte Bedienstete für den Kranbetrieb in Stellung hielt: Die Windenknechte oder -fahrer wurden als „Kranarbeiter“ geführt und sorgten für die mechanische Arbeit im Kran - Treträder und Ausleger, die „Kranknechte“ hingegen waren für das Be- und Entladegeschäft an Land oder im Rheinschiff verantwortlich, was sonst die Schröter ausübten, die sich durch diese Regelung benachteiligt fühlten, das wiederum zu Spannungen mit dem Rat führte. Der „Kranschreiber“ führte die Kranlisten, die den Namen des Wareneigners, Warenart und -umfang, Transportziel, Schiff etc. enthielten, und die Rechnungen über das fällige Krangeld für die Ladearbeit und die Warenakzise (hier meist Steinakzise). Die Verwaltung des Hauskrans oblag für zweihundert Jahre der sehr angesehenen Stellung eines „Kranmeisters“, der im Sold des Rates der Stadt Andernach stand. Besonders in der warmen Jahreszeit von Mai bis Oktober herrschte reger Ladebetrieb am Andernacher Hauskran, vor allem weil - ähnlich dem Mühlenzwang - seit dem 27. Juli 1558 Kranzwang herrschte: Es durfte nur mit dem Kranen Ladegeschäfte durchgeführt werden. Jede Umgehung dieser Regel z. B. durch Be- und Entladen an anderer Stelle durch die betroffenen Schröter oder andere wurde mit Strafe zuzüglich des fälligen Krangeldes nebst Warenakzise geahndet. Etwa um 1650 nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges wurde der Geiersberg nach dem inzwischen hundert Jahre alten Krahnen an seinem Fuß, wie er seitdem geschrieben wurde, in Krahnenberg umbenannt. Nach dieser Zeit um 1761 wurde der Hafenkran verpachtet. Der Pächter war natürlich für die einwandfreie Funktion und Wartung des Gerätes verantwortlich. Im Jahre 1879[1] erhielt der Kran einen Gleisanschluss, der nach dessen Stilllegung wieder entfernt wurde.

Der Alte Krahnen war damals die größte Verladevorrichtung unter ca. 80 Kränen an 32 Standorten an Deutschlands Binnengewässern und diente 350 Jahre lang der Verladung von Weinfässern und der aus dem Eifelraum angelieferten Mühl- und Tuffsteine bis ins Jahr 1911, was neben seiner abseits der Stadt befindlichen Lage, wo er keiner neuzeitlichen Veränderung im Wege stand, mit für seinen heutigen Erhalt verantwortlich gemacht wird. Seine Mechanik ist bis heute völlig intakt. Im September 2011 wird das 450jährige Kranjubiläum mit einer Sonderausstellung 450 Jahre Alter Krahn begangen.

Beschreibung

Die Stelle für den Kran bei Rheinkilometer 613,8 - von der Stadt aus rheinabwärts 350 m Luftlinie nordwestlich des Runden Turmes am damaligen Hafen gelegen - wurde mit Bedacht durch den als Architekten fungierenden Kölner Werkmeister Claas (Clas, Clais) Meußgin gewählt, da infolge der Strömungsverhältnisse an dieser Stelle des Rheins die Schiffe leichter den Kran, rheinabwärts kommend, ansteuern konnten. Er wurde auf einem besonders soliden Fundament errichtet, das in der Lage war, das schwere Kranhaus samt der Last zu tragen. Dazu wurden Eichenstämme tief in den ufernahen Rheingrund gerammt, wobei der jeweilige Wasserstand ausgenutzt werden musste, auf denen dann die Arbeiter das ca. 8 m hohe zylindrische Basaltfundament (sog. „Bastion“ oder „Werft“) errichteten. Zur besseren Beladung der Schiffe ragte die Bastion vom Ufer aus in voller Breite und Tiefe in den Fluss und überragte das Kranhaus nur wenige Meter an Durchmesser - der „Krahnen“ stand quasi auf einer Miniaturlandzunge. Heute ist die Bastion in die im späten 19. Jahrhundert errichtete neuere Hafenbefestigung eingefügt, aus der sie nur noch wenig in den Strom hervorragt, der rheinseitige Umgang des Krans ist mit einem Geländer versehen. Auf das Fundament wurde dann das steinerne, 6,5 m hohe Kranhaus mit 1 m dicken Mauern aufgebaut, das einen Durchmesser von 8,70 m (11 m) hat und auf einem unten vorkragenden Sockelring aus vier Lagen Basaltsteinen ruht. In circa 4 m Höhe ziert ein umlaufender Dreipass-Bogenfries aus Tuff das Krangebäude, durchbrochen von vier Basalt-Wasserspeiern, zwei Krokodilköpfen, landeinwärts blickend, zwei Löwenhäuptern, flusswärts schauend. Sie waren zum Ablauf des Regenwassers notwendig, da das Kranhaus oberhalb des Frieses als Besonderheit einem weiteren, den Dachrand und den unteren Teil des schiefergedeckten Kegeldaches überragenden, leicht vorkragender Mauerring, das Kranzgesims oder Brüstung von ca. 1,5 Höhe trägt, wodurch das Kegeldach keinen natürlichen Ablauf hat, sondern wie auf einer Turmplattform vom Mauerwerk umgeben ist. Das Gesims ist mit einem ebenfalls vorkragenden, ca. 0,3 m hohen Blattwerk-Fries aus Tuffstein abgeschlossen und von acht Tuff-Pilastern (vier jeweils über den Wasserspeiern) geziert, mit einem Kopf im Profil in der Mitte, von kreisförmigem Rand umgeben. Rheinaufwärts wurde zum Schutz vor Eisgang ein über die Fensterhöhe reichender, pyramidal abschließender Basalteisbrecher mit Fensteraussparung an das Kranhaus angefügt, dessen Quaderverbund mit Eisenklammern zusätzlich verstärkt wurde. Über der rheinseitigen und landseitigen Tür ist je ein Tuffsteinwappen der Stadt eingelassen. Das erstere zeigt es mit dem Erzengel Michael und dem Schriftzug „Anno 1556“, ein Hinweis auf das Fertigungsjahr durch Christoph Goldsmit. Das landseitige Originalwappen gleicher Ausführung vom selben Künstler ging um 1800[2] verloren und wurde durch ein jüngeres ersetzt, das das Wappen, von zwei kleinen Engelsfiguren gehalten, zeigt und die Jahreszahlen „1554“ und „1894“ trägt. Auf den gekehlten Sockelbasaltsteinen der dritten Ringlage und dem Eisbrecher finden sich zahlreiche Steinmetzhausmarken.

Die kegelstumpfförmige Dachkonstruktion ruht im Inneren des Kranhauses auf an der Steininnenwand angebrachten 14 Holzbalken mit Verstärkungen. Sie ist mit ca. 63° Steigung deutlich steiler als die kegelförmige drehbare Dachspitze mit ca. 43°. Diese sitzt auf dem oberen Ende der Kransäule und wird vom Ausleger, dessen Stützstreben und weiteren Stützbalken von der Kransäule zum Drehdachrand getragen. Über dem Auslegerdurchlass ist eine Dachgaube ins Krandach eingelassen, aus der man das Heben und Senken der Last beobachten konnte. Die Dachspitze ist mit einer bleiernen Turmkugel abgeschlossen, die früher eine Wetterfahne trug. Der Stein-Turmdrehkran wurde von zwei in einer am Kranbaum angebrachten Halterung laufenden Holz-Treträdern (mehr als 4 m Höhe/Durchmesser) angetrieben, der Ausleger, von der oberen Hälfte der Kransäule durchs Drehdach verlaufend, ist aus zwei schweren Eichenbalken mit Stützstreben gefertigt und mit Bleiblech verkleidet. Der Kran besitzt eine Trommel zwischen den Laufrädern auf der Antriebsachse mit Kette (ursprünglich Seil), einfachem Flaschenzug und Haken. Früher war er mit zusätzlichem Spezialgeschirr („Steinzange“ oder „Schere“) versehen. Dieses Gerät bestand aus zwei X-förmig miteinander beweglichen verbundenen Schenkeln, deren obere Enden mit je einer Kette am Haken eingeklinkt werden konnten. Die unteren Enden liefen entweder in scharfe Spitzen zum Heben von Steinblöcken aus („Steinschere“) oder besaßen an den unteren gekröpften Schenkelenden zwei bolzenartige, rechtwinklig angeschweißte Ansätzen zur Aufnahme des Mühlsteinloches. Zeitweise wurden zwei gegeneinander bewegliche L-förmige "Haken" an Ketten in Mühlsteinradiuslänge an einem umgekehrt U-förmigen Doppelhaken zur Aufnahme im Mühlsteinloch verwendet. Über weiteres Geschirr konnten auch mehrerer Steine gleichzeitig gehoben werden. Die berechnete Standard-Tragleistung liegt bei 1,35 t, höhere Lasten wurden nur nach Haftungsübernahme durch den jeweiligen Kaufmann (Wareneigentümer) vom Kranmeister genehmigt. Die aus einem massiven Eichenholzstamm gefertigte, ~ 60 cm starke und 9 m hohe Kransäule („Kaiserbaum“ genannt) kann mit Hilfe von zwei langen Hebeln – Enden eines durchgehenden, unterhalb der Laufräder mit dem „Kaiserbaum“ fest verbundenen Balkens – mitsamt dem Auslegerarm und dem Dachoberteil um 360° gedreht werden, während die Last mittels der beiden großen hölzernen Treträder, von je zwei bis vier Windenknechten (auch Tretknechte, Radläufer, Windenfahrer genannt) angetrieben, gehoben und gesenkt wird. Laut Aufzeichnungen der Stadt hat man in späterer Zeit mit einem Halteseil ein Durchdrehen der Trommeln verhindert. In seiner Anfangszeit diente der Kran bei Angriffen auf die Stadt auch als Miniaturbastion, worauf die vier Basalt-Maulscharten hinweisen. Durch zwei basaltgerahmte Fenster, im rechten Winkel zu den beiden Türen angebracht, fiel das notwendige Licht. Neben dem Kran befanden sich über die Jahrhunderte hin Mühlsteinlager, die zeitweise mit beweglichen Holzdächern abgedeckt wurden. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert sind mehrere Rhein-Pegellatten und Hochwassermarken an der Außenseite angebracht.

Steinkräne waren gegenüber den Holzkränen, zu Lande wie zu Wasser als Schwimmkräne oder Kranschiffe, weitaus geringer an der Zahl, allein aus Kostengründen und oft sehr individuell gestaltet, wie der Andernacher Alte Krahnen mit seinen Friesen und Wasserspeiern zeigt. So war der Koblenzer (von Johann II. von Pasqualini 1611 erbaut), Lorcher und St. Goarer Kran achteckig, letzterer nach oben hin im Durchmesser erweitert, mit einem außen am Kranhaus angebrachten waagerechten überdachten Galgenausleger versehen (ähnlich dem Ausleger des Harwicher Tretkrans), der Düsseldorfer Kran von 1598 am Stadtgraben nahe dem Einfluss in den Rhein war rund gebaut, hatte, ähnlich dem Andernacher Krahnen, einen umlaufenden Maßwerkfries (Rundbogenfries) mit Kranzgesims, dazu ein barockes Glockendrehdach nebst Anbauten für den Kranmeister. Köln besaß um 1400 allein vier Holzkräne am Rheinufer bzw. auf Kranschiffen, davon einer der Uferkräne mit 20 m Höhe. Heute sind an deutschen Gewässern fünf Steinkräne erhalten, gegenüber drei Holzkränen (s. u.)

Weiterer Tretkräne: In Trier steht ein ähnlich gebauter, mehr als hundert Jahre älterer Alter Krahnen, der seit 1778 einen Doppelausleger besitzt, dazu ein weiterer Tretkran von 1774 mit Doppelausleger namens Trierer Zollkran. Weitere bemerkenswerte Steintretkrähne sind der Alte Kranen in Würzburg (mit Doppelhebewerk (zwei Ausleger mit Kette für zwei Lasten) und der Alte Kranen oder Mainkran in Marktbreit am Main. Holztretkräne finden sich in Lüneburg (Alter Kran an der Ilmenau), in Stade (Alter Salzkran (Nachbau)), im Hafen Rostock als Nachbau eines Hafenkranes aus Holz des 18. Jahrhunderts, in Saarbrücken (Saarkran (Nachbau)), in Bingen (Rheinkran) und Oestrich-Winkel (Oestricher Kran). Mit den letzten beiden ist der Andernacher Alte Krahnen der letzte Tretkran am Rhein. Auch das berühmte Danziger Krantor gehört in die Kategorie der Tretkräne, das aufgrund seiner Höhe auch zum Einsetzen von Schiffsmasten geeignet war, wie der rechteckige Mastkran aus Stein auf der dänischen Insel Holmen (Kopenhagen) (siehe Liste historischer Hafenkräne aus Mittelalter, Renaissance und Barock).

Der Alte Krahnen in der Kunst

Besonders im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert war der Alte Krahnen Gegenstand vieler Stiche und Zeichnungen. Einige zeigten das Gebäude sehr naturgetreu, andere ließen ihn höher erscheinen, z. T. mit überstehendem Dach ohne das Kranzgesims, teilweise als „Turm zu Andernach“ bezeichnet. Ein schön kolorierter Stich von Johann Andreas Ziegler (* 11. Juli 1749 in Meiningen, † 18. März 1802 in Wien) nach einem Aquarell des Landschaftsmalers Laurenz Janscha (* 30. Juni 1749 in Rodein bei Radmannsdorf (Slowenien), † 1. April 1812 in Wien) aus dem Jahre 1792 zeigt den Kran (noch mit dem Originalwappen über der Tür) sehr detailliert beim Beladen eines Schiffes, ebenso der Stich von William Tombleson von 1834.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Vortrag von Dr. Klaus Schäfer, Museumsleiter in Andernach, zum „Alten Krahnen“ am 22. März 2007 in Mayen
  2. Farbzeichnung „Alter Krahnen um 1800“ ohne Türwappen

Literatur

  • Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler (Rheinland-Pfalz und Saarland). 1972
  • Hans Hunder: Andernach. Darstellungen zur Geschichte der Stadt. Stadtverwaltung Andernach 1986
  • Bernd Lenz, Klaus Schäfer u.a.: Andernach. Stadt und Hafen am Rhein zwischen Tradition und Zukunft. Stadtverwaltung Andernach 1995 ("25 Jahre neues Hafenbecken")
  • Michael Matheus: Hafenkrane. Zur Geschichte einer mittelalterlichen Maschine am Rhein und seinen Nebenflüssen von Straßburg bis Düsseldorf. In: Trierer historische Forschungen, Band 9. Verlag Trierer Historische Forschungen (THF), Trier 1985
  • Otto Saegler: Kraniche aus Holz und Stein – Alte Hebezeuge. In: Damals - das Magazin für Geschichte und Kultur. Konradin Verlag Leinfelden-Echterdingen 1997; Heft 3/97, S. 46−50; ISSN 011-5908

Weblinks

 Commons: Alter Krahnen (Andernach) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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