Armes Prydein
Seite aus dem Buch von Taliesin

Armes Prydein ['armes 'prɘdein] („Die Prophezeiung von Britannien“),auch Armes Prydein Vawr („Die große Prophezeiung von Britannien“), ist ein in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts geschriebenes prophetisches Gedicht in walisischer Sprache. Ursprünglich auf Altwalisisch verfasst, ist der Text in einem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Manuskript des „Buches von Taliesin“ (Llyfr Taliesin), NLW Peniarth MS 2, in mittelwalisischer Sprache überliefert.[1] Das Gedicht besteht aus 199 im sogenannten awdl-Versmaß verfassten Zeilen.[2]

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Die Armes Prydein ist ein prophetisches Gedicht, in dem, zu einer Zeit in der die keltischen Reiche und ihre skandinavischen Nachbarn der zunehmenden Dominanz der westsächsischen Könige zu widerstehen versuchten, voll freudiger Erwartung der Vertreibung der Angelsachsen aus Britannien entgegengesehen wird.[3] Dies sollte erreicht werden, in dem eine Koalition geschmiedet werde aus allen den Angelsachsen feindlich gesinnten Völkern, den Walisern (Kymry), den britischen Kelten aus Cornwall (Cornyw), dem Königreich Strathclyde (Cludwys), der Bretagne (Llydaw), sowie den "Männern des Nordens" (Gwyr Gogled), wobei die Briten der Bretagne, Strathclyde und Cornwall noch als Einheit und als rechtmäßige Eigentümer Britanniens gesehen,[4] die durch Arglist um ihren Besitz betrogen worden waren.[5] Ferner sollten auch die Wikingern aus Dublin (gwyr Dulyn), die Gälen aus Irland und Anglesey, und Piktland (Gwydyl Iwerdon Mon a Phrydyn) in dieses Bündnis eingebunden werden.

Aufbau

Die Form des Armes Prydein kann in vier Segmente unterteilt werden, charakterisiert durch neun verschiedene awdlau.[6]

In der Exposition wird in den Versen 1 bis 23 die Ambitionen der Briten zur Zurückeroberung Britanniens mit Hilfe der verbündeten Völker dargelegt, und verdeutlicht, dass der Stein des Anstoßes die den Walisern zu Unrecht auferlegten Steuern des Hochkönigs, und deren Einziehung durch dessen Steuereintreiber (meiryon mechteyrn) war. Zeile 24 scheint eine Glosse oder eine Einfügung aus einem anderen Gedicht zu sein, da diese Zeile das Reimschema bricht. Die Unrechtmäßigkeit der Oberherrschaft der Angelsachsen, deren niedrigen Herkunft und unehrliche Vorgehensweise wird in den Versen 25 bis 44 festgestellt. Die Angelsachsen werden als heidnische Piraten, die bei ihren Eroberungen Glück gehabt hatten, dargestellt.

Im folgenden Teil wird in den Versen 45 bis 63 die letztendliche Flucht der Angelsachsen vor den rachsüchtigen Briten bildhaft wiedergegeben. In den Versen 69 bis 86 werden Einzelheiten der Steuern und Aktivitäten der Steuereintreiber, die von Kaer Geri (Cirencester) aus operierten, wiedergegeben, und betont, jeder Versuch diese Steuern einzuziehen sei erfolglos, wobei unter Einbeziehung des Namens Cadwaladr, eines walisischen Königs des 7. Jahrhunderts, dieser Widerstand noch unterstrichen wird. In den Versen 87 bis 106 wird der andere Anführer des Widerstands gegen die Angelsachsen angerufen, Cynan. Zusammen verjagen sie die Angelsachsen bis nach Caer Wynt (Winchester), und werden dabei vom Heiligen David und anderen walisischen Heiligen unterstützt. Die Schrecken des Krieges werden in den Versen 107 bis 126 anschaulich beschrieben, wobei das Leid der Angelsachsen mit augenscheinlicher Freude wiedergegeben wird. Der Feind wird hier nicht nur allgemein mit Sachsen (Saesson) beschrieben, sondern spezifisch als Iwys bezeichnet. Dies bezieht sich auf die Westsachsen, deren ursprüngliche Name Gewissæ war.[7] Die Unterstützung des Heiligen David und des Heiligen Garmon, sowie die Hilfe der Iren (Gwydyl) und der Heiden von Dublin (gynhon Dulyn) (gemeint sind die Wikinger von Dublin), die sich unter dem Banner Davids (lluman glan Dewi) vereinigen werden, wird in den Versen 127 bis 146 hervorgehoben. Verflochten hierin ist eine weitere Ausarbeitung des Themas der Unrechtmäßigkeit der angelsächsischen Herrschaft.

Der Höhepunkt des Gedichts wird in den Versen 147 bis 170 erreicht, in denen die verschiedenen Verbündeten der Waliser detailliert beschrieben werden, und über die Angelsachsen faktisch ein Fluch ausgesprochen wird, kulminierend in einem Lobgesang auf die zwei Widerstandshelden Cadwaladr und Cynan.

Zum Abschluss des Armes Prydein wird in den Versen 170 bis 199 die Wiederherstellung der walisischen Herrschaft über das gesamte Britannien und der ungeordnete und verzweifelte Rückzug de Angelsachsen nach dorthin woher sie kamen, gefeiert. Schließlich wird noch einmal der Heilige David angerufen, den Aufstand anzuführen.

Datierung und Ursprung

Gemeinhin wird angenommen, die Armes Prydein sei in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts verfasst worden. Eine genauere Datierung wird meist durch eine inhaltliche Analyse des Textes versucht. So wird darauf verwiesen, dass das Gedicht nicht nach 937 entstanden sein könnte, da in genau diesem Jahr ein Bündnis aus den im Gedicht genannten Briten, Schotten und den Wikingern von Dublin in der Schlacht bei Brunanburh eine vernichtende Niederlage durch König Æthelstan erlitten hatten, und die Armes Prydein somit zwischen 927 und 937 entstanden sein muss.[8] Andererseits wird aber auch eine Entstehung des Gedichts im Spätsommer oder frühen Herbst des Jahres 940 nach dem erfolgreichen Einfall von Olaf Guthfrithsson, aber noch bevor in Wales bekannt wurde, dass dieser sich mit König Edmund geeinigt hatte,[9] vermutet. Alternativ wurde eine Entstehung des Textes für das Jahr 942 vorgeschlagen.[10]

Auf Grund topografischer Detailangaben und expliziter Bezugnahme auf den Heiligen David, der als Schutzpatron von Wales gilt und von dem im Gedicht gesagt wird, er solle den Aufstand gegen die Angelsachsen anführen,[11] wird der Ort des Verfassens der Armes Prydein im Süden Wales’ – wahrscheinlich in Dyfed – vermutet, wobei als Verfasser ein geistlicher Schreiber angenommen wird.[12]

Funktion

Anders als in anderen zeitgenössischen heroischen Gedichten, wie zum Beispiel in dem auf Altenglisch verfassten Gedicht The Battle of Maldon, wird in Armes Prydein nicht nur eine glorreiche Vergangenheit beschrieben, der Gefallenen gedacht, oder eine Schlacht wiedergegeben, sondern optimistisch in die Zukunft geschaut, und zwar auf den Zeitpunkt, an dem die vereinigte britische Macht die angelsächsischen Eroberer, besonders die Westsachsen und ihre Steuereintreiber, vertrieben haben würde.[13] Gleichzeitig wird die Gegenwart jedoch unter Bezugnahme auf Personen und Helden der legendären britischen Vergangenheit wie Merlin, Cadwaladr und Cynan, bei dem es sich entweder um Cynan Garwyn oder den Bretonen Conan Meriadoc handelt,[14] analysiert und eine ruhmreiche Zukunft vorhergesagt, in dem Britannien von Angelsachsen befreit sein würde, wenn auch die historischen Realitäten des 10. Jahrhunderts diese Hoffnung als unrealistisch erscheinen haben lassen muss.[15]

Siehe auch

Literatur

  • Andrew Breeze: Armes Prydein, Hywel Dda, and the Reign of Edmund of Wessex. Études celtiques 33 (1997), p. 209–222
  • John Williams (Hrsg.): Annales Cambriae. London 1860
  • Rachel Bromwich (Hrsg.): Trioedd Ynys Prydein: The Triads of the Island of Britain, 2. Aufl., University of Wales Press, Cardiff 1978, ISBN 0-7083-0690-X.
  • David Dumville: Brittany and ‘Armes prydein vawr’, Études celtiques 20 (1983), p. 145-159
  • Thomas Charles-Edwards: Language and Society among the Insular Celts. AD 400-1000. In: Miranda J. Green (Hrsg.): The Celtic World, Routledge, London 1995, p. 703-736, ISBN 0-4150-5764-7.
  • Thomas Charles-Edwards: The Making of Nations in Britain and Ireland in the Early Middle Ages. In: Ralph Evans (Hrsg.): Lordship and Learning: Studies in Memory of Trevor Aston, Bodyell Press, Woodbridge 2004, p. 11-38, ISBN 1-8438-3079-5.
  • Helen Fulton, Tenth-Century Wales and ‘Armes Prydein’. In: Transaction of the Honourable Cymmrodorion (new series) 7 (2001), p. 5-18
  • Toby D. Griffin: The Mesotomic Syllable in Old Welsh Poetry, Celtic Studies Association of North America, Seattle 1993
  • Marged Haycock: Probleme der frühmittelalterlichen kymrischen Metrik. In: Hildegard L. C. Tristram (Hrsg.): Metrik und Medienwechsel, Gunter Narr Verlag, Tübingen 1991, ISBN 3-8233-4244-4.
  • Nicholas J. Higham: King Arthur: Myth-making and History. Routledge, London 2002, ISBN 0-4152-1305-3.
  • Bede's Ecclesiastical History of the English People. B. Colgrave & R.A.B. Mynors (Hrsg.), Clarendon, Oxford 1969, ISBN 0-1982-2202-5.
  • Graham R. Isaac, Armes Rydain Fawr and St David. In: J. Wyn Evans und Jonathan M. Wooding (Hrsg.), St David of Wales: Cult, Church and Nation, Boydell and Brewer, Woodbridge 2007, ISBN 978-1-8438-3322-2.
  • John T. Koch: Celtic Culture: A Historical Encyclopedia. ABC-CLIO, Oxford 2006, ISBN 978-1-8510-9440-0.
  • Ifor Williams (Hrsg.): Armes Prydein. The Prophecy of Britain, from the Book of Taliesin. Dublin Institute for Advanced Studies, Dublin 1972.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Toby D. Griffin, The Mesotomic Syllable in Old Welsh Poetry, p. 1
  2. Marged Haycock, "Probleme der frühmittelalterlichen kymrischen Metrik", p. 156
  3. Ifor Williams, Armes Prydein, p. v-vi
  4. Thomas Charles-Edwards, "Language and Society among the Insular Celts. AD 400-1000", p. 712
  5. Thomas Charles-Edwards, "The Making of Nations in Britain and Ireland in the Early Middle Ages", p. 28
  6. Graham R. Isaac, "Armes Rydain Fawr and St David", p. 163f
  7. Beda, HE, 3.7; Annales Cambriae, s.a. 900
  8. Ifor Williams, Armes Prydein, p. xxvi
  9. Andrew Breeze "Armes Prydein, Hywel Dda, and the Reign of Edmund of Wessex", p. 215
  10. David Dumville, "Brittany and 'Armes prydein vawr'", p. 151
  11. Graham R. Isaac, "Armes Rydain Fawr and St David", p. 168
  12. Nicholas J. Higham, King Arthur: Myth-making and History, p. 191
  13. Thomas M. Charles-Edwards, "The Making of Nations in Britain and Ireland in the Early Middle Age," p. 27
  14. Rachel Bromwich, Trioedd Ynys Prydein: The Triads of the Island of Britain, p. 321
  15. Helen Fulton, "Tenth-Century Wales and Armes Prydein", p. 16

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